XVI. Kapitel.

Handelt von sonderbaren Studenten und von einem unvergleichlichen

Architekten.

Soweit waren die Privatstunden gut und schön. Mit den zwei Kaufleuten

aber ging es schon anders. Das waren zwei Kompagnons, die Englisch

lernen wollten. Aber nicht das Englisch der Schulgrammatik, des

Landpredigers von Wakefield und des Verlorenen Paradieses, sondern das

Englisch der Butter-, Eier- und Buckskinhändler. Also kaufte sich

Asmus eine Grammatik der englischen Kaufmanns- und Gewerbesprache und

studierte mit Volldampf englische Tratten, Rimessen, Konnossemente,

Fakturen, Beschwerden über unbefriedigende Hosenstoffe und

Insolvenzerklärungen. Die beiden Schüler waren so ungleich wie nur

denkbar; der eine begriff nichts, der andere alles, und das mochte

diesen bewogen haben, sich mit jenem zu assoziieren. Wie sollte man

mit zwei solchen Pferden vorwärts kommen! Und obendrein mußte man doch

noch immer auf der Hut sein, den verstopften Geist seine

Beschränktheit allzu beschämend fühlen zu lassen! Aber die Qual

sollte nicht allzulange dauern. Als Asmus nach zehn Unterrichtsstunden

zur elften erschien, erklärte ihm die Frau, bei der die beiden

Junggesellen gewohnt hatten, daß seine Schüler verzogen seien

»unbekannt, wohin«. Sein Honorar hatten die Kompagnons mitgenommen.

Asmus stand eine Weile sinnend vor dem Hause und betrachtete beim

Schein der Gaslaterne die Grammatik für Kaufmannsenglisch, die vier

Mark gekostet hatte und für die er nie im Leben wieder Verwendung

finden sollte.

Mit diesen Stunden hatte er besonders gerechnet. Er verdiente

allgemach so viel, daß er seinen Eltern Kost und Wohnung vergüten

konnte, und diese Stunden sollten es ihm endlich ermöglichen, von

seinem Verdienst ein weniges für sich zu behalten. Wenn die Stunden

eine Weile fortgingen, wollte er sich ein Klavier mieten! Und auf

diesem einst zu mietenden Klavier hatte Ludwig Sempers Sohn auf

Spaziergängen und an stillen Feierabenden schon manches #Adagio

cantabile# und manches #Presto furioso# gespielt. Denn er war

vielleicht der größte und kühnste Luftschloßarchitekt seines

Jahrhunderts. Aus einem einzigen Stein baute er ein Schloß; aber er

ließ es nicht etwa, wie die meisten dieser Künstler, bei dem Gerüst

oder bei der Fassade bewenden; nein, er führte es durch und hinauf bis

zu den letzten Fialen und Türmchen, die mit den Mondstrahlen stritten

an Feinheit und Glanz; er baute es aus von der Halle bis ins

verschwiegenste Gemach, von der breitschimmernden Treppe bis in die

Kammer des Türmers, vom lauschigen Erker bis zum lachenden Balkon, der

in prangende Gärten hinabsah. Denn was wäre ein Schloß ohne einen Park

mit Brücken und Lauben, mit singenden Wassern und horchenden

Steinbildern, mit hundert Abgründen für den Traum und hundert Grotten

und Höhlen für die Erinnerung?

Aber das merkwürdigste war, daß er, wenn das Schloß nun plötzlich im

leeren Grau verschwand, nur drei Sekunden brauchte, um sich mit dieser

vollendeten Tatsache abzufinden. Er galt bei denen, die ihn kannten,

für einen Menschen von Talent; aber sein größtes Talent kannten weder

sie noch er selbst: sein unerhörtes Talent, glücklich zu sein. In

einem heimlichen Schubfach seines Herzens lagen tausend Baupläne zu

neuen Luftschlössern; hinter seiner Stirn brannte wie ein wandelloser

Stern die Hoffnung: Einmal bau ich mir doch ein Schloß, ein Schloß aus

wirklichem Glück, und so viele, so herrliche Schlösser ihm versinken

mochten – er versöhnte sich mit jeder Notwendigkeit und kannte nichts

Unsinnigeres als Trauer um das Unabänderliche.

Und so schob er denn die Grammatik der englischen Handelssprache unter

den Arm und sagte sich: »Ich habe doch meine Kenntnis des Englischen

erweitert und einen gewissen Einblick in geschäftliche Dinge bekommen

– wer weiß, ob ich sonst jemals dazu gekommen wäre.« Damit waren die

Kompagnons erledigt.

Die Lust, etwas zu lernen, ist unter den Menschen weit verbreitet, die

Lust, sich darum anzustrengen, nicht. Es gab wohl allerlei Leute, die

Privatstunden haben wollten; aber sie gaben sie gewöhnlich schnell

wieder auf, wenn sie merkten, daß das Lernen bei aller Milde der

Methoden doch etwas anderes ist als eine schmerzlose Einspritzung ins

Gehirn. So gingen allerlei Leute durch Asmussens Hände: ein

Opernsänger, der fast so begabt war wie der beschränkte Kompagnon,

aber nicht singen konnte; ein Franzose, der Deutsch lernen wollte, der

– #ayant oublié son porte-monnaie# Asmussen um drei Mark anpumpte und

dann nicht wiederkam; ein Gastwirt, der eine feinere Wirtschaft

übernahm und darum Bildung lernen wollte, und manche andere; es gab

Wochen, in denen »das Geschäft blühte«; aber sie wechselten mit

Monaten, Vierteljahren, an denen es darniederlag. Und wenn den

Glückspilz Asmus Semper etwas andauernd unglücklich machen konnte, so

war es das Gefühl, seinen Eltern zur Last zu liegen, und die Furcht,

in den Augen seiner Mutter den stummen Vorwurf zu lesen, daß er seinen

Eltern Opfer und Sorgen auferlege, die keines der anderen Kinder

verlangt habe.

Semper der Jüngling · 第 61 / 292 题