Warum Ludwig Semper nicht in den »Lohengrin« ging und Asmus mit einem
Windhund verkehrte.
Wenn er von der monatlichen Kneipe der Albingia einmal spät nach Hause
kam, so schüttelte Frau Rebekka den Kopf und äuÃerte ihre Besorgnisse;
aber Ludwig Semper lachte vergnügt in sich hinein und sagte: »Laà ihn;
das gehört dazu.« Auch er hatte zu Schleswig seine heimlichen
Gymnasiastenkneipen gefeiert und den Landesvater gesungen, und
manchesmal, wenn das Vergangene in ihm erwachte, hatte er, am
Tabakstische sitzend und das blanke Zigarrenmesser schwingend,
gesungen:
»Seht ihn blinken
In der Linken
Diesen Schläger, nie entweiht!
Ich durchbohr den Hut und schwöre:
Halten will ich stets auf Ehre,
Stets ein braver Bursche sein!«
Dagegen hatte Ludwig Semper für eine andere Neigung seines Sohnes
durchaus kein Verständnis: Er begriff nicht, wie man ohne Not einen
Weg von mehr als einer Viertel- oder gar halben Stunde machen konnte.
Wenn Asmus in den Ferien Spaziergänge von vier Stunden machte, so
schüttelte Ludwig andauernd den Kopf; bei einem acht- oder
zehnstündigen Ausflug aber wurde er sozusagen böse, warf das linke
Bein über das rechte und murmelte: »Verrückt!« Er schien das für
gesundheitsschädlich zu halten, und einer der Gründe, weshalb er noch
immer nicht den Lohengrin gehört hatte, war der, daà man ins Hamburger
Stadttheater eine Stunde zu gehen hatte. Asmus hingegen hatte Seume
gelesen, und einer seiner Träume war es, einen Spaziergang nach
Syrakus zu machen, wie ihn dieser etwas nüchterne, etwas trockene,
aber in seiner Unabhängigkeit, Kraft und Lauterkeit dennoch poetische
Mann gemacht hatte.
Unter den Studiengenossen, mit denen Asmus seine botanisch-zoologisch-
mineralogisch-poetisch-politisch-philosophisch-cerealisch-bacchischen
Ausflüge â denn das Frühstück spielt bei Siebzehnjährigen eine genau
so groÃe Rolle wie der Idealismus â zu unternehmen pflegte, waren es
besonders zwei, zu denen er in ein näheres Verhältnis trat. Der eine
war sein Mithospitant Morieux, und dieser hatte Eigenschaften, die
wohl auf einen französischen Vorfahren schlieÃen lassen konnten. Er
war ein hübscher, schlanker, geschmeidiger Bursche mit dunklem Haar
und einem famosen schwarzen Schnurrbärtchen und zeigte in Sprache und
Gebärden eine überschieÃende, ja, in seinen Mienen nicht selten eine
fratzenhafte Lebhaftigkeit. Die Jugend urteilt wie die Frauen und wie
das Publikum mit Vorliebe nach dem Instinkt und trifft damit
gewöhnlich das Richtige. So erhielt denn auch Morieux in der Biertaufe
den Namen Fritz Triddelfitz, mit der Begründung, daà er ein
»langschinkiger, dünnrippiger Windhund« sei. Von den Windhunden sagt
man, daà sie selbstsüchtig und wenig treu seien, und das stimmte bei
Morieux insofern, als er nur eine halbe Treue besaÃ. Wenn Asmus in der
Klasse irgend einen gröÃeren Erfolg erzielt hatte, so beglückwünschte
ihn Morieux mit fulminanten Worten und war dabei blaà bis in die
Lippen, und Asmus sah mit vollkommener GewiÃheit, daà der Neid, ja der
Haà ihn innerlich zerwühlten. Aber er sah auch, daà Morieux mit diesem
Neide kämpfte, daà er sich die Lippen fast blutig biÃ. Und immer
wieder kehrte er zu Asmus zurück und zog seinen Umgang jedem anderen
vor. Er überhäufte den Freund mit Ausdrücken einer so schwärmerischen,
überschwenglichen Bewunderung, daà Asmus abwechselnd rot und blaÃ
wurde und an die Aufrichtigkeit dieser Apotheosen niemals glauben
konnte, und doch wuÃte er, daà Morieux in derselben Weise zu andern
über ihn sprach. Auch Asmussens Eltern hatte er solchermaÃen den Ruhm
ihres Sohnes verkündet, und Frau Rebekka hatte alles geglaubt und mit
Entrüstung ausgerufen: »Der dumme Bengel! Und davon sagt er zu Hause
kein Wort!« Im innersten Herzen fühlte sich Asmus von diesem Freunde
wohl mehr abgestoÃen als angezogen; aber eines besaà dieser Freund,
was ihn festhielt, und das war seine auÃerordentliche musikalische
Begabung, im besonderen sein vorzügliches Geigenspiel. Morieux lieÃ
nicht locker, bis sich Asmus von ihm die Anfangsgründe des
Geigenspiels zeigen lieÃ, und alsbald traktierte der junge Semper mit
solcher Versessenheit das schwierige Instrument, daà sie nach einigen
Wochen schon leichte Duette spielten. Dieses Band hielt sie zusammen
und zog sie bald zu einem Bratschisten und einem Cellisten hin und
geleitete ihren jugendlichen Wagemut endlich zu den Quartetten Haydns,
Mozarts, Beethovens und Schuberts.
Aber leider hatte der langschinkige, dünnrippige Windhund eine fatale
Neigung, andere Leute aufzuziehen. Er hielt sich für so gescheit, daÃ
er allen andern etwas aufbinden könne; er gab sich bei den gemeinsamen
Ausflügen den einfachen Landbewohnern gegenüber für einen
ausstudierten Lehrer, für einen Arzt, für einen höheren Beamten oder
dergleichen aus, nur um ihnen allerlei Abenteuer und Räubergeschichten
aufzubinden und sich an ihrer Leichtgläubigkeit zu weiden. Nun
schlummert freilich hinter den träumerisch-gutmütigen Augen des
Schleswig-Holsteiners eine feine und stattliche Klugheit, die nur
dann vollends aufwacht, wenn es durchaus notwendig ist, und
gelegentlich wurde der Aufschneider wohl durch ein ironisches Lächeln
oder ein spöttisches Wort zurückgewiesen; aber manchmal fand er auch
Gläubige, und solch ein MiÃbrauch eines freundlichen Vertrauens
verdroà Asmus jedesmal über die MaÃen. Am wenigsten konnte erâs
vertragen, daà alte Leute in weiÃen Haaren gefoppt wurden, und wie
wurde ihm nun gar zumute, als Morieux sich eines Tages einfallen lieÃ,
seine Eltern, seine Mutter Rebekka Semper, seinen Vater Ludwig Semper
anzulügen und zu hänseln. Als hätte man ihm mit der Peitsche ins
Gesicht geschlagen, so war es ihm. Um seine Eltern nichts merken zu
lassen, machte er gute Miene zum bösen Spiel und lenkte mit einer
gewaltsamen Anstrengung das Gespräch geschwind auf einen anderen
Gegenstand: nachher aber, beim Abschied vor der Tür, weigerte er dem
Frevler die Hand und sagte:
»Du brauchst mich nicht wieder zu besuchen. Wir sind geschiedene
Leute.«
Morieux ging lächelnd und mit einem höhnischen Achselzucken davon.