Das Schicksal führt uns zu wunderlichen Tischgenossen.
In solcher Zeit ward ihm einmal Hilfe durch einen Lehrer, der ihm in
»feinen Häusern« drei Freitische verschaffte. Asmus jubelte, erstens
weil er seinen Eltern drei Mittagsmahle ersparte, und zweitens, weil
ihm ein Klassenkollege und Freitischler auf Spaziergängen zu
wiederholten Malen die Leckerbissen geschildert hatte, die es in
solchen Häusern gebe. Schneebälle zum Beispiel, Schneebälle zum
Nachtisch, man denke! Asmus freute sich wie ein Kind auf die zu
erwartenden Festgerichte und ahnte nicht, womit sie gewürzt waren. Und
bei dem Architekten war es wirklich schön! Die kinderlosen, noch
jungen Eheleute behandelten ihn ganz wie einen Gast; das Mädchen
servierte erst der gnädigen Frau, dann ihm und dann erst dem
Hausherrn, und die gnädige Frau schanzte ihm immer besonders gute
Bissen zu und schälte und zerlegte ihm mit eigenen Händen Ãpfel und
Apfelsinen. Asmus war von dieser reinen Güte so beschämt, daà er
anfangs vor Beklommenheit nicht reden und nicht essen konnte. Aber
die ungezwungene Freundlichkeit der Wirte, die keine seiner
Verlegenheiten und Unbeholfenheiten zu bemerken schien, half ihm über
alle Ãngste hinweg; der Hausherr schenkte ihm immer wieder ein,
behandelte ihn als alten Kneipgesellen und neckte bei aller Zartheit
seine Frau so lustig und unbefangen, als wäre niemand zugegen denn ein
alter Freund!
»Greifen Sie zu, Herr Semper, greifen Sie zu!« rief er. »Meine Frau
hofft natürlich, daà von dem Eis was nachbleibt â sie nascht nämlich;
aber wir sind für ihre Gesundheit verantwortlich; es darf nichts übrig
bleiben.«
Dann drohte die sanfte Frau ihrem Gatten lächelnd mit dem Finger und
schob Asmussen die Eistorte zu mit einem Glanz in den Augen, als
pflege sie in dem kleinen Seminaristen ihr ersehntes Kind.
Wie ganz anders ging es da »bei Stadtrats« zu. Da kam Asmus gleich
beim ersten Male neben einer pompösen Dame zu sitzen; sie hieà »Frau
Senator«, und er war sozusagen ihr Tischherr. Zwischen ihr und ihm
stand auf dem Tisch eine Flasche Rotwein. Als der erste Gang nach der
Suppe aufgetragen war, sagte die dicke Frau in einem bösen Tone:
»Na, wenn _Sie_ keinen Wein mögen, _ich mag_ Wein!« nahm heftig den
Stöpsel von der Flasche und schenkte sich ein.
Asmus warâs, als ob ihm siedendes Wasser über den ganzen Leib liefe.
Wie sollte er denn dazu kommen, sich an einer Flasche Wein zu
vergreifen, die andern Leuten gehörte, und diesen Wein einer Dame
anzubieten, einer Dame »furchtbar prächtig wie blutiger
Nordlichtschein«! Wenn er auch in der Theorie noch Königsmörder war
und wuÃte, daà es schlechte Könige und Minister gebe, in der Praxis
glaubte er noch fest, daà ein Mensch, der »Frau Senator« heiÃe, auch
wirklich etwas Hervorragendes und Feines sein müsse.
Da war aber auch noch jedesmal ein Kandidat, der bei jeder passenden
und unpassenden Gelegenheit auf die Juden schimpfte, sonst aber keine
geistige Regsamkeit erkennen lieÃ. In Asmussens Herzen war die Stelle
noch sonnenwarm, an die er vor Jahren Lessings Gedicht von Nathan dem
Weisen gedrückt hatte. Der Kandidat war ihm furchtbar zuwider. Er
konntâ es begreifen, daà man einzelne Menschen haÃte, wenn sie
schlecht waren; auch er konnte hassen, o gewiÃ, leidenschaftlich, wenn
auch nicht lange; aber daà man eine ganze Menschenklasse hassen,
verdammen, beschimpfen und ihr alles Leid an den Hals wünschen konnte,
das empörte ihn wie eine Roheit des Herzens, und diese Empörung
schwoll eines Tages so gewaltig in ihm auf, daà er, über und über
errötend, dem Kandidaten erwiderte: