»Verflucht!« schrie der Blinde, sprang auf, schlug sich auf den
Schenkel und lachte übers ganze Gesicht, »verflucht! Er hat eine
Stimme wie Krückl!« Das war ein Bariton, der am Stadttheater den
Mozartschen Almaviva und den Rossinischen Figaro sang.
»Frau Piefke, Bier!!« brüllte der Musiker mit vehementer Lustigkeit,
und nun muÃte Asmus auf seine Kosten eins trinken und noch eins und
noch eins. Noch am selben Abend muÃte Asmus mit dem weiÃen Elefanten
auf du und du trinken, obwohl dieser ein viertel Jahrhundert älter
war, und dann wurde nicht weniger abgemacht als dies: Asmus solle
jeden Tag kommen und bei Bockholm das Klavierspiel lernen und solle
sich Gesangsnoten verschaffen, z. B. die Balladen von Löwe, und zum
Entgelt solle er dem Blinden hin und wieder etwas vorlesen.
Und ungefähr so geschah es. Asmus kam, wenn auch nicht täglich, so
doch oft, lernte Klavierspielen, sang den »Archibald Douglas« â »darin
steckt mehr als in mancher groÃen Oper,« schrie Bockholm mitten im
Spiel â las seinem Lehrer die Zeitung bis in den Inseratenteil vor â
denn der Blinde wollte alles wissen â und übte sich im Biertrinken.
In dieser Kunst leistete der Meister noch mehr als in der Musik; ein
Seidel voll schien auf einen Schluck, wie in einer Klappe, zu
verschwinden, und er hatte begnadete Tage, wo er es auf dreiÃig Seidel
brachte. Das sah nun Asmus freilich mit Staunen und mit Grauen; aber
er hielt es doch für Ehrensache, es auf vier oder fünf zu bringen.
Zuweilen allerdings kam ihm die ganze Atmosphäre etwas trüb und
traurig vor; es kamen da Gesellen, bei denen er sich wunderte, daÃ
Bockholm ihnen vorspielte und mit ihnen trank; aber dann kamen auch
wieder Leute, ungebildete Arbeiter, in beruÃten Blusen und
kalkbefleckten Kitteln, die mit einer schier leidenschaftlichen
Begierde und mit innerster Teilnahme zuhörten. Und Kerle mit Humor
kamen da! Eines Tages, als Bockholm ein Bravourstück mit ungeheurer
Fingerfertigkeit gespielt hatte, sagte ein Steinbrügger:
»Junge â wenn ick den sinân Kopp harr!« und ein anderer versetzte
langsam und gedankenvoll:
»Djä â â un wenn du denn so dumm wärs wie jetz, denn nütz di dat ook
nix.«
»Och,« sagte dann wieder der erste, »wenn ick man din Mul harr, denn
gung dat woll,« und dann stieÃen sie miteinander an und lachten.
Ja, das war doch auch wieder etwas, wobei einem das Herz ganz frei und
warm wurde!
Gewöhnlich wollten die Arbeiter unzählige Seidel Bier für den Künstler
zahlen; aber das nahm er nur unter der Bedingung an, daà er sich
revanchieren dürfe, und so kam er immer häufiger auf die dreiÃig
Seidel und mit jedem Tage seinem frühen Ende um zwei Tage näher.
Die Privatstunden im Biertrinken kamen Asmus zu statten bei den
heimlichen Zusammenkünften der Albingia. Die Albingia war eine
heimliche Präparandenverbindung mit Burschenbändern, Zereviskappen und
allem Zubehör eines regelrechten Komments. Durch ein bemoostes Haupt,
das die Geheimnisse der Albingia mit dem furchtbaren Ernste des
Verschwörers behandelte und an ein Sakrament der Kneipe zu glauben
schien, wurde Asmus in diesen nächtlichen Zirkel eingeführt. Gleich
bei der ersten Kneipe hieà es: »Semper muà aus âm Faust rezitieren,«
und Asmus lieà sich vom Kellner ein Fläschchen voll braunen Saftes
und ein Glas bringen und bestieg die kleine Bühne am Ende des Saales.
Er sprach die ersten Monologe des Faust bis zum Anbruch des
Ostermorgens, und als er an die Stelle kam:
»Ich werde jetzt dich keinem Nachbar reichen;
Ich werde meinen Witz an deiner Kunst nicht zeigen;
Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht.
Mit brauner Flut erfüllt er deine Höhle;
Den ich bereitet, den ich wähle,
Der letzte Trunk sei nun mit ganzer Seele
Als festlich hoher Gruà dem Morgen zugebracht!«
da goà Asmus den Inhalt des Fläschchens in das Glas. Der Saft war
nichts anderes als Bier; aber nicht nur Asmus, nein, die ganze
Versammlung würde den mit ewiger Verachtung belegt haben, der darüber
gelacht hätte.
Sonst aber lachte er lieber als alle anderen. Er fand es ungemein
possierlich, daà er als Fuchs den andern Bier einzapfen und ihnen die
lange Pfeife anzünden muÃte, und er war glücklich und stolz, als er
endlich »entschwänzt« wurde und in der Biertaufe den Namen »Dr. Faust«
erhielt. Er war noch gewohnt, alle Dinge des Lebens tief zu nehmen,
und hielt es für heilige Pflicht, einen »Kuhschluck« und einen
»Bierjungen« genau so ernst zu nehmen wie die Gedanken Rousseaus und
die Entstehung des Pentateuchs. Er konntâ es nicht begreifen, wie man
trotz der Ermahnungen des Vorsitzenden, auszuharren, dennoch um drei
Uhr morgens aufbrechen konnte, wo es doch die einfachste deutsche
Treue gebot, den Präsidenten nicht im Stich zu lassen. Und am
wenigsten konntâ er begreifen, daà sie nicht lustiger waren, daà sie
all diese fidelen Bräuche, diese köstlichen Lieder und Schnurren, von
denen das Kommersbuch förmlich platzte, für gewöhnlich so frostig,
gleichsam geschäftsmäÃig abmachten. Mein Gott â als er sich das
Kommersbuch zu Hause vornahm â da lachten und schwärmten ja ganze
Jahrhunderte daraus hervor; die Romantik, der Ãbermut, der
Jugendglaube von zwanzig Generationen zogen durch seine Brust; alle
Augenblick muÃtâ er aufspringen, mit den Fingern schnalzen,
Tanzsprünge durchs Zimmer machen; auf seinen Wangen mischten sich
Lachtränen und Weintränen â o, wie muÃte das über alle Begriffe
herrlich sein, wenn solch ein Lied durch den Saal brauste, wie
göttlich lustig muÃte das sein, wenn sie alle mit Leichenbittermienen
sangen:
O wie bimmel, bammel, bummelt,
O wie bimmel, bammel, bummelt,
O wie bummelt mir mein Frack!
Ich hab noch nie einen Frack gehabt,
der mir so sehr gebimmelbammelt hat â
aber wenn dann die Kneipe da war, ja, da gab es wohl zuweilen lustige
Stunden; aber es war nicht das, was er gehofft hatte; es fehlte ein
Duft â ein Glanz â eine unnennbare Weihe â es fehlten die rosigen,
silbernen Wolken über der Versammlung â â â!
Er begriff überhaupt nicht, warum die Menschen nicht öfter lachten und
nicht öfter weinten, da doch die Welt so reichen Anlaà dazu bot. Als
er einmal eine Molieresche Komödie sah und die Situation auf der Bühne
plötzlich eine künftige Situation von groÃer Komik ahnen lieÃ, da
schoà ihm ein so gewaltiges Lachen in die Nase, daà er es nicht
zurückhalten konnte; da er es aber dennoch zurückhalten wollte, so kam
ein eigentümlicher Prust-, Schnupf- und Grunzlaut zustande, über den
das ganze Publikum in laute Heiterkeit ausbrach. So hatte sich Asmus
vermutlich noch nie geschämt wie in diesem Augenblick; es ist
anzunehmen, daà er bis in die Zehenspitzen errötete; aber nachher
muÃte er sich doch fragen: Warum habe ich denn allein gelacht? Warum
lachten nicht alle?