»Ihr könnt wieder nach Hause gehen, Herr Rösing ist krank.«

»Hurra!« hatte die ganze Klasse geschrien. Da hatte der Lehrer

gerufen: »Jungens, seid ihr des Teufels? Wenn euer Lehrer krank ist,

brüllt ihr Hurra?«

Aber das war eine tendenziöse Zusammenstellung. Sie dachten gar nicht

an die Krankheit des Herrn Rösing; sie dachten nur an ihre Freiheit.

Sie gönnten dem Lehrer jedes Wohlbefinden, wenn er nur nicht kommen

wollte. Und auch Asmus hatte Hurra geschrien ...

Aber seine Ferien waren noch nicht ganz; einige Tage mußte er noch in

die Schule zum Unterrichten, und dann mußte er noch eine Prüfung

ablegen: prüfend sollte er geprüft werden. Da der kranke Lehrer noch

immer nicht wieder erschienen war, so mußte Asmus »seine« Klasse bei

der öffentlichen Prüfung vorreiten. Das war wieder eine bange Stunde;

denn hinter ihm, neben ihm, an den Wänden entlang und auf den Bänken

der Kinder saßen und standen sämtliche Damen und Herren des

Kollegiums. Auch Laura war natürlich da und die beiden Leonoren; und

ganz hinten auf der letzten Bank saß Beatrice, oder, wie sie

eigentlich hieß: Hilde Chavonne. Sie hatte zum ersten Male die Trauer

abgelegt, wenn auch nur in ihren Kleidern; sie trug ein leuchtend

braunes Kleid, und in diesem Kleide, mit ihrem reichen braunen Haar

und ihren melancholisch-braunen Augen war sie brünetter, hübscher und

stolzer denn je. Und mit einem Male sprang in Asmussens Seele ein

Imperativ empor: dieser Stolzen sollst du imponieren. Den Blick dieses

Mädchens wählte er sich zum Leitstern durch die schwere Stunde, und

nichts gibt der Arbeit eines Siebzehnjährigen einen feurigeren

Aufschwung, als wenn auf ihr der Blick eines Weibes ruht.

Als die Prüfung vorüber war, sagte der Oberlehrer nichts; er wiegte

nur wohlwollend auf und ab das Haupt. Als die Damen das Zimmer

verließen, sah Asmus, daß Fräulein Chavonne sich mit einer Kollegin

über ihn unterhielt; denn diese blickte ihn wiederholt von der Seite

an; Hilde Chavonne aber heftete, bevor sie hinausschritt, noch einmal

den Blick auf ihn, als habe sie den kleinen Herrn erst heute kennen

gelernt, und was das Merkwürdige war: sie wandte den Blick nicht weg,

wie es sonst die Mädchen zu tun pflegen, wenn der Blick eines

Jünglings ihrem beobachtenden Auge begegnet; nein: offen, fest und

ernst blickte sie ihm ins Auge.

Nach völlig beendigter Prüfung wollte Semper sich von den Herren des

Kollegiums verabschieden.

Semper der Jüngling · 第 47 / 292 题