Wie Asmus verlor, was er gefunden.
Diesen Abend nicht zu vergessen â es sollte dem armen Sturm nicht
schwer werden. Wohl erholte seine Mutter sich nach einigen Wochen
zusehends; aber dann kam Schlimmeres. Es sollte gerade wieder das
»Stiftungsfest« der »Treue« begangen werden, und Sturm und Semper
gedachten durch »Adelaide«, »Das Lied an den Abendstern«, »Tom der
Reimer« und andere Kostbarkeiten die Welt in Erstaunen zu versetzen,
da kam am Morgen des groÃen Tages der Vater Sturms zu Asmus ins
Seminar und bat mit seiner leisen, höflichen Stimme um Entschuldigung
für seinen Sohn, der heute nicht kommen könne, weil er einen Blutsturz
gehabt habe. Es habe wohl nichts Schlimmes zu bedeuten; aber er müsse
natürlich im Bette bleiben.
Asmus nahm an den folgenden Stunden ohne Aufmerksamkeit teil und eilte
sofort nach Schluà des Seminars an das Bett des Freundes. Sein Gesicht
war fahler denn je, die Augen groà und feucht. Aber von Krankheit
wollte er nichts wissen. Die Eltern erzählten, daà er durchaus am
Abend zum Stiftungsfest wolle und beschworen Semper um seinen
Beistand. »Was Sie sagen, das tut er,« meinten sie. Asmus bezweifelte
das, behandelte aber dem Kranken gegenüber den Besuch des Festes als
etwas selbstverständlich Unmögliches. Da wurde Sturm, der sich anfangs
über Sempers Anwesenheit gefreut hatte, bitter und verbissen; mit
einem zürnenden Blick sagte er: »Du bist wie alle andern« und kehrte
sich zur Wand. Asmus streichelte ihm leise die Hand und ging.
Am Abend erschien Alfred Sturm auf dem Stiftungsfest, heiter und
humorvoll, und was Asmus auch einwenden mochte, Sturm wollte ihn auf
dem Klavier begleiten. »Soll vielleicht Morieux dich begleiten?«
fragte er mit einem krankhaften Feuer in den Augen. Man muÃte ihn
gewähren lassen. Aber als die Lieder gesungen waren, war seine
Munterkeit wie abgeschnitten; ohne das Mahl und den Tanz abzuwarten,
hüllte er sich in seinen Ãberzieher, legte sorgsam und glatt, wie es
einem eleganten jungen Kaufmann geziemt, das seidene Tuch um den Hals
und ging heim.
Der Exzeà schien ihm nichts geschadet zu haben; nach acht Tagen saà er
wieder im Kontor. Aber schon nach vier Wochen streckte ein neuer,
heftigerer Anfall ihn nieder.
»Ich möchte mich zerfleischen,« sagte er zu dem Freunde, der an seinem
Bette saÃ. »Ich bin abscheulich gegen meine Eltern und meine
Geschwister, und dabei opfern sie sich für mich auf. Das weià ich ganz
genau, und doch kann ich nicht anders. Mich ärgert alles, was ich
sehe, und wenn ich allein bin, heulâ ich vor Reue wie ein dummer
Junge.«
Er rappelte sich abermals heraus und zog nun ans Elbufer; von der Luft
dort hoffte er Genesung. Zu einer weiteren Reise langten die Mittel
nicht. Dort hatten die beiden in Ritschers Garten noch einen schönen,
sonnigen Nachmittag.
»Ich habâ in einer Ewigkeit keine Zigarre geraucht,« sagte Sturm leise
vor sich hin, »ob ichâs mal wieder riskiere?«
Asmus riet ihm ab. »Wartâ noch ân biÃchen, dann kannst du rauchen,
soviel du willst.«
»Meinst du wirklich, daà ich wieder ganz gesund werden kann?« fragte
Sturm schnell, eifrig, mit sehnsüchtig-heiteren Blicken. Das Licht der
untergehenden Sonne stand in seinen Augen.
Asmus lachte laut auf über diesen Zweifel an etwas
Selbstverständlichem. Und Sturm lächelte glücklich und glaubte dem
Freunde alle Versicherungen, die er sonst zurückgewiesen hatte.
Und nach einem glücklichen Schweigen sagte er: