Wie Asmus eine bessere Liebe fand.
Alfred Sturm, ein junger Kaufmann, war dem Verein beigetreten an jenem
Abend, als Asmus an die pessimistischen Verse Schillers mit
bemerkenswerter Kühnheit optimistische Gedanken geknüpft hatte. »Als ich
deinen Vortrag über Schillers »Antritt des neuen Jahrhunderts« gehört
hatte, war ich dir für immer verfallen,« sagte Sturm in vertrauter
Stunde. Asmussens Liebe war weniger schnell, aber nicht weniger tief,
und sie bildeten einen stillen Bund im Bunde, bildeten innerhalb der
»Treue von 1880« eine Treue von Ewigkeit zu Ewigkeit. Asmus fand bei
seinem Freunde etwas Köstliches, das die Deutschen nur verschwindend
selten besitzen und niemals zu würdigen wissen. Die Deutschen haben
eigentlich nur zwei Humore, den behäbigen Bier- und Tabakhumor, der noch
ihr bester ist, und den mit spitzen Lippen säuerlich-lächelnden
Geheimratshumor, von dem die Milch gerinnt und der Lachen für unfein
hält; was sie fast nie haben und auch bei Shakespeare â obwohl sieâs
heucheln nicht zu schätzen wissen, das ist der genial-groteske Ulk, der
tiefsinnige Clownhumor. Die Spitznäsigen nennen ihn »blödsinnig«, und
die Knoten heiÃen ihn »unvornehm«. Diesen Humor nun, wie alle kräftigen
Humore, liebte Asmus aus innerster Seele, und den besaà Sturm. Wenn
Sturm einen rasenden Schmierenschauspieler darstellte, oder aus dem
Stegreif eine Hintertreppen-Familientragödie mimte, oder einen
Volksredner oder auch die Ilsebill aus dem Märchen »vom Fischer un syner
Fru« verkörperte, dann lachten zwar die andern auch; aber Asmus lachte
so, daà er endlich rufen muÃte: »Hörâ auf, ich sterbe!« Aber dieser
Humor würde vielleicht doch nicht das ganze Herz des Asmus eingenommen
haben, wenn sich damit nicht ein merkwürdig leidenschaftlicher
Aufwärtsdrang, ein bitter-ernstes Bildungs- und Vervollkommnungsstreben
verbunden hätte. Diese beiden Eigenschaften, die immer wie Gegensätze
aussehen und die doch durchaus keine Gegensätze sind, lieÃen Asmus in
diesem Jüngling den Freund erkennen, den er unbewuÃt gesucht hatte.
Sturm dagegen sah in dem jungen Semper den Menschen, der ihm endlich zu
jedem ersehnten Aufschwung verhelfen könne, und wenn Asmus solche
enthusiastischen Ãberschätzungen mit Händen und FüÃen ängstlich
abwehrte, so ging Sturm mit dem Lächeln des Besserwissenden darüber
hinweg und sang aus dem damals oft gespielten Boccaccio:
»Hab ich nur deine Liebe,
Die »Treue« brauch ich nicht.«
Aber das quälte ihn, daà er diese Liebe nicht ganz zu besitzen
glaubte; er war eifersüchtig. Eifersüchtig auf Morieux. Mit dem sollte
Semper sich nicht einlassen.
»Wie kannst du nur so viel mit dem Morieux verkehren! Morieux! Auf dem
Dom[2] gab es früher ein Affentheater von »Morieux«. Das paÃt. Dieser
ganze Morieux ist ein Affentheater, das von morgens bis abends
Vorstellungen gibt. Das ist doch kein Charakter!«
[FuÃnote 2: Der Hamburger Weihnachtsmarkt wird »Dom« genannt.]
»Nein, das ist er nicht,« räumte Semper ein. »Er ist oft ein
unangenehmer Kerl. Der Schöpfer aller Dinge hat ihn aus Resten
gemacht, die zu ganzen Menschen nicht mehr ausreichten. Er hat ein
blaues Bein und ein gelbes, eine halb rote und halb grüne Jacke, wie
ein Harlekin. Aber aus allen Schlacken und Aschen seiner Seele
schlagen doch zuweilen reine Flammen auf. Er hat sich in einem
schweren Streit und gegen eine groÃe Ãbermacht auf meine Seite
gestellt; er hat um mich gelitten; das kann ich doch nicht einfach
vergessen.«
Dann setzte Sturm sich schweigend, aber unzufrieden ans Klavier und
introduzierte ein neues Lied; denn singen muÃte Asmus zu seiner
Begleitung, sobald ein Klavier in erreichbarer Nähe war. Eines Tages
aber, als sie am Abend vorher in der »Treue« wieder die schönsten und
die verrücktesten Dinge getrieben hatten â Asmus saà wieder in seiner
engen Klause und übersetzte Byron â da klopfte jemand. Auf Asmussens
»Herein« trat Alfred Sturm ein, um sogleich auf einen Stuhl neben der
Tür zu sinken und in Tränen auszubrechen. Sein Gesicht war aschfahl;
in der Hand hielt er eine gelbe Rose. Er hatte soeben in Gemeinschaft
mit seinem Vater seine Mutter in eine Anstalt für Geisteskranke
bringen müssen.
»Ich hoffte bei dir ein wenig Trost zu finden,« sprach er unter
Schluchzen. Und diese Erwartung erschütterte Sempern fast so sehr wie
die Unglücksnachricht. Trost suchte sein Freund bei ihm! Bei einem
Neunzehnjährigen! Der nichts erfahren hatte! Sein Freund war ja älter
als er! Aber sein Freund suchte Trost, und also muÃte er ihn finden.
Er wuchs über sein Alter hinaus. Er dachte an den Tag, da er seinen
Bruder Leonhard durch den Tod verloren hatte. Und sogleich wuÃte er
eins: Sprechen, mit Worten trösten, wäre in diesem Augenblick Roheit.
Und er legte den Arm um seinen Freund, klopfte ihm langsam und leise,
wie eine tröstende Mutter, die Schulter und lieà ihn weinen. Und
wirklich: der Unglückliche beruhigte sich zusehends. Dann sagte Asmus
mit sanftem Tone: »Ich habe einen Weg zu machen; es wäre riesig nett
von Dir, wenn du mich begleiten wolltest.«
Sturm nickte nur.
»Da,« sagte er, »die Rose solltest du haben â jetzt ist sie verwelkt.
Na â ist ja alles einerlei!« â und er wollte sie zum Fenster
hinauswerfen.
»Gib!« rief Asmus und nahm ihm die Blume aus der Hand. »Sie wird sich
erholen.« Und er stellte sie in ein Wasserglas.
Und dann führte er den Freund zu seinem eigenen groÃen Tröster, führte
ihn an den Elbstrom unterhalb Oldenfunds, bis Blankenese und darüber
hinaus, wo die Flut immer breiter und breiter sich dehnt, daà das
jenseitige Ufer dem Blick entschwindet, und wo der sinnende Wanderer
oder der still hintreibende Segler ahnt und fühlt, daà alles Sehnen
und Sorgen in einem groÃen Meere endet. Dorthin führte er den Freund,
wo er von je auf Wiesen und Wellen wie eine himmlische Stadt die
künftige Welt gesehen hatte, die künftige Welt, wo alles gröÃer und
heller und freier war, wo die Gedanken gröÃer waren und die Gefühle,
wo die Menschen trotz allen Schaffens und Ringens einander mit offenem
Lächeln begegneten und das Leben immer mehr ein Sonntag und Sonnentag
wurde.
Sturm hatte ausführlicher von seiner Mutter erzählt, und Asmus hatte
erwidert, daà eine Schwermut, wie sie die fünfzigjährige Frau befallen
habe, doch schon oft geheilt worden sei. Unter anderen Beispielen fiel
ihm Gutzkow ein, der schwer gemütskrank gewesen sei und danach wieder
produziert habe. Durch Gutzkow kamen sie von selbst in die Literatur
hinein, und von der Literatur ganz sachte in die Musik. Alfred Sturm
war fanatischer Wagnerianer; nach zwei Takten schwamm er schon »auf
wolkigen Höhân«; Asmus folgte ihm darin nicht einmal bis über die
Bäume. Da kam ihm nun eine köstliche List. Er brachte das Gespräch auf
Wagner und lieà sich in weniger als zehn Minuten bekehren. Nicht ganz,
damit es nicht auffiel, aber doch zu sieben Achteln. Sturm war
glückselig und lächelte wieder; es war ein höheres, ein verklärtes
Lächeln. Sein Freund erkannte die GröÃe Wagners â nun konnte man es
wirklich wieder mit dem Leben versuchen! Beim Abschied hielt er die
Hand des Asmus fest.
»Du â« sagte er. »Ich habe dich zuweilen gelangweilt mit diesem
Morieux. Vergià es, es war furchtbar kleinlich von mir. Was ist
Morieux an solchem Abend, du lieber Gott! Diesen Abend vergeà ich dir
nicht, _solange ich lebe_!«
Dann kam der Zug; Sturm stieg ein und blieb auch dann noch am Fenster
stehen, als der Zug schon fuhr. Und durch die tiefe Dämmerung des
Abends sah Asmus noch lange das erdfahle Gesicht am Wagenfenster. Als
er wieder in seinem Zimmer war, fiel sein Blick auf die gelbe Rose.
Sie hatte sich nicht erholt.