des linksdrehenden +Cholesterins+ (F = 145°), des rechtsdrehenden
+Isocholesterins+ (F = 138,5°) und der +Oxycholesterine+, sowie die
Fettsäureester kohlenstoffreicherer, cholesterinartiger Verbindungen.
Die Zusammensetzung des Wollfettes ist aber eine sehr schwankende und
variiert stark nach der Provenienz. ~Schulze~ erhielt mehrfach bis
15% Cholesterin- und Isocholesterinester, etwa zu gleichen Teilen (im
Wollwachs 85-90%), ~Darmstädter~ sehr viel weniger. In einigen Fällen
fehlte Cholesterin fast ganz, in anderen Isocholesterin. Die höher
schmelzenden wachsartigen Bestandteile, das +Wollwachs+, können (s.
oben) durch Lösen des Wollfettes in Fuselöl und Abkühlen der Lösung
entfernt werden (~Jaffé-Darmstädter~ 1894). ~Marchetti~ isolierte
den keine Cholesterinreaktion gebenden +Lanolinalkohol+ (C₁₂H₂₄O),
~Darmstädter~ und ~Lifschütz~ aus +Wollfettwachs+ +Carnaubasäure+
(C₂₄H₄₈O₂, identisch mit der Carnaubasäure ~Stürckes~) und
+Myristinsäure+ (C₁₄H₂₈O₂) -- australisches Wollfett enthielt 10-12%
dieser Säuren --, sowie +Lanocerinsäure+ (C₃₀H₆₀O₄, F = 104°), die eine
Dioxysäure sein soll und deren Lakton C₃₀H₅₈O₃ von ihnen früher als ein
Lanestol, d. h. als ein Wollalkohol betrachtet und beschrieben wurde
(sie macht den Hauptbestandteil der in kaltem Alkohol unlöslichen, bei
der Verseifung erhaltenen Substanzen aus) und in der alkohollöslichen
Seifengruppe: 34% +Lanopalminsäure+ (C₁₆H₃₂O₃, F = 88°), die im
geschmolzenen Zustande sich mit Wasser emulgiert und, neben einer
flüchtigen, 15% einer öligen Säure (Ölsäure?). Von Alkoholen erhielten
sie +Cerylalkohol+ und einen vielleicht damit isomeren Alkohol, sowie
+Carnaubylalkohol+ (C₂₄H₅₀O), der bei der Oxydation Carnaubasäure
liefert und +Cholesterin+ (im harten Bestandteil kein Isocholesterin).
Das bei 55-60° schmelzende Wollfettwachs lieferte 33% Rohalkohole,
41,6% in Alkohol unlösliche Seife (rohes lanocerinsaures Kali) und
36,2% alkohollösliche Seife. Der Säurebestandteil betrug über 65%
(darunter nur wenige Prozente flüssige Säuren). In dem «Weichfett»
beträgt er nur 40-45%. In ihm fehlt Lanocerin- und Lanopalminsäure.
Dagegen sind auch hier +Myristin-+ und +Carnaubasäure+, vielleicht auch
+Cerotinsäure+ und in beträchtlicher Menge (40%) die +ölige Säure+
vorhanden, als Alkohole ein +Isocholesterin+ (C₂₆H₄₄O, F = 137-138,
nicht mit ~Schulzes~ Isocholesterin identisch) neben anderen nicht
näher charakterisierten Sterinen. Von Alkoholen wurden im Weichfett
+Cerylalkohol+ und +Carnaubylalkohol+ nachgewiesen.
Endlich wurden auch die Oxydationsstufen des Cholesterins:
+Oxycholesterin+ [C₂₆H₄₂(OH)₂], +Oxycholesterinäther+ (C₂₆H₄₃O)₂O),
+Cholansäure+ (C₂₆H₄₀O₄) u. and. im Wollfett gefunden (~Lifschütz~).
Ob Stearinsäure, Palmitinsäure, Capronsäure, Isovaleriansäure und
Normal-Buttersäure (in Esterbindung) zu den normalen Bestandteilen
aller Wollfette gehören ist zweifelhaft. Sie finden sich wohl nur
im Rohfett und werden bei der Reinigung zum Teil entfernt (s. oben
unter Wollwäsche). Ein bedeutender Teil des Wollfettes besteht
jedenfalls nicht aus Cholesterin-, Oleïn- und Cerotinsäureestern.
Nach ~Darmstädter~ und ~Lifschütz~ treten weniger die Cholesterin-
und Isocholesterinester der Cerotinsäure, als vielmehr die der
Carnaubasäure und Lanocerinsäure in den Vordergrund.
Dagegen wird nach ~Unna~ das Wollfett nicht durch Vorhandensein
von Cholesterin und Cholesterinestern charakterisiert, sondern
durch Isocholesterin (~Schulze~) und Oxycholesterin (+Lifschütz+),
Lanocerinsäure und Lanopalminsäure (~Lifschütz~ und ~Darmstädter~).
Im Fett der Epidermis, der Cutis und der Subcutis der menschlichen
Fußsohle, im Ohrenschmalz und in den Nägeln, die Cholesterin enthalten,
fehlen Isocholesterin und Oxycholesterin. Die +menschliche+ Haut
enthält also kein Wollfett. Die Hydrophilie, die Fähigkeit mit Wasser
zu lanolisieren, geht den Hautfetten ab und eignet dem Wollfett
wegen seines Gehaltes an Oxycholesterinen. Die Fettsäureester der
Cholesterine lassen sich nur mit +alkoholischer+ Kalilauge oder den
Alkoholaten der Alkalien (~Kossel~ und ~Krüger~) verseifen. Sie sind
gegen Mikroorganismen widerstandsfähiger als Fette und daher sehr
geeignet zu Hautschutzmitteln.
=Lit.= ~Donath~ und ~Margosches~, D. Wollfett, seine Gewinn.,
Zusammensetz., Untersuch., Eigensch. u. Verwert. in Samml. chem. u.
chem. techn. Vortr. VI, 1901 (dort die Lit.). -- ~Möhlau~, Wollwäsche
in ~Luegers~ Lexikon der Ges. Technik 1911. -- ~Knecht~, ~Rawson~
und ~Löwenthal~, Handb. d. Färberei. Berlin 1900. -- ~Herbig~, Die
Verwert. d. Abfallprod. d. Wollwäschereien. Zeitschr. f. d. Ges.
Textilindustrie 1897/98. -- ~Borchers~, Verwert. d. Wollschweißes.
Zeitschr. Angew. Chem. 1890, 96.
~Chevreul~, Compt. rend. 43, 13 (Journ. pr. Chem. 70, 256). --
~Berthelot~, Ann. ch. phys. (3) 56, 51 (Lieb. Ann. 112, 356). --
~Hartmann~, Über den Fettschweiß der Schafwolle 1868. -- ~E. Schulze~
(Cholesterine). Ber. d. chem. Ges. 1872, 1075 und 1873, 1279.
Zeitschr. f. Chem. 1870, 453. -- ~Schulze~ und ~Uhrich~, Ber. d.
chem. Ges. 1874, 570. -- ~Ulbricht~ u. ~Reich~, Preuß. Ann. d. Landw.
Monatsbl. 49, 122. -- ~Herbig~ und ~von Cochenhausen~, Dingl. Polyt.
Journ. 292 u. 297.
~Liebreich~, Über d. Lanolin, eine neue Salbengrundlage. Berl. klin.
Wochenschr. 1885, 761, in Real-Encycl. d. ges. Medizin XI, 1887.
Vorkommen von Lanolin in der Haut: Verh. d. phys. Ges. Berlin 1890.
Therapeut. Monatsh. 1890. Virchows Archiv 121 (1890) 383. Du Bois
Reymonds Archiv 1890, 363. -- ~Schulze~, Journ. pr. Chem. (2) 25,
459 u. 7 (1873), 163 u. 178, 9, 321. Ber. d. chem. Ges. 6 (1872),
251. Einig. Best. d. Wollfettes. Ber. d. chem. Ges. 31 (1898), 1200.
Zeitschr. phys. Chemie 14 (1890), 522. -- ~Spenzer~ u. ~Cleveland~,
On gallstones Clevel. Med. Gaz. 1895. -- ~Buisine~, Bull. soc. chim.
42, 201. -- ~v. Sanctis~, l’Orosi 1894 (Apoth. Zeit. 1894, 371). --
~Hartmann~, Über den Fettschweiß der Schafwolle. Diss. Göttingen
1868. -- ~Marchetti~ (Lanolinalkohol). Gazz. chim. ital. 25 (1895).
-- ~Darmstaedter~ und ~Lifschütz~, Beitr. z. Kenntn. d. Zusammens. d.
Wollfettes. Ber. d. chem. Ges. 1895, 3133; 1896, 618, 1474 u. 2890;
1898, 97 u. 1122. -- ~Burchard~, Beitr. z. Kenntn. d. Cholesterine.
Rostock 1889. -- ~Unna~, Monatsh. f. prakt. Dermatologie 1907, 443.
-- ~Santi~, Über Lanolin. Monatsh. f. prakt. Dermatol. 1889 u. 1892.
-- ~Lifschütz~ (Oxycholester.). Zeitschr. phys. Chem. 50, 436, 53,
140 (1907). -- ~Lewkowitsch~, Chem. Technol. d. Fette I, 444 und
Journ. Soc. Chem. Ind. 1892 u. 1896. -- Identitätsreaktionen für
Wollfett: ~Hilger~, Jahresb. d. Pharm. 1893, 383 und ~Astolfi~,
Bull. chim. farm. 1894, 4; vgl. auch bei ~Donath~ a. a. O. --
Wertbestimmung: ~v. Cochenhausen~, Chem. Zeit. 1894, 143. --
Controverse über den Chlorgehalt: Pharm. Jahresber. 1894.
Zur =Wertbestimmung= gehört: Bestimmung des Wassers und der fremden
Stoffe, Säurezahl, Verseifungszahl, Bestimmung der freien Fettsäuren,
ihrer Säurezahl und ihres Molekulargewichts, Bestimmung der
flüchtigen Fettsäuren und bei der Verseifung frei gewordenen Alkohole
sowie der schwer verseifbaren Stoffe, Bestimmung der Säurezahl
des aufgeschlossenen Wollfettes und der Gesamtfettsäuren (~v.
Cochenhausen~). Pharm. helv. IV. verlangt bei Adeps lanae außer den
Identitätsreaktionen von ~Salkowsky-Hesse~ und ~Liebermann-Burchard~
(s. oben S. 749) Prüfung auf Seife, Glycerin, mineralische Stoffe
und Ammoniaksalze, Säure und Alkalinität. Schmelzpunkt 35-40°. J. Z.
20-26.
=Präparate.= +Lanolin+: Adeps lana 75, Wasser 25 (D. A.
V läßt flüssiges Paraffin zusetzen). +Lanogen+ ist eine
Mischung der wasserbindenden Substanz des Wollfettes mit
Vaselin (es bindet 300% Wasser). +Dermozon+ ist sterilisiertes
wasserstoffperoxydhaltiges Wollfett, +Lanoform+ ein
Formaldehydwollfettpräparat, +Thilanin+ geschwefeltes Wollfett,
+Bryolin+ Borsäure-Glycerin-Olivenöl-Wollfett. (Weitere Präparate in
~Gehes~ Codex.)
=Geschichte.= Das wasserhaltige Wollfett ist durch ~Liebreich~ 1885
unter dem Namen Lanolin als Salbengrundlage in den Arzneischatz
eingeführt worden, aber bekannt ist Wollfett seit c. 2000 Jahren als
Cosmeticum und Arzneimittel. Seine Geschichte wurde gelegentlich der
Lanolin-Patentprozesse besonders durch ~Th. Husemann~ aufgeklärt.
Vorschriften zur Darstellung des _Oesypum_ gab bereits ~Dioskurides~
(II c. 84) und ~Plinius~ (XXIX, c. 2). Im wesentlichen wurde es durch
Auskochen der Wolle mit Wasser, Sammeln, Reinigen und Bleichen des
abgeschiedenen Fettes dargestellt. Das Produkt hatte einen üblen
Geruch (ut sordium virus oleat). Die Vorschrift von ~Dioskurides~,
der auch schon einer Verfälschung mit Cerat und Talg gedenkt,
reproduzierte mit wenigen Modifikationen ~Aëtius~, ~Nicol. Myrepsus~
und ~Serapion~, der schon ein weniger übelriechendes Produkt erhielt.
Ein neues Verfahren führte ~Mésue~, der die Bereitung des Wollfettes
aus der Hand der Hirten in die der Apotheker legen wollte, im
Grabbadin (I, S. 599) ein, das dann das herrschende wurde, z. B. auch
in das Dispensatorium ~Nicolai~ (I, S. 790) und in das Luminare majus
(I, S. 793) überging. ~Jacobus Sylvius~ verlangt 1542, daß es nicht
von räudigen Schafen dargestellt werde, was die Pharmac. coloniensis
1565 wiederholt. Auch ~Heinrich von Mondeville~ reproduziert in
seinem Antidotarius die Vorschrift des ~Mésue~. Er bemerkt, daß
_Isopus humida_ ein Mittelding zwischen Salbe und Pflaster sei.
In der Zeit der Renaissance, als der Arabismus bekämpft und die
Alten «wiederhergestellt» wurden, grub ~Cordus~ die Vorschrift des
~Dioskurides~ wieder aus und ihm folgt der Ricettario fiorentino
(I, S. 793), die Kölnische Pharmacopoee (1565) und die Pharmac.
augustana (1640) in ihren verschiedenen Ausgaben (I, S. 793). Als
legitimes Quid pro quo tritt hier Knochenmark, _medulla vitulina_
und _cervina_ auf, die später ganz allgemein als Succedanea dafür
angegeben wurden, denn keine der späteren amtlichen Pharmacopoeen
führte mehr eine Bereitungsvorschrift für _Oesypum_ auf. Wohl aber
hat die ~Schröder~sche Pharmacopoee (I, S. 890) bis in ihre spätesten
Auflagen (1748) noch die Vorschrift des ~Dioskurides~ mit wenigen
Abweichungen. Die Vorschrift, daß man die Schafe vorher abhetzen
solle, wohl um die Ausbeute zu vermehren, steht schon im Antidotarium
romanum aus dem XVI. Jahrh. und ging in die Pharmac. augustana und
londinensis über. Aber im XVII. und XVIII. Jahrh. verschwinden
allmählich diese schmierigen Präparate aus den Pharmacopoeen und
Arzneibüchern, da sich das Präparat immer mehr verschlechterte und
die Bereitung in der Apotheke zu viel Mühe machte, und erst die
Pharmacop. hispanica III 1803 kennt wieder eine Oesypi purificatio
und die von 1817 benutzt einen _Oesypus praeparatus_.
Als Handelsware scheint _Oesypum_ schon im Altertum zur Zeit des
~Dioskurides~ einen großen Verbreitungsbezirk gehabt zu haben
(~Husemann~). Es diente nach ~Plinius~ unzähligen Zwecken und
war ein auch von ~Celsus~, ~Galen~ und später auch im Mittelalter
(~Aëtius~, ~Paulus von Aegina~) viel benutztes Medikament (besonders
für Pflaster, Salben und Pessi) und Cosmeticum trotz seines
abscheulichen Geruches. Das beste Wollfett lieferte Attica. Als
Verfälschungen wird neben Wachssalbe und Talg auch Teig genannt. Es
gab aber sogar Ersatzmittel aus Colophonium, Wachs und Fichtenharz.
Im Mittelalter wurde es jedenfalls nicht in den Apotheken gemacht,
sondern von den «herbatici» bezogen. Ende des XVII. und Anfang
des XVIII. Jahrh. wurde Wollfett in Frankreich in größerem Stil
produziert und exportiert (~Valentini~, Hist. simpl., ~Pomet~,
Hist. d. drog.). Für das Verschwinden des Wollfettes aus den
Arzneivorschriften ist wohl der Protest ~Zwelfes~ in der Pharmac.
august. reform. 1652 gegen dies stinkende Präparat maßgebend gewesen
(~Husemann~). Erst nach der Mitte des XIX. Jahrh. wurde, nachdem
die Aufmerksamkeit durch ~Chevreul~ (1856) und ~Berthelot~ (1858),
später auch durch ~E. Schulze~ auf die Cholesterine des Wollfettes
gelenkt war, die technische Gewinnung desselben durch die Arbeiten
von ~Vohl~, Abscheidung und Benutzung der Fette aus den Seifenwässern
der Tuch- und Wollwarenfabriken. Dingl. Polyt. Journ. 185 [1867], 465
und ~Hartmann~, Über den Fettschweiß der Schafwolle. Diss. Göttingen
1868 eingeleitet.
Die Tatsache, daß Wollfett beim Verreiben mit Wasser weiß wird,
war schon den Alten bekannt, wurde aber nur als Identitätsreaktion
benutzt (~Th. Husemann~). Das Verdienst ~Liebreichs~ ist es,
1885 gezeigt zu haben, daß das durch Wasseraufnahme in Lanolin
verwandelte, entsprechend +gereinigte+, völlig neutrale, seifenfreie
Wollfett eine vorzügliche Salbengrundlage ist. Dargestellt wurde
aber wasserhaltiges Wollfett (Lanolin) zuerst 1882 durch ~Braun~.
Der «Wollfettkrieg» tobte 1894 und 1895 (vgl. d. Jahresberichte).
Jetzt ist das Lanolinpatent erloschen und auch das Wort Freizeichen.
Nach dem Verfahren von ~Dioskurides~ und ~Mesuë~ wird niemals ein
gutes reines Wollfett, sondern stets ein übelriechendes Produkt
von geringem Werte erhalten. Die besonders durch ~B. Jaffé~ und
~Darmstädter~ in Martinikenfelde und die Norddeutsche Wollkämmerei
in Delmenhorst-Bremen ausgearbeiteten verbesserten neuen
Fabrikationsverfahren bedeuten einen großen Fortschritt; ohne sie
wäre das Wollfett niemals aus seiner Vergessenheit gezogen worden.
~Beckurts~ bezeichnete aber die +Patentierung+ der Vermischung von
Wollfett mit Wasser als einen Eingriff in pharmazeutische Rechte.
Die Gewinnung von Potasche aus Wollschweiß erfanden ~Maumené~
und ~Rogelet~ (1859) und ~H. Fischer~ (vgl. ~F. Fischer~, Dingl.
polyt. Journ. 218, 484). Die erste Anregung dazu gaben ~Kurrer~ und
~Westrumb~ 1831.
=Lit.= ~Liebreich~, Brit. Med. Journ. 1896. -- ~Wulfsberg~,
Geschichtl. Not. über Oesypum. Therapeut. Monatsh. 1887. --
~Vulpius~, Zur Gesch. d. Lanolins. Arch. Pharm. 1888. -- ~Th.
Husemann~, Zur Vorgeschichte des Lanolins. Janus 1897 (ausführliche
Darstellung).
b) Insektenwachse.
Eine große Zahl niederer Tiere, besonders Insekten, besitzen die
Fähigkeit, wachsartige Substanzen auszuscheiden (häufig neben Zucker).
Bisweilen sind die Ausscheidungen so beträchtlich, daß sie in größerer
Menge gewonnen werden können. So entstammt das im Schellack (s. d.)
enthaltene Wachs zweifellos dem Tier und auch das chinesische Wachs
ist ein Insektenwachs. Besonders sind wachsausscheidend die zu den
Hymenopteren gehörenden Apiden (Immen), zu denen die Bienen (Apinae),
Hummeln (Bombinae), die Trigonae und Meliponae gehören. Ferner sind
wachsausscheidend von den Hemipteren die Cicaden (z. B. _Cicada
laternina_) und die Wachsschildläuse (z. B. _Coccus ceriferus_), die
Blutlaus u. and. Die Hauptbestandteile dieser Wachse sind schwer
verseifbare Ester der höheren Fettsäuren (Wachssäuren) mit einwertigen
Alkoholen mit hohem Kohlenstoffgehalt (Wachsalkoholen, s. oben S. 548).
Oft treten homologe Glieder der Reihe nebeneinander auf und daneben
Kohlenwasserstoffe.
=Lit.= betr. Insektenwachs zusammengestellt bei ~Fürth~,
Vergleichend. Chem. Phys. d. nied. Tiere 1903 und ~Pillier~, Hist.
nat. et chim. des cires d’insectes. Thèse Paris.
Cera Flava.
Cera citrina, Bienenwachs, gelbes Wachs, cire d’abeilles, cire jaune,
beeswax, yellowwax.
=Etym.= +Wachs+ (mhd.) -- +ahd.+ wahs, +anord.+ vax, +angels.+ weahs,
+engl.+ wax, ndl. vaas. Der Zusammenhang mit wabe ist unsicher
(~Kluge~). ~Schrader~ stellt die Gleichung auf: gr. κηρός, lat. cêra,
lit. koris, ahd. wahs (altsl. voskû, lit. waszkas). -- Wachs heißt
ägyptisch: mnḥ (die hieroglyphischen Zeichen I, S. 470). -- Propolis
= Vorstadt, hier wohl = Vorbau, da man früher von der (irrigen)
Ansicht ausging, daß die Bienen zuerst die Propolis auf die Wand
streichen und daran die Waben befestigen (~Küstenmacher~).
=Stammtier.= Das gewöhnliche Bienenwachs stammt von der Hymenoptere
=Apis mellifica= L. (_A. mellifera_, _cerifera_, _domestica_,
_gregaria_) und deren Rassen und Varietäten.
Von _A. mellifica_ unterscheidet man gewöhnlich 6 Rassen: 1. die
+einfarbig dunkle deutsche+ Biene (_A. mellifica_ im engeren
Sinne) im nördlichen Europa bis 61° n. B., in Mitteleuropa und
einigen Gegenden Südeuropas und Nordafrikas. Hierher gehört
auch die griechische oder Hymettusbiene (_A. Cecropia_). 2. Die
+bunte südeuropäische+ mit gelbem ersten Hinterleibssegment in
Südfrankreich und Westasien. Hierher gehört die norditalienische
Biene (_A. ligustica_), die 1853 in Deutschland eingeführt wurde.
3. Die +gebänderte ägyptische+ Biene (_A. fasciata_) in Ägypten,
Arabien, Syrien, Himalaya, China, 1864 in Deutschland eingeführt.
4. Die +afrikanische Biene+ (_A. Adansonii_) mit graugelber
Behaarung, in Afrika bis zum Kap, nicht in Nordafrika. 5. Die
schwarze +madagassische+ Biene (_A. unicolor_) in Madagaskar und
Mauritius. 6. Die amerikanische (_A. pallida_). Die Rassen können
sich untereinander paaren. Sie zerfallen wieder in Varietäten. Von
der deutschen unterscheidet man z. B. die Lüneburger Heidebiene, die
krainische, die niederösterreichische. Das britisch-indische beeswax
stammt von _Apis dorsata_ ~Fabr.~, _A. indica_ ~Fabr.~, _A. florea_
~Fabr.~ und _Melipona_- (_Trigona_)arten (~Hooper~). _A. dorsata_ und
_florea_ sind beide wildlebend und nicht domestizierbar. Auch von
anderen Bienen, besonders wilden, wird da und dort (z. B. in Niederl.
Indien, in Guadeloupe u. and.) Wachs gewonnen.
Die +Arbeitsbienen+ sind geschlechtlich funktionslos gewordene
Weibchen. Die +Drohnen+ (von Dröhnen, Summen) sind männlich, die
+Königin+ (Weisel, wohl eigentlich Weiser) weiblich -- ausschließlich
«Eierlegmaschine». Ein mittelstarkes Bienenvolk hat etwa 30000
(kleinere 12-24000, starke 70-100000) Arbeiterinnen, 2000 (kleinere
600-1000) Drohnen und eine Königin. Die Arbeiterinnen bauen die
Waben, pflegen die Eier, füttern die Brut, die Drohnen sowie die
Königin, deckeln die vor der Verpuppung stehenden Larven und helfen
den ausschlüpfenden jungen Bienen beim Verlassen der Zellen. Sie
allein fliegen auf «Tracht», d. h. sammeln Nektar, Pollen, Wasser
und Propolis und speichern Honig, Pollen und Propolis im Wachsbau
auf. Letztere werden im Körbchen eingebracht. Das «Körbchen» ist eine
Mulde auf der Außenseite der Hinterschienen, von langen Wimperhaaren
umstellt, in das die Arbeitsbiene bei ihren Blütenbesuchen den
Pollen, beim Sammeln an harzenden Pflanzen das Kittwachs zu einem
Klümpchen, dem «+Höschen+» zusammenstreicht. Es fehlt der Königin
und Drohne, die auch keine «Zange» zum Abnehmen der Wachsblättchen
besitzen. Die +Pollenhöschen+, die oft aus verschiedenen Pollenarten
bestehen, werden von der Arbeiterin von den Hinterbeinen in eine
Arbeiterzelle abgestreift, bis diese gefüllt ist. Die Masse wird
mit dem Kopf festgestampft und bisweilen mit Honig übergossen.
«Der Bedarf an Blütenstaub erreicht nicht den Verbrauch an Honig.
Immerhin scheint der Instinkt, ihn +über+ Bedarf zu sammeln wie
den Honig auch den Bienen volksgesunder Stöcke nicht zu fehlen»
(~Stadler~). Jüngere Trachtbienen sammeln in der ersten Zeit ihrer
Ausflüge vorwiegend Pollen. Auch sonst bringt die Arbeiterin bald
entweder Pollen oder Nektar heim. Den Pollen führt die Biene mit den
Oberkiefern der Mundöffnung zu. Die Arbeiterinnen säubern auch den
Stock von Kranken und Toten, verteidigen den Bau mit ihren Kiefern
gegen Eindringlinge und ventilieren den Bau mit ihren Flügeln. Sie
arbeiten sich so ab, daß sie nicht länger als 6 Wochen leben. Nur
die im Herbst ausschlüpfenden, überwinternden gehen erst während der
Frühjahrsarbeit ein.
Die etwa 3 Monate alt werdenden +Drohnen+ beteiligen sich nicht an
den Arbeiten des Stockes. Eine Drohne befruchtet im «Hochzeitsflug»
die Königin. Nachdem die Haupttracht vorüber, werden die Drohnen von
den Arbeitern aus dem Bau entfernt (Drohnenschlacht).
Eine +Königin+ kann zur Zeit der Haupttracht in 24 Stunden 2000-3500
Eier ablegen, in 4-5 Jahren (so alt kann sie werden) viele
hunderttausende. Doch legt sie stets nur je ein Ei in je eine Zelle.
In Arbeiter- und Weiselzellen legt sie befruchtete, in Drohnenzellen
unbefruchtete Eier, die sich aber parthenogenetisch entwickeln.
=Lit.= ~Schmiedeknecht~, Apidae europaeae 1882-86. 2 B. -- ~Cowan~,
Die Honigbiene (aus dem Engl.) 1891. -- ~Hess~, Die Feinde der
Biene 1887. -- ~v. Berlepsch~, Die Biene und ihre Zucht 1873,
und Die Biene nach ihrem jetzigen ration. Standp. (3. Aufl. von
Vogel 1891). -- ~Dathe~, Lehrb. d. Bienenzucht. 5. Aufl. 1892. --
~Witzgall~, Das Buch von der Biene 1906. -- ~Bessler~, Illustr.
Lehrb. d. Bienenzucht. Stuttgart 1896. -- ~Beauregard~, Mat. med.
zool. 1901. -- ~Kramer-Theiler~, Der schweizerische Bienenvater.
7. Aufl. 1910 (darin auch die Feinde d. B.). -- ~Buttel-Reepen~,
Die stammesgeschichtl. Entstehung d. Bienenstaates und: Sind die
Bienen Reflexmaschinen? -- ~Forel~, D. Sinnesleben der Insekten.
1910. -- ~Hans Stadler~, Die Biologie d. Biene. 1911. -- ~H. Vogt~,
Geometrie u. Ökonomie d. Bienenzelle. 1911. -- Gute Übersicht über
die Morphologie der Biene in: ~Zander~, Der Bau der Biene. Stuttgart
1911. -- Viele und gute anatomische und morphologische Details der
Biene in ~Snodgrass~, The anatomy of the honey bee. U. S. Dep. Agric.
Bur. Entomol. 1910. Bull. No. 18. -- Vgl. auch den Artikel Honig S. 8.
=Entstehung.= Aus welchen Stoffen das Wachs in den Bienen gebildet
wird wissen wir nicht bestimmt. Die einen (~Liebig~, ~G. Buchner~)
nehmen an, daß es aus Kohlehydraten, namentlich Zucker, umgebildet
werde -- ~Hanriot~ hat für die Überführung von Hexosen in Wachs Formeln
erdacht --, die anderen (~Voit~, ~Berlepsch~), daß Eiweißkörper die
Muttersubstanzen sind, noch andere (~Swamerdamm~, ~Maraldi~, ~Réaumur~,
~Hoppe-Seyler~) sind der Ansicht, daß es von den Bienen fertig gebildet
aus den Pflanzen aufgenommen und nur in reiner Form abgeschieden
werde. Gegen letztere Ansicht spricht, daß Bienen angeblich auch
bei wachsfreier (gibt es diese?) Nahrung wenigstens einige Zeit
Wachs zu produzieren vermögen (~Schneider~), was freilich schwer zu
kontrollieren ist. Immerhin ist zu berücksichtigen, daß das Pollenin
(s. S. 472) der Pollenkörner, das dem Korke offenbar sehr nahe steht,
jedenfalls wie dieses auch wachsartige Substanzen enthält, die von der
Biene verarbeitet und vielleicht einige Zeit gespeichert werden können
(~Tschirch~) -- daß Pollenkörner Wachs enthalten wußte schon ~Proust~.
Auch sonst kommen die Bienen ja vielfach mit den Wachsüberzügen der
Pflanzen in Berührung. Auch gibt zu denken, daß das Bienenwachs und
das Pflanzenwachs chemisch sehr nahe verwandt sind (s. Carnaubawachs).
Meist wird jetzt das Wachs als ein Produkt der Überernährung der Biene
mit Honig und Pollen betrachtet und als aus dem Honig umgebildet
(~Huber~ 1793, ~Hunter~). Man hat sogar berechnet, daß für 1 kg
Wachswabe 10 kg Honig konsumiert werden müssen und daraus gefolgert,
daß der Honigertrag durch den Wachsbau empfindlich geschmälert würde,
daher eben künstliche Waben eingesetzt, die aber in erster Linie den
Zweck haben, der Biene die volle Ausnutzung der Einsammeltage zur
Honigproduktion zu ermöglichen. Zu denken gibt die mir von Imkern
hervorgehobene Tatsache, daß die Biene +jederzeit+ zum Wachsbau
angeregt werden kann, und daß der Wabenbau außerordentlich rasch
erfolgt. Das sieht fast darnach aus, daß sie das Wachs +produziert+.
Aber freilich, an Pollen ist ja immer Vorrat vorhanden. Die Biene hat
bekanntlich einen eigenen Pollenmagen und speichert auch im Bau Pollen
und anderes Wachsmaterial auf.