=Verfälschungen und Substitutionen.= Ganze Mandeln werden oft

mit Aprikosen-, Pfirsich- und Pflaumen-«Kernen» verfälscht.

+Pfirsichkerne+ sind flacher, breit eiförmig, scharfrandig, kleiner,

ihre Schale ist sehr dünn, braun. Die Tonnenzellen verjüngen

sich nach außen, so daß sie sich nur an der Basis berühren.

+Pflaumenkerne+ sind mehr lang als breit-eiförmig, dick, abgerundet

mit dünner brauner Schale, mit unangenehmem Nachgeschmack.

Die Tonnenzellen ähneln denen der Aprikose. +Aprikosenkerne+

sind breit-herzförmig, flach, ihre Schale ist lederig, die

Tonnenzellen sind meist kleiner als beim Pfirsich und der Mandel,

in Flächenschnitten nicht wahrnehmbar. Geschmack ähnlich den

Pflaumenkernen, Geruch nach dem Brühen unangenehm süßlich (~Wittmack~

und ~Buchwald~, ~Moeller~).

~Hannig~ gibt folgende auf die Epidermiszellen (und die Nerven)

gegründete Bestimmungstabelle:

1. Epidermiszellen am +Nabelfleck+ (Chalaza) zusammenhängend (selten

mit zerstreuten kleinen Lücken. Außenplatte verdickt (2).

Epidermiszellen am Nabelfleck in kleinere oder größere Gruppen

aufgelöst oder ganz isoliert (3).

2. Epidermiszellen in der +Flächenansicht+ groß, bis 100 µ

Durchmesser, dünnwandig. Außenplatte nicht getüpfelt (bei tieferer

Einstellung der Außenplatte zuweilen kaum erkennbare Punktierung),

Außenplatte nicht (oder nur ganz ausnahmsweise) rissig aufgesprungen,

in der +Seitenansicht+: Außenplatte kappenförmig verdickt

(_Pfirsich_).

Epidermiszellen in der +Flächenansicht+ beträchtlich kleiner, stark

und unregelmäßig verdickt, sehr stark getüpfelt (_vereinzelte

Zwetschen_).

3. Epidermiszellen in der +Flächenansicht+ groß, bis 120 _µ_

Durchmesser, dünnwandig. Außenplatte auffallend rissig gesprungen,

sehr oft ganz abgebrochen, nicht getüpfelt (selten kaum erkennbare

Punktierung bei tieferer Einstellung der Außenplatte). Die

Seitenwände erscheinen gar nicht, oder erst bei tieferer Einstellung

getüpfelt. Tüpfel zerstreut. In der +Seitenansicht+: Außenplatte

nicht kappenförmig verdickt. -- +Nervenendigungen+ glatt zugespitzt,

nicht baumartig verästelt, +Nervenstämme+ ohne baumartig verästelte

Abzweigungen (_Mandel_).

Epidermiszellen meist +kleiner+ (etwa 60 µ), dickwandig, stark

getüpfelt.

4. Nervenendigungen baumartig verzweigt, Nervenstämme mit kurzen,

baumartig verästelten Abzweigungen. Epidermiszellen ziemlich

klein, Außenplatte stets getüpfelt. In der +Flächenansicht+:

Epidermiszellwände +gleichmäßig+ dickwandig (_Aprikose_).

Nervenendigungen ohne baumartig verzweigte Enden oder Abzweigungen.

Seitenwände sehr stark getüpfelt, +unregelmäßig+ verdickt (5).

5. Samenschale braun, Tüpfel oft verzweigt, Tüpfelkanäle nach der

Außenseite der Membran zu verdickt (_Zwetsche_).

Samenschale hellgelb, Tüpfel selten verzweigt, Tüpfelkanäle nicht

nach außen verdickt (_Reineclaude_).

---------------------------------------------------------------------

| Epidermiszellen der Samenschale

| Durchmesser | Höhe

=====================================================================

Mandeln (Bari, | |

Marokko, Provencer) | 23-124 µ (69-84 µ) | 64-144 µ (136-159 µ)

| | (ausnahmsweise

| | 200 µ)

Pfirsiche | 48-106 µ (38-59 µ) | 52-104 µ (66-87 µ)

(einheimische) | | (ausnahmsweise

| | 165 µ)

Aprikosen (Lyon, | |

Vaucluse, | 34-66 µ (60-102 µ | 36-62 µ (42-54 µ)

einheimische) | franz. bis 111)|

Reineclauden | 32-64 µ («Pflaumen» | 34-48 µ (48-60 µ)

(einheimische) | 66-102 µ) |

Zwetschen | 36-64 µ (etwas kleiner| 36-56 µ (ungefähr wie

(einheimische, | wie die «Pflaumen»)| die Pflaumen)

kalifornische) | |

[Nach ~Hannig~, die Zahlen von ~Wittmack~ und ~Buchwald~ in Klammern.]

Alle diese anderen Kerne sind bitter. Neuerdings kommen aber auch

süße Aprikosenkerne aus Japan (und China) in den Handel (Analyse

derselben bei ~Rosenthaler~ und ~Schaeffer~, Pharm. Centralh. 1911,

507). Zerbrochene und von Insekten beschädigte Mandeln sind zu

verwerfen. Sie werden leichter ranzig als ganze. Zur Verfälschung

benutzte «Mandeln in Flocken», die 1909 im Handel waren, erwiesen

sich als zerschnittene _Arachis_samen (~Collin~), andere als

geraspelte _Copra_. Mit Eau de Javelle gebleichte Mandeln waren 1909

im Handel (~Debrun~). Die sog. _Amygdalae virides_ sind die Samen

von _Pistacia vera_ L. Der sog. «+Mandelkaffee+» hat mit der Mandel

nichts zu tun. Er besteht aus den gerösteten und gemahlenen Knollen

von _Cyperus esculentus_ bzw. Rüben- oder Cichorienkaffee.

=Lit.= +Wittmack+ und +Buchwald+, Untersch. d. Mand. von ähnl. Samen.

Ber. d. Bot. Ges. 1901, 584 (mit Taf.). -- ~Hannig~, Untersch. d.

Mand. v. ähnl. Samen. Zeitschr. f. Unters. d. Nahrungsm. 1911, 577

(mit Abbild.).

Als +Verfälschungsmittel des Mandelöls+ werden genannt: Mohnöl,

Sesamöl, Nußöl, Baumwollsamenöl, Olivenöl, Arachisöl und besonders

Pfirsich- und Aprikosenkernöl. Die beiden letzteren ersetzen oft

(z. B. in Amerika 1903) das reine Mandelöl. Das sog. _Ol. am.

gallicum_ ist Aprikosenkernöl, rein oder mit Pfirsichkernöl gemischt.

Sie sind z. Z. noch nicht mit Sicherheit im Mandelöl nachzuweisen.

Reines Mandelöl bleibt mit Salpetersäure von 1,4 spez. Gew. farblos

oder wird leicht gelb, reines Aprikosenkernöl wird orangegelb, reines

Pfirsichkernöl gelblichbraun. Bei der Elaidinprobe ist die Ölschicht

farblos beim Mandelöl, rötlich beim Aprikosen- und Pfirsichkernöl

(~Schimmel~). Vgl. auch die Tabelle auf S. 604. Mandelöle, die eine

Jodzahl von über 105 geben, sind verdächtig.

=Lit.= ~Nélis~ (Nachweis fremder Öle), Ann. de Pharm. 1896. --

~Lewkowitsch~, Soc. publ. Analysis. London 1904. -- ~Dieterich~,

Pfirsichkernöl. Pharm. Centralh. 1896. -- ~Schimmel~, Ber. 1897 u.

1907 (chines. u. japan. Pfirsichkerne). -- ~Chwolles~ (Prüf. auf

Pfirsichkernöl). Chem. Zeit. 1903. -- ~Allen~ und ~Brewis~, Almond

oil and its substitut. Pharm. Journ. 1900, 87.

=Geschichte.= Die Mandel wird in der Bibel oft erwähnt (z. B. in der

Genesis). Der Baum blüht in Palästina zuerst von allen Bäumen, daher

hebr. schaked, d. h. sich beeilen. ~Arons~ Reis war ein Mandelreis.

Bei großen Festen tragen die Juden noch heute Mandelzweige in die

Synagoge. Die Frucht der Mandel war das Modell für die Leuchter des

Tabernakels (~Tristram~). Sie scheint in Ägypten nicht kultiviert

worden zu sein, denn die Juden brachten Mandeln dorthin als Geschenk.

Schon die alten Hebräer und die Griechen kannten bittere und süße

Mandeln. Deutlich werden sie als _Amygdala amara_ und _dulcia_

bei ~Scribonius Largus~ (I, S. 576) auseinander gehalten. Nach

Griechenland kam die Mandel aus den Pontusgegenden. Der Name der

Frucht wird zuerst bei ~Phrynichus~, einem Dichter der älteren

attischen Komödie im V. Jahrh. n. Chr. erwähnt, als ναξία αμυγδάλη

(~Athenaeus~ II, 52), dann bei ~Xenophon~ (~Anabasis~ IV, 4):

ἀμυγδάλιον χρῖσμα. ~Dioskurides~ erwähnt das ἀμυγδάλινον ἔλαιον.

Daß die Römer die Mandel von den Griechen erhielten, zeigt der Name

_nux graeca_. Nach ~Plinius~ wird Mandelöl aus zuvor gedörrten und

gestoßenen bitteren Mandeln gepreßt. Die Scriptores rei rusticae

erwähnen ihren Anbau, ~Scribonius Largus~ und ~Alexander Trallianus~

ihre medizinische Anwendung. Sie finden sich abgebildet in Pompeji

(I, S. 575, ~Schouw~, ~Comes~). ~Cato~ erwähnt die _Avellanae

graecae_, ~Columella~ nennt sie _nuces graecae_, ~Scribonius Largus~

_amygdalae_, ~Celsus~ _nux amara_. Prähistorische Reste fehlen. In

der Terramare wurden keine Mandeln gefunden, ebensowenig in der

Saalburg. Der «Mandelkern» aus dem spätrömischen Pfahlbau von Fulda

ist fraglich (~Wittmack~). 760 n. Chr. werden Mandeln in der Charter

des Klosters von Corbie (I, S. 714) erwähnt. Die mittelalterliche

Kochkunst verbrauchte enorm viel Mandeln, wie z. B. das Inventar

des ~Jeanne d’Evreux~ 1372 (I, S. 716) und die Rezepte des Kochs

~Richard~ II. (1390) zeigen. In ~Karls~ Capitulare (LXX, 83) wird

die Kultur der _Amandalarii_ empfohlen. Die Mandel wurde zur

Karolingerzeit in Süddeutschland und Nordfrankreich naturalisiert und

gelangte erst nach der normannischen Eroberung nach England. Noch

zu ~Turners~ Zeit (1548) gedieh sie dort nur in Gärten. Im späten

Mittelalter fanden sich Kulturen bei Speyer. ~Bock~ erwähnt solche

in der Pfalz, ~Gesner~ bei Straßburg, Lindau, Torgau, Breslau. Der

chinesische Pentsao aus dem X. oder XI. Jahrh. erwähnt den Mandelbaum

aus Indien und Persien. Im Mittelalter bezog Deutschland die Mandeln

-- wie noch heute -- aus Italien. ~Marino Sanuto~ (I, S. 722) erwähnt

sie als Gegenstand des venetianischen Handels. Sie wurden damals auf

den griechischen Inseln, z. B. auf Cypern, kultiviert. In Norwegen

waren Mandeln im XIV. Jahrh. bekannt. In The spices, groceries etc.

(1303, I, S. 84) stehen Ammigdalae, ebenso in der Danziger Preisliste

1410, ambrosianische Mandeln in den Braunschweiger Inventaren

(1598 u. 1658) und der Frankfurter Taxe (1689). Der Autor des

Makhzan erwähnt zwei Arten, die dickschalige und die dünnschalige

(kaghazi), und kennt eine Art Enfleurage, bei der Mandeln benutzt

werden, und die Benutzung der Schalenasche zu Zahnpulvern. ~Pomet~

erwähnt verschiedene Methoden der Mandelölgewinnung. Er empfiehlt

die noch heute übliche. ~Malpighi~ bildet (in Opera tab. XLIII N.)

einen guten Längsdurchschnitt durch die Frucht und den Samen der

Mandel ab. «Die Mandel mußte frühzeitig, wie die Nuß, mit der sie

Ähnlichkeiten zeigt, als Sinnbild der sich verjüngenden Natur, des

sorgsam eingeschlossenen Lebenskeimes, der männlichen Zeugungskraft

oder der weiblichen Gebärmacht gelten» (~Aigremont~). Es knüpfen

sich an sie viele stark erotische Sagen. (Einige teilt ~Gubernatis~

mit). Sie galt auch als die von der Natur dargebotene Bestätigung

der unbefleckten Empfängnis Mariae: «Christus wurde gezeuget in

Marien, wie der Mandelkern sich in der unverletzt bleibenden Mandel

bildet» (~Conrad~ von Würzburg, Goldene Schmiede). Die Sitte, sich

Weihnachten mit Mandeln zu beschenken, rührt daher. Auch in der

Volkserotik und bei den Hochzeitsbräuchen spielt die Mandel, deren

Form an den Hoden erinnert, eine Rolle.

=Lit.= ~De Candolle~, L’origine d. pl. cult. -- ~Hehn~, Kulturpflanz.

-- ~Tristram~, Nat. history of the bible. 1898. -- ~Flückiger~

und ~Hanbury~, Pharmacogr. -- Pharmacogr. indica. -- ~Hoops~,

Waldbäume und Kulturpflanzen 1905. -- ~Aigremont~, Volkserotik und

Pflanzenwelt. -- ~Gubernatis~, La mythologie des plantes.

Fructus Olivae und Oleum Olivae.

=Syn.= Ölbaum, Olive, -- Olivier (franz.) -- Olive tree (engl.) --

Olijfboom (holl.) -- Oljetraed (schwed.) -- öljypuu (finn.) -- olivo

(span.) -- oliveira (port.) -- +arab.+ aceytuno, der wilde acebuche,

das Öl: aceite -- +russ.+, +bulg.+, +serb.+ mālina, maslicna, maslina

(maslo slav. = Öl). Bei den Berbern der Ölbaum zitun (arab.), der

Oleaster sebbūdj. Bei ~Ibn Baithar~ Olea europaea = zajtūn, Oleum

olivarum = zajt. Zeitu findet sich im hebräischen, phönikischen,

arabischen und aramäischen. Der Ausdruck ging dann in das persische,

kurdische, kaukasische und tartarische über (s. unten); +goth.+ alev,

alevabagms; +althd.+ olbir, olei, oliboum; +mhd.+ oele, ol, olbaum,

olvyn sussolpawm; +mnd.+ oly, ulber, ullebom. Bei ~Luther~: ole, bei

~Albertus Magnus~: oliva, bei der ~Hildegard~ (I, S. 667) Oleybaum

und Baumoleum.

=Etym.= Das Babylonisch-Semitische kennt keinen Namen für Olive. Der

älteste Name der Olive ist das hebräische sait, der sich auch im

phönik., aramäisch. und arab. findet, als seitun ins pers. türk.,

georg., malaii. und javan. überging, -- +syr.+ zayto, +chald.+ zêtâ,

+äthiop.+ zayt -- und von den Arabern (mit der Sache) auch nach

Algerien (zitun, das Öl zit) und Andalusien (aceytuno, das Öl aceite)

gebracht wurde. Der Stamm scheint auch im armenischen (dzêtʿ) und

ägyptischen (tʿet-t, tat) wiederzukehren und auch im berberischen

tazemmourt enthalten zu sein. Das griech. ἐλαία (= Ölbaum) und

ἔλαιον (= Öl) leitet ~Lagarde~ vom armenischen iul (= Öl) ab, was

~Hübschmann~ und ~Schrader~ aber nicht gelten lassen. Das römische

oleum, oliva ging dann ins italienische (ulivo), französische

(olivier) und spanische (olivo, oliveiro) über. ~Lagarde~ leitet auch

sowohl das semitische wie das ägyptische Wort aus dem armenischen

oder einer nahestehenden Sprache ab. Das got. alév (= Öl) alêvabagms

(= Ölbaum) ist vielleicht durch keltische Vermittelung aus olîva

entstanden.

=Stammpflanze u. systemat. Stellung.= =Olea europaea β sativa= ~Dc.~

(_Olea sativa_ ~Lk.~ u. ~Hffmnsg.~) mit einer großen Anzahl (c. 300)

Sorten, von denen einige zu Tafeloliven eingesalzen, andere zur

Ölpressung benutzt werden.

~Antoine Gouan~ beschreibt schon 12 Sorten. Die Enzyklopädie

(1765) 19, ~Semler~ 25, ~Duchesne~ 43. ~Degrully~ bildet (1907)

23 französische, 12 algerische, 17 tunesische ab und erwähnt 43

italienische und 21 spanische Sorten. Die californischen Sorten sind

abgebildet in Yearbook U. St. Dep. of agricult. 1897.

+Oleaceae+ -- Oleoideae -- Oleineae (Olea) Sectio Euelaea ~Dc.~

=Beschreibung der Stammpflanze.= Der Ölbaum hat eine graugrüne, im

Alter rissige Rinde, unbewehrte Zweige mit rundlichem Querschnitt,

gegenständige, sehr kurzgestielte, lederige, immergrüne, lanzettliche,

ganzrandige, am Rande etwas umgeschlagene Blätter, die oberseits grün,

unterseits durch zahlreiche, schildförmige Haare silbergrau sind. Die

zu kleinen achselständigen, rispigen Trauben vereinigten Blüten sind

hermaphrodit und besitzen einen spitz-vierzähnigen bleibenden Kelch,

eine kurzröhrige, tief-vierlappige weiße Krone, zwei am Grunde der

Krone inserierte Staubgefäße mit kurzem Filament und großer Anthere und

einen oberständigen, zweifächerigen Fruchtknoten mit kurzem Griffel und

zwei Ovulis (Fig. 189). Die Frucht ist eine Drupa (das Wort drupa schon

bei ~Plinius~) mit einfächeriger, einsamiger (seltener zweifächeriger,

zweisamiger), brauner, heller geaderter, etwas zusammengedrückter,

harter, in der Form der Fruchtform folgender Steinschale. Der Same ist

mit einer netzaderigen Schale umgeben, enthält reichlich Endosperm und

einen geraden Keimling mit kurzem, nach oben gerichtetem Würzelchen und

blattartigen Cotyledonen.

«Schön im Sinne der Romantik ist der Baum der Minerva nicht (vgl.

Taf. XIV), aber nichts erweckt mehr das Gefühl der Kultur und

friedlichen Ordnung und zugleich der Dauer derselben, als wenn er in

offenen gereinigten Hallen mit dem kaum merklich flüsternden Laube

an gewundenen Stämmen die Hügel ersteigt oder die geneigten Ebenen

leicht beschattet und gern gesteht man ihm dann mit ~Columella~ das

Prädikat prima omnium arborum zu» (~Hehn~).

Die Olive ist der Fruchtbaum der Mittelmeerländer par excellence. Das

Mittelmeergebiet ist pflanzengeographisch das Reich des Ölbaums (~de

Candolle~, ~Grisebach~, ~Flahault~, ~Th. Fischer~), seine Polar- und

Höhengrenze fällt mit der des Ölbaumes zusammen. Die Mittelmeerflora

ist im wesentlichen eine Küstenflora und demnach liebt auch der

Ölbaum das Küstenklima.

«Der Ölbaum ist also in jeder Hinsicht ein echt mediterranes

Gewächs, ja geradezu das charakteristischste unter den immergrünen

laubtragenden Holzgewächsen der Mittelmeerländer». «In lichten

Hainen, die sanften oder terassierten Hänge der reichgegliederten

Mittelmeerländer, selten die Ebene bedeckend, verleiht er mit

seinen graugrünen, kleinen, steifen Blättern, die sich alle 2-3

Jahre erneuern, seinen, wenn er alt wird, knorrigen Stämmen, der

Mittelmeerlandschaft ein ganz eigenartiges Gepräge» (~Th. Fischer~).

[Illustration: Fig. 189.

_Olea europaea._

A blühender Zweig. B Blüte. C Krone ausgebreitet. D Kelch und

Fruchtknoten. E Frucht. F Frucht durchschnitten, um den Steinkern

zu zeigen. G und H Same im Längsschnitt. [Nach +Knoblauch+ in

+Engler-Prantl+, Pflanzenfam.]]

Er erreicht selten mehr als 10 m Höhe. Meist wird er im Alter hohl,

«der Stamm zerspringt und löst sich in eine Gruppe knorriger,

gespensterhaft verzerrter Stämme mit wunderlich verstrickten Gliedern

auf» (Fig. 190). Er erscheint dann auseinandergeborsten, wie mit

Toren versehen, schraubenförmig gedreht, im unteren Teile fast wie

ein Felsblock (~Jul. Schmidt~). Die silbergraue Belaubung ist dünn,

die Olivenhaine daher licht. Die Olive ist unverwüstlich. Im Garten

Gethsemane bei Jerusalem werden 8 uralte Ölbäume gezeigt, die angeblich

schon zu Christi Zeit erwachsen waren (~Ritter~). Auch anderwärts,

besonders in Algier, finden sich solche alte Oliven. Der Ölbaum bedeckt

z. B. in Ligurien, Apulien, Niederandalusien, dem tunesischen Sahel in

lichten Hainen ganze Landschaften in einem polwärts sich unmittelbar

an die Dattelpalmenzone anschließenden Gürtel. In Italien kann man

die Zahl der Ölbäume auf 100, in Spanien auf 300 Millionen schätzen,

in Tunis auf 20, in Corsika auf 36 Millionen. Die Olivenkultur reicht

in Algarvien bis 1400′, in der Sierra Nevada bis 3000′ bzw. 4200′,

bei Nizza bis 2400′, am Ätna bis 2200′, in Macedonien bis 1200′, in

Cilicien bis 2000′ (~Grisebach~).

Der dornige, mehr buschige, selten stattliche, +wilde Ölbaum+,

ἐλεῖα ἀγρία (~Dioskurides~), κοτίνος (~Theophrast~), Oleaster

(~Plinius~), _Olea europaea_ α _Oleaster_ ~Dc.~, der kleine, wenig

fleischige, längliche, schwarze Früchte hervorbringt, mehr oder

weniger vierkantige Zweige und längliche oder eiförmige Blätter

besitzt, ist vom Ostrande des Hochlandes von Iran (~Bellew~) über

Syrien, Griechenland (~Heldreich~), Italien (~Caruel~) bis Spanien,

Algerien und zu den westlichsten Tälern des Atlas verbreitet und wohl

in allen diesen Ländern ursprünglich heimisch. Blätter des Ölbaums

wurden im Pliocen bei Mongardino gefunden (~Cavara~). Er wird nie zu

einem Ölbaum, wie schon ~Theophrast~ wußte -- wie der Ölbaum durch

Verwilderung nie zu einem Oleaster -- und ist bestimmt verschieden

von diesem. Der Oleaster bleibt hinter der Polargrenze des Ölbaums

zurück. Er erreicht sie nicht. In Südchile und Mexiko, wo der Ölbaum

kultiviert wird, ist Oleaster ganz unbekannt. Ob er die Urform, die

Urolive, ist, aus der sich die Kulturolive entwickelt hat, wissen

wir nicht, aber es darf wohl angenommen werden, daß entweder er

oder ein naher orientalischer Verwandter die Urform ist. Von beiden

verschieden ist der schon von ~Theophrast~ unterschiedene indische

Ölbaum (_Olea cuspidata_ ~Wall.~).

[Illustration: Fig. 190.

Alte _Olivenbäume_ bei Rom.]

[Illustration:

Tafel XIV.

Terrassierte Olivenpflanzung bei Albergo in Ligurien.

(Ravasini phot.)]

=Lit.= ~Degrully et Viala~, L’Olivier Montpellier 1886-1890. --

~Degrully~, L’olivier 1907 (m. zahlr. Abbild.) und Ann. Ec. nat.

agric. Montpellier 1906. -- ~A. Coutance~, L’Olivier. Paris 1877. --

~G. Cappi~, La coltivazione dell’ Olivo. San Remo 1875. -- ~Theob.

Fischer~, Der Ölbaum, seine geogr. Verbreit., seine wirtschaftl. u.

kulturhist. Bedeut. Peterm. Geogr. Mitt., Ergänzungsheft Nr. 147,

1904 (mit einer Karte). -- ~Pasquale~, Stud. bot. ed agronomici

sull’ ulivo e sua varieta. Rend. R. Acad. scienz. etc. Napoli 1873.

-- ~Piccone~, Prim. stud. p. una monogr. d. princ. var. d’ulivo

etc. Genova 1879. -- ~Trabut~, L’Olivier en Algérie 1900. --

~G. Caruso~, Monografia dell’ ulivo in Enciclopedia agraria III,

1882 und Coltivazione degli ulivi e la manifattura dell’ olio 1870.

-- ~Cabrie~, Der Olivenbaum, seine Cultur usw. 1901. -- ~Aloi~,

L’olivo e l’olio 1903. -- ~Brizzi~, Olivicultura 1903. -- ~Flaminio

Bracci~, Olivicultura ed oleificio 1907. -- Kurze Übersicht: ~P.

D’Aygalliers~, L’olivier et l’huile d’olive. Paris 1900 (mit

Abbild.). -- ~Eastmann~, Olivenkultur in Californien. Pharm. Era

1896. -- Über die Kulturen in Indien, Cuba usw. Brit. and Colon.

Drugg. 1897. -- ~Willkomm~, Grundzüge der Pflanzenverbreitung auf d.

Iber. Halbinsel 1896. -- ~Grisebach~, Vegetat. d. Erde. -- ~Semler~,

Trop. Agrikult. -- +Abbild.+: ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. t. 109.

-- ~Berg-Schmidt~, Atlas I. Aufl. t. 33. -- ~Nees von Esenbeck~, Pl.

med. t. 212. -- ~Bentley-Trimen~, Med. pl. t. 172 und in den oben

genannten Werken.

=Pathologie.= Über die +pflanzlichen Schädlinge+ berichtet Prof. ~Ed.

Fischer~: Auf dem Ölbaum sind sehr zahlreiche parasitische Pilze

beobachtet worden, die mehr oder weniger erhebliche Schädigungen

hervorrufen. Unter denselben interessieren uns zunächst vor allem

die auf den Früchten auftretenden. Es sind das hauptsächlich

sogenannte Imperfekte, die mehr oder weniger große, vertiefte und

verfärbte Flecken hervorrufen und eventuell schließlich auch ein

teilweises oder vollständiges Verschrumpfen oder Lederigwerden

des Fruchtfleisches herbeiführen können: _Gloeosporium olivarum_

~d’Almeida~ (La gaffa des olives en Portugal. Bulletin de la société

mycologique de France XV 1890, p. 90), _Macrophoma dalmatica_

(~v. Thüm.~) ~Berl. et Vogl.~ (s. ~A. Maublanc~, Sur une Maladie

des Olives due au Macrophoma dalmatica. ibid. XX 1904, p. 229),

_Cylindrosporium Olivae_ ~L. Petri~ (s. Annales mycologici V

1907, p. 320). -- Ein eigentümlicher Hyphomycet ist _Cyclogonium

oleagineum_ ~Cast.~, welcher in der Epidermisaußenwand der Blätter

sein Mycel entwickelt und dunkle rundliche Flecke hervorruft, aber

auch auf Fruchtstiele und Früchte übergeht. Er ist in neuerer Zeit

in Frankreich, Italien, Algier und im Kaukasus beobachtet worden.

(Über denselben s. ~Boyer~ in Journal de Botanique V 1891, p. 434.)

-- Andere Erkrankungen wirken mehr indirekt auf den Fruchtertrag

nachteilig ein; so die sogenannte Bruscakrankheit, die in neuerer

Zeit auf den Discomyceten _Stictis Panizzei_ ~de Not.~ zurückgeführt

wird und der Rußtau (_Capnodium salicinum_). -- Die wichtigsten

Krankheiten des Ölbaumes behandelt ~L. Degrully~, L’Olivier,

Montpellier 1907. -- Ein Verzeichnis der damals auf _Olea europaea_

bekannten Pilze gibt ~von Thümen~ in Bollettino della società

Adriatica di Scienze naturali in Triest. Vol. VIII 1883, p. 215 ff.

Die +tierischen Schädlinge+ sind beschrieben und abgebildet bei

~Degrully~ a. a. O. Dort auch die Beschreibung ihrer Bekämpfung

(Fumigation etc.). Von tierischen Feinden werden genannt: die

Olivenfliege (Mucha dell’ ulivo), _Dacus oleae_, deren Larve sich

vom Fruchtfleische nährt und auch neuerdings wieder in Südfrankreich

und Ligurien riesigen Schaden anrichtete und gegen die es noch kein

Mittel gibt. Dann _Tinea oleella_ ~Fabr.~, die den Kern angreift,

_Psylla oleae_ ~Fork.~, die die Blüten schädigt. Über den nach

~Trabut~ durch Bakterienimpfung durch Insekten zustande kommenden

Olivenhonig vgl. oben S. 113.

=Lit.= ~Cappi~, La coltivazione dell’ Olivo 1875. -- ~Trabut~,

L’olivier en Algérie 1900 (mit Abbild.). -- ~Paoli a Tagliaferri~,

La Mosca delle olive ed il modo di combatterla, Firenze 1909. --

~D’Aygalliers~ a. a. O.

Handbuch der Pharmakognosie(#71452) · 第 93 / 120 段