Asmus ist trotz seiner trüben Erfahrungen anderer Meinung als
Schiller und verfällt in eine unglückliche Liebe.
Die Schäflein hätten nun nicht deutsche Jünglinge sein müssen, wenn
sie sich nicht sofort zu einem Verein zusammengeschlossen hätten. Der
Verein erhielt den Namen »Treue von 1880«, womit aber nicht gesagt
sein sollte, daà dies für die Treue ein besonders guter Jahrgang sei;
man wollte nur, da der Bund doch zweifellos bis in die Zeiten des
jüngsten Gerichts dauern würde, den nachlebenden Geschlechtern das
Gründungsjahr ein für allemal einprägen. Den acht oder neun
Seminaristen gesellten sich bald einige Musiker, junge Kaufleute und
Beamte zu, und nun ging es an die höchsten und tiefsten Probleme der
Kunst und des Lebens, und Fragen wurden gelöst, die vorher und
merkwürdigerweise auch noch nachher die stärksten Geister in Bewegung
gesetzt haben. Semper wurde Präses und sprach heute über den
Gralstempel bei Albrecht von Scharfenberg und den gotischen Baustil,
das nächste Mal über Meteore und Meteorite, und wieder das nächste Mal
knüpfte er kühne Gedanken an Schillers Gedicht »Der Antritt des neuen
Jahrhunderts«, dessen resigniertem Pessimismus er sich natürlich als
Achtzehnjähriger nicht anschlieÃen konnte. Seine Glanznummer aber war
der »Faust«, den er aus dem Kopfe vortrug, und nur das eine betrübte
ihn ein wenig, daà seine Freunde, so beifällig sie auch die ernsten
Partien der Dichtung aufnahmen, doch immer am unbändigsten über die
Sauferei in Auerbachs Keller und über das »verdammte Aas« und die
»verfluchte Sau« in der Hexenküche jubelten. Fühlten sie denn nicht,
daà der Prolog im Himmel, die Monologe, die Gretchenlieder, die
Kerkerszene viel gewaltiger und schöner waren? Das Schlimmste war aber
doch, daà bei einem Vereinsfeste, bei dem auch Gäste zugegen waren,
ein dicker Magazinverwalter auf ihn zutrat und sagte:
»Djunger Mann, Sie haobân jaoân kullosaoles Gedächtnis! Mit dem
Gedächtnis können Sie âne Frau mit achtzigtausend Mark kriegen.«
Er dachte sich dies Gedächtnis in einem Magazin angestellt. Und das,
nachdem Asmus den Tasso rezitiert hatte â man denke: den Tasso!
In etwa siebenundzwanzig Vorträgen sprach Morieux â sehr stilvoller
Weise â über Voltaire, und bei jeder Spitzbüberei des Herrn Arouet
muÃte er vor unbezähmbarem Vergnügen feixen. Die Vorträge und
Rezitationen wechselten mit Musik, gesungen, gegeigt und gehämmert,
und unter den Musikanten waren solche, die einstmals echte und
namhafte Künstler werden sollten und in diesen Stunden, wenn nicht ihr
Bestes, so vielleicht ihr Heiligstes gaben. Auch gemeinsame Ausflüge
unternahmen sie, und einer dieser Ausflüge führte sie in den
Sachsenwald.
Bismarck, der Johannes Semper und Heinrich den Seefahrer verbannt
hatte, war in Berlin, und das war Asmussen eben recht; er hätte ihm
damals nicht begegnen mögen. Aber im Sachsenwalde war ein Förster, der
eines Mitgliedes Onkel war. Dieses Mitglied hatte einmal »Das Blatt im
Buche« in durchaus ernsthafter Absicht deklamiert und damit eine
komische Wirkung erzielt, die durch keine Selbstbeherrschung zu
unterdrücken war. »Ich habâ eine alte Muhme«, so beginnt das Gedicht,
und genau das Organ einer alten Muhme hatte der Deklamator. Aber den
Sachsenwald kannte der Deklamator; er kannte jeden Weg und Steg, und
Asmus wollte ihm schon seine Bewunderung aussprechen, als sie
plötzlich vor dem Försterhause standen und aus dem Hause die
Försterstochter ihnen zur BegrüÃung entgegentrat. Jetzt wunderte sich
Asmus nicht mehr, daà das »geschätzte Mitglied« hier herum Weg und
Steg kannte; denn diese Försterstochter war wohl das Hübscheste, was
der Sachsenwald zu geben hatte. Sogleich empfand Asmus in der
Herzgegend ein so süÃes Weh, daà er bei dem bald darauf aufgetragenen
Mahle nur Flüssiges genieÃen konnte und den Deklamator des »Blattes im
Buche« mit argwöhnisch brennenden Blicken ansah. Nach dem Essen sollte
Asmus rezitieren, und zwar die Szene zwischen dem Patriarchen und dem
Tempelherrn, weil es Morieux »kolossal« fand, wie er zugleich das edle
Ungestüm des Ritters und die bornierte Heimtücke des Pfaffen zum
Ausdruck bringe, sogar im Gesicht! Und Asmussens Herz stieg wie das
Roà eines Ritters, der in die Schranken reitet und vom Balkon die
Farben seiner Dame winken sieht. Er machte seine Sache auch gewià so
gut wie je, und als er geendet hatte, klatschte auch die
Försterstochter mit den Händen, aber nur ein einziges Mal; sie hatte
nämlich eine Motte gefangen, die sie schon minutenlang mit den Augen
verfolgt und nur aus Rücksicht auf die Kunst so lange verschont hatte.
Unmittelbar nach Semper erhob sich, wenn auch unaufgefordert, der
Führer durch den Sachsenwald, um »das Blatt im Buche« zu rezitieren.
Da die Vereinsmitglieder an die Schrecken dieser Deklamation schon
gewöhnt waren, so ging es mit einigen zerbissenen Lippen und
zerrungenen Händen ab; nur Morieux explodierte natürlich in einem
jähen Nasenlaut, den er durch ein heftig gezogenes Taschentuch in ein
dringend nötiges Ausschnupfen maskierte. Die Tochter des Waldes aber
blickte strahlend auf den Handlungsgehilfen, als wollte sie sagen:
»Ein Künstler bist du _auch_ noch?«
»Soân Syrupskringel!« knirscht Asmus in sich hinein, und damit
meinte er nur den Handlungsgehilfen, obwohl es in gewissem Sinne
auch auf die Tochter des Waldes paÃte. Asmus hatte ja bald heraus,
daà sie zu den höheren Dingen keine Beziehungen unterhielt; aber
doch blieb er ganz in ihr gefangen; sie war eine Brezel, die der
himmlische Menschenbäcker mit unendlich vielem Syrup bestrichen
hatte. Und als nun alle nach einer Waldlichtung eilten und »Dritten
abschlagen« spielten, da traf es sich merkwürdig oft so, daà die
Försterstochter vor dem alten Muhmen-Deklamator stand, und dann
legte er â dieser Frechling â ganz ungeniert, wie im Eifer des
Spiels die Hände um die Taille des hochatmenden wonnigen Geschöpfes.
»Der Schuft,« dachte Asmus, und die Treue von 1880 wankte in ihren
Grundfesten. Er fragte sich, ob er es auch wagen würde, ihr die
Hände um die Hüften zu legen. »Nie,« sagte er sich. Wenn sie es ihm
verwiesen hätte, wäre er vor Scham und Stolz gestorben. Und als es
das Spiel so fügte, daà sie beide vor ihm standen und er als
»Dritter« den Platz räumen muÃte, um nicht »abgeschlagen« zu werden,
da nahm er das als ein tiefschmerzliches Symbol. Beim Abendbrot
holte er dann nach, was er mittags versäumt hatte; in seiner
grollenden Versunkenheit fraà er alles in sich hinein, was ihm
vorkam: Schinken, Rühreier, Schwarzbrot und Liebesgram. Beim
Abschied wollte er erst ohne Gruà verschwinden; aber sie sollte sich
nicht einbilden, daà sie ihn verwundet habe, und mit blutendem
Herzen gab er ihr lächelnd die Hand, und wie die andern winkte er,
im Waldesdunkel langsam verschwindend, noch lange mit Lächeln
zurück. Zu Hause verfiel er sofort in vierfüÃige Trochäen, und das
dauerte auch den folgenden Tag noch fort, und als das Gedicht wohl
an tausend FüÃe hatte, fühlte er sich bedeutend ruhiger. Und als er
nach dreien Tagen in einem uralten Exemplar von Herders »Ideen zur
Philosophie der Geschichte der Menschheit« las und plötzlich aus
einer Waldwirrnis von Gedanken die hübsche Försterstochter
auftauchte, da war der Generalsuperintendent aus Weimar schon
stärker als die Blume des Waldes. Das blutende Herz war geheilt wie
eine Stecknadelwunde.
Aber die Treue von 1880 sollte ihm noch eine bessere Liebe und eine
tiefere Herzenswunde bringen.