XXXI. Kapitel.

Der Mensch ist ein fliegender Holländer, und Asmus bekommt das

Lampenfieber.

In diesen Sonntagsstudien gab es Minuten, Stunden, Tage der Klarheit,

die er für nichts auf der Welt dahingegeben hätte.

»Das ist ein Augenblick der Seligkeit,

Wenn uns ein weltbeleuchtender Gedanke

Das Hirn durchzuckt und so die Seele faßt,

Daß sie durchbrochen wähnt des Denkens Schranke!

Da wähnt das Aug, es sähe groß und klar

Den Geist des Alls durch Erd’ und Himmel wandeln;

Aufatmend spricht das Herz: Ich bin getrost;

Fest ruht fortan mein Fühlen und mein Handeln.«

Aber oft währte die Klarheit nicht von einem Sonntag zum andern,

manchmal nicht von einer Minute zur andern. Stellt ein Glas voll

reinsten Quellwassers hin, das durchsichtiger ist als Kristall – mit

jeder Stunde schwindet von selbst seine Klarheit dahin. Hängt einen

Spiegel auf so rein und eben, wie ihr ihn finden mögt – in wenig Stund

wird er sich trüben vom Anhauch des Lebens.

»Gewißheit – schöner Wahn des Augenblicks!

Bald wieder wird der alte Zweifel nagen;

Der feste Boden weicht – dir schwindelt – weit

Ins öde Meer hinaus wirst du verschlagen.

Dem Schiffer gleich fährst du auf hohem Meer

In Nacht und Sturm durch lange, düstre Jahre,

Bis endlich deinem Fuß das Schicksal gönnt,

Daß er der Heimat festen Grund gewahre.

Doch kurz ist deine Rast! Von neuem bläht

Der Wind am hohen Mast die weißen Linnen:

Kaum hast du noch des Ufers Sand geküßt,

So jagt des Zweifels Qual dich neu von hinnen.«

In einem ganz eigenen Sinne tauchte ihm die Geschichte von Herkules

wieder auf, der die Hydra schlug. Wenn man triumphierend einem Zweifel

den Kopf abschlug, so wuchsen zwei wieder aus dem Rumpf hervor. Und

eine sonderbare Beobachtung glaubte er zu machen. Wenn er sich einer

Wahrheit recht nah fühlte und ihr nun mit starrenden Augen immer näher

auf den Leib rückte, dann _sah er_ förmlich, wie sie plötzlich

zurückwich und dichte Nebelschleier um sich schlug, wie ein Weib, das

nicht gesehen sein _wollte_! Noch eben jetzt hatte er sie klar zu

sehen vermeint, und plötzlich stand er in lauter Nebeln. Und seltsam:

weibliche Gestalten mischten sich jetzt so oft in seine Vorstellungen

und Gedanken; ja, es war, als hätten diese Gedanken und Vorstellungen

selbst etwas von weiblichem Wesen und weiblichem Reiz, und alles, was

er suchte, suchte er mit unerklärlicher leiser Wonne und mit leisem

Schmerz. Auf dem Wege zum Seminar gab es Läden, in denen Bilder von

weiblichen Schönheiten in halber oder nahezu ganzer Enthüllung

ausgestellt waren. Vier Jahre lang und darüber war er an diesen Läden

ohne jegliches Interesse vorübergegangen; seit einiger Zeit sah er

diese Bilder mit anderen Augen an, und er verweilte mit seiner

Betrachtung auch bei solchen, von denen er sich sagen konnte, daß sie

nicht gerade in künstlerischer und überhaupt nicht in der allerbesten

Absicht dorthin gelegt seien. Und als er in dieser Zeit von der

höchsten Galerie des Theaters den »Lohengrin« hörte und als Elsa mit

wundersüßer Stimme und ergreifendem Glauben sang:

»Kehr’ bei mir ein! Laß mich dich lehren,

Wie süß die Wonne reinster Treu!

Laß zu dem Glauben dich bekehren:

Es gibt ein Glück, das ohne Reu!«

da brach in seiner Brust ein Damm von einer langgestauten Flut, da

entstürzten Tränen seinen Augen; denn sie hatte nicht nur die holde

Schönheit weiblichen Wesens, hatte nicht nur das Glück der Liebe

gesungen; sie hatte von allem Triumphe alles Hohen gesungen; sie hatte

ihm gesungen: Es gibt ein Wissen ohne Trug, es gibt ein Leben ohne

Haß, es gibt eine Welt ohne Leid.

Und wenn er auch jenen Versen die Überschrift »Menschenlos« gegeben

und wenn er sie auch mit den verzweifelten Worten gekrönt hatte:

»Und dies bleibt immer deines Denkens Los:

Wenn dich ein Strahl aus höchstem Himmel grüßte,

Er bleibt nicht dein; er schwindet hin in Nacht,

Wie die Morgana schwindet in der Wüste.«

so war es ihm damit nur auf Stunden ernst, und es war darin ein gut

Teil von jenem wunderlichen Komödiantentum der Jugend, das sich bei

roten Wangen in düsteren Gebärden gefällt und nicht nur die Ansprüche,

sondern auch die Resignation der reifen Jahre vorwegzunehmen liebt.

Hatte er doch auch gesungen:

»Dich hieß ich wie kein andres Weib willkommen;

Laut schlug mein Herz – du hast es nicht vernommen.«

und hatte dabei an Hilde Chavonne gedacht und war doch um so weniger

berechtigt, dem guten Mädchen daraus einen Vorwurf zu machen, als er

selbst nicht genau wußte, ob sein Herz für Hilde oder für das Weib im

allgemeinen schlug. Nein, mochten seine »Gewißheiten« zuweilen nur ein

Minutenleben haben, seine Niedergeschlagenheiten lebten meistens nur

Sekunden; auf dem Grunde seiner Natur mußte eine Feder sein, die mit

unversiegbarer Kraft wieder emporschnellte, wenn der schwerste Druck

nur einen Augenblick nachließ. Die Absolutheit der Sittengesetze, der

doch die menschliche Schwäche in diesem Leben nicht genügen konnte,

erforderte nach Kant die Unsterblichkeit der Seele. Dann war also auch

das Leben nach dem Tode ein Entwicklungsgang; denn es hätte keinen

Sinn, wenn wir aus dem Tode einfach als vollkommene Wesen erwachten.

Und wenn die Unbefriedigung unseres Gewissens ein künftiges Leben

verlangte, so verlangte die immer strebende Unbefriedigung des Geistes

ein Gleiches. Wo Fortschritt der Sittlichkeit möglich war, da mußte

auch Fortschritt der Erkenntnis möglich sein, und wenn in einem

künftigen Leben, so auch im gegenwärtigen.

Und er glaubte an den Fortschritt mit aller Gewalt seiner sehnenden

Seele; er glaubte nicht an die ewig gleich geartete Seligkeit des

Kirchenhimmels; er konnte sie sich nicht vorstellen; aber er glaubte

an die ewig wachsende Seligkeit des Werdens und sich Vollendens; die

begriff er, die hatte er in Stunden unnennbarer Weihe selber gefühlt.

Und in wenigen Monaten sollte er nun ein Führer werden auf solchen

Wegen des Werdens, sollte sich ihm ein Beruf auftun, der ihn Hunderte,

Tausende von jungen Seelen die rechten Wege zur Vervollkommnung weisen

hieß. Er ein Führer! Er, der es wußte, wie sehr er selbst noch der

Führung bedurfte! Wenn er an diese nahe Wendung dachte, wurde ihm, er

wußte selbst nicht, wie. Eine hohe, berauschende Freude überlief ihn;

aber gleich darauf überfiel ihn immer ein herzstockendes Bangen; es

war wohl höhere Freude, aber auch tieferes Bangen als damals, da er

vor der Klassentür gestanden und den erkrankten Herrn Dohrmann hatte

vertreten sollen. Denn er war reifer und klüger geworden und verstand

tiefer als damals, um was es sich handle.

Bevor er jedoch diesen Beruf ergriff, lernte er schnell noch einen

anderen kennen, nämlich den des Schauspielers.

Semper der Jüngling · 第 114 / 292 题