»Du nicht.«

In solchen Augenblicken kam etwas wie Husarengeist über ihn. Wiedemann

ging erquickt von dannen.

Und er ging aus wie ein Säemann, zu säen seinen Samen, und verbreitete

die Kunde, Semper habe sich für den besten Aufsatzschreiber der ganzen

Klasse erklärt, er halte sich überhaupt für den Klügsten von allen und

finde die Arbeiten Freys nur »so ziemlich«. Dies sagte er besonders zu

Frey. Seltsamerweise blieben aber Frey und Semper die besten Freunde.

Sonst aber fiel Wiedemanns Samen auf gutes, fruchtbares Land, und

Asmus fühlte wohl, daß die Stimmung gegen ihn wuchs.

Sollten sich hier die Leiden aus der Knabenschule wiederholen? O, sie

sollten es nicht nur hier!

Unter den Giftpflanzen ist eine, die keines Samens und keines Keimes

bedarf, die auch aus Nichts entstehen kann wie die Schöpfung Jahwehs,

das ist die Verleumdung. Sie braucht nur einen guten Boden, dann

erzeugt sie sich aus nichts.

Eines Tages wurde Asmus von Seybold gestellt, von demselben Seybold,

der bei der Präparandenprüfung einen so sichern Blick für Sempers

Arbeiten und eine so lebhafte Teilnahme an seinen Erfolgen bekundet

hatte. Er war von einer ganzen Korona von Seminaristen umgeben und hub

also an:

»Hier wird behauptet, du hättest dem Direktor angezeigt, daß Müller

und Warncke nach der letzten Kneipe den Unterricht geschwänzt und im

Botanischen Garten ihren Kater spazieren geführt hätten.«

Wäre nun Asmus Semper irgend ein anderer gewesen, so würde er

vielleicht gesagt haben:

»Bemühe dich bitte sofort mit mir zum Direktor, damit wir die

vollkommene Unwahrheit dieser Behauptung feststellen.«

Oder er würde wie jener Yankee gesprochen haben, den jemand einen

Schurken nannte und der freundlich erwiderte:

»Damit, mein Verehrtester, daß Sie es behaupten, ist es noch lange

nicht bewiesen.« Aber wär’ er besonnen gewesen, so wäre er nicht der

Semper gewesen, und also erwiderte er:

»Wer das sagt, ist entweder ein Lump oder ein Idiot.« Das Blut seiner

Mutter schlug mit Flammen zum Dach hinaus.

Auch diese Antwort war ja richtig; aber ihre Richtigkeit wurde nicht

zugestanden.

»Hahaaa,« johlte die Korona, »da haben wir’s, wir sind alle Lumpen und

Idioten!«

Wäre Asmus jener Yankee gewesen, so hätte er gesagt: »Dieser Schluß

entbehrt durchaus der logischen Richtigkeit«; statt dessen verzog er

das bleiche Gesicht zu einem Ausdruck grenzenloser Verachtung und

sagte:

»Bitte, ich sagte: oder«.

Sie stutzten einen Augenblick, und als sie diese Antwort begriffen

hatten, tobten sie und erklärten Asmus Semper wegen seines »Hochmuts«,

seiner »Frechheit« und seiner »Inkollegialität« in Verruf. Die

Inkollegialität bestand darin, daß er mehr wußte und konnte als

Seybold, Wiedemann und Kompanie und dies in seinen Arbeiten schamlos

zu erkennen gab.

Vor Asmussens Augen stand sein alter herrlicher Schulmeister, Herr

Cremer, wie er dem Quintus Fabius nachahmte. Er pflegte zwei Falten in

seinen Rock zu machen und zu sagen: »So stand Quintus Fabius vor der

karthagischen Ratsversammlung und sagte: Hier in den Falten meiner

Toga habe ich Krieg und Frieden – wählt!« So hatte das Schicksal in

Gestalt der Seybold, Wiedemann und Genossen vor ihm gestanden, und

genau wie die Karthager hatte er geantwortet: »Gebt, was ihr wollt.«

Und Quintus Fabius Seybold hatte gesagt: So hab denn Krieg.

Und so war es also Krieg.

Ja, wenn es noch ein richtiger, ehrlicher Krieg gewesen wäre. Aber es

war die bekannte Guerilla böser Schikanen, in deren Erfindung die

Jugend so grausam ist und in der das »Zwanzig gegen Einen« durchaus

nicht für unehrenhaft gilt. Wenn er des Morgens kam – gerade jetzt

wieder in einem geschenkten Rock, der ihm viel zu weit war – dann

bildeten sie Spalier, erwiesen ihm höhnische Ehren und spotteten über

seinen Rock.

»Der Kerl is ’n richtiges Originaol!« rief der Bauernsohn Rohweder,

der seinen heimischen Akzent nicht abzulegen vermochte. Er hielt

»Original« für etwas sehr Schimpfliches.

Oder sie lösten ihm von der Milchflasche, die in seinem Bücherfach lag

und deren Inhalt sein Frühstück ausmachte, wenn das Brot nicht

schmecken wollte, den Stöpsel, so daß die Milch über seine Hefte und

Bücher floß und ihm seine sorgfältigen Ausarbeitungen verdarb. Daß er

dann nichts zu trinken hatte, war schlimm: daß seine Arbeiten

beschmutzt waren, war schlimmer; aber das Schlimmste war die

Niedrigkeit, die sich in solchen Tücken zu erkennen gab: sie

beschmutzte ihm sein Weltbild. Den Haß nahm er hin als etwas

Gleichgültiges; er liebte den geselligen Verkehr mit Menschen, aber er

brauchte ihn nicht; wie sein Vater, so war er, wenn es sein mußte,

sich selber Gesellschaft genug. Aber Niedrigkeiten konnten ihn in eine

heilige Wut und dann in eine tiefe, vollkommene Niedergeschlagenheit

versetzen. Wenn so etwas in der Welt möglich war, dann ..... Er

verfolgte den Gedanken nicht weiter; er wollte ihn nicht weiter

verfolgen.

Er wußte sehr wohl, daß die Hauptursache ihrer Feindseligkeit der Neid

war. Aber auch andere Schüler gaben wohl einmal Anlaß zum Neide; warum

kam der Haß nicht auch gegen sie zum Ausbruch, oder wenn er zum

Ausbruch kam, in so viel harmloserer Form? Er hatte nicht die Gabe,

die Menschen im ersten Ansturm zu gewinnen, das wußte er. Er war nicht

schön, wenn auch Flora, die verführerische Nachbarstochter, und jenes

kleine Fräulein, mit dem zusammen er einmal Komödie gespielt hatte,

ihn unverkennbar gern gehabt und ihm dies keineswegs verborgen hatten;

er hatte keine Liebenswürdigkeiten, die schnell bezaubern. Aber hatte

er denn etwas Abstoßendes, etwas, das ihm Feinde machen mußte?

Er hatte es, ohne es zu wissen und zu wollen.

Das Wort des Polonius an seinen Sohn:

»Härte deine Hand nicht durch den Druck

Von jedem neu geheckten Bruder«

hatte ihm deshalb immer so gut gefallen, weil es seinem Wesen so gut

entsprach. Oft empfand er gleich bei der ersten Begegnung mit einem

Menschen Zuneigung oder Abneigung, und wo er Abneigung empfand, hatte

er sogleich etwas von einer schroffen Wand, an der nicht

hinaufzukommen war. Das nehmen die Menschen sehr übel und nennen es

hochfahrend oder arrogant. Und er war viel zu jung, um sich objektiv

zu betrachten und diesen Zug an sich selbst zu erkennen.

Immerhin hatte er eine Minorität auf seiner Seite. Sofort bei Ausbruch

des Konfliktes hatte sich Morieux mit tausend heroischen Gesichts- und

Körperverrenkungen zu Semper geschlagen, etwa wie Herzog Ernst zu

Werner von Kiburg, wenn er ruft:

»Hin fahr ich, ein zwiefach Geächteter,

An meine Fersen heftet sich der Tod,

Und unter Flüchen krachet mein Genick.

Vom Werner laß ich nicht!«

und sieben oder acht Beherzte hatten sich ihm angeschlossen. Das war

nun die Fraktion Semper; bei den Feinden aber hießen sie »die

Schäflein«, weil sie nach deren Meinung im allgemeinen ein unrühmlich

gesittetes Betragen zeigten.

Semper der Jüngling · 第 72 / 292 题