Eine verwandte Gruppe von Körpern findet sich bei den Pflanzen.

Ein Vertreter derselben wurde zuerst von ~Hesse~ (1878) von dem

tierischen Cholesterin unterschieden und +Phytosterin+ genannt.

~Hesse~ und ~Thoms~ fassen +alle+ pflanzlichen Sterine unter dem

Namen Phytosterin zusammen. Von ~Abderhalden~ (Lehrb. d. phys. Chem.

1909) wurde dann der Name +Sterine+ für +alle+ Cholesterine und

Phytosterine vorgeschlagen. ~Dorée~ wünscht den Namen Cholesterin

nur für die in der Natur vorkommenden, ungesättigten Alkohole der

Formel C₂₇H₄₆O zu reservieren. Cholesterin und Phytosterin lösen

sich in Chloralalkoholat leicht, schwerer und zwar verschieden

schwer in Chloralhydratlösung (~Scherer~). Auf der Wiener

Naturforscherversammlung 1894 habe ich darauf hingewiesen, daß

wir in den +Phytosterinen+ eine ganze Klasse von nahe verwandten

Substanzen nicht nur ein Individuum vor uns haben und daß

diese Körper zu den regelmäßigen Bestandteilen des Plasmas der

Vegetationsorgane der höheren Pflanzen gehören. Bei den Schleimpilzen

hatten sie schon ~Reinke~ und ~Rodewald~ im Plasma gefunden und

in Reservestoffbehältern, besonders Samen, waren sie schon 1862

von ~Beneke~ als weitverbreitet erkannt worden (analysiert hat

~Beneke~ nur das Phytosterin der Erbse, gefunden aber auch eins im

Olivenöl). Auch ~Power~ und seine Mitarbeiter stießen fast bei jeder

ihrer Drogenuntersuchungen der letzten 10 Jahre auf Phytosterine.

Sie finden sich bei den Samen im Ölplasma (~Tschirch~), bei den

Sklerotien von _Claviceps purpurea_ wohl in den Oleoplasten. Aber

welche Rolle sie spielen ist noch ganz unklar. Reservestoffe sind sie

keinesfalls, denn ihre Menge vermehrt sich beim Keimen (~Schulze~).

~Beneke~ meint, indem er auf das Vorkommen im Eidotter und den Samen

hinweist, daß sie «sich gerade überall da finden, wo der Lebensprozeß

und die Entwicklung der organischen Formen ihre reichste Entfaltung

erfahren». In die Fette des Handels gelangen sie dadurch, daß sie

sich, da sie am gleichen Orte wie diese vorkommen, beim Auspressen

oder Ausschmelzen des Ausgangsmaterials in dem Fett lösen -- also

rein zufällig.

Bei der Pflanze findet sich nicht ein, sondern mehrere Sterine. Die

Mannigfaltigkeit ist also bei ihr, die ja überhaupt ein viel besserer

Chemiker ist wie das Tier, viel größer. Am weitesten verbreitet

ist hier das +Phytosterin+, das ~Hesse~ in Calabarbohnen und ich

in zahlreichen anderen Pflanzen beim Ausschütteln alkalischer

Blattauszüge mit Äther fand (C₂₆H₄₄O).H₂O F = 138,5°) und das wohl

mit +Sitosterin+ (C₂₇H₄₅OH.H₂O ~Burian~, ~Ritter~) identisch ist.

Wahrscheinlich sind alle in Pflanzen gefundenen, zwischen 132 und

138° schmelzenden Phytosterine mehr oder weniger reines Sitosterin,

z. B. das Ampelosterin, Sojasterol u. a. m. Dann sind zu nennen das

höher schmelzende +Stigmasterin+ (C₃₀H₅₀O oder C₃₀H₄₈O. H₂O) aus

Calabarbohnen, das, wie es scheint, besonders in Kautschukharzen

und Samen weit verbreitete +Lupeol+ (~Likiernik~ C₃₀H₅₀O, identisch

mit Anthesterin ~Klobb~). +Lactucerol+ (C₃₆H₅₈(OH)₂) im Milchsafte

von _Lactuca virosa_; +Arnidiol+ (C₂₈H₄₆O₂ ~Klobb~) in _Arnica_ und

+Onocol+ (C₂₆H₄₄O₂ ~Thoms~) in _Ononis_; +Ergosterin+ (C₂₇H₄₂O. H₂O

~Tanret~) und +Fungisterin+ (C₂₅H₄₀O. H₂O?), beide im Mutterkorn.

Auch andere Pilze (_Penicillium_, _Aethalium_, _Saccharomyces_,

_Mucor_, _Lobaria_, _Amanita_, _Trametes_, _Polyporus_) enthalten

ergosterinartige Phytosterine; in _Aethalium septic._ fanden ~Reinke~

und ~Rodewald~ Paracholesterin C₂₆H₄₄O. Dann gehören hierher

Caulosterin (~Schulze~ und ~Barbieri~), Brassicasterin (C₂₈H₄₆O. H₂O

~Welsch~), Cynanchol (~Hesse~) und Quebrachol (~Hesse~). Cupreol

(C₂₀H₃₄O. H₂O), Cinchol (isomer mit Cupreol), Alkohol C₃₀H₅₀O in

_Coca_ (~Hesse~), Urson (~Gintl~) in _Fol. uvi ursi_, Homosterin im

Insektenpulver, Rhamnol (~Jowett~) in _Cascara Sagrada_ und viele

andere Körper, die ~Hauth~ (Diss. Freiburg 1907), ~Welsch~ (Diss.

Freiburg 1909) und ~Cohen~ (Over Lupeol Dissert. Utrecht 1906) in

Tabellen zusammengestellt haben. Daß Isocholesterin in der Pflanze

vorkommt, hat ~Cohen~ nachgewiesen. Er fand es im Africa-Rubber. Zu

den Phytosterinen im weiteren Sinne gehören wahrscheinlich auch die

Körper, die ich +Resinole+ genannt habe: α- und β-+Amyrin+ (C₃₀H₅₀O),

+Euphorbon+ (C₃₀H₄₈O ~Tschirch~ und ~Paul~), +Benzoresinol+ (C₁₆H₂₆O₂

~Tschirch~ und ~Lüdy~) in _Benzoë_, +Storesinol+ (C₁₆H₂₆O₂) und

+Styresinol+ (C₁₆H₂₆O₂ ~Tschirch~ und ~van Itallie~) in dem

_Styrax_, +Chironol+ (C₂₈H₄₈O ~Tschirch~ und ~Baur~) im _Opopanax_,

+Gurjuresinol+ (C₁₅H₂₅OH ~Tschirch~ und ~Keto~) u. and. Vielleicht

gehört auch die Abietinsäure in die Nähe der Phytosterine. Ich

habe die in den letzten Jahren in meinem Institute isolierten

Harzsubstanzen stets mit den Phytosterinreagentien prüfen lassen und

oft Phytosterinreaktionen erhalten.

Bemerkenswert ist endlich das Vorkommen von Sterinen in einigen

Arten +Petroleum+ (~Rakusin~ 1906), was auf den organischen Ursprung

dieser Produkte deutet und ihre Drehung erklärt. Bekanntlich

leitet ja ~Engler~ das +Petroleum+ wesentlich von den Fetten einer

untergegangenen Fauna und Flora ab.

Die in den tierischen Fetten vorkommenden Cholesterine unterscheiden

sich in verschiedenen Punkten von den in den Pflanzenfetten

auftretenden Phytosterinen, beide Sterine sind aber offenbar nahe

miteinander verwandt. Sie unterscheiden sich durch die Kristallform

(Fig. 229) und den Schmelzpunkt der Acetate (~Bömer~). Derselbe liegt

beim Cholesterinacetat bei 114,3-114,8, bei den Phytosterinacetaten

(aus Pflanzenfetten) zwischen 125,6-137°. Wenn der Schmelzpunkt auch

nach fünfmaligem Umkristallisieren unter 116° bleibt, so darf auf

Cholesterin und Abwesenheit von Phytosterin geschlossen werden. Auch

mit Hilfe der Dibromadditionsprodukte gelingt die Trennung (~Windaus~).

Eine wichtige Rolle spielen die Sterine bekanntlich bei der Analyse

der Fette. Sie bilden meist allein den «unverseifbaren Anteil» (s.

oben) und wie für die tierischen Fette das Cholesterin, so sind

für die pflanzlichen Fette Phytosterine, besonders das Sitosterin

charakteristisch. Noch ist Cholesterin niemals mit Sicherheit in

pflanzlichen, Phytosterin niemals sicher in tierischen Fetten

nachgewiesen worden.

[Illustration: Fig. 229.

a-d Cholesterinkristalle. a-h Phytosterinkristalle. [Aus +Lewkowitsch+,

Öle. Braunschweig, +Vieweg+ 1905.]]

Als +Reaktionen+ zum Nachweis der Sterine dienen die von

~Liebermann-Burchard~ (Chloroform-Essigsäureanhydrid-Schwefelsäure)

~Salkowski-Hesse~ (Chloroform-Schwefelsäure), ~Mach~

(Salzsäure-Eisenchlorid), ~Hirschsohn~ (Trichloressigsäure-Salzsäure)

und ~Tschugaeff~, sowie die Jodschwefelsäure-Reaktion. (Vgl. in

~Tschirch~, Harze II. Aufl.) Zum +mikrohistochemischen+ Nachweise

der Phytosterine eignen sich die bisher bekannt gewordenen

makrochemischen Reaktionen nicht (~Scherer~).

~Windaus~ teilt mir (1912) folgendes über das Cholesterin mit: «Dem

Cholesterin kommt die Formel C₂₇H₄₆O zu; es ist ein sekundärer Alkohol,

dessen CHOH-Gruppe sich in einem Ringe zwischen zwei Methylenresten

befindet. Das Cholesterin besitzt eine Doppelbindung, und zwar in

einer endständigen Vinylgruppe CH:CH₂. Endlich ist ein Isoamylrest,

(CH₃)₂CHCH₂CH₂, im Molekül des Cholesterins nachgewiesen. Das

Cholesterin enthält vier vollständig hydrierte Ringe, dagegen kein

aromatisches Ringsystem. Die Formel des Cholesterins läßt sich also

bisher auflösen in:

CH:CH₂

/

(CH₃)₂CHCH₂CH₂--C₁₇H₂₆---CH₂

\ |

\ CHOH .»

\ |

\CH₂

~Pickard~ und ~Yates~ glauben, daß das Cholesterin aus einem sehr

beständigen komplexen Kern besteht, der mit einer normalen Kette von

etwa 19 Kohlenstoffatomen verbunden ist. Bei der Oxydation entsteht

Arachinsäure (C₂₀H₄₀O₂).

Die Sterine werden durch Licht verändert (~Schulze~ und

~Winterstein~).

=Lit.= +Cholesterin+: ~Mauthner~ und ~Suida~, Monatsh. f. Chem. 1894,

85 u. 362. -- ~van Oordt~, Jahresb. d. Tierchem. 31 (1902), Diss.

Freiburg 1901. -- ~Welsch~, Vorkommen u. Verbreit. d. Sterine im

Tier- u. Pflanzenreich. Diss. Freiburg 1909. -- ~Dorée~, Biochem.

Journ. 4, 72. -- ~Windaus~, Arch. Pharm. 246 (1908), 117 und

Habilitationsschr. Freiburg 1903; Ber. d. chem. Ges. 36, 3699 u.

3752; 37, 2027 u. 4753; 39, 518, 2008 und 2249; 40, 257 u. 2637; 41,

611; 42, 241. -- ~G. Stein~, Über Cholesterin. Diss. Freiburg 1905.

-- ~Pickard~ und ~Yates~, Proc. chem. Soc. 19, 147. -- ~Diels~ und

~Abderhalden~, Ber. d. chem. Ges. 37 (1904), 3092; 39 (1906) 884. --

~E. Schulze~, Ber. d. chem. Ges. 5, 1075; 6, 252. -- ~Liebermann~,

Ber. d. chem. Ges. 18, 1803. -- ~Burchard~, Beitr. z. Kenntn. d.

Cholesterine. Dissert. Rostock 1889. -- ~Bondzynski-Humnicki~,

Zeitschr. phys. Chem. 22 (1896), 396; Ber. d. chem. Ges. 29, 476.

-- ~Humnicki~, Über d. Schicksal d. Cholesterins im tier. Organism.

Diss. Freiburg 1898. -- ~Bömer~, Zeitschr. Unters. v. Nahrungs- u.

Genußm. 1898, 544. -- ~Bömer~ und ~Winter~, Über einige Ester der

Cholester. u. Phytoster. Zeitschr. Unters. Nahr. u. Genußm. 1901,

1091. -- ~Blümner~, Über Cholesterinäther. Dissert. Zürich 1911. --

~E. Ritter~, Beitr. z. Kenntn. d. Cholesterine u. d. Method., die zu

ihrer Abscheid. aus d. Fetten u. z. ihrer quantit. Best. verwendbar

sind. Diss. Zürich 1902. -- ~Juckenack-Hilger~, Gewinn. d. Cholest.

u. Phytost. aus Tier- u. Pflanzenfetten. Arch. Pharm. 1898, 367. --

~Raumer~, Zeitschr. angew. Chem. 1898. -- Weitere Nachweise über

Cholesterin in ~Röhmann~, Biochemie.

+Phytosterine+: ~Beneke~, Cholesterin im Pflanzenreiche aufgefunden.

Lieb. Ann. 122 (1862), 249. -- ~Hesse~, Phytosterin und Cholesterin.

Ebenda 192 (1870), 175. -- ~Lindenmeyer~, Journ. pr. Chem.

90, 321. -- ~Reinke~ und ~Rodewald~, Über Paracholesterin aus

Aethal. sept. Lieb. Ann. 207 (1881), 229. -- ~Tschirch~, Verh.

d. Naturforschervers. Wien 1894 und Chem. u. Biolog. d. pflanzl.

Sekrete. -- ~Thoms~, Arch. Pharm. 235, 39. -- ~Schulze~, Lupeol,

Zeitschr. phys. Chem. 41 (1904). -- ~Schulze~ und ~Winterstein~,

Verh. d. Cholest. gegen d. Licht. Zeitschr. phys. Chem. 43, 316 und

48, 546. -- ~Hauth~, Z. Kenntn. d. Phytosterine. Diss. Freiburg 1907.

-- ~H. Scherer~, Über Phytosterine usw. Diss. Straßburg 1909. --

~Cohen~, Over Lupeol. Proefschr. Utrecht 1906, Arch. Pharm. 1908,

510, 515, 520 und 592. Phytosterine aus Balata. Ebenda 1908, 510.

-- ~Sack~ und ~Tollens~, Ber. d. chem. Ges. 1904 (aus ~Sack~, Diss.

Göttingen 1901). Weitere Nachweise über Phytosterine in ~Czapek~,

Biochemie.

+Reaktionen+: ~Salkowski~, Pflüg. Arch. 6 (1872), 207. -- ~Hesse~,

Lieb. Ann. 211 (1882), 284. -- ~Liebermann~, Ber. d. chem. Ges. 18

(1885), 1803. -- ~Burchard~, Beitr. z. Kenntn. d. Cholester. Diss.

Rostock 1889. -- ~Hirschsohn~, Pharm. Centralh. 1902, 357.

Wollfettgruppe.

Adeps Lanae.

Wollfett, Wollschweißfett, Suint, Wool fat, Wool grease, Recovered

grease, grasso di lana, in Amerika: Dégras, -- das wasserhaltige:

+Lanolin+, Lanichol, Laniol, Lanesin, Agnin, Alapurin, Anaspalin,

Vellolin usw. -- das wasserfreie: Lanolinum anhydricum, nach

~Husemanns~, ~Hebbelers~ und ~Wulfsbergs~ Ausführungen besser: oesypum

(nicht oesipus wie ~Ince~ und ~Liebreich~ schreiben), das masc. kommt

bei keinem römischen Autor vor.

=Etym.= οἴσυπος aus ὀίς = ovis Schaf; οἰὸς ῥύπος = Schmutz der

Schafe; οἰὸς λίπος = Fett der Schafe; griech. ὀίσυπος (Neutr.)

oder οἰσύπη (Fem.), bei ~Dioskurides~ οἴσυπος (Masc.); bei ~Galen~

auch ὀίσπη αἰγός; bei ~Oribasius~ ὀίσσυπος, bei ~Aëtius~, ~Paulus

Aeginetes~, ~Nicol. Myrepsus~ auch ὕσσωπος. Daraus wurde dann im

I. Jahrh. n. Chr. Hyssopus und Hyssopum; -- gleichlautend mit der

Pflanze -- so bei ~Scribonius Largus~ und ~Celsus~, bei ~Plinius~

steht sowohl Oesypum wie Hyssopus. -- In der Alphita: Ysopum vel

ysopus humida cerotum est succus lanae per decoctionem extractus.

Bei ~Mathaeus silvaticus~: cenferatab (aus zûfâ ratab jabis

corrumpiert, zûf, zûfâ, Name des Ysop). Das lat. ysopum humidum

auch bei ~Ibn Baithar~ als zûfâ rathaba (raṭab) = feuchtes Ysop

(die Ysoppflanze hieß trockener Ysop = zûfâ jabis; schon ~Paulus

Aeginetes~ unterscheidet das Wollfett: ὕσσωπος ὑγρός τὸ φάρμακον

vom Ysop: ὕσσωπος ἡ βοτάνη). -- Bei ~Serapion~: sinferatab, im

Liber Servitoris: zuscherak. -- Arab. heißt Wollschweiß auch

wadsah --. Oesypum war aber im Altertum auch Kollektivbegriff für

allen möglichen «Schmutz», wie Ziegenkoth und das aus Ziegenbärten

ausgekämmte Ladanum (Oesypum caprarum bei ~Plinius~). Der Name

Hyssopus humidus wurde durch die arabischen Autoren im ganzen

Mittelalter allgemein gebräuchlich (~Mesuë~, ~Liber servitoris~,

~Nicolai~). Im XVI. Jahrh. kam aber dann wieder durch die Humanisten

und das Bestreben, die Medizin vom Arabismus zu reinigen, οἴσυπος

und οἴσυπον (so z. B. bei ~Brunfels~) in Aufnahme. Doch schleppt

sich der Ausdruck Hyssopus humida als Nebenbezeichnung noch durch

die Arzneibücher des XVII. Jahrh. (~Schröders~ Pharm. med. chym.,

Pharmac. augustana 1634-1734), ja ist sogar ganz als hisopo umido

oder hesipo humedo in die spanische Sprache übergegangen. Im

Thesaurus aromat.: ysopus humide. In des Cordus Dispensat.: oesypi

i. e. hyssopi humida. Im Ricett. fiorent. nur oesypus.

=Gewinnung.= Die Wolle der Schafe enthält wechselnde Mengen

(20-70%) der unter dem Namen +Wollschweiß+ zusammengefaßten

Ausscheidungsprodukte der Haare und Schweißdrüsen der Haut, vermischt

mit mancherlei Verunreinigungen (Staub, Fasern, Kletten, Kot usw.).

Dieser Wollschweiß, von dem die Wolle vor ihrer Verarbeitung befreit

werden muß (+Wollwäsche+, +Entschweißen+), besteht einerseits

aus in Wasser, zum Teil auch in Alkohol löslichen Bestandteilen:

Kalisalzen organischer Säuren (s. unten S. 753), andererseits aus

aus Cholesterinen und deren Fettsäureestern bestehendem Fett. Die

Wolle enthält 20-28% dieses «Wollfettes». Die +Fabrikwäsche+ der

Wolle (die Rückenwäsche am Tiere selbst wird nur selten noch geübt)

geschieht entweder mittelst flüchtiger Lösungsmittel (Benzin, Äther,

Schwefelkohlenstoff, Amylalkohol, Naphta) oder -- meist -- mittelst

alkalischer Laugen (früher gefaulter Harn, jetzt Soda, Potasche,

Seife, Ammoncarbonat, auch Wasserglas wurde empfohlen). Meist wird

die Schweißwolle zunächst der +Vorwäsche+ unterworfen, d. h. mit

Wasser von gewöhnlicher Temperatur behandelt. Die gelösten Kalisalze

werden durch Calcinieren des Rückstandes der eingedampften Lösung auf

Potasche verarbeitet («Potasche aus Wollschweiß», s. unten S. 752).

Die +Hauptwäsche+ erfolgt gewöhnlich in den großen Wollwaschmaschinen

(Leviathan) mittelst Seifenlösungen von 40-45° C. oder Seifen- und

Sodalösungen, wodurch die Fette emulgiert werden. Das Waschwasser wird

zunächst durch Klärkufen geschickt, in denen sich der Schmutz und

andere Verunreinigungen absetzen, dann verschieden weiter verarbeitet.

In dem einen Verfahren (Lanolinprozeß) setzt man zu der Emulsion

verdünnte Schwefelsäure. Die Seife wird dadurch zerlegt und mit den

freien Fettsäuren scheidet sich auch das Wollfett ab. Dies wird

abgetrennt, abermals mit Kalilauge oder Potasche emulgiert und die aus

Kaliseife und Lanolin bestehende Emulsion zentrifugiert, wobei sich das

Lanolin als Rahm abscheidet. Dies wird dann mit Wasser gewaschen, die

Seifen durch Chlorcalcium in Kalkseifen übergeführt und aus dem Gemisch

das Wollfett mit Aceton extrahiert. Oder aber es wird das rohe Wollfett

zunächst durch Ätzalkalien oder Carbonate in eine Emulsion verwandelt

und diese dann der Zentrifugierung unterworfen. Dabei trennt sich diese

in eine untere, die Fettsäuren und Fette als Seife enthaltende Lösung,

und eine obere, die Cholesterinäther enthaltende, als Rahm abfließende

Schicht. Das so gewonnene Rohlanolin wird dann wiederholt mit Wasser

umgeschmolzen und gewaschen, hierauf Chlorcalciumlösung zugesetzt und

die Kalkseife mit siedendem Aceton extrahiert. Das nach Abdestillieren

des Acetons zurückbleibende Lanolin wird mit Kaliumpermanganat oder

anderen Oxydationsmitteln von den Riechstoffen befreit. Durch Einkneten

von 25% Wasser wird das Wollfett in Lanolin übergeführt. Neuerdings

wird geruchloses Wollfett dadurch erhalten, daß der Wollfettschlamm

statt mit Schwefelsäure mit schwefliger Säure gefällt wird. Ein

anderes Verfahren (Adeps lanae-Prozeß) geht in der Weise vor, daß die

geklärte Rohemulsion (s. oben) direkt mit Chlorcalcium versetzt und

der ausfallende Schlamm (Suinter), ein Gemisch aus fettsaurem Kalk und

Cholesterinestern, mit Wasser oder mit Salzlösungen (von 1,02-1,04

spez. Gew.) geschlämmt wird. Dabei bleiben die schweren Kalksalze

zurück und der Wollfettschaum wird mit dem Waschwasser fortgeschlämmt

und den Waschwässern durch einen Gegenstrom von Benzin oder einem

anderen Lösungsmittel entzogen. Bisweilen werden auch die Rohemulsionen

direkt zentrifugiert und das Fett durch Waschen, Umschmelzen usw.

gereinigt. Wird die Rohwolle direkt mit Benzin oder Äther extrahiert,

so müssen die Wollschweißsalze durch nachträgliches Waschen mit Wasser

entfernt werden. Das Wollschweißfett, das durch Extraktion der Wolle

mit flüchtigen Lösungsmitteln erhalten wird, enthält die natürlichen

Bestandteile, soweit diese löslich sind: Fettsäuren, neutrale Ester

und freie Alkohole, sowie Kalisalze der Fettsäuren. Die Darstellung

von hellem Wollfett ist möglich, wenn die Lösung in Benzin mit

Gerbsäure, Phosphorsäure, Essigsäure oder Bleiacetat unter Zusatz

von Alkohol behandelt wird (~Kleemann~). Gewöhnlich wird zum Bleichen

Kaliumbichromat und Schwefelsäure benutzt (~Herbig~). Die Darstellung

gereinigter Wollfette ist durch vielerlei Patente geschützt.

Ausführliche Darstellung der Methoden bei ~Donath~ und ~Margosches~

a. a. O. Viel rohes Wollfett kommt aus der Levante (~Caesar-Loretz~).

=Handelssorten.= Die +Norddeutsche Wollkämmerei+ in Delmenhorst

bringt 1912 in den Handel: +Alapurin+, reines, neutrales,

wasserfreies Wollfett, die beste Sorte, dann _Adeps Lanae_ N.

W. K. (Lanolinum puriss. anhydr.) und _Adeps Lanae ad usum

veterinarium_. Ferner für technische Zwecke _Adeps Lanae technicus_,

+Neutral-Wollfett+ I und II (säurefrei), +Wollfett-Fettsäure+ und

+rohes Wollfett+. Über die Darstellung dieser Präparate teilt mir

die Firma folgendes mit: «Das nach D. R. P. 69598 hergestellte,

leicht schmelzbare Wollfett kommt jetzt bekanntlich unter dem Namen

«Alapurin», als feinstes Produkt für medizinische Salben usw. in

den Handel. Seines hohen Preises wegen tritt die Verwendung zurück

gegenüber dem _Adeps Lanae_ N. W. K., welches überall eingeführt

und sich dauernd bewährt hat. Dieses _Adeps Lanae_ N. W. K. hat als

Grundlage das Neutral-Wollfett, welches direkt aus dem mittels Kalk

und Erdalkalisalzen gewonnenem Suinter extrahiert wird. Zwei Drittel

des gesamten Wollwaschwassers werden nach diesem Neutralverfahren mit

Kalk und Erdalkalisalzen geklärt. Bei der Extraktion des Suinters

entsteht zunächst ein gelbbraunes Fett mit ziemlich starkem Geruche,

das +Neutral-Wollfett+ II. Dies wird mit Sauerstoff (Ozon) gebleicht

und desodorisiert, dadurch verwandelt es sich in +Stern-Lanolin+. Ein

letzter Raffinationsprozeß verwandelt das Stern-Lanolin in _Adeps

Lanae_ N. W. K. Wird dies mit Wasser verknetet, so entsteht das

_Adeps Lanae cum aqua_. Die im Suinter verbleibenden Alkaliseifen

werden durch besondere Extraktion mit anderem Lösungsmittel gewonnen

und liefern nach Zersetzung mit Salzsäure die +Wollfett-Fettsäure+.

Ein Teil des Wollwaschwassers wird nach dem altbekannten sauren

Verfahren mit Schwefelsäure geklärt. Der hierbei sich absetzende

Schlamm (saurer Suinter) wird in Dampfpressen gepreßt. Dabei läuft

das +Roh-Wollfett+ ab. Die Rückstände werden als Dünger verkauft.»

=Chemie.= Die +Wolle+ enthält in %: 12,28-23,48 Wasser, 7,17-34,19

Wollfett, 9,76 bis 21,83 Wollschweiß (in Wasser löslich), 0,35-0,89

in Alkohol löslich, 1,39-5,64 in verd. Salzsäure löslich, 0,29-0,57

in Ätheralkohol löslich, 20,83-43,2 reine Wollfaser; 2,93-23,64

unlösliche Verunreinigungen (~Märcker~, ~Schulze~, ~Barbieri~). Der

+Wollschweiß+ besteht aus Kaliumsalzen der Ölsäure und Stearinsäure,

-- also Kaliseifen -- wahrscheinlich auch anderer nicht flüchtiger

und einiger flüchtiger Fettsäuren (Essigsäure, Propionsäure,

Buttersäure, Capronsäure, Baldriansäure, Önanthsäure, Cerotinsäure),

sowie Kaliumchlorid, Phosphaten und Sulfaten, Ammonsalzen usw.,

Kaliumphenylsulfat, Sarkolaktinsäure, Benzoësäure, Oxalsäure,

Milchsäure, Bernsteinsäure, Harnsäure, Glycocoll, Leucin, Tyrosin,

Mono- und Trimethylamin u. a. m. (~Ulbrich~, ~Reich~, ~Hartmann~,

~Buisine~). Die Wollschweißasche (Potasche) enthält 58,9-63,4%

Kali. Beim Glühen der Kohle des Wollschweißwaschwassers entstehen

brauchbare Gase. Die +Wollschweißpotasche+ ist oft fast frei von

Natronsalzen. Je edler die Rasse und je besser genährt die Tiere

sind, um so höher ist der Kaligehalt. In Deutschland wird sie in

Döhren bei Hannover, Chemnitz und in Bremen dargestellt. Die Ausbeute

beträgt 5% des Gewichtes der Wolle.

Das wasserfreie Wollfett bildet eine fast geruchlose, klebrige,

stark viskose salbenartige Masse, die meist bei 40-42° schmilzt (die

Norddeutsche Wollkämmerei liefert ein Wollfett von dem sehr niedrigen

Schmelzpunkt 30-36°). Es nimmt mehr als das doppelte Gewicht Wasser

auf, ohne seine salbenartige Beschaffenheit zu verlieren. Die Farbe des

Wollfettes ist verschieden: hellgelb, gelb, grünlichgelb, goldgelb,

dunkelgrün, dunkelbraun bis schwarzbraun. In Wasser ist es unlöslich,

in Alkohol schwer löslich, leicht löslich in Aceton, Äther, Benzol,

Petroläther und Schwefelkohlenstoff.

Spez. Gewicht: 0,970-0,973, Schmelzpunkt: 36-42,5°, V.-Z.: 82-130,

J.-Z.: 10-28 (J.-Z. der Fettsäuren: 17), Hehnerzahl: 60, Schmelzpunkt

der Fettsäuren: 41,8°, Erstarrungspunkt der Fettsäuren: 40°,

Schmelzpunkt der Alkohole: 33,5°, Erstarrungspunkt der Alkohole: 28°.

~Dieterich~ fand (Methode: Helfenb. Ann. 1897) für wasserfreies

Wollfett (1900): Verlust bei 100°: 0,1-2,2%, S.-Z.: 0,196-2,419,

Wasseraufnahmefähigkeit: 56,26-246,86, Asche: Spuren -0,3%. Adeps lanae

enthält meist nur Spuren Chlor.

Eine Analyse von rohem Wollfett (recovered grease) ergab

~Lewkowitsch~ in %: flüchtige Fettsäuren 1,26, unlösliche freie

Fettsäuren 20,22, Unverseifbares (unverbund. Alkohole) 6,21, Total

des Unverseifbaren 36,71, Wachs 72,31, darin: gebundene Alkohole

30,5 und gebundene Fettsäuren 41,81. Für mit überhitztem Wasserdampf

destilliertes Wollfett (flüssiger Anteil): Freie Fettsäuren 54,91,

unzersetztes Wachs 11,39, darin: gebundene Fettsäuren 7,09 und

gebundene Alkohole 4,30, Unverseifbares (Kohlenwasserstoffe) 34,50.

Wollfett läßt sich in einen harten (Wollwachs) und einen weichen Teil

scheiden. Die Abscheidung des Wollwachses erfolgt durch Abkühlung der

Lösung in Fuselöl unter den Schmelzpunkt des Wollfettes.

~Chevreuls~ Analyse des Wollschweißes (1856) ergab neben oxalsaurem

Kalk, kieselsaurem Alkali und Chlorkalium die Kalisalze zweier

organischer Säuren und wenigstens 5 «besondere» Fette, vorwiegend

Stearerin (unverseifbar) und Elaierin (verseifbar). ~Ulbricht~ und

~Reich~ fanden 1867 Stearinsäure und Ölsäure. Die Cholesterine

wurden von ~Hartmann~ (1868) und ~E. Schulze~ (1870) im Wollfett

entdeckt. ~Hartmann~ wies nach, daß im Wollfett kein Glycerin

enthalten ist, ~E. Schulze~, der alle wichtigen Punkte aufklärte,

daß darin Isocholesterin und ein Benzoësäureester (?) vorkommen. ~v.

Sanctis~ fand im Lanolin von ~Jaffé~ und ~Darmstätter~: Cerotinsäure,

Palmitinsäure, geringe Mengen Capron- und Ölsäure, sehr geringe

Mengen Stearin-, Isovalerian- und Buttersäure, sämtlich als Äther des

Cholesterins und Isocholesterins, vielleicht auch anderer höherer

Alkohole. Glycerin fehlte. Ob aber Ölsäure darin vorkommt, die

auch ~Schulze~ (1874) angibt, ist zweifelhaft. Ebenso bedarf die

Hyaenasäure der Bestätigung. Buisine fand Cerotinsäureceryläther.

Handbuch der Pharmakognosie(#71452) · 第 116 / 120 段