»Ich bin ausgewiesen.«

Man glaubte anfangs, er scherze. Aber er zeigte lächelnd den

Ausweisungsbefehl. Und man begriff noch immer nicht. Wie? Dieses

neunundzwanzigjährige Kinderherz sollte »gemeingefährlich« sein? Wie?

dachte Asmus, dieser Mann, der zu den besten Stücken meiner Jugend und

meiner Heimat gehört – den verbannt man aus seiner Heimat? Gewiß würde

Moldenhuber auch auf der Barrikade seine Schuldigkeit getan haben;

aber nie würde er aufgefordert haben, eine zu bauen; er würde viel

mehr versucht haben, den Fürsten Bismarck oder den das Standrecht

ausübenden General von seinem Irrtum und von der Richtigkeit der

sozialistischen Lehre zu überzeugen.

Aber alles Verwundern half nichts gegenüber der brutalen Tatsache.

»Wohin willst du denn?« fragte Ludwig Semper.

»Nach Amerika,« antwortete Moldenhuber ruhig.

Nach Amerika! Der Wolkenschieber nach Amerika! Das war so, als wenn

Hölderlin auf die Hamburger Börse gegangen wäre, um hinfort in Kaffee

zu spekulieren. Ludwig Semper riet ihm dringend ab; aber der Seefahrer

war heiter entschlossen. Fast schien es, als ob ihm die

Schicksalswendung willkommen wäre und er sich auf die Entdeckung

Amerikas durch Heinrich den Seefahrer freue. Was konnte ihm geschehen?

Nahm er nicht seine Dichter und Philosophen überallhin im Kopfe mit?

Und für eine Bücherkiste war wohl auch noch Platz im Zwischendeck.

Amerika! Asmussens Brüdern, Johannes und Alfred, hatte dies Land schon

oft vor der Seele gestanden als ein Bereich, wo man aus dem ewigen

Schuften und Sorgen herauskomme, wo brauchbare Arbeit einen

reichlichen Lohn finde. Der Entschluß, dahin auszuwandern, war immer

wieder verschoben worden; denn diese Heimat mit all ihrem Schuften und

Sorgen übte ihre stille Kraft. Aber die Polizei kam ihrer

Unentschlossenheit zur Hilfe. Ein Beamter, der Ludwig Sempern

freundlich gesinnt war, teilte ihm unter der Hand mit, daß auch sein

Sohn Johannes auf der Proskriptionsliste stehe und demnächst

»drankomme«. Vielleicht ziehe er es vor, noch vordem auszuwandern.

Das gab einen Aufruhr im Hause Semper! Frau Rebekka sprach sich über

Thron und Altar, über Bismarck und die Polizei in einer Weise aus, die

ihr gegebenen Falles 100 Jahre Gefängnis gesichert hätten, und im

stillen weinte sie. Ludwig Semper trug das Unglück schweigend wie

immer, nur warf er öfter als sonst das linke Bein über das rechte und

bewegte heftig die Lippen, und nur einmal rief er: »Die Narren, wenn

sie glauben, daß ihnen das was hilft!«

Am muntersten nahm Alfred die Neuigkeit auf. Er wollte sofort mit

seinem Bruder nach Amerika, obwohl ihn niemand forttrieb und obwohl

er sich ein Sümmchen erspart hatte. Aber er wollt’ es »zu was bringen«

und erbot sich, seinem Bruder das Geld für die Überfahrt zu leihen.

Und Johannes schlug ein. Entschlossen, nach Amerika zu gehen, war auch

er. Aber seine Entschlossenheit hatte zwei Gesichter, die in den

nächsten acht Tagen oft miteinander wechselten. Das eine pflegte mit

unternehmendem Blick durchs Fenster nach Westen zu sehen, das andere

die Blicke wandern zu lassen über Wände und Winkel, Gassen und Felder

in Haus und Heimat, von denen er scheiden sollte.

Semper der Jüngling · 第 55 / 292 题