Seit etwa 70 Jahren wird der Lebertran, seit Jahrhunderten

Volksmittel in Skandinavien, in England als Nahrungsmittel benutzt

(Chem. Drugg. 1910, 51). Noch zu ~Pereiras~ Zeiten kam er aber

ausschließlich aus Neufundland, wo er damals noch in der gleichen

Weise wie dies ~Pennant~ 1792 in seiner Artic zoology beschreibt,

gewonnen wurde: Man warf die Lebern in Fässer, die unten ein mit

Fichtenreisern verstopftes Loch besaßen und stellte diese in die

Sonne. Das beim Faulen der Lebern ausfließende Öl wurde unten

aufgefangen. Doch kochten auch damals schon die Fischer in Newhaven

bei Edinburgh die Lebern in eisernen Töpfen aus und filtrierten das

Öl durch ein Tuch mit etwas Sand (~Bennet~). In der Mitte des XIX.

Jahrh. war Lebertran das bei Skrophulose am häufigsten angewendete

Mittel und da man in jener Zeit alle etwas schwächlichen Kinder für

skrophulös hielt, hat fast die ganze damals aufwachsende Generation

oft wochenlang den gefürchteten Tranlöffel täglich an den Lippen

gehabt. -- Ein Patient erhielt einmal 265 Pfund in 6 Monaten! --

Ich denke noch heute mit Schaudern daran. Denn der ganz leidlich

schmeckende Dampftran war damals noch nicht erfunden! Erst 1853

begannen in Norwegen die ersten Versuche, Lebertran mit Hilfe von

Dampf darzustellen; im größeren Maßstabe geschah dies aber erst seit

1890. Anfang der sechziger Jahre erschien des Kaufmanns ~Baschin~

heller Tran im Handel. Es war ~Peter Möller~, der 1853 die Methode,

aus +frischen+ Lebern mit Hilfe von Dampf helle Trane darzustellend,

erfand (~Peter Möllers~ Steam process). Während er 1853 kaum 20

Barrels Dampftran erhielt und auch diese kaum an die an dunkle Trane

gewöhnten Händler absetzen konnte, wurden 40 Jahre später schon

30000 Barr. erzeugt. 1893 bestanden schon 52 Dampftran-«Fabriken»,

richtiger «Kochereien».

In Neufundland fischen die Franzosen seit 1533, besonders seit unter

~Sullys~ Protektion eine Kolonie in Canada gegründet wurde, gingen

jährlich über 100 Schiffe hinüber. Trotzdem der Utrechter Vertrag

die Rechte Frankreichs stark beschnitt, sehen wir noch 1792 jährlich

210 französische Schiffe dort dem Fang obliegen. In Labrador wird

der Dorsch seit 1869 gefischt. 1889 begann man auch in Amerika in

größerem Maßstabe Dampftran darzustellen. 1890 errichtete ~Nielsen~

eine Fischzuchtanstalt auf Dildo in Neufundland. (Rapp. s. la

propagat. artific. de la morue 1892). Auch in Norwegen und Canada

sind Zuchtversuche gemacht worden. Künstliche Brut wurde zuerst 1878

in Gloucester versucht. 1899 wurden dort bereits 100 Mill. Eier

künstlich ausgebrütet (Merck. Rep. 1899).

Der Grund, warum sich die hellen Dampftrane nur langsam einführten,

lag daran, daß man lange Zeit glaubte, daß die von ~Gautier~

und ~Mourgues~ 1890 in den dunklen Tranen entdeckten Alkaloide

die wirksame Substanz sind, was aber keineswegs der Fall ist.

Lebertranemulsionen erwähnt schon ~Pereira~: «Doch tritt bei

ihnen der unangenehme Geschmack nur noch mehr hervor». 1843

empfahl ~Deschamps~ (Gaz. d. hopitaux No. 49) eine Lebertranseife,

~Duclon~ 1846 einen Lebertransirup, später ~Pohl~ Gelatinekapseln;

1860 erschien ~Jeannels~ Eisenlebertran. Den größten Einfluß auf

die Lebertrantherapie gewann aber die zweifellos vortreffliche

~Scott~sche Emulsion.

~Kopp~ (bei ~Dierbach~) vermutete +Jod+ im Tran und der Apotheker

~Hopfer de l’Orme~ wies es 1836 nach (Lieb. Ann. 21 (1836) 73 und

Hufel. Journ. f. prakt. Med.), was ~Wackenroder~, ~Brandes~, ~Bley~,

~Marchand~ und ~Gmelin~ (Ann. d. Pharm. 30, 1839 321) bestätigten.

Das Brom fand ~de Jongh~, ~Allen~ 1885 das Cholesterin. Die Bildung

von «Propylamin» beim Destillieren mit Kali beobachtete schon

~Winckler~ (1852). Während die nach der älteren Methode bereiteten

gefärbten Trane infolge der beigemengten Fäulnisprodukte schlecht

schmeckten und Aufstoßen hervorriefen, sind die nach dem ~Peter

Möller~-Prozeß (s. oben S. 651) bereiteten hell und schmecken besser.

Die von Peter Möller 1857 geäußerte Vermutung, daß der Lebertran,

da er ganz anders wirke als andere Öle, andere Fettsäuren enthalten

müsse als die übrigen Fette, hat sich durch die von ~Peckel Möller~

1880 inaugurierten Untersuchungen ~Heyerdahls~ als richtig erwiesen.

=Lit.= ~Flückiger~, Lebertran in Fehlings Handwörterbuch. --

~König~, Isis 1895. -- ~Schelenz~, Gesch. u. wirtschaftl. Bedeut. d.

Lebertrans. Pharm. Zeit. 1899, 331. -- ~Peckel Möller~ a. a. O.

c) Trane.

Die eigentlichen Trane werden aus dem Speck oder auch aus dem

ganzen Tiere ausgeschmolzen. Sie bestehen fast ausschließlich aus

Glyceriden, einige (Delphin-, Meerschweintran) enthalten auch

Walrat. Sie sind für uns nur als Verfälschungsmittel des Lebertrans

von Interesse (vgl. die Tabelle S. 659), dürften aber medizinische

Beachtung verdienen (vgl. S. 661).

Hierher gehören der +Robben-+ oder +Seehundstran+ von _Phoca

vitulina_, _groenlandica_, _lagura_, _caspica_ etc., der

+Walfischtran+ von _Balaena mysticetus_ (der echte Wal),

_B. australis_, _Balaenoptera longimana_, _borealis_. Das

+Schildkrötenöl+ von _Thalassochelys corticata_, das +Dugongöl+ von

den Seekühen, _Halicore australis_ und _indicus_, der +Delphintran+

von _Delphinus globiceps_ und der Meerschwein- oder Braunfischtran

von _Delphinus phocaena_.

2. Öle von Landtieren.

Die Öle der Landtiere ähneln den nichttrocknenden vegetabilischen

Ölen. Sie geben relativ niedrige Jodzahlen, absorbieren nicht leicht

Sauerstoff und liefern harte Elaidine. Sie spielen in der Medizin

eine untergeordnete Rolle. Es gehören hierher zunächst die sog.

Klauenöle, das Schafpfoten- oder Hammelklauenöl, das Pferdefußöl und

das Ochsenklauenöl, dann das Eieröl (aus Eidotter) und die flüssigen

Öle, die aus Schmalz und Talg durch Auspressen erhalten werden (s.

bei Adeps und Sevum).

III. Vegetabilische feste Fette und solche enthaltende Drogen.

Die Vertreter dieser Klasse von Fetten sind in der +gemäßigten+

Zone fest, wie z. B. die tropischen Fette (_Cacao_, _Cocos_), oder

von Salbenkonsistenz, wie die Fette der Subtropen (_Laurus_),

jedenfalls nicht flüssig (s. oben S. 548). Je weicher sie sind, um

so mehr enthalten sie gewöhnlich ungesättigte Fettsäuren (Ölsäure,

Linolsäure). Für einige (_Cacao_, _Muskat_) war früher die an die

Konsistenz erinnernde, jetzt als irreführend verlassene Bezeichnung

«Butter» in Gebrauch.

1. Myristinsäuregruppe.

Die Vertreter dieser Gruppe enthalten Myristin, den Glycerinester der

Myristinsäure CH₃(CH₂)₁₂COOH (vgl. S. 546). Die Myristinsäure ist im

Pflanzenreiche weit verbreitet, besonders aber bei den Myristicaceen

zu finden. Nachgewiesen ist sie z. B. in _Myristica fragr._, _M.

surinamens._, _M. Otoba_, _M. Bicuhyba_ u. and., _Virola surinamensis_

und _venesualensis_; ferner im Cocos-, Palmkern- und Dikafett, sowie im

Walrat (~Nördlinger~, ~Reimer~, ~Will~, ~Thoms~, ~Mannich~). Aus den

Virolafetten läßt sich die Myristinsäure leicht darstellen (~Reimer~

und ~Will~).

Semen Myristicae, Macis und Oleum myristicae.

=Syn.= Nux moschata, Nucleus moschatus, Sem. nucistae, Muskatnuß,

Moschatennuß, Bisamnuß, Macisnuß, noix (de) muscade; die Pflanze

muscadier (franz.), nutmeg (engl.) -- notemuskaat, notmuskaat, noten

(holl.) -- noce moscada (ital.) -- nuez moscada (span.) -- muskot träd

(schwed.) -- muscadnöd (dän.).

Der Arillus, die _Macis_: Muskatblüte, Macisblüte, Muskatblume (so

noch in Preislisten 1911 [!], trotzdem der Sachverhalt seit 700 Jahren

bekannt ist). Fleur de muscade (franz.) -- mace (engl.) -- macio

(span.) -- folie, foelie (holl.) -- Arillus myristicae, Flores macidis.

Macis wird jetzt meist als Femininum behandelt (als Masculinum bei

~Clusius~ in Exoticorum libr. 1605 und in ~Garcia~ Aromat. 1593).

+sansc.+: jáji-phalam, jatiphala (phalam im Pali = Frucht), hind.:

jáé-phal, jaiphal (Macis: ápatri) (weitere vorderind. Namen in

Pharmacogr. indica und in ~Watt~, Dict. econ. prod.); +mal.+ pala

(die Frucht: bua pala) in Atjeh: bak pala (weitere indische Namen bei

~de Clercq~). -- +arab.+: jouzbuvá, jauz-ut-trib, ganz būwa oder ǧauz

bauwa (Macis: basbás, bisbasa) -- +pers.+ jouzbóyah (Macis = bazbáz)

-- +chines.+ Muskatnuß: juh-tau-kʾau oder jou tou kʾou (tou kʾou =

Cardamom), Macis: jou tou hua (jou = fleischig, hua = Blume.)

Bei ~Simon Seth~: κάρυον αρωματικόν. -- Bei ~Myrepsus~: μοσχοκάρυδον,

κάρυον μυρεψικόν. In den Glossae iatricae: νώς μυριτζικά μοσχοκάριδα.

Bei den späteren Griechen auch: νούκη μοσχάτα, νάσκαφτον (weitere

bei ~Langkavel~). -- Im alten Indien: jâti-kôça = dschati-kosa

(Macis: dschati-patra). Daß sie sich von Indien westwärts durch

den Handel verbreitete, zeigt die Aufnahme des indischen jâti-kôça

in das Syrisch-Aramäische (~Lagarde~, ~Löw~). -- Bei ~Ahroun~:

jeusbane -- bei ~Amrân~: Macis: adaches -- bei ~Avicenna~: jausiband

(Macis: befbase) -- bei ~Serapion~: jeuzbeve, jusbegue, jumbague

(Macis = bisbese) -- bei ~Averrhoës~: geoza (Macis: besbese) --

bei ~Ibn Baithar~: djouz bou (Macis: besbassa). -- Macis bei den

alten Arabern, z. B. ~Avicenna~: bisbese, besbâssa befbase (später,

z. B. von ~Serapion~ mit thaliphaphar, thâlisfar, talifar [=

Halarrhena antidysenterica] zusammengeworfen). -- Bei ~Constantinus

Africanus~: nux muscata. -- Bei ~Albertus Magnus~: muscata. -- Bei

der ~Hildegard~: nuz muscata. -- In der Alphita: nux miristica, cayon

mirifica. Bei ~Bartholomaeus~: nux mirifica. -- In den Tabulae: nux

muscata. -- In den Synonyma Serapionis: jeumbave, jumbague. -- Bei

~Actuarius~: nux unguentaria, quam myristicam adpellant. -- In den

dänischen Urteböger (I, S. 684): nux moscata und matae, muscatan

blomae. -- Bei ~Megenberg~: matzenpaum, muskatpaum. -- In den

mittelenglischen Medizinbüchern: lichebane, nux mustica, macys. -- Im

Gothaer Arzneibuch: muscate, muschate, muscatenblome, muschatenblome.

-- Bei ~Harpestreng~: nux moscata (Macis: muscatae blomae, matae).

-- In der Ordinancie van der Dumwagen (XIV. Jahrh.): musschaten und

musschaten bloymen. -- In The forme of cury (1380): noiez mugedez.

-- Im niederdeutschen Arzneibuch (XIV. Jahrh.): muschate. -- Bei

~Hans Folcz~ (1485): muscat plue (= Macis). -- Im Inventar ~Lefort~

(I, S. 805): noys muguette, massis und uille de musterlin. -- In den

Droits de courtage etc. (XV. Jahrh.): nois muguettes und massiz.

-- In der Frankfurter Liste (I, S. 812): nuces muscati und maces. --

Bei ~Marco Polo~ (1295): noci moschiate. -- Im Roteiro des ~Vasco da

Gama~ (I, S. 814): noz nozcada. -- Bei ~Acosta~: jauziband, seygar.

-- In Ricettario fiorentino (I, S. 793) noce moscada. -- Bei ~Levinus

Lemnius~ (De miraculis occultis naturae 1567): nux myristica seu

moschata. -- Bei ~Rumpf~: gjauz-bawa (Macis: besbase).

[Illustration:

Tafel XIX.

Myristica fragrans in Java. Frei stehender Baum in einem

Zingiberaceengebüsch. (Links Zingiber, rechts die riesige Elettaria

speciosa.) Um die Größenverhältnisse zu zeigen, ist mein malaiischer

Diener mit aufgenommen. [+Tschirch+ phot.]]

=Etym.= Myristica, zuerst bei ~Petrus d’Ebulo~ (1191), von μυριστικός

= balsamisch, (μύρον = Balsam, d. h. ein wohlriechender Saft

(der βαλανός μυρεψική des ~Dioskurides~ und ~Celsus~ ist sicher

nicht zu deuten) -- fragrans = wohlriechend -- muscata zuerst bei

~Constantinus Afrikanus~, muscat schon im ~Parcival~; dies wie das

mhd. muscait, muscart, mnd. muschade, muscatenblome, das franz.

muguette, musguette von moschatus, was aber mit Moschus nichts zu

tun hat. Die Worte muscatum, moschatum, moschelinum, wurden für

etwas wohlriechendes lange bevor die Muskatnuß bekannt war, benutzt

(z. B. schon bei ~Oribasius~). Sie wurden dann auf sie übertragen.

In Byzanz erhielt das Gewürz -- aber nicht wegen der Ähnlichkeit des

Geruches, wie ~Schrader~ meint, denn die besteht nicht -- den Namen

μοσχοκάρυδον, woraus latein. nux moschata, mhd. nuzmuscata (bei der

~Hildegard~) muskât (bei ~Megenberg~) wurde. -- Das pers. gauz-i-buya

(jouz bóyah) bedeutet wohlriechende Nuß. Das arabische jausiband

heißt Nuß von Banda. -- Unter nuces indicae wurden früher bisweilen

Muskatnüsse verstanden, später dann aber (außer der Nuces vomicae und

den Arecanüssen) die Cocosnüsse (s. d.), die wohl auch als nuc. ind.

grandis (z. B. bei ~Nicolai~) unterschieden wurden; nach ~Warburg~

ist die nux indica (avellana de la India) wahrscheinlicher _Moringa

oleifera_. Bei ~Cordus~ heißt die Muskatnuß nux indica moschata

(und moschocaryon). -- Im botanischen Sinne ist die Muskatnuß

keine Nuß, d. h. keine Schließfrucht, nicht einmal der ganze Same,

sondern nur der Samenkern. Der korrekte Name wäre also +Nucleus

seminis myristicae+. -- Macis umgebildet aus Macer (macir, machis,

machir, μάκειρ). Im Altertum (~Scribonius Largus~, ~Dioskurides~

usw.) bedeutete dies die Rinde von _Ailanthus malabarica_ ~Dc.~ in

der früharabischen Zeit (~Rhazes~) wohl auch die Wurzelrinde von

_Holarrhena antidysenterica_ ~Wall.~ (_Wrightia antidysenterica_

~Grah.~), erst vom XI. Jahrh. an den Muscat-Arillus. -- Das holl.:

foelie, fuly (im Dordrechter Zollerlaß 1340: foelghen) = Macis, ist

wohl zu folium, feuille zu stellen (oder altportugiesisch soviel wie

Blüte?). -- Muskatbutter heißt im mal. minjak pala. Minjak ist die

mal. Gruppenbezeichnung für Öl und Fett. pala (mal.) wohl von ind.

(pali) phala = Frucht par excellence.

=Stammpflanze und Systematische Stellung.= Die Banda Muskatnuß, die

Bandamacis und das Ol. myristicae werden geliefert von:

=Myristica fragrans= ~Houttuyn~, Hist. nat. II, 3 p. 333 (1774) (_M.

officinalis_ L. f. [non ~Mart.~] 1781, _M. moschata_ ~Thunbg.~ 1782,

_M. aromatica_ ~Lam.~ 1788).

Myristicaceae (Myristica) Eumyristica.

Von den 235 Arten der Familie gehören 179 dem südlichen Asien bis

Papuasien, 38 Südamerika, 11 Afrika, 4 Madagaskar, 2 dem trop.

Australien, 3 Polynesien an (~Warburg~). Aber dauernd aromatisch

sind die Samen und Arillen nur einiger weniger auf die Molukken und

Papuasien beschränkter Arten.

=Beschreibung der Stammpflanze.= Der meist ein Alter von 60 (selten

80 bis 100) Jahren erreichende Baum, der in seinem in der Jugend

pyramidenförmigen Wuchs, wie schon ~Rumpf~ und ~Valentijn~ ganz

richtig angeben, einem Birnbaum gleicht, d. h. er ist in der Jugend

mit pyramidaler (Taf. XIX), im Alter mit breiter Krone versehen --

~Jagor~ sagt, er hält die Mitte zwischen Lorbeer und Orange, ~Barbosa~

beschreibt ihn als lorbeerartig, auch ~Albertus Magnus~ gebraucht

diesen Vergleich -- wird in den Molukken 12-18 (je 20) m hoch. «In ihm

kommt nicht die tropische Fülle und Kraft zum Ausdruck, wie in den

Feigenbäumen, den Palmen und Dipterocarpen, er bleibt auch im Alter

zierlich und klein» (~Tschirch~). Die Verzweigungen beginnen in einer

Höhe von 5-6 m. Beim Anschneiden des Stammes und der Zweige fließt ein

roter Saft aus, der zu einem Kino erhärtet (~Tschirch~ 1888). Die

kahlen, immergrünen, ganzrandigen Blätter sind länglich-elliptisch

oder ei-lanzettlich, kurzgestielt, meist c. 8-12 cm lang und laufen

in eine lange Träufelspitze aus. Sie enthalten Ölzellen, erscheinen

daher durchscheinend punktiert. Die der Befruchtung durch Insekten

angepaßten Blüten sind diklin-diözisch, doch ohne scharfe Scheidung:

an den weiblichen Bäumen finden sich besonders in der Jugend oft

männliche, an männlichen da und dort auch weibliche Blüten (~Warburg~).

Die weiblichen bilden meist zweistrahlige, in den Blattachseln stehende

Cymen, die nickenden männlichen reichere Infloreszenzen, Dichasien mit

traubenartigen Endgliedern. Beide ähneln der Maiblume. Ihr sympetales,

c. 6 mm langes, glockenförmiges Perigon ist bleichgelblich und hat

3-4 Zipfel und an der Basis eine Bracteola. Sie duften sehr lieblich,

orangenartig (~Tschirch~), etwas an Jasmin erinnernd (~Hooker~). Doch

habe ich in Java nicht bemerkt, daß man einen blühenden Baum auf weite

Strecken hin riecht. Doch das mag wohl dort, wo tausende beieinander

stehen, sich anders verhalten. Die männlichen Blüten führen eine

zentrale, aus 9-16 Staubfäden monadelphisch verwachsene Staminalsäule,

die weiblichen einen gestreckten, mit zweispaltiger Narbe versehenen,

aus einem Carpell gebildeten, dickschaligen, außen rostroten

Fruchtknoten, in dem sich ein basal angeheftetes Ovulum findet. Die

einfächerige, einsamige Frucht ähnelt einem glattschaligen Pfirsich

(~Warburg~) oder einer Quitte (~Pigafetta~).

«Die pfirsichgroßen, eirunden, lichtgelben Früchte lugen freundlich

aus dem frischen Laube hervor und der aus der aufgeplatzten Frucht

hervorleuchtende, lebhaft rote Arillus, der sich wirkungsvoll von

der tiefbraunen Samenschale abhebt (Fig. 211), fügt dem Bilde

eine neue, kräftige Farbe hinzu. Fast das ganze Jahr ist der Baum

mit Blüten und Früchten bedeckt» (~Tschirch~, Indische Heil- und

Nutzpflanzen). ~Birkmore~ nennt sie die bei weitem schönste Frucht

des ganzen Pflanzenreichs. Der Baum beginnt im 8.-9. Jahre zu blühen.

Der Höhepunkt des Ertrages wird im 14.-16. Jahr erreicht. Die Bäume

können bis ins 60., ja 80. Jahr tragen. Die Blüte reift in 9 Monaten

zur Frucht (een noteboom staat in al zijn ontwickelings-perioden aan

den mensch gelijk ~van Gorkom~). In Banda kommen auf 100 weibliche

Bäume etwa 2-3 männliche. 1% genügt zur Sicherung der Befruchtung

(~de Sturler~). Man läßt aber meist mehr als Windbrecher stehen. Das

Aufspringen der Früchte erfolgt durch Spannungen im Perikarp, die

Einleitung durch ein kleinzelliges «Schwellgewebe» an der Basis des

Perikarps und an der Basis des Samens, die Erweiterung des Spaltes

durch den Arillus (~Janse~).

Der Arillus ist biologisch als Anlockungsmittel für Vögel zu

betrachten, die ihn verspeisen, den Samen verschlucken und so

verbreiten. Beim Aufspringen der Frucht wirkt er nicht primär

(~Baillon~), sondern nur sekundär (~Janse~) mit. Die Samen von

_Myristica fragrans_ werden durch Vögel verbreitet, besonders durch die

mit metallisch glänzendem Gefieder versehenen Waldtauben _Carpophaga

(Columba) aenea_ und _C. perspicillata_ ~Temm.~, die auf den

Bandainseln noteneeter (= Nußesser) oder burong pala (= Muskatvogel)

genannt werden (_Myristicovora_, _Casuarius_, _Megapodius_, _Buceros_

verbreiten die Samen anderer Arten und kommen für _M. fragr._ nicht in

Betracht).

«Die Bandainseln sieh, die herrlich prangen,

in buntem Schmelz, rotfarbiger Früchte voll.

Viel Vögel, flatternd dort umher, empfangen

von grünen Nüssen ihren Nahrungszoll»

singt schon ~Camoens~ (Deutsch von ~Wollheim da Fonseca~).

[Illustration: Fig. 206.

[Mit Benutzung der Karte von +Warburg+, gez. von +Tschirch+.]]

Die Tauben verschlucken, angelockt durch den lebhaft gefärbten Arillus,

entweder die Samen und geben sie mit den Exkrementen wieder von sich

(~Rumpf~, ~Valentijn~) oder bringen sie nur in den Kropf (~Moseley~,

~Forster~) und speien sie nach einiger Zeit wieder aus. Jedenfalls

keimen Samen, die diese Behandlung durchgemacht haben, gut, während

sonst der _Myristica_-Same rasch, z. B. schon durch Trocknen, seine

Keimkraft verliert, was, wie ich gezeigt habe, darauf beruht, daß

hierbei das sehr weiche Gewebe des Keimlings rasch schrumpft und die

in den Leitbahnen steckenden Endzipfel der Cotyledonen abreißen.

Denn die Keimung erfolgt in der Weise, daß die beiden Cotyledonen,

als Saugorgane fungierend, sich auf den Leitbahnen (s. S. 679)

vorwärts schieben und allmählich das ganze Endosperm durchwachsen

und aussaugen (~Tschirch~). Die Arten der Gattung _Myristica_ zeigen

einen merkwürdigen Endemismus. Die Heimat der Muskatnuß sind die

+Bandainseln+ (nutmeg isles), eine kleine, noch keine Quadratmeile

große, oft von Erdbeben heimgesuchte Inselgruppe der östlichen Molukken

(s. die Karte). Lontor oder Groß-Banda ist die größte dieser Inseln,

Banda neira liegt nördlich, Rosengain östlich, Ay und Run westlich

davon. Auf den eigentlichen Molukken (richtiger Malukken), wo die

Gewürznelke zu Hause ist, scheint der Baum nur sehr selten gewesen

zu sein. ~Warburg~ betrachtet den ganzen inneren vulkanischen, die

Bandasee umschließenden Südmolukkenkreis als die Urheimat der echten

Muskatnuß (s. die Karte). Wild dürfte jetzt _M. fragr._ nur ganz

vereinzelt zu finden sein.

=Lit.= ~Houttuyn~, Natuurl. hist. volg. Linné II, 333 (1774) und

Aamerk. over de bloem van de Noot-Moskat Maatsch. Wetensch. Haarlem

26 (1789). -- ~Thunberg~, Acta Holmiae 1782 (deutsch 1785 in N.

Abh. d. k. schwed. Akad.). -- ~Thunberg~ und ~Radloff~, Diss. De

Myristica Upsala 1788. -- ~Lamarck~, Mém. s. l. genre du Muscadier

Hist. d. l’ac. d. sc. 1788. -- ~Bickmore~, Trav. in the East Indian

Archipel. 1868, 225. -- ~Wallace~, The Malay Archipel. 1869, 452. --

~Bernstein~, Peterm. geogr. Mitt. 1873, 209. -- ~Prantl~, Myristicac.

in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. -- ~Warburg~, Ebenda, Nachträge.

-- ~Warburg~, Z. Charakt. u. Glied. der Myr. Ber. d. bot. Ges. 1885

und Monogr. d. Myristicac. Nov. Act. Leop. Car. Ac. 68. -- ~Hooker~

und ~Thomson~, Flor. ind. I. -- ~A. de Candolle~, Santalaceae et

Myristicaceae. 9 tab. Lips. 1860. -- ~A. de Candolle~, Note sur

la fam. d. Myristicac. Ann. sc. nat. (4) 4, 20 und Prodromus. --

~Eichler~, Blütendiagr. -- ~Baillon~, Hist. des pl. II. -- ~King~,

Spec. of the Myr. of brit. Ind. 1891.

+Abbild.+, älteste: ~Clusius~, Exoticor. libr. 1605. -- ~Valentijn~,

Beschrijv. van boomen, planten etc. 1726. -- ~Rumpf~, Herb. Amboin.

1743 II, t. IV. -- ~Pomet~, Hist. des drog. (schlechte Abbild.)

-- ~Gärtner~, De fructibus, 1788-91. -- ~Blume~, Rumphia I (1835)

t. 55-64 (schöne Abbild.). -- ~Warburg~ a. a. O. (4 Taf.). --

~Tschirch~, Ind. Heil- u. Nutzpfl. t. 63-65. -- ~Reichenbach~, Ic.

exot. t. 276-277. -- ~Nees von Esenbeck~, Plant. med. t. 133. --

~Bentley-Trimen~, Med. pl. t. 218 (dort weitere Abbild. zitiert). --

~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. t. 132. -- ~Berg-Schmidt~, Atlas t. 119

u. vielfach anderwärts.

=Pathologie.= In Trinidad werden die Muskatnüsse besonders von

_Trogosita mauritanica_ L., _Trilobium ferrugineum_ ~Fabr.~,

_Carpophilus sp._, _Laemophloeus sp._, _Hypothenemus sp._ und

_Lasioderma sp._ zerstört (~Hart~). In Banda zerstört der

«Muskatwurm» die Nüsse (vgl. auch unter «Kalken» S. 672).

=Lit.= ~Hart~, Pharm. Journ. 1894, 818 (Apoth. Zeit. 1894, 104).

=Kultur und Erntebereitung.= Die Droge stammt nur von kultivierten

Bäumen.

Trotz der strengsten Aufsicht ist doch der Muskatbaum aus seiner

ursprünglichen Heimat (s. oben S. 667) schon zur Zeit des Monopols

in andere Länder gebracht worden, so z. B. nach Mauritius durch die

Franzosen (~Poivre~ 1749 bzw. 1770), durch diese auch nach Bourbon

(1772), Madagaskar und den Seychellen (1780), Sansibar und Westafrika

sowie nach Cayenne; durch die Engländer nach St. Vincent 1882 (in

Cayenne gestohlene Bäume!), Trinidat, Jamaica und der Antilleninsel

Grenada. Aber außer auf Grenada haben an keiner dieser Stellen die

Muskatbäume in größerem Umfang Fuß gefaßt. Die Kultur ist noch heute

vorwiegend auf die Heimat des Gewürzes beschränkt geblieben. Nur

in Sumatra, wohin schon die Engländer um 1800 die Pflanze brachten

(die Insel gehörte damals der englisch-ostindischen Kompagnie) --

hier besonders an der Westküste, weniger in Padang, Palembang, Atjeh

und Lampong -- hat sie sich gut entwickelt, dann auch auf Java,

Borneo, Celebes (Minahassa), Ambon -- dort und in Halmaheira hat die

Kultur große Fortschritte gemacht -- Ceram, Ternate. Besonders aber

ist Penang, wohin sie ebenfalls die Engländer (~Roxburgh~) um 1800

brachten, für die Muskatkultur wichtig geworden, weniger die übrigen

Straits settlements (z. B. Singapore). Der Muskatnußbaum (Muscadeira)

wurde gleichzeitig durch ~Luiz de Abreu~ (1809) nach Rio de Janeiro

und durch ~Manoel Marques~ nach Para gebracht.

Handbuch der Pharmakognosie(#71452) · 第 102 / 120 段