Wasser, 20,30 (19,5-22,7) Rohproteïn, 14,98 stickstofffreie
Extraktstoffe, 7,15 (6,4-8,4) Rohfaser, besonders Pentosane, 4,5-6,47
Asche. Ferner enthalten die Samen 47 bis 57% im Durchschnitt 50-53%
(indische Saat) bzw. 56-57% (Levantiner) Öl (die indischen Pressen
liefern nur 22-31% Öl), +Saccharose+ (~Vallée~, 0,64% ~Bourquelot~)
und reduzierenden Zucker (0,14% ~Bourquelot~), ein +Pentosan+ (~E.
Schulze~, ~Wittmann~), +Lecithin+ und +Cholin+ (im Preßkuchen,
~E. Schulze~), +Phytin+ (~Posternak~), +Conglutin+, +Globulin+,
+Legumin+ (~Ritthausen~), +Amide+, einen 1,95% Schwefel enthaltenden
Proteïnstoff. Über 96% des Stickstoffes sind als Eiweißstickstoff
vorhanden. Der Gehalt an Calciumoxalat beträgt 0,2-1,8%.
Das =Sesamöl=, =Oleum Sesami= (huile de sésame ou de benné, sesame
oil, gingeli, gingili oder jinjili oil, til oder teel oil, benné
oil, olio di sesamo), ist kalt gepreßt hellgelb, geruchlos und von
angenehmem Geschmack. Die Elementarzusammensetzung des Öls der
schwarzen (und weißen) Samen ist C = 76,17 (77,38), H = 11,44 (11,59),
O = 12,39 (11,03) (~König~). Es enthält 12,1-14,1% feste Fettsäuren
(~Farnsteiner~) und 78,1% flüssige (~Laue~). Letztere bestehen
vorwiegend aus +Ölsäure+, weniger aus +Linolsäure+, die festen aus
+Palmitin-+ und +Stearinsäure+, sowie etwas Myristicinsäure (~Kreis~).
Die Menge des Unverseifbaren, das aus Phytosterin, Sesamin und Rotöl
besteht, beträgt 0,95-1,32%, die freien Fettsäuren des kaltgepreßten
Öls 0,47-5,75%. Das Öl dreht rechts (+0,8° bis +1,6°, ~Utz~)
infolge seines Gehaltes an +Phytosterin+ (F. 137, ~Villavecchia~
und ~Fabris~) und an durch Eisessig aus dem Öl extrahierbaren, zu
0,2-0,5% vorhandenen +Sesamin+ [C₁₈H₁₈O₅, Nadeln, F. 118°, ~Tocher~;
(C₁₁H₁₂O₃)₂, F. 123°, ~Villavecchia~ und ~Fabris~; C₃₃H₃₀O₁₀ (?),
~Bömer~ und ~Winter~]. Letzteres wird durch Nitroschwefelsäure
erst grün, dann hellrot, welche Reaktion die U. St. Ph. zur
Identifizierung des Öls benutzt. Ferner wurde daraus ein aus einem
krist. Kohlenwasserstoff (F. 91-92°) entstehendes (~Canzoneri~ und
~Perciabosco~), dickes, stickstofffreies, rotbraunes Öl isoliert
(~Tocher~, ~Villavecchia~), das die Rohrzucker-Salzsäurereaktion des
Öls, die (von ~Camoin~ gefundene) sog. ~Baudouin~sche +Reaktion+,
bedingt und das vollständig in die flüssigen Fettsäuren übergeht,
wenn diese mit der Bleisalz-Äthermethode abgeschieden werden. Da
die ~Baudouin~sche Reaktion auf der Bildung von Furfurol aus der
vom Rohrzucker abgespaltenen Lävulose beruht, kann der Rohrzucker
bei der +für Sesamöl höchst charakteristischen+ Probe, die noch
kleinste Mengen Sesamöl nachzuweisen erlaubt, durch Furfurol ersetzt
werden (~Villavecchia~ und ~Fabris~). Alle aromatischen Aldehyde mit
zyklischem Kern geben mit Sesamöl Farbenreaktionen (~Breindl~). Ferner
findet sich im Sesamöl das phenolartige +Sesamol+ (~Kreis~).
Das spez. Gewicht des Öls beträgt bei 15°: 0,921-0,926 (am
höchsten bei russischen Ölen), bei 98°: 0,867-0,870 (Ph. helv.
IV), der Erstarrungspunkt liegt bei gepreßtem Öl bei -4 bis
-6° (bei extrahiertem Öl bei +5°), der Brechungsexponent (im
Butterrefraktometer bei 25°) 66,2-69, die Verseifungszahl 187,6 bis
194,6, die Jodzahl 103-114,5 (bei Curaçaoöl 116,8), die Reichertzahl
0,35, die Reichert-Meißlzahl 1,2, die Hehnerzahl 95,6-95,86, die
Temperaturerhöhung bei der Maumenéprobe 63-68°. Die Fettsäuren zeigen
die Jodzahl 108,9-112, eine Acetylzahl 11,5, der Erstarrungspunkt liegt
bei 18,5-28,5°, der Schmelzpunkt bei 21-31,5. Bei der Elaidinprobe
wird das Öl nicht fest. Die Verbrennungswärme des Sesamöls beträgt
9395 g-cal. bei konstantem Volumen (~Sherman~ und ~Snell~). Der
Entflammungspunkt liegt bei 240° (~Rakusin~). Die Pharm. helv. IV gibt
als Identitätsreaktion neben der ~Baudouin~schen noch an, daß bei
Überschichten von Salpetersäure (1,4) zunächst mit Sesamöl und dann
mit Resorcin-Benzol, nach dem Umschütteln eine vorübergehende rot- bis
blauviolette Färbung auftreten soll.
Die Zusammensetzung der Sesamkuchen (Preßkuchen) ergibt sich aus
folgender Tabelle:
------------------+--------+--------+--------+------------------------
|~Garola~|~Wolker Grandeau~| ~Dietrich~ u. ~König~
| | |
| Sesam | Indischer Sesam |
| schwarz| weiß | Max. | Min. | Mittel
==================+========+========+========+=======+=======+========
Wasser | 9,58 | 8,06 | 10,20 | 16,40 | 8,10 | 12,45
Stickstoffhaltige | | | | | |
Substanz | 41,50 | 36,87 | 33,75 | 42,31 | 32,20 | 36,57
Fett | 10,76 | 11,34 | 15,38 | 15,84 | 5,70 | 11,86
Stickstofffreie | | | | | |
Substanz | 20,10 | 25,05 | 24,13 | 30,81 | 14,10 | 21,12
Cellulose | 7,06 | 8,14 | 5,00 | 13,28 | 6,10 | 8,12
Asche | 11,00 | 10,54 | 11,54 | 11,40 | 7,45 | 9,88
Die Levantiner Sesamkuchen gelten als eiweißreicher. Sesamkuchen
können unbedenklich verfüttert werden.
=Lit.= ~de la Souchère~ (Baudouinreaktion), Zeitschr. anal. Chem.
1882, 445. -- ~Laue~, Journ. Soc. chem. ind. 1901, 1083. -- ~Utz~
(vgl. Unters. von afrik., ind. u. levantin. Öl), Pharm. Zeit.
1900, 522. -- ~Tocher~, Pharm. Journ. 1891, 639; 1893, 700. --
~Villavecchia~ und ~Fabris~, Zeitschr. angew. Chem. 1893, 505.
-- ~Hazura~ und ~Grüssner~, Monatsh. f. Chem. 1889, 242. --
~Breindl~, Chem. Zeit. 1899. -- ~Farnsteiner~, Chem. Zeit. 1896,
213. -- ~Benedict-Ulzer~, Analyse d. Fette. -- ~Kreis~, Chem.
Zeit. 1902, 1014; 1903, 116 u. 1030 u. Über Farbenreaktionen
fetter Öle. Verhandl. der Basler Naturf. Ges. 1903. -- ~Soltsien~,
Vierteljahrschr. Nahr. u. Gen. 1893, 372. -- ~Bellier~
(Farbenreaktionen des Öls), Ann. chim. anal. appl. 1899, 217. --
~Ciupercesco~ (Reaktion auf Sesamöl), Bulet. asociat. farmac. Romania
1903. -- ~Lewkowitsch~ a. a. O. -- ~König~ a. a. O. Weitere Lit. in
~Wehmer~, Pflanzenstoffe und bei ~König~.
=Verfälschung.= Gebleichtes und verdorbenes Öl wird durch
Phloroglucin-Salzsäure stark rot. Baumwollsamenöl kann durch die
Halphensche Reaktion erkannt werden. Eine Lösung von 2 g Sesamöl
in 10 ccm Chloroform und 20 ccm absolutem Alkohol soll nach Zusatz
von drei Tropfen Phenolphthaleïn und 2 ccm n/10 Kali eine bleibende
Rotfärbung zeigen (Prüfung auf altes saures Öl, Ph. helv. IV). Als
Verfälschung sind beobachtet: Arachisöl, Baumwollsamenöl, Rüböl.
=Anwendung.= Die besten Sorten sind, da sie nicht leicht ranzig werden
und sich jahrelang unzersetzt halten, dem Olivenöl gleichwertig. Sie
werden daher auch in der Enfleurage benutzt. Die Öle zweiter und
dritter Pressung dienen besonders zur Seifenfabrikaton. Es ist in
Deutschland gesetzlich vorgeschrieben, daß der Kunstbutter (Margarine)
und dem Kunstkäse 5 resp. 10% Sesamöl zugesetzt werden muß, damit die
Identifikation mit der ~Baudouin~schen Reaktion möglich ist. Die besten
Sorten werden mit Mohnöl, Baumwollöl und Arachisöl verfälscht, die
geringeren mit Rüböl. Aus dem mit Honig versetzten Mehl wird der χαλβᾶς
bereitet, eine im Orient sehr beliebte Fastenspeise (~Heldreich~).
Auch in Indien sind viele Tila-Zubereitungen bis heute in Gebrauch. In
Vorderasien und Ägypten wird das Brot mit Sesam bestreut, in Sizilien
mit den zuvor gerösteten Samen (~Ginggiolina~). _Herba Sesami_ wird in
den Vereinigten Staaten medizinisch benutzt.
=Paralleldrogen.= _Sesamum radiatum_ ~Schum.~ et ~Thonn~ (_S.
foetidum_ ~Atzel~, _S. occidentale_ ~Heer~ et ~Rgl.~, bei den Suaheli
ufuta muita = wilder Sesam), in West- und Ostafrika heimisch, wird
als Ölpflanze und zur Gewinnung der Samen besonders in Afrika,
dann auch auf Ceylon, in Hinterindien, auf den Philippinen und
in Amerika (Guyana) kultiviert und liefert auch Sesamöl, sowie
den sog. «dickschaligen» Sesamkuchen (~Benecke~). Ihre Samen sind
schmal berandet und auf den flachen Seiten radial gestreift. Die
Epidermiszellen der Samenschale sind innen und an einem Teile
der Seiten verdickt und tragen hier die Calciumoxalatkristalle
(~Benecke~). _Sesamum angustifolium_ (~Oliv.~) ~Engl.~, in
Deutsch-Ostafrika und Sansibar heimisch, liefert ebenfalls brauchbare
Ölsaat, doch sind die Samen kleiner.
Das sog. «deutsche» Sesamöl ist Leindotteröl, von _Camelina sativa_.
=Geschichte.= Sesamsamen und das Öl wurden seit den ältesten
Zeiten, z. B. schon bei den Sumerern (I, S. 475) benutzt, doch
fehlen prähistorische Funde. Die ursprüngliche Heimat der Pflanze
ist nicht mit Sicherheit bekannt. ~de Candolle~ hält, da ~Blume~
(Bijdragen p. 778) angeblich wilden S. in Java fand, diese Insel
(resp. die Sundainseln überhaupt) für die Heimat des S. und meint,
daß er vor 2-3000 Jahren nach Indien und ins Euphrattal und etwa
1000 n. Chr. nach Ägypten gekommen sei. ~Watt~ bestreitet dies. Er
hält, allerdings mit einem Fragezeichen, die Pflanze für in Indien
heimisch, da er in Behar und im Himalaya angeblich wilde Formen
sammelte. Die Kultur des Sesam tritt in Indien jedenfalls schon zur
Zeit des ~Atharvaveda~ auf, wo sie neben der von Reis, Gerste und
Bohnen genannt wird. Ebendaselbst wird das Sesamöl (taila, tila)
schon zu Opferzwecken verwendet. ~Schrader~ meint, daß die Pflanze
von Indien sehr frühzeitig in die Euphratländer vorgedrungen sein
muß, wo sie die Stelle des Ölbaumes vertrat. Auf einem ägyptischen
Denkmale aus der XX. Dynastie ist das Bestreuen der Brote mit einem
Samen (Sesam?) dargestellt (~Unger~). Doch kann dies auch ein anderer
Same sein. Sesam findet sich auch in einigen Rezepten des Papyrus
~Ebers~ (1500 n. Chr.). Trotzdem ~Brugsch~ in einem ägyptischen
Texte des V. Jahrh. n. Chr. Sesam fand und in Afrika 9 andere Arten
vorkommen, dürfte die von ~de Pruyssenaere~ geäußerte Ansicht, Sesam
sei ursprünglich in Afrika heimisch, nicht zutreffend sein. Nach
Ägypten, wo er jetzt eine große Rolle spielt, scheint S. aber schon
in vorgeschichtlicher Zeit gekommen zu sein (~Schweinfurth~). Da die
Ägypter aber den Namen von den Babyloniern erhielten (s. oben S.
573), erhielten sie wohl auch die Pflanze von daher. ~Herodot~ (L. I,
193) berichtet, daß die Babylonier +nur+ aus Sesam Öl bereiteten. Der
Anbau muß also dort schon in früher Zeit sehr ausgedehnt gewesen sein.
Auch aus anderen Quellen wissen wir, daß die Babylonier sich des
Sesamöls bedienten (I, S. 467). Auch einige indische Namen des S.
-- gingeli, gergelium aus arab. schulchulan -- deuten von Indien
nach Westen und so meint denn ~Watt~, daß S. zuerst vielleicht
irgendwo zwischen dem Euphrattale und Bochara südlich von Afghanistan
und Nordindien kultiviert wurde, und von dort nach Indien und den
Archipel kam, ehe er nach dem Westen gelangte. Alles deutet auf
ein semitisches Volk, das die Sesamkultur einführte. Ich bin daher
geneigt, die Urheimat des S. nach Mesopotamien und die östlich daran
anstoßenden Länder zu verlegen. Von dort gelangte der S. wohl schon
mit den Ariern im II. Jahrtausend n. Chr. einerseits nach Indien
und dann auch nach Ägypten. Doch erscheint es auch möglich, daß die
Kultur des S. an mehreren Zentren unabhängig von einander begann.
Nach Ostasien gelangte S. wahrscheinlich nicht vor Beginn unserer
Zeitrechnung. Die ersten Angaben datieren aus dem V. bzw VI. Jahrh.
Erst im Tsi min yao chou wird S. in China erwähnt (~Bretschneider~).
Die Portugiesen brachten S. von der Küste von Guinea nach Brasilien.
Nach der Brahmapurâna wurde S. durch ~Yama~, den Gott des Todes,
geschaffen und er wird daher in Indien besonders bei den Totenfeiern
viel benutzt. Sesam repräsentiert das Lebensprinzip, das Symbol der
Unsterblichkeit, er ist dem Soma heilig und neben Reis und Honig
Bestandteil einiger Totenspeisen. Die alten Sanskritschriftsteller
berichten über die verschiedenen Sorten der Sesamsamen, über das Öl
und seine medizinische Anwendung. Sesamöl war das erste in Indien
gepreßte Öl (~Dutt~), tila (sansk.) findet sich bereits in den Veden.
S. kehrt auch oft in indischen Sprüchwörtern (~Gubernatis~) und in
Volkserzählungen wieder. Das «Sesam öffne dich» des ~Ali-Baba~ in
Tausend und einer Nacht zeigt, daß man in dem kleinen Samen alle
Geheimnisse der Zauberei beschlossen glaubte. In der Bibel scheint
Sesam zu fehlen. Allerdings zitiert Pharmakographia Jesaia 28, 27,
aber das dort (neben Kammon, d. h. Cuminum) stehende ḳeṣach ist nicht
klar zu deuten, die griechische Bibelübersetzung hat μελάνθιον, die
Vulgata gith (beide = _Nigella sativa_), die englische Übersetzung
fitches, in der deutschen (von ~Kautzsch~) steht Dill (vielleicht
ein mißverstandenes til; dann würde der Übersetzer an Sesam gedacht
haben), in anderen steht Wicke. ~Herodot~ erwähnt σήσαμον, ebenso
~Alkman~ (VII. Jahrh. n. Chr.). ~Hippocrates~ bediente sich des Samen
als Expectorans (I, S. 540). ~Theophrast~ erwähnt an vielen Stellen
das σήσαμον. ~Dioskurides~ und ~Plinius~ berichten, daß Sesam z. B.
in Ägypten gebaut wurde. ~Plinius~ sagt, daß er von Indien komme (der
ägyptische ist wohl Ricinus). Auch im Edikte des Diocletian (I, S.
569) finden sich Sesamsamen. Der Periplus (I, S. 535) erwähnt Sesamöl
als Ausfuhrartikel von Moscho, Barygaza und Ariakes. ~Varro~ erwähnt
S. ~Columella~ kannte den Sesambau aus eigener Anschauung (I, S.
573). Nach dem Norden ist S. nicht gekommen. Im Mittelalter wurde
suseman (oder sempsen) in Cypern, Ägypten und Sizilien kultiviert.
Das Öl war ein Exportartikel von Alexandrien nach Venedig.
Sesampreßkuchen wurden, wie Aruch, ein talmudisches Wörterbuch des
Mittelalters, berichtet, mit Jasminblüten parfümiert als Seife
benutzt (~Löw~). Sesamum steht bei ~Cordus~, aber noch nicht in
der Alphita, Sesamöl im Luminare majus und Lumen Apothekariorum (I,
S. 793). Trotz des hohen Alters der Sesamölgewinnung ist das Öl für
Europa doch erst seit der zweiten Hälfte bzw. dem Ende des XIX.
Jahrh. von größerer Bedeutung geworden.
=Lit.= ~de Candolle~, L’origine des plantes cultivées. --
~Gubernatis~, Mythologie des plantes II, 345. -- ~Dutt~, Hind. mat.
med. -- ~Watt~, Dict. econom. prod. -- ~Hehn~, Kulturpflanzen. --
~Schrader~, Reallexikon. -- ~Löw~, Aramäische Pflanzennamen. --
~Flückiger-Hanbury~, Pharmacographia.
Semen Tiglii und Oleum Crotonis.
=Syn.= Grana tiglii, tiglia, s. tilli, S. moluccana, Sem. Crotonis,
Sem. Cataputiae minoris, Croton- oder Purgierkörner, Granatillsamen,
Graines ou semences de Tilly ou de Moluques, Petits pignons d’Inde
-- croton seeds -- tilho (port.). Die Pflanze: Purgierbaum, Purging
Croton, Croton cathartique. Im Hort. Malabar.: Gajapala, Cadel
auanucu. Im Herb. Amboinens.: Granum moluccum. In ~Bauhins~ Pinax:
Pinus indica nucleo purgante. Die Samen in Indien: Jamalgata pills
-- +sansc.+: jajapála, kanakaphála -- +hind.+: jamál-gota -- +tam.+:
nervalan -- +mar.+: jepal -- auf Java: tjeraken, mal.: tjemekijan --
in China: pa-tow, pa-teú, chʿuan-pei, chiang-tsu, tou-jin.
=Stammpflanze und systemat. Stellung.= =Croton Tiglium= L., Spec. pl.
ed. I, 1004 (1753) (Croton acutus ~Thnbg.~, C. Jamalgota ~F. Hamilton~,
Kurkas tiglium ~Rafinsqu.~, Tiglium officinale ~Klotsch~, Anisophyllum
acutifolium ~Bouv.~).
Euphorbiaceae, Platylobeae -- Crotonoideae -- Crotoneae (Croton).
Untergattung Eucroton Subsectio Medea ~Müll. Arg.~
=Etym.= Croton von κρότων = Zecke nach der Form des Samens (vgl. bei
Ricinus). Tiglium von τίλος = Durchfall (nicht von der Moluccen-Insel
Tilho). Granatill aus Grana tilli oder dilla, dem alten Handelsnamen
der Droge.
=Beschreibung der Stammpflanze.= _Croton Tiglium_ ist ein kleiner,
höchstens 4-6 m hoher immergrüner, diclin-monöcischer Baum oder Strauch
mit oblongen oder eioblongen, zugespitzten, entfernt sägezähnigen, im
Alter kahlen Blättern, die am Grunde, dort wo der Blattstiel ansitzt,
zwei Nektarien tragen. Der Blütenstand ist eine androgyne Traube. Die
Einzelblüten stehen einzeln oder zu zwei bis dreiblütigen Büscheln.
Die männlichen Blüten stehen am oberen Teile des Blütenstandes (oder
der letztere trägt nur solche). Ihr tief fünfteiliger grüner Kelch
zeigt oblong-lanzettliche, am Rande und an der Spitze dünnsternhaarige
Blätter. Die fünf weißen, lanzettlichen, mit den Kelchblättern
alternierenden, anfangs ausgebreiteten, dann zurückgerollten, besonders
am Grunde dicht zottigen Blumenblätter überragen den Kelch nicht.
Die 15-20 freien Staubgefäße überragen den Kelch. Die weiblichen, am
Grunde des Blütenstandes stehenden Blüten haben einen bis zur Mitte
fünfteiligen Kelch mit oblongen, sternfilzigen Zipfeln, sehr kleine
kurzgestielte Blumenblättchen und einen großen, goldgelben, dicht mit
Sternhaaren bedeckten, kugeligen, dreiteiligen Fruchtknoten, der drei
Griffel mit je zwei langen fädigen Narben trägt und in jedem Fache
ein Ovulum enthält. Die kugelig ellipsoidische Kapselfrucht, die den
Haarbelag abwirft und daher (durch die Haarbasen) außen nur rauh, sonst
aber kahl erscheint, ist 2-2,2 cm lang und 1,6-2 cm breit, gelb bis
hellbräunlichgelb. Sie zerfällt in drei Kokken (daher: Tricoccae),
die sich von der Mittelsäule lösen und bis zur Mitte zweiklappig
aufspringen. Jede der Kokken enthält einen Samen mit reichlichem
Endosperm.
_Croton Tiglium_ ist in Ostindien (Malabar, Bengalen, Ceylon)
heimisch und findet sich auch in Assam, Birma und Malakka und wohl
auch auf Java, Borneo, Amboina und den Philippinen wild. Nach China
und Japan ist C. seit langem eingeführt; neuerdings (1898) auch nach
Kamerun. Ich traf C. in Java und Ceylon da und dort als Heckenpflanze
kultiviert. Er ist sturmfest und wächst rasch. Besonders wird er
in Vorderindien, China, Java, Mauritius und den Philippinen -- in
beschränktem Maße -- angebaut. Jetzt kommen viel Samen aus China.
Der Crotonbaum ist leicht durch Samen fortzupflanzen, bedarf gar
keiner Pflege und nimmt mit dem schlechtesten Boden vorlieb. Er kann,
wenn der Boden nicht sumpfig ist, bis zu Höhen von 1000 m und mehr
kultiviert werden. Er dient auch als Schattenbaum (vgl. I, S. 52) in
Kaffee-, Cacao-, Vanille- und Cardamomenpflanzungen (~Semler~).
=Lit.= ~J. Scott~, Med. plant. Ceylon Edinb. 1819. -- ~Marchand~,
Adansonia I, 232. -- ~Hamilton~, Transact. Linn. Soc. 14, 258. --
~Roxbourgh~, Flor. Ind. III, 682. -- ~Hooker~, Flor. Brit. Ind. --
~Pax~, Euphorb. in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. III, 5, Fig. 25.
-- ~Semler~, Trop. Agrikultur. -- ~Pereira~, Heilmittellehre II,
210. -- ~Weynton~, Commerc. prod. Assam Ph. journ. 18 (1887), 162.
-- ~J. U. Lloyd~, Western Drug. 1898. -- +Abbild.+: ~Berg-Schmidt~,
Atlas 2. Aufl. t. 87 (dort die weitere botan. Lit.), ~Nees von
Esenbeck~, Düsseld. Abb. t. 138, ~Bentley-Trimen~, Med. plant. t.
239, ~Baillon~, Bot. méd. Fig. 2676-2682 und ~Burmann~, Thes. zeylan.
t. 90.
=Morphologie der Droge.= Die Samen besitzen die Größe kleiner
Ricinussamen, meist sind sie etwa 10-12 mm lang, c. 8 mm breit und c.
6 mm dick, ovallänglich, an beiden Enden stumpf, aber beiderseits,
namentlich auf dem Rücken, infolge eines freilich wenig vorspringenden,
stumpfen, namentlich an der oberen Hälfte sichtbaren Längskiels
kantig-konvex, daher im Querschnitt undeutlich vierkantig-rautenförmig,
nicht rein oval, die eine Seite ist etwas flacher als die andere. Die
etwas abgeflachte Bauchseite zeigt eine deutliche Raphe. Außen sind sie
schwach glänzend, rötlichbraun oder matt schmutzig-grau, an den Stellen
wo die äußere Schicht abgerieben ist mit dunkleren Flecken, wo diese
ganz fehlt stumpf-schwarz, auf der Rückenseite gegen das Hilum und die
Chalaza etwas längsstreifig und furchig, auf der Bauchseite mehr glatt.
Die Samenschale ist dünn (c. 0,3 mm), spröde und zerbrechlich, innen
grausilberglänzend, die dünnhäutige innere Samenhaut läßt sich leicht
ablösen; bricht man den Samen auf, so bleibt sie oft am Samenkern
haften und bedeckt diesen als eine zarte Hülle, die ein reich
verzweigtes, von der Chalaza ausgehendes Adernetz, besonders nach
Behandeln mit Phloroglucinsalzsäure, deutlich hervortreten läßt. Der
leicht in zwei plankonvexe Hälften zerfallende Samenkern -- bei der
Droge oft geschwunden -- ist im Querschnitt ölig-fettglänzend, besitzt
ein dickfleischiges Endosperm und dünne, breit-blattartige, an der
Basis herzförmige, nicht aneinander, aber am Endosperm festhaftende
Cotyledonen mit deutlicher Nervatur, eine kleine Plumula und eine c. 3
mm lange, gegen das Hilum gerichtete Radicula. Die Caruncula ist nur
klein und am trockenen Samen kaum noch zu erkennen. Unterhalb derselben
tritt das Hilum deutlich hervor, von ihm läuft die Raphe zur am anderen
Ende des Samens liegenden, undeutlich hervortretenden Chalaza. Die
Schalen betragen 31,6%, der Kern 68,4% des Samens (~Flückiger~). Der
Samenkern, der in zwei plankonvexe Hälften aufspaltet (~Isa Ben Ali~
vergleicht diese mit Sperlingszungen), schmeckt anfangs milde ölig,
bald wird der Geschmack aber scharf kratzend, lange anhaltend brennend.
Die Schale ist geruchlos und fast ohne Geschmack. Der geruchlose Kern
entwickelt beim Erwärmen einen scharfen, die Augen angreifenden und die
Haut reizenden Geruch.
+Crotonsamen+ findet sich im Handel in Säcken von 50-60 kg oder in
Fässern (~Gehe~) (nach ~Hanbury~ in cases, bales or robbins).
=Anatomie.= Aus dem äußeren Integument des Ovulums, in dem das
Raphebündel verläuft und das neben der Mikropyle einen kleinen
Obdurator und, aus der Mikropyle bruchsackartig herausragend, das
Ende des Nucellus zeigt (ein Pseudonucellus ist hier nicht wie bei
_Ricinus_ zu finden), entstehen drei Schichten: eine auch in der
Droge noch meist Stärke und einen braunen Farbstoff führende, aus
polygonalen Zellen bestehende Epidermis, eine mehrreihige, mehr oder
weniger zusammengefallene parenchymatische Nährschicht und eine Schicht
dünnwandiger Palissaden, die kleine Interzellularen zwischen sich
lassen. +Diese äußere Schicht läßt sich leicht abreiben.+ Alsdann tritt
die aus der Epidermis des inneren Integumentes hervorgehende, aus stark
radial gestreckten, schief gestellten, dickwandigen, dunkel gefärbten,
etwa 250 mik. hohen Palissadensklereïden bestehende Hartschicht hervor,
innerhalb welcher die oben erwähnte nährschichtartig zusammengefallene
Silberhaut liegt, in der die reich verzweigten Ausläufer des
Raphenbündels rückläufig vom Chalazaende zum Hilumende verlaufen. In
den Zellen des Endosperms und der Cotyledonen finden sich reichlich
Aleuronkörner von der gleichen Gestalt wie bei _Ricinus_ mit deutlichen
Globoiden und Kristalloiden, eingebettet in Ölplasma. Sie messen im
Endosperm 8-13 mik. In den blattartigen Cotyledonen, die sich vom
Endosperm ablösen lassen, sind sie kleiner.
=Lit.= ~Tschirch~, Croton in Realenzyklop. d. Pharm. --
~Schlotterbeck~, Beitr. z. Entwicklungsgesch. pharmakognost. wichtig.
Samen. Diss. Bern 1896 (mit Abbild.). -- ~Vogl~, Commentar. --
~Planchon-Collin~, Drog. simpl.
=Handel.= Das Öl wird in Indien aus den reifen, schwach gerösteten
und geschälten Samen bei gelinder Wärme ausgepreßt. Auch ein
mit Lösungsmitteln extrahiertes tritt bisweilen im Handel auf.
Seine Zusammensetzung ist eine andere. Pharm. helv. IV verwirft
es ausdrücklich. Keinesfalls darf ein mit Alkohol extrahiertes
Öl benutzt werden. Der Handel kennt außer dem hell- bis
bräunlichgelblichen ostindischen, über Bombay, Cochin und Madras
exportierten Öle, das als sehr wirksam gilt, auch ein braungelbes
englisches. Eine gute Sorte ist das in kleinen Fläschchen mit der
Signatur: «Croton oil sold by A. Short, Ratcliff, Highway London»
in den Handel gebrachte (~Hager-Fischer-Hartwich~, Pharm. Praxis).
Es ist Selbstdarstellung des Öls durch Pressen oder Extrahieren mit
Äther vorgeschlagen worden. Geschieht dies, so müssen die Preßkuchen,
Filter usw. verbrannt werden, da sie giftig sind.