XVIII. Kapitel.

Wie Asmus schlafwandelte und die Gedankenwelt des Herrn Quasebarth

auf den Kopf stellte.

Als obendrein der Architekt nach Süddeutschland übersiedelte und auch

diese Speisung ihr Ende fand, sah Asmus sich wieder ganz auf dem alten

Punkte. Es galt, eifriger denn je nach Privatstunden auszuschauen, und

er fand auch immer wieder neue; aber da sie meistens schlecht bezahlt

wurden, so mußte er ihrer so viele geben, daß er an gewissen Tagen mit

einer dreiviertelstündigen Unterbrechung von sieben Uhr morgens bis

elf Uhr abends bei der Arbeit oder auf dem Marsche war. Um sechs Uhr

abends kam er dann zum Mittagessen. Das Diner war in zehn Minuten

erledigt, und dann lehnte er sich ins Sofa zurück, um 35 Minuten lang

nichts, gar nichts zu tun. Solche Bedürfnisse hatte er früher nicht

gekannt. Mit dem Blick auf die Uhr genoß er die Minuten einzeln, und

die Zeit schien dadurch länger zu werden. »Noch sieben schöne

Minuten,« dachte er, »noch sechs, noch vier,« und die letzten Minuten

kostete er, wie man Tropfen eines kostbaren Weines einzeln auf der

Zunge zergehen läßt. O weh, dann war er doch ins Träumen geraten und

hatte fünf Minuten über die Zeit genossen! Nun hieß es rennen.

Eines Abends auf dem Heimwege stieß er mit dem Kopfe gegen den

Mauerpfeiler eines Gartenportals. Wie konnte denn das angehen? Hatte

er denn im Gehen geschlafen? Nein, das war nicht möglich. Er blutete

an der Wange, und am andern Tage neckte man ihn in der Klasse, er sei

bekneipt gewesen.

Wenige Tage später, auf demselben Wege, erwachte er plötzlich auf

einem freien Platze. Er mußte sich lange besinnen, eh’ er begriff, wo

er war. Er war in einer ganz verkehrten Richtung gegangen und hatte

nun einen noch weiteren Weg nach Hause als sonst. Er war so erschöpft,

daß er nach zehn Schritten immer wieder einschlief; aber der

einstündige Weg mußte gemacht werden, da half nichts. Er nahm ein

heftiges Tempo an und stampfte den Boden wie ein Grenadier beim

Parademarsch; aber nach wenigen Minuten wurden seine Schritte

langsamer – langsamer – langsamer. Am andern Morgen erinnerte er sich

nicht, wie er nach Hause gekommen.

Und noch einige Tage später erwachte er auf demselben Heimwege von

einem trappelnden Geräusch. Verstört blickte er auf und fand, daß er

vor zwei sich bäumenden Pferden stand, die um seinetwillen nicht

weiter wollten. Er sprang zur Seite, und der Kutscher fuhr fluchend

weiter und schimpfte etwas von »Besoffenheit« vor sich hin.

Dieser Schreck war von so nachhaltiger Wirkung, daß Asmus nicht wieder

im Gehen einschlief. Die Theorie, daß der Mensch eigentlich überhaupt

keinen Schlaf brauche, hatte er aufgegeben.

Manchesmal in dieser Zeit mußte er an Adolfinen denken, wie sie

lachend ihren großen Mund aufriß und rief: »Du willst Lehrer werden?

Du bist wohl verrückt!« – – – –

Und wer wußte, ob er nicht wirklich eines Tages die Flinte ins Korn

warf und ans Zigarrenbrett ging! Aber da war Ludwig Semper, sein

Vater. Je älter Ludwig wurde, desto früher stand er auf; er schlief

nur wenige Stunden in der Nacht. Und in der Frühe des Morgens

bereitete er seinem Sohne den Kaffee und strich ihm sein Brot. Und

wenn Asmus seine bescheidene Toilette beendet und sich zum Frühtrunk

gesetzt hatte, dann wußte er, ohne aufzublicken, daß der Blick seines

Vaters auf ihm ruhte. »Er freut sich, daß es mir schmeckt,« dachte

Asmus. »Und er freut sich, daß ich ins Seminar gehen kann und etwas

werde, was er nicht werden durfte.«

O ja, zu Hause schmeckte ihm noch das Brot; aber er mußte auch den Tag

über von Brot leben, weil er erst um 5 oder um 6 Uhr zum Mittagessen

kam, und wenn er in der Mittagspause im Seminar sein Frühstück

auswickelte, dann schauderte er oft zurück und wickelte es wieder ein.

Die Luft dieser alten Schulkasernen belegt alle Luft- und Speisewege

wie mit einer übelschmeckenden Schicht; bis in den Magen hinein fühlte

man diese Luft; er mußte sich Gewalt antun, wenn er einen Bissen

hinunterwürgen wollte, und wenn einem Achtzehnjährigen der Appetit

fehlt, so fehlt ihm ein Stück Jugend. Und eines Morgens fragte ihn

Herr Rothgrün in der Geschichtsstunde:

Semper der Jüngling · 第 67 / 292 题