VIII. Kapitel.

Warum Ludwig Semper nicht in den »Lohengrin« ging und Asmus mit einem

Windhund verkehrte.

Wenn er von der monatlichen Kneipe der Albingia einmal spät nach Hause

kam, so schüttelte Frau Rebekka den Kopf und äußerte ihre Besorgnisse;

aber Ludwig Semper lachte vergnügt in sich hinein und sagte: »Laß ihn;

das gehört dazu.« Auch er hatte zu Schleswig seine heimlichen

Gymnasiastenkneipen gefeiert und den Landesvater gesungen, und

manchesmal, wenn das Vergangene in ihm erwachte, hatte er, am

Tabakstische sitzend und das blanke Zigarrenmesser schwingend,

gesungen:

»Seht ihn blinken

In der Linken

Diesen Schläger, nie entweiht!

Ich durchbohr den Hut und schwöre:

Halten will ich stets auf Ehre,

Stets ein braver Bursche sein!«

Dagegen hatte Ludwig Semper für eine andere Neigung seines Sohnes

durchaus kein Verständnis: Er begriff nicht, wie man ohne Not einen

Weg von mehr als einer Viertel- oder gar halben Stunde machen konnte.

Wenn Asmus in den Ferien Spaziergänge von vier Stunden machte, so

schüttelte Ludwig andauernd den Kopf; bei einem acht- oder

zehnstündigen Ausflug aber wurde er sozusagen böse, warf das linke

Bein über das rechte und murmelte: »Verrückt!« Er schien das für

gesundheitsschädlich zu halten, und einer der Gründe, weshalb er noch

immer nicht den Lohengrin gehört hatte, war der, daß man ins Hamburger

Stadttheater eine Stunde zu gehen hatte. Asmus hingegen hatte Seume

gelesen, und einer seiner Träume war es, einen Spaziergang nach

Syrakus zu machen, wie ihn dieser etwas nüchterne, etwas trockene,

aber in seiner Unabhängigkeit, Kraft und Lauterkeit dennoch poetische

Mann gemacht hatte.

Unter den Studiengenossen, mit denen Asmus seine botanisch-zoologisch-

mineralogisch-poetisch-politisch-philosophisch-cerealisch-bacchischen

Ausflüge – denn das Frühstück spielt bei Siebzehnjährigen eine genau

so große Rolle wie der Idealismus – zu unternehmen pflegte, waren es

besonders zwei, zu denen er in ein näheres Verhältnis trat. Der eine

war sein Mithospitant Morieux, und dieser hatte Eigenschaften, die

wohl auf einen französischen Vorfahren schließen lassen konnten. Er

war ein hübscher, schlanker, geschmeidiger Bursche mit dunklem Haar

und einem famosen schwarzen Schnurrbärtchen und zeigte in Sprache und

Gebärden eine überschießende, ja, in seinen Mienen nicht selten eine

fratzenhafte Lebhaftigkeit. Die Jugend urteilt wie die Frauen und wie

das Publikum mit Vorliebe nach dem Instinkt und trifft damit

gewöhnlich das Richtige. So erhielt denn auch Morieux in der Biertaufe

den Namen Fritz Triddelfitz, mit der Begründung, daß er ein

»langschinkiger, dünnrippiger Windhund« sei. Von den Windhunden sagt

man, daß sie selbstsüchtig und wenig treu seien, und das stimmte bei

Morieux insofern, als er nur eine halbe Treue besaß. Wenn Asmus in der

Klasse irgend einen größeren Erfolg erzielt hatte, so beglückwünschte

ihn Morieux mit fulminanten Worten und war dabei blaß bis in die

Lippen, und Asmus sah mit vollkommener Gewißheit, daß der Neid, ja der

Haß ihn innerlich zerwühlten. Aber er sah auch, daß Morieux mit diesem

Neide kämpfte, daß er sich die Lippen fast blutig biß. Und immer

wieder kehrte er zu Asmus zurück und zog seinen Umgang jedem anderen

vor. Er überhäufte den Freund mit Ausdrücken einer so schwärmerischen,

überschwenglichen Bewunderung, daß Asmus abwechselnd rot und blaß

wurde und an die Aufrichtigkeit dieser Apotheosen niemals glauben

konnte, und doch wußte er, daß Morieux in derselben Weise zu andern

über ihn sprach. Auch Asmussens Eltern hatte er solchermaßen den Ruhm

ihres Sohnes verkündet, und Frau Rebekka hatte alles geglaubt und mit

Entrüstung ausgerufen: »Der dumme Bengel! Und davon sagt er zu Hause

kein Wort!« Im innersten Herzen fühlte sich Asmus von diesem Freunde

wohl mehr abgestoßen als angezogen; aber eines besaß dieser Freund,

was ihn festhielt, und das war seine außerordentliche musikalische

Begabung, im besonderen sein vorzügliches Geigenspiel. Morieux ließ

nicht locker, bis sich Asmus von ihm die Anfangsgründe des

Geigenspiels zeigen ließ, und alsbald traktierte der junge Semper mit

solcher Versessenheit das schwierige Instrument, daß sie nach einigen

Wochen schon leichte Duette spielten. Dieses Band hielt sie zusammen

und zog sie bald zu einem Bratschisten und einem Cellisten hin und

geleitete ihren jugendlichen Wagemut endlich zu den Quartetten Haydns,

Mozarts, Beethovens und Schuberts.

Aber leider hatte der langschinkige, dünnrippige Windhund eine fatale

Neigung, andere Leute aufzuziehen. Er hielt sich für so gescheit, daß

er allen andern etwas aufbinden könne; er gab sich bei den gemeinsamen

Ausflügen den einfachen Landbewohnern gegenüber für einen

ausstudierten Lehrer, für einen Arzt, für einen höheren Beamten oder

dergleichen aus, nur um ihnen allerlei Abenteuer und Räubergeschichten

aufzubinden und sich an ihrer Leichtgläubigkeit zu weiden. Nun

schlummert freilich hinter den träumerisch-gutmütigen Augen des

Schleswig-Holsteiners eine feine und stattliche Klugheit, die nur

dann vollends aufwacht, wenn es durchaus notwendig ist, und

gelegentlich wurde der Aufschneider wohl durch ein ironisches Lächeln

oder ein spöttisches Wort zurückgewiesen; aber manchmal fand er auch

Gläubige, und solch ein Mißbrauch eines freundlichen Vertrauens

verdroß Asmus jedesmal über die Maßen. Am wenigsten konnte er’s

vertragen, daß alte Leute in weißen Haaren gefoppt wurden, und wie

wurde ihm nun gar zumute, als Morieux sich eines Tages einfallen ließ,

seine Eltern, seine Mutter Rebekka Semper, seinen Vater Ludwig Semper

anzulügen und zu hänseln. Als hätte man ihm mit der Peitsche ins

Gesicht geschlagen, so war es ihm. Um seine Eltern nichts merken zu

lassen, machte er gute Miene zum bösen Spiel und lenkte mit einer

gewaltsamen Anstrengung das Gespräch geschwind auf einen anderen

Gegenstand: nachher aber, beim Abschied vor der Tür, weigerte er dem

Frevler die Hand und sagte:

»Du brauchst mich nicht wieder zu besuchen. Wir sind geschiedene

Leute.«

Morieux ging lächelnd und mit einem höhnischen Achselzucken davon.

Semper der Jüngling · 第 35 / 292 题