Frühlings- und Ferienlust; Wiederauftreten des Herrn Morieux; ein
längerer Blick der »Dame in Trauer«, ein Aufstieg ins Gebirge und ein
Gärtner mit einer Schere.
In der Tat, das einzige Gute, das solche Prüfungen haben, sind die
Ferien, die sich ihnen gewöhnlich anschlieÃen. Drei Wochen hatte er
nun frei â er warf sich daheim aufs Sofa und streckte die Beine, als
wenn er sie gleich durch die ganzen drei Wochen hindurchstrecken
wollte. Und auch gefeiert wurde er! Frau Rebekka, die nun endlich ganz
beruhigt war, fragte ihn feierlich, was er denn heute essen wolle. Das
war noch nicht dagewesen. Und Asmus nahm seinen Flug bis zum Gipfel
der Imagination und sagte nach einigem Erwägen: »Pfannkuchen mit
Pflaumenmus.« »Sollst du haben,« sagte Frau Rebekka und flog in die
Küche an den Herd.
Was sein Vater ihm gab, war anderer Art. Asmus saà mit einem Buch an
seinem gewohnten »Schreibtisch«, und Ludwig Semper saà an seinem
Arbeitstisch und machte Zigarren. Und obwohl Asmus ihn nicht ansah,
wuÃte er wieder ganz genau, daà die Augen seines Vaters auf ihm
ruhten, und er hütete sich wohl, den Blick zu erheben und die
zärtlichen, sommerwarmen Augen seines Vaters zu verscheuchen. Er las
nicht mehr, er sah immer auf dasselbe Wort und dehnte sich in der
Juliwärme dieses Blickes, dehnte sich langsam, kaum merklich, aus
Furcht, die Sonne möchtâ es merken und sich verhüllen; er fühlte sich
von einem heiligen Licht umflossen und sah in diesem Licht wie goldene
Stäubchen die Millionen seligen Erinnerungen seiner Kindheit wirbeln.
Und noch ein andres Herzensglück sollten diese Tage ihm bringen. Als
Asmus eines warmen Frühlingstages am Fenster stand und auf seiner Zehn
Marks-Geige nach einer Notenschrift in den Wolken fantasierte, wurde
heftig geklopft. Im selben Augenblick sprang auch schon die Tür auf,
und wer trat herein? Morieux. Morieux mit bleichem, verzerrtem Gesicht
und weit vorgestreckter Hand.
»Ich wollte dir die Hand zur Versöhnung bieten,« sagte er.
»Bravo!« rief Asmus, indem er klatschend einschlug, »wie gehtâs dir?
Was machst du? Komm, setzâ dich ins Sofa! Steckâ dir eine Zigarre an,
eine feine Brasil. Trinkst du lieber Bier oder Kaffee?«
Er war nahe daran, seinem Freunde Kost und Logis für drei Monate
anzubieten; denn er muÃte reden, um seiner Gemütsbewegung Herr zu
werden. Er schämte sich viel mehr als sein Freund; er war über und
über rot geworden, lief planlos im Zimmer hin und her und stellte
seinem Gast die beiden besten Stühle hin, obwohl er ihn ins Sofa
gebeten hatte.
Morieux fing an, von seinem Verschulden zu sprechen.
»Aber ich bitte dich!« rief Asmus, »sprich nicht davon. Wenn ich mich
vertrage, habâ ich alles Vergangene vergessen. Ich hattâ es sowieso
schon vergessen. Da â hier â spielâ mir was vor!« Er drückte ihm die
Geige in die Hand. »Bitte, bitte, die F-Dur-Romanze!«
Und Beethovens Töne schwemmten alle Kleinigkeiten hinweg.
Drei Wochen sollte er so genieÃen! Was konnte man da für Spaziergänge
machen, für Bücher lesen, für Duette spielen, für Gedichte machen â es
war nicht auszudenken! Ganze Epopöen konnte man dichten! Er begann
auch sofort mit einer breit angelegten Dichtung »Niobe«, in der die
vierzehn Kinder der bejammernswerten Tantalstochter einzeln starben.
Ach ja, Ferien waren doch noch schöner als die schönsten
Unterrichtsstunden! Auch als Junge war er â wenn seine Mitschüler ihn
nicht peinigten â mit Lust zur Schule gegangen, ja, die Geschichts-
und Geographie- und Physikstunden des Herrn Cremer waren ihm zuzeiten
das Liebste auf der Welt gewesen; aber das Allerliebste blieben doch
die Ferien. Als er noch in der Klasse des Herrn Rösing gewesen war, da
war eines Morgens ein Lehrer gekommen und hatte gesagt: