Semper der Jüngling als Heldenvater und Liebhaber.
Kurz nach Weihnachten sollte wieder Konzert und Theater sein, und zwar
sollte Gutzkows »Zopf und Schwert« gegeben werden. Obwohl Asmus im
Seminar weder als Mime noch als Regisseur jemals irgend einen Posten
bekleidet hatte, war man doch einstimmig der Meinung, daà er den König
Friedrich Wilhelm I. geben und die Regie führen müsse. Man glaubte,
Rezitieren und Komödie spielen sei dasselbe.
Die Proben im Musiksaal begannen, und Asmus stürzte sich mit
Begeisterung in seinen neuen Beruf. Er hatte harte Arbeit; denn unter
den Mitwirkenden gab es einige übertriebene Talentlosigkeiten. Da war
einer, der die Prinzessin geben sollte, â denn auch die weiblichen
Rollen muÃten der Feuersicherheit wegen von Jünglingen gespielt
werden, ein Zopf, den der neue Direktor im Jahre darauf mit einem
Schwertstreich abhieb, â und dieser Prinzessinnendarsteller hatte
offenbar beim Spielen das Gefühl, daà er mindestens acht Hände habe,
von denen er dann immer zwei in die Hosentaschen steckte.
»Mensch,« rief Asmus, »bedenk doch, daà du als Prinzessin nicht die
Hände in die Hosentaschen stecken kannst!«
Und dann zog Lau, so hieà er, die Hände wieder heraus; aber beim
nächsten Satze staken sie schon wieder drin. Asmus gab ihm endlich
eine kleinere Rolle und dann eine noch kleinere; aber es half nichts;
Laus starke Persönlichkeit brach sich durch jede Rolle Bahn; er war
ein penetrantes Talent.
Aber es waren auch zweifellose Begabungen darunter, und im ganzen
fühlte sich Asmus in dieser ganz ungewohnten Tätigkeit unbeschreiblich
wohl. Er hätte seinen Zustand mit einem Champagnerrausch vergleichen
können, wenn er die für diesen Vergleich erforderlichen Kenntnisse
gehabt hätte. Als der Abend der Aufführung herangekommen war, ging es
ihm genau wie Meister Bruhn: er war zwei Stunden vor Beginn zur Stelle
und hatte nach zehn Minuten schon auf sämtlichen Stühlen gesessen,
aber auf keinem länger als zwei Sekunden; er muÃte gehen, gehen wie
immer, wenn er erregt war, immer auf und ab, wie der Tiger des
Zoologischen Gartens im Käfig. Dabei hatte er das Gefühl, daà er fest
auftreten müsse, damit ihn nicht ein Lufthauch davontrage. Und wog
doch gewià seine 120 Pfund. Er war nervös wie ein sichernder Hirsch,
der ein Knacken im Gezweig vernommen hat; aber es war eine wohlige,
prickelnde Nervosität. Der König hat seinen ersten Auftritt hinter der
Szene zu sprechen, und das war gut; denn wenn er an das Auditorium
dachte, dann war es, als ob plötzlich etwas furchtbar Schweres
furchtbar tief in seinen Leib hinunterfiele und ein Emporfliegen war
dann nicht mehr zu fürchten.
Der Vorhang ging endlich auf, und schon nach den ersten Szenen war der
Erfolg des ersten Aktes gesichert; denn der Darsteller der Königin
hatte in der Erregung unter den königlichen Kleidern seine männlichen
Dessous und seine Zugstiefeletten anbehalten, und das genügte für den
1. Akt. Jedesmal, wenn die hohe Frau sich setzte und ihr Reifrock sich
hob, brauste ein Sturm des Entzückens durch das vollbesetzte Haus.
Asmus lief wie besessen hinter der Szene auf und ab.
»Was hat das Publikum? Was hat das Publikum?« flüsterte er. Stelling,
der hinter der ersten Kulisse stand, rief:
»Kneist hat die Stiefeletten anbehalten« und wollte bersten vor
Lachen. Er konnte lachen; über dies schwere Unglück konnte er lachen.
Asmus war auÃer sich, und als Ihre Majestät die Bühne verlassen hatte
und ihm in den Wurf kam, da fluchte er wie ein altgedienter
Oberregisseur.
»Eine Schlamperei ist das einfach, eine skandalöse Schlamperei!«
flüsterte er; denn laut durfte er ja nicht werden; aber er flüsterte
sehr vehement.
»Gott, was ist denn dabei?« versetzte Kneist, die Königin, mit
bewundernswerter Ruhe. »Das Ganze ist doch nur ân SpaÃ.« Das verschlug
Asmussen die Rede allerdings gründlich. Gegen eine so bodenlos frivole
Auffassung von der Kunst war er nicht gewappnet. Er war so verstört ob
dieser Antwort, daà er fast seinen Auftritt versäumt hätte. Als er
dann mit seinen Worten beim Publikum Heiterkeit erweckte, sagte er
sich: Gott sei Dank, deinem Aussehen kann das nicht gelten; sie sehen
dich ja gar nicht.
Aber auch als sie ihn sahen, hörten sie ihm freundlich und mit öfterem
Lachen zu, und als er in der Szene des Tabakkollegiums zu den Worten
gekommen war:
»Die Kreaturen zittern? â Ich will allein
sein.«
da war das Auditorium eine einzige Stille, und als er dann im nächsten
Akte wieder auftrat, bekam er einen groÃen Schreck; denn sie empfingen
ihn mit stürmischem Händeklatschen. Ja, ein groÃer Schreck war es;
aber es war der freudigste, den er empfangen hatte seit jenem
Weihnachtabend, als er plötzlich vor dem Puppentheater, dem Geschenk
seines Bruders Johannes, gestanden hatte. O ja, ja, es muÃte herrlich
sein, so jeden Abend, vom Beifall der Menge umbraust, auf der Bühne zu
stehen! Der Beruf des Schauspielers war ihm immer in einem
märchenhaften Glanze erschienen; jetzt war er tief davon überzeugt,
daà es keinen freudenreicheren, verlockenderen gebe als ihn.
Er sollte auch für den Rest des Abends aus diesem kindlichen Wahne
nicht aufgeschreckt werden. Murow, der Direktor, kam ihm mit beiden
dargebotenen Händen entgegen und rief:
»Alle Watter, mein lieber Samper, harzlichen Glückwunsch! Sie sind ja
der jäborne Haldenvater!«
»Na, dazu reicht doch wohl meine Länge nicht,« meinte Asmus zaghaft.
»Nu â es hat auch kleine Haldenväter jäjäben! Sie sind ân
Napoleon-Darstaller! Ãberhaupt, mein lieber Samper« â und dabei legte
er seine mächtige Hand auf die Schulter des Jünglings â »Talant
ersatzt jede Körperlänge.« Und mit behaglichem Lachen schritt er
weiter, um auch den andern Darstellern freundliche Worte zu sagen;
denn er war als preuÃischer Landtagsabgeordneter beim Reichskanzler
und bei Hofe gewesen und verstand sich auf die Courtoisie eines
Herrschers.
Als aber Asmus nun auf Flügeln des Triumphes weiter durch den Saal
schritt, da erblickte er gar an einem Tische hinten im Winkel neben
ihren Logisgebern Hilde Chavonne. _Sie_ war also da! Sie hatte ihn
spielen sehen! O, wenn er das gewuÃt hätte, dann hätte er noch ganz
anders gespielt! Er bildete sich ein, daà er dann besser gespielt
hätte; aber sehr wahrscheinlich würde er dann den Gamaschenkönig mit
dem tanzenden Krückstock als Romeo gespielt haben. Er wuÃte noch immer
nicht, ob er irgendein Mädchen auf der Welt »liebe«; er war noch ganz
in jenem dunklen Vorstadium der Liebe, wo die Jünglinge den Jungfrauen
im allgemeinen imponieren wollen und die Jungfrauen den Jünglingen im
allgemeinen gefallen möchten. Dieser Hilde Chavonne zu imponieren,
hielt er freilich für einen besonders berechtigten Ehrgeiz; denn sie
war hübsch und vornehm und stellte hohe Ansprüche, die höchsten
allerdings an sich selbst. Und dieser Asmus Semper, dieser
unglaubliche Tölpel, merkte nichts, als ihm das Fräulein nun ein
kleines Veilchenbukett, das sie im Haar getragen hatte, zum Geschenk
machte und errötend hinzufügte: »Für den König!« Er nahm es für eine
Ehre, der Dummkopf, für eine Ehre! Er freute sich unendlich über
dieses SträuÃchen; aber er hatte keine Ahnung davon, daà es eine hohe
Gunst des Herzens ist, wenn ein Mädchen sich eines Blumenschmucks
beraubt und ihn einem jungen Manne schenkt. So unheilbar beschränkt
war er, daà er nicht einmal die Verstimmung merkte, die das Mädchen
darüber empfand, daà seine Gabe nicht so aufgenommen wurde, wie sie es
erwarten konnte. Du lieber Gott, was sollte Asmus von jungen Mädchen
wissen! Seine beiden Schwestern waren schon bei fremden Leuten
gewesen, als er noch auf dem FuÃboden spielte und den hölzernen
Schemel voll tausend Nägel schlug. Als gröÃerer Knabe hatte er dann
freilich öfters mit Mädchen gespielt, und jede, mit der er gespielt,
hatte er auch geliebt, ja, jenes braune Kind, das er einst vor dem
Wirtshause zwischen den Bahndämmen gefunden hatte, hatte er sogar mit
schmerzlichem Sehnen geliebt; aber es war doch Kinderliebe gewesen.
Und nun, als Präparand und Seminarist, hatte er fast ein mönchisches
Dasein geführt. GewiÃ: er hatte Präparandinnen und Lehrerinnen gesehen
und hatte alle diese Leonoren, Lauren und Beatricen selbstverständlich
geliebt; aber keiner einzigen war er gesellschaftlich näher getreten.
Die Damen des Lehrberufs haben meistens keine den Mann ermunternden
Gewohnheiten, und für Asmus war nun vollends alles Weibliche eine
unnahbare Welt. Die germanische Ehrfurcht vor dem Weibe lag ihm tief
im Blut, und seine Armut machte diese Ehrfurcht zur Schüchternheit.
Wenn er aus den Liebesromanen sah, daà zur Anbahnung eines
Liebesverhältnisses eine längere Liebeserklärung gehöre, noch dazu
eine im schwierigeren Periodenbau, auf den er sich sonst wohl
verstand, dann sagte er sich: »Das wird mir nie gelingen, nie; ich
werde wohl Junggeselle bleiben.«
Zum Glück hatte Hilde Chavonne kein Gänseherz, sondern ein ganz echtes
groÃes Mädchenherz, und so vergaà sie bald ihre Verstimmung und
unterhielt sich mit Asmussen so lebhaft und gutherzig wie immer.
»Wissen Sie, was Sie von den andern unterschied?« sagte sie.