Der Skat und die Metaphysik, das Billard und Emilia Galotti, Herr
Strecker und die deutsche Treue, Herr Drögemüller und ein Krach.
Erholung und Stütze fand Asmus auch bei den Herren seiner Schule, und
es hatte nicht lange gewährt, bis er, einen einzigen ausgenommen, zu
allen in das beste kollegiale Verhältnis kam. Wie natürlich, hatte
aber sein Herz unter diesen Männern eine engere Wahl getroffen und am
besten hatten ihm zwei gefallen, Fritz Goers, ein wohlbeleibter,
jovialer Riese, der Asmussens Vater sein konnte, und Klaus Heide, ein
sehniger, knorriger Dithmarscher. Und wenn es nun in den Konferenzen
etwas Gutes und Neues durchzusetzen galt, zogen diese Triumvirn an
_einem_ Strang.
Aber sie zogen nicht nur an einem Strang, sie sogen auch oft an
_einem_ Trank, der bei Herrn Kuhlmann besonders kühl und frisch
verzapft wurde. Herr Kuhlmann hieà Akademos, und sein Garten wurde die
Akademie genannt. Es war für Asmus zunächst eine Skat- und
Billard-Akademie. Dem Skat vermochte er keinen Geschmack
abzugewinnen; er gewann es nicht über sich, diese Kunst mit dem
strengen, sittlichen Ernste zu üben, den sie verlangte; er dachte
immer an irgend etwas andres, »wimmelte« Aà und Zehn in die Stiche des
Gegners hinein und hatte auÃer fortgesetzten Verweisen wegen
Unaufmerksamkeit nichts davon als die Ehre, bezahlen zu dürfen.
Dagegen entwickelte er unter Goehrs, des Riesen mildväterlicher
Führung das Billardspiel zur Leidenschaft. Um Mitternacht begann dann
die pädagogisch-ästhetisch-philosophische Sitzung, die Heide
gewöhnlich durch irgendein wildes Paradoxon eröffnete, welches
Paradoxon dem Asmus Semper alsbald wie eine Rakete durch den Leib
fuhr. Damit es an Meinungen und Temperament nicht fehle, kam
gewöhnlich noch Heides Freund, der kleine Stockelsdorf hinzu, und in
der Regel endeten diese schweren Verhandlungen morgens um sechs Uhr
unter einer StraÃenlaterne, mit einem Streit über die Frage, ob Raum
und Zeit Anschauungen #a posteriori# oder #a priori# seien, oder über
ähnliche Bagatellfragen, und die vorübergehenden Milch- und Brotleute
pflegten sich über die Erregung der Herren baà zu verwundern. Eines
herbstlichen Abends aber, als sie auf dem Hamburger Gänsemarkt, dem
Lessing-Denkmal gegenüber, in einem Café saÃen, ward Asmus plötzlich
stumm.
»Was hast du?« fragte Heide, der Dithmarscher.
»Ich betrachte schon eine ganze Zeit lang dies wunderbare Licht da auf
dem Scheitel des Lessing,« sagte Asmus, »und kann mir nicht erklären,
woher dieser rötliche Schein kommt. Diese Erscheinung hat für mich
etwas Ergreifendes.«
Die andern bestätigten seine Beobachtung und zerbrachen sich den Kopf,
wo dieses magische Licht seinen Ursprung haben möge.
»Das ist die Sonne,« sagte der Kellner, der eben eine Runde Grog
brachte.