Hilde klappte schnell das Heft zu. »Machen Sie sich nicht lustig
darüber!« rief sie ängstlich. »Sie können es gewià tausendmal besser.«
»Ich? Ich kann gar nichts, ich kann überhaupt nicht zeichnen,« sagte
Asmus.
Sie sah ihn zweifelnd an; aber als sie in seine Augen sah, glaubte sie
ihm, und nun schlug sie langsam selbst das Heft wieder auf, und von
Blatt zu Blatt, wie er staunte und lobte, wurde sie heiterer und
stolzer. Sie stand dicht neben ihm, und dabei geschah es, als er sich
über das Heft bückte, daà der Ãrmel ihres Kleides seine Wange
streifte. Von diesem Augenblick an war Asmus wieder glücklich.
Sie erschien nicht beim Abendbrot, weil sie müde war, und überhaupt
blieb es auf lange Zeit hinaus bei dieser flüchtigen Begegnung.
Merkwürdig, dachte er im Nachhausegehen: ein ganz ähnliches Gefühl hab
ich schon einmal gehabt â ganz so wie jetzt war die Welt schon einmal
â nicht die gewöhnliche Welt, aber die andre, die immer über ihr
schwebt wie Morgenduft über den Hügeln, die war schon einmal so,
damals, als ich zwischen den Bahndämmen »am Rain« mit dem kleinen
braunen Mädchen geplaudert hatte, mit der »Königin der Mainotten«. Und
was noch merkwürdiger ist, die beiden haben in gewisser Hinsicht etwas
Ãbereinstimmendes â nicht nur, daà sie beide braunes Haar und braune
Augen haben, das will nichts sagen â auch der Teint und das ganze
Aussehen â auch das Fräulein Chavonne hat etwas Fremdländisches â so â
so etwas Französisches â übrigens ist ja auch ihr Name französisch.
Aber ihr Wesen ist â gewiÃ: es ist deutsch â und doch wieder so ganz
anders als das des fürchterlichen »deutschen Weibes« mit der
Häkelnadel. Wenn man sie zu Pferde sähe, dachte er, mit wehendem
Schleier, den Falken auf der Faust, auf dieser seinen, schmalen Faust
â es würde keinen Augenblick überraschen.
»Wie sitzest du zu Pferde
So königlich und schlank!«
sang er vor sich hin, daà ein vorübergehender Bürger stutzte und ihn
anstarrte....
Seit diesem Abend fühlte sich Asmus auf eine wunderbare Weise frei und
leicht, und er trug das Leben wieder mit aufgerichteten Schultern. Er
hätte nicht sagen können, woher das kam; es kam aber einfach daher,
daà ihn in dieser armen, bürgerlichen Lehrerin ein adliger Mensch
berührt hatte, und das hatte um so wundersamer gewirkt, als es
menschlicher Pöbel war, der sein Leben verfinstert hatte.
Seybold und Wiedemann waren ganz unzweifelhaft Pöbel; daà aber unter
den anderen Feinden auch anderes Material war, das sollte er bald
erfahren. Zunächst freilich schienen die Gegensätze noch
unversöhnlich. Herr Quasebarth brachte eines Tages die Rede auf den
die Klasse zerspaltenden Streit und sprach sein Bedauern aus.
»Ja,« rief eines der Antischäflein, »die andere Partei macht ja auch
nicht den geringsten Versuch zu einer Annäherung.«
Da lachte Asmus laut auf, daà es durch die Klasse scholl.
Seit vielen Monaten geschah ihnen Unrecht auf Unrecht â und da sollten
sie etwa noch um Frieden betteln? Lieber »Kampf bis zur Vernichtung«.
Seiner Jugend erschien die Welt als ein ehrenhaftes Geschäft, bei dem
man eine berechtigte Forderung nur zu präsentieren brauche, um sofort
Zahlung zu erhalten. Er ahnte noch nicht, daà dieses allerdings reelle
Geschäft eine sehr weitsichtige Buchführung hat und daà seine Bilanzen
oft erst nach zehn, nach fünfzig, nach hundert Jahren oder später
erscheinen, je nach der GröÃe des Gegenstandes. Man kann diese Welt
auch ein Gericht nennen und das Leben einen ProzeÃ, der durch hundert
oder tausend Instanzen geht. Man bekommt gewöhnlich sein Recht, aber
oft mit einer Begründung, die man nicht erwartet hat, und manchmal,
wenn man das Urteil erhält, ist man tot.
Bald darauf, in der Rezitationsstunde trug Asmus aus dem Kopfe »Salas
y Gomez« vor, mit sämtlichen drei Schiefertafeln. Als er nach dieser
Stunde über den Korridor ging, stieà er auf Herrn Rothgrün, der in der
Nachbarklasse Sempers Freudenschrei:
»Ein Schiff! Ein Schiff! Mit vollen Segeln lenkt
Es herwärts seinen Lauf, mit vollem Winde!«
vernommen hatte. Und Rothgrün meinte mit wohlwollendem Lächeln:
»Glauben Sie wohl, daà der Mann noch eine so starke Stimme hatte,
nachdem er jahrelang bloà von Eiern gelebt hatte?« Rothgrün war eben
Kritiker. Anders aber war der Seminarist Blankenburg. Er trat nach
dieser Stunde an einige Häupter seiner Partei heran und sagte:
»Ich finde, es geht nicht länger. Wir können den Verruf nicht weiter
aufrechterhalten. Im Grunde war es ja doch nur Neid. Daà er Kollegen
beim Direktor verpetzen könnte, glaubt ja längst kein Mensch mehr. Wir
blamieren uns. Und _wir_ müssen wieder anfangen.«
Und in den andern wachte die Hochherzigkeit des Jünglingsalters
freudig wieder auf, und es wurde beschlossen, auf dem bevorstehenden
Bergfeste die feierliche Versöhnung zu begehen.