»Ich â o nein,« sagte Asmus ohne Verständnis.
»Sie schliefen nämlich eben,« fuhr Herr Rothgrün pikierten Tones fort.
»Ich? Nein!« erklärte Asmus wie alle Leute, die der Schlaf wider
Willen überfällt, und in der Tat war der Schlaf nur wie ein leises
Wölkchen vor seinen Augen vorübergezogen. Er hatte Herrn Rothgrün noch
vom zweiten Samniterkriege sprechen hören, und jetzt sprach er vom
dritten, also konnte nicht viel Zeit verstrichen sein; denn Herr
Rothgrün erledigte solche Sachen sehr schnell. Und in eben dieser
Aufmachung interessierten Asmus die Samniterkriege nur äuÃerst
schwach.
Da ihn sein fröhlichstes Gefühl, sein Kraftgefühl in diesen Zeiten
verlieÃ, fühlte er sich ernstlich unglücklich. Daà er in der Klasse
eingeschlafen war, empfand er bei seinem peinlichen Ehrgefühl als
eine Schmach, und daà er Herrn Rothgrün in seiner Eitelkeit verletzt
hatte, war nicht gut; denn Herr Rothgrün vergaà dergleichen schwer;
aber das alles bedeutete nichts gegen einen anderen Schmerz.
Das war kein Studieren mehr, was er jetzt trieb! Das war nichts als ein
Aufschnappen und Wiederfahrenlassen im Husch und Hui. Er war es gewohnt,
zu dem, was das Seminar ihm gab, wenigstens ebensoviel durch eigene
Arbeit hinzuzutun. Bei wichtigen Fragen und Aufgaben â und seinem
Feuereifer schien fast alles wichtig â holte er sich alle Darstellungen
und Behandlungen herbei, die ihm Neues bieten konnten, und durchackerte
sie; aber nie beruhigte er sich bei den Büchern; er zwang sich, die
Ideen eines Bacon, eines Comenius, eines Pestalozzi und Herbart, die
Abhandlungen eines Schiller und Lessing, die Darstellungen eines Ranke
und Mommsen unabhängig vom Buch, in eigener Form zu rekonstruieren, ihre
Zusammenhänge, da, wo sie ihm fehlten, selbst zu finden; er hielt sich
gleichsam selbst Vorträge; ja, er diskutierte im Schlafzimmer laut mit
sich selbst und stellte Grund und Gegengrund sozusagen im
kontradiktorischen Verfahren einander gegenüber, so daà Frau Rebekka,
die für den Frieden eines Studierzimmers nicht allzuviel Verständnis
hatte, zuweilen lächelnd hereinkam und rief: »Junge, du priesterst ja
wieder ordentlich.« Er hatte nun einmal dies leidenschaftliche
Bedürfnis nach Klarheit; es war, als ob eine Stimme in ihm rief: Nichts
Dunkles hinter dir zurücklassen, sonst verwirrt sich alles Künftige, und
er hatte den heiligen Glauben, daÃ, wer sich bei keinem unklaren
Gedanken beruhige, endlich auch die letzten Rätsel lösen müsse. Er war
in der Mathematik nicht zufrieden damit, die Lehrsätze zu beweisen und
die Aufgaben zu lösen, er wollte auch die Axiome beweisen und begründen.
Daà jede GröÃe sich selbst gleich ist â natürlich, die Wahrheit dieses
Satzes begriff er intuitiv wie jeder normale Mensch; aber er wollte sie
auch beweisen, und das konnte man nicht, und die ihm in späteren Jahren
das bedrückte Herz befreien sollten: die intuitiven GewiÃheiten, sie
machten ihm in diesen Jahren Pein. Aber noch mehr: alles, was er logisch
begriffen hatte, wollte er auch sinnlich erfassen. Es war der Künstler
in ihm, der sich nicht beim Abstrakten beruhigen wollte. Den Satz des
Menelaos von der Transversale, die die Seiten eines Dreiecks schneidet,
logisch begreifen und beweisen, das konnte ein Kind; aber er wollte auch
_sehen_, daà die Produkte der nicht anstoÃenden Abschnitte einander
gleich seien. Und das konnte man nicht. Ja, man konntâ es ja ausrechnen,
aber das war kein _Sehen_! Und nun kam noch hinzu, daà er mit einem
Mangel in seiner Anlage zu kämpfen hatte: in gewissen Dingen der Physik,
der Anatomie, der Botanik und so weiter machte ihm das dreidimensionale
Vorstellen Schwierigkeiten. Wenn er sich den Längsdurchschnitt des
menschlichen Körpers oder einer Maschine oder eines pflanzlichen
GefäÃsystems vorstellte, so ward es ihm bitter schwer, sich zugleich den
Querdurchschnitt vorzustellen, und er grub die Nägel in die Stirnhaut,
daà es schmerzte, bis er die rechte Anschauung gewann. Er hatte das
Gefühl, als könne er sein Gehirn anspannen, wie die Muskeln seiner
geballten Faust. Daà die Molekularbewegung und das Atomgewicht, der
Magnetismus, die Elektrizität und vieles andere ihm Sorge machten, ist
selbstverständlich. Warum wirkte am doppeltlangen Hebelarm das halbe
Pfund genau so stark wie das ganze Pfund am einfachen, warum, in drei
Teufels Namen warum? Es war so leicht, zu lernen, und so schwer, zu
erkennen. Und er fand in seinem Seelendrange nicht immer Unterstützung.
Um sich im raschen und klaren Erfassen geometrischer Verhältnisse zu
üben, liebte es Asmus, die Figuren nicht mechanisch, sondern mit den
möglichen Veränderungen in Konstruktion und Lage zu wiederholen, und
bekanntlich ist es der Geometrie fabelhaft gleichgültig, ob das
Hypothenusenquadrat oben oder unten, rechts oder links liegt, dieweilen
sie von oben und unten, rechts und links überhaupt nichts weiÃ. Aber
Herr Quasebarth, der Lehrer der Mathematik, dachte nicht so
vorurteilslos, und als Asmus eines Tages fünf Konstruktionsaufgaben
einreichte, die nicht so standen, wie es Herr Quasebarth seit
siebenundzwanzig Jahren gewohnt war, sondern auf dem Bauche oder auf dem
Rücken lagen oder auf dem Kopfe standen, da schrieb er mit Wucht
darunter »falsch« und eine Vier, das schlechteste Zeugnis; denn er
durchflog die Hefte seiner Schüler wie ein Schnellzug, der unterwegs
nicht hält. Asmus machte ihn darauf aufmerksam, daà alle Aufgaben
zweifellos richtig gelöst seien und nur sozusagen andere Hosen anhätten
als sonst. Herr Quasebarth sagte höhnisch: »So« und dann sah er ins Heft
und sagte: »Die« â und dann sagte er unsicheren Tones: »Das« â und
nachdem er noch »Hm« gesagt hatte, rief er ärgerlich: »Ja, richtig sind
sie wohl; aber was sollen die Veränderungen: machen Sie es doch, wie es
alle anderen machen!« und er nahm die Feder und erhöhte das Zeugnis â
um einen halben Grad. Er wollte damit ausdrücken, daà der Schüler
richtig gearbeitet, der Lehrer hingegen recht habe.