Der Mensch ist ein fliegender Holländer, und Asmus bekommt das
Lampenfieber.
In diesen Sonntagsstudien gab es Minuten, Stunden, Tage der Klarheit,
die er für nichts auf der Welt dahingegeben hätte.
»Das ist ein Augenblick der Seligkeit,
Wenn uns ein weltbeleuchtender Gedanke
Das Hirn durchzuckt und so die Seele faÃt,
Daà sie durchbrochen wähnt des Denkens Schranke!
Da wähnt das Aug, es sähe groà und klar
Den Geist des Alls durch Erdâ und Himmel wandeln;
Aufatmend spricht das Herz: Ich bin getrost;
Fest ruht fortan mein Fühlen und mein Handeln.«
Aber oft währte die Klarheit nicht von einem Sonntag zum andern,
manchmal nicht von einer Minute zur andern. Stellt ein Glas voll
reinsten Quellwassers hin, das durchsichtiger ist als Kristall â mit
jeder Stunde schwindet von selbst seine Klarheit dahin. Hängt einen
Spiegel auf so rein und eben, wie ihr ihn finden mögt â in wenig Stund
wird er sich trüben vom Anhauch des Lebens.
»GewiÃheit â schöner Wahn des Augenblicks!
Bald wieder wird der alte Zweifel nagen;
Der feste Boden weicht â dir schwindelt â weit
Ins öde Meer hinaus wirst du verschlagen.
Dem Schiffer gleich fährst du auf hohem Meer
In Nacht und Sturm durch lange, düstre Jahre,
Bis endlich deinem Fuà das Schicksal gönnt,
Daà er der Heimat festen Grund gewahre.
Doch kurz ist deine Rast! Von neuem bläht
Der Wind am hohen Mast die weiÃen Linnen:
Kaum hast du noch des Ufers Sand geküÃt,
So jagt des Zweifels Qual dich neu von hinnen.«
In einem ganz eigenen Sinne tauchte ihm die Geschichte von Herkules
wieder auf, der die Hydra schlug. Wenn man triumphierend einem Zweifel
den Kopf abschlug, so wuchsen zwei wieder aus dem Rumpf hervor. Und
eine sonderbare Beobachtung glaubte er zu machen. Wenn er sich einer
Wahrheit recht nah fühlte und ihr nun mit starrenden Augen immer näher
auf den Leib rückte, dann _sah er_ förmlich, wie sie plötzlich
zurückwich und dichte Nebelschleier um sich schlug, wie ein Weib, das
nicht gesehen sein _wollte_! Noch eben jetzt hatte er sie klar zu
sehen vermeint, und plötzlich stand er in lauter Nebeln. Und seltsam:
weibliche Gestalten mischten sich jetzt so oft in seine Vorstellungen
und Gedanken; ja, es war, als hätten diese Gedanken und Vorstellungen
selbst etwas von weiblichem Wesen und weiblichem Reiz, und alles, was
er suchte, suchte er mit unerklärlicher leiser Wonne und mit leisem
Schmerz. Auf dem Wege zum Seminar gab es Läden, in denen Bilder von
weiblichen Schönheiten in halber oder nahezu ganzer Enthüllung
ausgestellt waren. Vier Jahre lang und darüber war er an diesen Läden
ohne jegliches Interesse vorübergegangen; seit einiger Zeit sah er
diese Bilder mit anderen Augen an, und er verweilte mit seiner
Betrachtung auch bei solchen, von denen er sich sagen konnte, daà sie
nicht gerade in künstlerischer und überhaupt nicht in der allerbesten
Absicht dorthin gelegt seien. Und als er in dieser Zeit von der
höchsten Galerie des Theaters den »Lohengrin« hörte und als Elsa mit
wundersüÃer Stimme und ergreifendem Glauben sang:
»Kehrâ bei mir ein! Laà mich dich lehren,
Wie süà die Wonne reinster Treu!
Laà zu dem Glauben dich bekehren:
Es gibt ein Glück, das ohne Reu!«
da brach in seiner Brust ein Damm von einer langgestauten Flut, da
entstürzten Tränen seinen Augen; denn sie hatte nicht nur die holde
Schönheit weiblichen Wesens, hatte nicht nur das Glück der Liebe
gesungen; sie hatte von allem Triumphe alles Hohen gesungen; sie hatte
ihm gesungen: Es gibt ein Wissen ohne Trug, es gibt ein Leben ohne
HaÃ, es gibt eine Welt ohne Leid.
Und wenn er auch jenen Versen die Ãberschrift »Menschenlos« gegeben
und wenn er sie auch mit den verzweifelten Worten gekrönt hatte:
»Und dies bleibt immer deines Denkens Los:
Wenn dich ein Strahl aus höchstem Himmel grüÃte,
Er bleibt nicht dein; er schwindet hin in Nacht,
Wie die Morgana schwindet in der Wüste.«
so war es ihm damit nur auf Stunden ernst, und es war darin ein gut
Teil von jenem wunderlichen Komödiantentum der Jugend, das sich bei
roten Wangen in düsteren Gebärden gefällt und nicht nur die Ansprüche,
sondern auch die Resignation der reifen Jahre vorwegzunehmen liebt.
Hatte er doch auch gesungen:
»Dich hieà ich wie kein andres Weib willkommen;
Laut schlug mein Herz â du hast es nicht vernommen.«
und hatte dabei an Hilde Chavonne gedacht und war doch um so weniger
berechtigt, dem guten Mädchen daraus einen Vorwurf zu machen, als er
selbst nicht genau wuÃte, ob sein Herz für Hilde oder für das Weib im
allgemeinen schlug. Nein, mochten seine »GewiÃheiten« zuweilen nur ein
Minutenleben haben, seine Niedergeschlagenheiten lebten meistens nur
Sekunden; auf dem Grunde seiner Natur muÃte eine Feder sein, die mit
unversiegbarer Kraft wieder emporschnellte, wenn der schwerste Druck
nur einen Augenblick nachlieÃ. Die Absolutheit der Sittengesetze, der
doch die menschliche Schwäche in diesem Leben nicht genügen konnte,
erforderte nach Kant die Unsterblichkeit der Seele. Dann war also auch
das Leben nach dem Tode ein Entwicklungsgang; denn es hätte keinen
Sinn, wenn wir aus dem Tode einfach als vollkommene Wesen erwachten.
Und wenn die Unbefriedigung unseres Gewissens ein künftiges Leben
verlangte, so verlangte die immer strebende Unbefriedigung des Geistes
ein Gleiches. Wo Fortschritt der Sittlichkeit möglich war, da muÃte
auch Fortschritt der Erkenntnis möglich sein, und wenn in einem
künftigen Leben, so auch im gegenwärtigen.
Und er glaubte an den Fortschritt mit aller Gewalt seiner sehnenden
Seele; er glaubte nicht an die ewig gleich geartete Seligkeit des
Kirchenhimmels; er konnte sie sich nicht vorstellen; aber er glaubte
an die ewig wachsende Seligkeit des Werdens und sich Vollendens; die
begriff er, die hatte er in Stunden unnennbarer Weihe selber gefühlt.
Und in wenigen Monaten sollte er nun ein Führer werden auf solchen
Wegen des Werdens, sollte sich ihm ein Beruf auftun, der ihn Hunderte,
Tausende von jungen Seelen die rechten Wege zur Vervollkommnung weisen
hieÃ. Er ein Führer! Er, der es wuÃte, wie sehr er selbst noch der
Führung bedurfte! Wenn er an diese nahe Wendung dachte, wurde ihm, er
wuÃte selbst nicht, wie. Eine hohe, berauschende Freude überlief ihn;
aber gleich darauf überfiel ihn immer ein herzstockendes Bangen; es
war wohl höhere Freude, aber auch tieferes Bangen als damals, da er
vor der Klassentür gestanden und den erkrankten Herrn Dohrmann hatte
vertreten sollen. Denn er war reifer und klüger geworden und verstand
tiefer als damals, um was es sich handle.
Bevor er jedoch diesen Beruf ergriff, lernte er schnell noch einen
anderen kennen, nämlich den des Schauspielers.