Herr Drögemüller als Einkassierer des Schicksals.
So groà sein Mitgefühl mit den Kindern der Enterbten und Verachteten
war, so schien ihm doch seine Aufgabe um so schöner und lockender, je
schwieriger sie war. Die wohlgepflegten Kinder reicher und »guter«
Familien erziehen, das war keine Kunst â so dachte er wenigstens
damals; er sollte noch anders darüber denken lernen â aber hier galt
es, Knoten zu lösen und Hindernisse zu überwinden. Und schon nach
wenigen Tagen sollte ihn ein »Riesenerfolg« in seinem Glauben an sein
Werk bestärken. Am vierten oder fünften Tage seines Lehrertums kam
Herr Drögemüller mit einer Liste in die Klasse und fragte: »Ist
Heinrich Lohmann hier?«
Jawohl, Heinrich Lohmann war _da_; es war derselbe, den am ersten Tage
die Sehnsucht nach den KlöÃen seiner Mutter ergriffen hatte und der
dies Gefühl in reinstem Plattdeutsch unverhohlen zum Ausdruck gebracht
hatte. Er gehörte in eine Nachbarschule und war irrtümlich in Sempers
Klasse gekommen.
»Du gehörst in eine andere Schule, mein Sohn,« sagte Herr Drögemüller.
»Packâ deine Sachen und komm mit.«
»Nee,« sagte Heinrich Lohmann munter, »ick will hier blieben.« Selbst
Herr Drögemüller muÃte lachen.