Ein Afrikaforscher, der nicht revanchelüstern ist.
Ganz, ganz anders war Sempers zweiter Wandergenosse. Er war hager,
sehnig und steif, von scharfgeschnittenem Gesicht, und sein
silberweiÃes kurzgeschorenes Haar stand senkrecht aufgerichtet wie
Nägel. Eigentlich hieà er Herrig; aber nach einem Vororte Hamburgs, wo
die Insassen einer gewissen Anstalt gezwungenermaÃen kurzgeschoren
gingen, nannte der liebevolle Witz seiner Klassengenossen ihn
»Fuhlsbüttel«. Weit davon entfernt, musikalisch zu sein, sang er, wenn
er die Wacht am Rhein singen wollte, die Lorelei, die aber auch noch
falsch. Er war überhaupt vom Kopf bis zu den FüÃen amusisch, und unter
allen Kunst- und Literaturschätzen der Welt gab es nichts, was seinen
Herzschlag beschleunigen konnte. Allein auch er hatte etwas, was ihn
Sempern interessant machte: nämlich eine grammatische Nase, und in der
Analyse knifflicher Satzgebilde galten er und Asmus für Rivalen. Auch
kannte er eine Menge Pflanzen und Insekten bei Namen, und Asmus, den
seine Dorfschule in dieser Hinsicht mit wahrhaft imposanten Lücken
ausgestattet hatte, ergriff mit Freuden die Gelegenheit, sich aus dem
»Thesaurus« seines Freundes zu bereichern. Dafür bereicherte sich John
Herrig, wie man sehen wird, aus einem anderen Schatze seines Freundes
Asmus.
Zunächst freilich war es eine Bereicherung von zweifelhaftem Wert. Sie
unterhielten sich auf ihren Wanderungen stundenlang mit bitterem Ernst
über Fragen der Politik, der Volkswirtschaft, der Gesellschaftsmoral,
der Philosophie, kurz #de omnibus rebus et quibusdam aliis#. (Morieux
war immer nach zwei Minuten auf eine Hanswursterei abgesprungen.)
Dabei sprachen sie auch von ihrer Zukunft.
»Ich bleibe nicht Lehrer,« sagte Herrig, »ich werde Afrikaforscher.«
Da war es Asmussen, als ob plötzlich eine unbekannte Gewalt, von der
er nie gewuÃt, die gar nicht aus seinem Innern, sondern aus einer
weiten Zukunft zu kommen schien, ihm ein Wort auf die Lippen legte:
»Ich â ich â« sprach er zögernd, »ich _möchte_ ja wohl Dichter
werden!« Und schnell setzte er hinzu: »Aber das ist ja natürlich
Unsinn.«
Dann gab es einen Tag, da gingen John und Asmus lange schweigend
nebeneinander her.
»Warum reden wir eigentlich nichts?« sagte Asmus endlich.
»Hm,« machte Herrig, »weil wir nichts mehr zu streiten haben. Ich habe
nach und nach alle deine Anschauungen angenommen.«
Asmus erschrak fast, als Herrig so nüchtern den wahren Sachverhalt
feststellte. Er hatte recht: das innere Freundschaftsverhältnis war
eigentlich abgestorben. Anschauungen aber, die man von einem anderen
angenommen hat, weil man nichts mehr zu erwidern wuÃte, sind immer ein
zweifelhafter Reichtum gewesen.
Asmus indessen ertrug es nicht, einen toten Freund mit sich
herumzuschleppen. Er versuchte, von seinem Blut in die Adern seines
kalten, blaÃhaarigen Freundes hinüberzuleiten. Sie wollten an den
herrlichen Sonnabend-Feierabenden etwas zusammen arbeiten. Und er
holte Schillers Briefe über ästhetische Erziehung hervor, an denen er
sich schon einmal geärgert hatte, weil er sie nicht verstand.
Vielleicht gelang es, sie mit zwei Köpfen zu bewältigen. Aber nach
einigen Briefen muÃten sieâs abermals aufgeben. Nun studierten sie
Latein zusammen und lasen den Gallischen Krieg. Auch andere römische
Autoren lasen sie; wenn sie ihnen lateinisch zu schwer waren, dann in
Ãbersetzungen, und in den anschlieÃenden Unterhaltungen fanden die
alten Herren eine mehr oder weniger endgültige Beurteilung.
»Dieser Ovid ist doch ein fürchterlicher Quatschkopp!« rief Herrig
eines Abends aus.
Das ärgerte Asmus und er versetzte: