»Aber auf die Dauer würde es Ihren Schülern langweilig werden.«

»Gewiß, wir wollen ja auch von Ort zu Ort wandern. Ich will ja nur

zeigen, daß die Natur überall Millionen Anknüpfungspunkte bietet, die

in der Schulstube nur in der Einbildung vorhanden sind. Denn das

Wissen der Schule ist gar kein Wissen. Wissen ist Können; nur was man

kann, das weiß man auch. Selbst handeln, selbst schaffen muß das Kind,

wenn es lernen soll. Wenn ich frei in meinem Beruf wäre, so müßten

meine Schüler ohne Ausnahme Ackerbau treiben. Nicht, daß sie alle

Landleute würden, bewahre; viele würden ja gar kein Talent dazu haben

– aber der Ackerbau umfaßt nahezu den ganzen Kreis des menschlichen

Wissens und Könnens, und er lehrt dieses Wissen und Können durch

_Tat_!«

»Der Unterricht, wie Sie sich ihn denken,« sagte Asmus, »würde

allerdings eine wesentlich kleinere Schülerzahl voraussetzen.«

»Gewiß,« fuhr Rumolt fort. »Ich denke, ein Lehrer kann nur so viele

Kinder wirklich erziehen, wie ein Vater allenfalls erziehen kann, und

zwölf, die ehrwürdige Patriarchenzahl, erscheint mir da als das

äußerste Maß.«

»Da brauchen wir viele Lehrer, und zwar Männer von außerordentlich

vielseitiger Bildung.«

»Daß unsere Lehrer eine bessere Bildung empfangen könnten, als sie

auf Seminaren und Universitäten meistens finden, daß sie ihre beste

Kraft in einem öden Datenwissen verzehren und verzetteln müssen, das

wissen Sie so gut wie ich. Im übrigen aber dürfen Sie sich meinen

Lehrer nicht wie einen allwissenden Magister von heute vorstellen.

Er wird sich nicht schämen, ein Lernender mit Lernenden zu sein, und

wird keinen Augenblick zaudern, zu sagen: ‘Das weiß ich nicht, ich

werde mich zu unterrichten suchen’, oder ‘Forscht selber nach, und wer

es gefunden hat, der sag es uns’.«

»Der banalste Einwand ist der gewichtigste,« meinte Asmus, »das Geld.

Der Staat müßte sich einen ganz andern Schulsäckel zulegen als den

heutigen.«

»Ja – hahahaha – das müßte er,« lachte Rumolt. »Er müßte sich an den

eigentlich doch recht naheliegenden Gedanken gewöhnen, daß er keine

höhere Aufgabe hat als die Erziehung seiner Bürger, daß er gar nicht

besser für seinen eigenen Bestand sorgen kann als durch die Erziehung

seiner Bürger, und daß er darum kein größeres Budget haben sollte als

sein Erziehungsbudget.«

»Statt dessen macht er das Einjährigen-Zeugnis zum Erziehungsideal,«

bemerkte Asmus.

»Ja!« Rumolt schlug ihm lachend aufs Knie. »Ist eigentlich eine ärgere

Posse denkbar? Eine militärische Vergünstigung als Speck in der

Seelenfalle! Und nach diesem Zeugnis müssen sie nun alle ohne

Unterschied streben – die das Geld dazu haben, natürlich – und alle,

die im Leben »etwas Besseres« werden wollen, müssen dasselbe famose

Abiturium machen. Da schimpfen sie auf die Gleichmacherei der

Kommunisten und Sozialdemokraten – aber gibt es eigentlich eine

schlimmere Gleichmacherei als unsere Prüfungsvorschriften? Da hab ich

einen Burschen in der Untersekunda, einen Prachtbengel, vorzüglich

begabt in der Mathematik und allen Naturwissenschaften, von merkwürdigem

Geschick in allem Technischen – was er anfaßt, gelingt ihm, und

obendrein noch hochmusikalisch. Aber auf dem Kriegsfuß mit allem, was

fremde Sprachen heißt. Nun sitzt er das zweite Jahr in meiner Klasse,

und wenn seine fremdsprachlichen Leistungen nicht besser werden – und

dazu ist keine Hoffnung – dann bleibt er zu Ostern wieder sitzen und

erreicht nicht einmal das Einjährigen-Zeugnis. Und ich halt es für sehr

wohl möglich, daß er nach sieben Jahren der Angst und Mühe hingeht und

sich erschießt. Nun frage ich Sie: warum soll dieser Mensch _nicht_ auf

die Universität gehen und Naturwissenschaften studieren, warum soll er

_nicht_ aufs Polytechnikum gehen und Ingenieur werden dürfen? Wäre nicht

denkbar, daß er einmal von seinem Laboratorium aus die Welt aus den

Angeln höbe, ohne den Beistand der Herren Xenophon, Ovid und Victor

Hugo? Doch –« Rumolt zeigte nach Westen –

»Doch laß uns dieser Stunde schönes Gut Durch solchen Trübsinn

nicht verkümmern! – Sie rückt, sie weicht, der Tag ist überlebt!«

Was denken Sie, wenn man bei solchem Anblick mit seinen Schülern von

der Sonne spräche, nicht von ihrer chemischen Zusammensetzung und

ihrem Kubikinhalt – das würd’ ich am Tage tun –, aber von den Ländern,

denen sie jetzt das erste Licht bringt, von der Sonne als Gottheit und

Symbol, von Karl Moors Wehmut: ‘So stirbt ein Held’ und von Faustens

Sehnsucht, ihr zu folgen? Müßten da nicht in den Seelen der Kinder und

Jünglinge wie von selbst die Ewigkeitsgedanken erwachen?«

Semper der Jüngling · 第 172 / 292 题