Dann sah sie wohl ein, daà mit ihm nichts mehr anzufangen sei; sie
klappte lachend das Buch zusammen und schlug ihm damit auf die Finger.
»Lieber, süÃer Professor,« rief er, »die Logik, die Sie mir da
abfragen, ist ja der gottvergessenste formalistische Quatsch, ist ja
das blankste scholastische Blech von der Welt! Bevor ich etwas davon
wuÃte, habâ ich genau so konsequent gedacht wie jetzt, oder
konsequenter. Ach bitte, Herr Professor, tun Sie Ihr Täschchen auf und
geben Sie mir vom Brote des Lebens.«
Dann verzehrten sie den Proviant, den Hilde mitgebracht und den sie
mit gewohnter Delikatesse bereitet hatte; er lieà es sich mit Ausdauer
schmecken und meinte: »Die Brotgelehrten haben doch nicht so ganz
unrecht.«
Zu solchen Stunden brachte er wohl auch trotz aller Examenbüffelei ein
Gedicht mit, und eines Tages brachte er ihr eins, das eine
»hartnäckige Liebe« besang.
Jan Reimers hatte vor gar nichts Furcht.
Er rettete damals die beiden Dänen,
Ihr wiÃt wohl â es wollte keiner dran â
Er rià sie dem blanken Hans aus den Zähnen.
Nun war da die Antje Nissen â ei ja,
Die mochte dem starken Jan wohl taugen!
Schmuck war sie, alles was recht ist â man bloÃ:
Ihr guckte der Deubel aus beiden Augen.
Aber Jan, wie gesagt, war bange vor nichts.
Und so freitâ er um Antje. Sie ziertâ sich nicht lange
Und sagte Ja und ward seine Braut.
Aber als sieâs war, da ward ihm doch bange.
Schon vor der Hochzeit alle Tag Krieg!
Verdammt, denkt Jan, nur noch drei Wochen,
Dann ist die Hochzeit. Sie läÃt mich nicht los.
Aber sie ist ein Stachelrochen.
Da â denkt euch â da kommt ihm Hilfâ in der Not!
Bei Südsüdost wird Jan Reimers verschlagen â
Er rennt auf die Klippen â das Schiff zerkracht â
Eine Planke hat ihn nach England getragen.
Sein erster Gedanke war: »Jung, watân Glück,
Nu bin ick verschollen! Das âs Gottes Wille!«
Er stopft sich die Pfeife mit nassem Shag
Und steckt sie in Brand bedachtsam und stille.
Sein Ewer freilich war Grus und Mus.
»Na ja,« denkt Jan, »wat is dor Slimmâs bi!
Ick hev hier Fisch un hev hier Tobak.«
Und er lebte drei Jahre vergnügt in Grimsby.
Aber die Welt ist ein Rattenloch.
Ein Landsmann muà ihn gesehen haben. â
Jan bummelt am Hafen, die Fäustâ in der Taschâ,
Sich recht an Freiheit und Sonne zu laben â
Da hört er plötzlich â ihm schieÃtâs in die Knie â
Seinen Namen rufen von weiblicher Stimme:
»Jan Reimers! Jan Reimers!« Ihm warâs als rief
Des jüngsten Tages Posaunâ ihn mit Grimme!
Aber Jan hat Courage: er stellt sich taub!
Da ruft Antje Nissen: »Du solltest dich schämen!
Nun tuâ doch nicht so, als wenn du nicht hörst.
Du Feigling, du!«
Da muÃtâ er sie nehmen.
Sie lachte, als er geendet hatte, und dann nahm er noch einmal das
Blatt und schrieb mit Bleistift oben über das Gedicht:
»Meiner Antje Nissen
In Schauern der Ehrfurcht gewidmet.«
Da lachte sie noch herzlicher, und ihr Lachen führte immer unfehlbar
zum Küssen. Vom Küssen kamen sie dann wieder ins Lachen, kurz, es war
der alte wohlbekannte #circulus vitiosus# der ja in der Logik eine
wichtige Rolle spielt.
Es kann nicht von allen Szenen dieser Art berichtet werden, um so
weniger, als sie für den älteren Leser eher ärgerlich als unterhaltend
sind. Nur so viel sei gesagt: Sie liebten sich so zärtlich, daà sie
die zärtlichen Worte und Kosenamen unseres Sprachschatzes längst
verbraucht hatten und, wenn sie ihre ganze Liebe in ein recht von
Grund aus erschöpfendes Wort pressen wollten, zu Injurien greifen
muÃten. Wenn er sie zu hart angefaÃt hatte, rief sie mit einem
goldenen Lachen in den Augen: »Du Gassenjunge du, du Rowdy!« und er
flüsterte mit überquellendem Jubel: »Du Hexe du, du Teufelsweib!« und
meistens, wenn sie dergleichen gesagt hatten, kam gerade der Kellner.
Asmus Semper war damals noch recht unbekannt, sonst würde gewià eines
Tages in den Zeitungen gestanden haben, daà er und seine Braut sich
»Hexe« und »Gassenjunge« schimpften.
Wenn sie dann nach der hochnotpeinlichen Prüfung an die Elbe
hinunterwanderten, sich in den Sand streckten und die Schiffe kommen
und gehen sahen, wenn Hilde heimlich herbeischlich, ihr Gesicht leise
über das seine neigte und ihn küÃte, wenn dann alles Glück der
Kindheitserinnerung mit dem Glück der Gegenwart in Asmussens Herzen
zusammenschmolz, dann muÃte er laut oder schweigend ein Dankgebet
sprechen. Er, dem in trüben und schweren Tagen nie der Gedanke an
einen persönlichen, väterlich waltenden Gott kam, in Augenblicken
überwältigenden Glückes hatte er das Bedürfnis nach irgendeinem Wesen,
dem er danken könne, und unter Lachen und Tränen rief er stumm oder
mit lautem Jubel in den Himmel hinauf: »Herrgott, du verwöhnst mich,
du verwöhnst mich entschieden! Lieber Gott, laà mich nicht ersticken
in meinem Glück!«