»Ja!« rief das Bürschchen begeistert.
Hm. Das war ein unerwartetes Hindernis. Aber Asmus besann sich.
Vielleicht sprach das Kind so aus ethischen Erwägungen. Es meinte wohl
im stillen: wenn ich es versprochen hätte.
»Schön,« fuhr der Magister fort, »du möchtest also bei einem Frosch
schlafen. _Aber doch nur wann?_«
»Immer!« versetzte strahlend der Gefragte.
Hm, hm. Wie sollte man diesem perversen Individuum die Moral der
Geschichte begreiflich machen? Man muÃte einfach die Segel streichen.
Der kluge Magister begriff erst später die Freude der Kinder an allem
Spiel mit den Tieren.
Aber solche und ernstere Schwierigkeiten erhöhten gerade die Lust an
der Arbeit, und er widmete sich ihr auch mit so viel körperlichem
Eifer, daà er infolge des vielen Sprechens von einer Heiserkeit in die
andere fiel. Ãberdies kam der erkrankte Lehrer nicht wieder, aus den
acht Wochen wurde ein Vierteljahr, aus dem Vierteljahr ein halbes.
Asmus hatte morgens eine Stunde weit zur Schule und ging mittags
denselben Weg zurück. Dann aà er eilig zu Mittag und ging abermals zur
Schule, um den Nachmittagsunterricht zu erteilen. Danach begab er
sich von der Schule ins Präparandeum, und abends hatte er eine gute
Stunde nach Hause. Dann erst konnte er an seine Präparationen für
Schule und Präparandeum gehen. Das machte etwa elf Stunden Arbeit und
fünf Stunden Marsch. Aber Asmus war noch immer tief davon
durchdrungen, daà der Schlaf ein eingebildetes Bedürfnis sei, eine
Ãberzeugung, die er bald genug ablegen sollte. Einstweilen aber ging
er nicht nur jeden Sonnabend zu Bockholm ans Klavier, er machte auf
seinen Wanderungen auch noch Gedichte, die den Beifall Lauras, nämlich
Fräulein Wieselins, und der beiden Leonoren fanden.
Nur einen Menschen gab es, dem die vielfältige Beschäftigung Asmussens
Sorge machte, und das war seine Mutter. Nicht, daà sie für seine
Gesundheit gefürchtet hätte, â seine vollen, roten Wangen lieÃen
solche Befürchtungen nicht aufkommen, â nein, sie bangte wegen des
bevorstehenden Abgangs-Examens. Im nahen März sollte Asmus ins Seminar
übergehen, und sie fürchtete, daà er sich bei so viel Arbeit nicht
ordentlich vorbereiten könne und dann womöglich durchfalle. Und sie
schickte heimlich einen Seminaristen aus der Bekanntschaft ab, der
sich bei einem Lehrer des Präparandeums nach den Aussichten ihres
Sohnes erkundigen sollte. »Zu Hause sagt der Bengel ja nichts,« klagte
sie. »Er macht auch Gedichte; aber meinen Sie, er zeigt sie uns? Wenn
ich nicht mal eins in seiner Schublade finde, erfahren wir nichts
davon.«
Seine Gedichte zu Hause zeigen, â nein, das brachte Asmus nicht über
sich. Eine Scham, die er sich selbst nicht deuten konnte, hielt ihn
davon zurück. Wir mögen auf der Gasse nicht im Nachtgewand und daheim
nicht in der #Toga palmata# erscheinen.
Jener geheime Emissär geriet an den Lehrer für deutsche Sprache und
Literatur, einen groÃen Mann mit einer prachtvollen Römerglatze und
energischen Zügen, die lieber dem Spott als der Liebenswürdigkeit
dienten. Er maà den Frager von oben bis unten mit höhnischem Blick und
sagte dann: »Ja, wenn wir den durchfallen lieÃen, wen sollten wir dann
bestehen lassen?«
Dieser Bescheid beruhigte Frau Rebekka einigermaÃen, aber keineswegs
vollständig. Als der erste Tag des schriftlichen Examens anbrach,
strich sie unaufhörlich mit liebkosenden Händen an ihrem Sohne auf und
ab, als ginge er den Weg zum Schafott und kehre nicht mehr zurück. Als
ihn acht Tage später der Mann mit der Römerglatze auf die Seite
genommen und mit spöttischem Lächeln gesagt hatte: »Ich gratuliere
Ihnen. Sie haben den besten Aufsatz geschrieben,« da brachte er
fliegenden Laufes wie der Bote von Marathon seiner Mutter die
Nachricht, damit sie sich beruhige. Und wirklich wurde sie etwas
ruhiger.
Ludwig Semper konnte zu der Unrast Rebekkens immer nur lächeln. »Du
bist nicht gescheit,« sagte er kopfschüttelnd und blickte zum Fenster
hinaus in die Ferne.
Asmus aber war aus Sicherheit und Unruhe wunderbar gemischt. Er
pflegte weder sich noch anderen Demutsflausen vorzumachen und sagte
sich wohl: »So viel wie die anderen weià ich auch«; aber alles Leben,
das er noch nicht kannte, stellte er sich als Wunder vor, als gutes
oder schlimmes Wunder, und das Examen rechnete er vorläufig zu den
schlimmen. Er dachtâ es sich im Grunde als eine Lotterie, die der
Zufall entschied; er stellte sich vor, daà Dr. Korn, der als Direktor
natürlich alles wuÃte, oder Herr Stahmer, der ebensoviel wuÃte, ihm
die abenteuerlichsten Fragen vorlegen könnten, die schwersten Fragen,
an die er nie gedacht, und dann war ihm ungefähr zumut wie dem armen
Gretchen beim #dies irae#.
#Quid sum miser tunc dicturus
»Quem patronum rogaturus?«#
Vielleicht war er der unruhigste von allen Examinanden. Sein
Platznachbar Seybold z. B. schrieb im schriftlichen Examen einfach
alles nach, was er mit seinen vortrefflichen Augen von Sempers
Schriftstücken ablas, und war darum viel ruhiger als dieser. Ja,
dieser Jüngling setzte ein so heiteres Vertrauen in die Kräfte seines
Nebenmannes, daà er noch unmittelbar vor der naturgeschichtlichen
Prüfung im Bücherschrank der Klasse von möglichst dicken Wälzern nach
dem System »Mausefalle« einen babylonischen Turm errichtete, der bei
der geringsten Erschütterung durch die angelehnte Schranktür ins
Zimmer stürzen muÃte. Der Campanile brach denn auch mit wunderbarer
Präzision und furchtbarem Getöse zusammen, als Papa Hamann gerade die
Frage von den Monocotyledonen und den Dicotyledonen diktierte.
Natürlich muÃte Asmus Semper wieder prusten, und als Papa Hamann ihn
lachen sah, sagte er:
»Themper, thie gehen mit einem geradethu thträflichen Leichtthinn inth
Ekthamen!«
In der mündlichen Prüfung war Seybold freilich erheblich unruhiger,
und wenn der Examinator sich seinem Platze näherte, stieà er Sempern
so heftig in die Rippen und trat ihm so deutlich auf den FuÃ, damit er
ihm aushelfe, daà Asmus noch drei Tage nachher die blauen Flecke
beobachten konnte. Nun konnte er zwar nicht einblasen, wenn er sich
nicht selbst ans Messer liefern wollte; aber der gute Seybold bestand
trotzdem, und Asmus stellte ernste Erwägungen darüber an, warum man
eigentlich Examina vornähme, wenn auch die Seybolde durchkämen.