Asmus klagt sich wegen schwindelhaften Bauens an und wird in Verruf
erklärt.
Ja, die Gesetze des Hebels und die Wunder des Spektrums und vor allem
jener fatale Abgrund, der zwischen Körperwelt und Gedankenwelt klafft,
jener Abgrund, den wir immerfort überspringen, ohne ihn jemals zu
sehen, sie hatten seinem bohrenden Geiste wilde Sorgen gemacht; aber
es waren holde Sorgen gewesen, fröhliche Sorgen, Sorgen, die man nicht
scheuchte, sondern suchte; denn das ist das göttliche Wunder in allem
geistigen Ringen, daà auch die Niederlagen uns stärker und freier
machen, solange uns Hoffnung bleibt.
Die schöne Zeit dieser Sorgen war dahin. Bei den vielen Privatstunden
konnte er nur das Notdürftigste pauken, konnte er eigentlich nur für
den Schein arbeiten. Jawohl, wenn er eine Reihe von Regeln oder
Vokabeln oder eine Biographie oder einen Geschichtsabschnitt einmal
durchgelesen hatte, so wuÃte er sie, aber für wie lange? Und was hatte
dies oberflächliche »Wissen« für einen Wert? Was sollte das für ein
Wissensgebäude werden, das so schwindelhaft gebaute Partien aufwies.
In der Tat: er kam sich vor wie ein gewissenloser Baumeister, der
schadhafte Mauern unterm Putz verbirgt, und dies BewuÃtsein einer Art
Unredlichkeit peinigte ihn mehr als alles andre, obgleich niemand mehr
von ihm verlangte, als er leistete, das lieÃen seine Zeugnisse
deutlich erkennen.
Mit diesen Zeugnissen hatte er gleich nach dem ersten Quartal ein
Malheur gehabt, das von eigenartigen Folgen sein sollte. Am
Quartalsschluà hatte nämlich der Ordinarius gesprochen: »Das Kollegium
ist einstimmig der Ansicht, daà die Klasse sich nicht in dem MaÃe
anspannt, wie sie es könnte, und hat darum beschlossen, die höchste
Zensur im Fleià mit einer einzigen Ausnahme nicht zu vergeben. Diese
Ausnahme bildet Semper; ihm ist eine Eins zuerkannt worden.«
Das war ehrenvoll und sehr gefährlich. Asmus empfand sofort mit jenem
Tastgefühl, das weit über die Grenzen des Körpers hinausreicht, daÃ
seine Klassenkollegen ihm anders begegneten als sonst. Es waren wohl
manche da, die es ihm freudig gönnten; aber die andern waren in der
Mehrzahl. Unter diesen andern war Wiedemann, ein langer Jüngling mit
der Stimme einer alten Tante, den Bewegungen einer Raupe und
feuchtkalten Händen. Asmussens Hände waren trocken und sehr warm,
fast heiÃ. Zwischen solchen Menschen steht etwas, was nicht zu
überwinden ist. Asmus konnte gegen diesen Kameraden nicht freundlich
tun; aber Wiedemann tat freundlich. Es gab in der Klasse einen
vorzüglichen Mathematiker, der es namentlich im Rechnen allen andern
zuvortat.
»Der Mollwitz ist doch ein groÃartiger Mathematiker, was?« sagte
Wiedemann mit lauerndem Lächeln zu Semper.
»Das ist er,« versetzte dieser.
»Ich halte ihn für den besten Mathematiker in der ganzen Klasse,« fuhr
der Lauernde fort.
»Ich auch,« erklärte Semper und begriff nicht recht, was Wiedemann mit
diesen Selbstverständlichkeiten beabsichtigte.
Wiedemann war enttäuscht.
Es gab aber auch einen Seminaristen namens Frey, der ein klarer,
tüchtiger Kopf war und auch einen guten Stil schrieb.
Eines Tages schob sich die Raupe wieder heran.
»Der Frey schreibt doch ân groÃartigen Aufsatz, was?« forschte
Wiedemann.
»Er schreibt ân guten Aufsatz, ja,« sagte Asmus.
»Na, das muÃt du doch auch sagen, seinen Aufsatz macht ihm doch keiner
nach!«
»Soo?« machte Semper.