»Semper! Pardon! â sehen Sie, das macht sich in der Theorie ja alles
sehr schön; aber wie wollen Sie das durchführen? Wir können doch
unsere Kinder nicht mit Krethi und Plethi zusammen erziehen lassen.
Wenn unsere Töchter mit den Töchtern unseres Grünhökers auf derselben
Schulbank sitzen, woher sollen wir denn unsere Frauen nehmen?«
Asmus empfand eine deutliche Ohrfeige. Für Krethi und Plethi und
Grünhöker konnte man auch »Zigarrendreher« sagen. Ãbrigens hatte der
Professor Asmussen nicht nur eine feine Zigarre gereicht, sondern ihm
sogar Feuer gegeben.
Als der Seminarist eine Viertelstunde später die mit dicken Teppichen
belegte Treppe hinabstieg und das Dienstmädchen ihm mit Herablassung
den Ãberzieher reichte, fragte er sich: Durfte ich dazu nun schweigen?
Durfte ich sozusagen meine Eltern beschimpfen lassen für ein feines
Diner? Darf ich überhaupt zu all diesen schrecklichen Ansichten
schweigen und den Anschein erwecken, daà ich sie teile?
Natürlich muÃte er schweigen; denn dreinzureden wäre sehr unbescheiden
gewesen. Aber er konnte das nicht mit anhören, ohne jeden Augenblick
aufzuzucken. Und ihm fiel das schöne Aristokratenwort seines
Landsmannes Th. Storm ein:
»Wo zum Weib du nicht die Tochter
Wagen würdest zu begehren,
Halte dich zu wert, um gastlich
In dem Hause zu verkehren.«
Der Kopfhänger Asmus richtete sich hoch auf, und zu Hause angelangt,
schrieb er sofort an »Stadtratens«, daà er durch Privatstunden und
andere Pflichten leider verhindert sei, fernerhin zum Essen zu kommen,
und daà er für die erwiesene Güte danke.
Bei dem reichen Lederhändler aber, der Senator werden wollte, hielt
erâs nur eine einzige Mahlzeit aus. Als man zum Essen ging, wollte
Asmus schon seinen Stuhl vom Tische abrücken, um sich darauf zu
setzen, da bemerkte er, daà alle hinter ihren Stühlen stehen blieben
zum Gebet. Er trat schnell ebenfalls hinter seinen Stuhl, faltete aber
weder die Hände noch senkte er den Kopf, um nicht den Anschein zu
erwecken, daà er mitbete. Der Hausvater tat, als habe er nichts
bemerkt; aber gegen Ende der Mahlzeit flocht er in sein erbauliches
Gespräch ein Sprüchlein ein, das lautete:
»Wer ungebetet zu Tische geht
Und ungebetet vom Tisch aufsteht,
Der ist dem Ãchs- und Eslein gleich
Und hat nicht teil am Himmelreich.«
Durch diese liebevolle Weltanschauung fühlte sich indessen Asmus nicht
einmal so weit überzeugt, daà er beim Gebet nach Tisch die Hände
faltete, vielmehr sagte er sich auf dem Nachhausewege: »Kann ich
erwarten, daà die Leute meinetwegen nicht beten? Ganz gewià nicht.
Können sie verlangen, daà ich aus Dankbarkeit für das Mittagessen
mitbete? Ebensowenig. Ich bete nicht. _So_ nicht. _So_ nicht!« rief
der Jüngling, der nach der Ansicht des Lederhändlers keinen Teil am
Himmelreich hatte, laut vor sich hin, so laut, daà ein kleiner Junge
ihn anstarrte und ihm eine Weile nachschaute. Und merkwürdig, wieder
fiel ihm ein steifnackiges Wort Theodor Storms ein:
»Auch bleib der Priester meinem Grabe fern;
Zwar sind es Worte, die der Wind verweht;
Doch will es sich nicht schicken, daà Protest
Gepredigt werde dem, was ich gewesen,
Indes ich ruh im Bann des ewâgen Schweigens!«