~Makhzan el-Adwiya~ vergleicht sie mit dem Schwanze des Zobels. Es
ist zweifelhaft, ob νάρδος aus dem iranischen (npers.: nârd) oder
dem semitischen (hebr.: nêrd) Kulturkreise stammt. Alle Ausdrücke
gehen auf das indische nálada (schon in Atharvaveda als Aromapflanze
genannt). ~Periplus~ nennt νάρδος als Exportartikel indischer Häfen.
~Alexander~ traf die Pflanze in Gedrosien (~Arrian~, Anabasis VI,
22). Durch die Bibel verbreiteten sich got. nardus, ahd. narda
(~Schrader~). ~Dioskurides~ kennt außer νάρδος (νάρδου στάχυς
~Galen~, _Spica nardi_ ~Plinius~, _Nardos_ ~Arrian~, _Nardifolium_
~Columella~), von der er eine aus Gebirgen stammende «syrische»
(aber nicht in Syrien gesammelte), eine von dem Tale des Ganges
exportierte (Gangitis) und eine sampharitische (wohl +über+ Arabien
kommende) unterscheidet (er weiß, daß die Gebirgsnarde die beste
ist) noch: νάρδος κελτική (von Ligurien und Istrien) und ν. ὀρεινή
(aus Cilicien und Syrien). Die syrische (d. h. hier indische) Narde
ist jedenfalls _Nardostachys Jatamansi_, die vom Ganges vielleicht
ein _Andropogon_ (nach anderen _Nardostachys grandifol._), die
keltische: _Valeriana celtica_, die Bergnarde wohl _V. tuberosa_. Was
die sampharitische ist, ist unklar. Des ~Plinius~ Gallische Narde
(s. oben S. 525) ist vielleicht _Valeriana saxatilis_ (~Sprengel~).
~Scribonius Largus~ nennt die keltische Narde _Saliunca_, ~Columella~
_Nardum celticum_. Im Liber de simpl. ad Paterniam stehen die
Namen: _Salvicula_, _Saliunca_ und _Saloincha_. ~Scribonius Largus~
bemerkt, daß _Nardus indica_, _celtica_ und _italica_, _Spica nardi_
(_Lavendula_?) und indisches Gras ähnlich riechen, was ich aber nicht
finden kann. Auch ~Celsus~ (I, S. 587) kennt indische, syrische und
gallische Narde. Narde steht sowohl im Periplus (I, S. 535) wie in
der Alexandrinischen Zolltafel. In der mittelalterlichen Literatur
wird die echte Narde nur noch einmal unter den Räuchermitteln beim
Einzug ~Heinrich~ VI. in Rom erwähnt (~Flückiger-Hanbury~). In den
Destillierbüchern (z. B. ~Brunschwyg~) ist sie nicht mehr genannt,
wohl aber _Spikenard_ und _Spica_ (~Hoffmann~). Die echte Narde kommt
hier und da noch nach London und die keltische Narde wird noch jetzt
in den schweizerischen und italienischen Alpen gesammelt und von
Triest nach dem Orient exportiert (~Flückiger~).
Als Paralleldroge kann kaum gelten das wenig aromatische _Rhiz.
valerianae majoris_ von _Valeriana Phu_ L., einem als Gartenpflanze
da und dort (Schlesien, Livland) kultivierten, in Armenien,
Kaukasien, dem Ural und Südsibirien einheimischen Gewächs, wohl
aber alle oben (S. 512) angeführten, zur Sectio Officinalis
gehörenden Arten (bez. Varietäten), besonders die _V. angustifolia_
(_V. offic._ var. _angustifolia_ ~Miq.~) Japans (kesso, kisso,
kanoko-so), mit kurzem, reich bewurzeltem Rhizom -- seit 1879 im
Handel. In Frankreich wird durch die Herboristen oft _Val. excelsa_
~Poir.~ gesammelt (~Camus~ 1901). Ferner sei erwähnt die _Valeriana
mexicana_ ~Dc.~ (s. oben), neben welcher in Mexico auch _V.
ceratophila_ HBK. und _V. toluccana_ ~Dc.~ medizinisch benutzt und
bisweilen nach Europa gebracht werden (~Holmes~). Weitere, ähnlich
wirkende _Valeriana_arten in ~Dragendorff~, Heilpflanzen und in
~Planchon-Collin~, Drogues simples 1896.
=Lit.= ~Gildemeister-Hoffmann~, Äther. Öle, II. Aufl., S. 208. --
Abbild. der indischen Narde: ~Royle~, Illustrations of the Himalayan
Bot. t. 54 (kopiert bei ~Nees~). -- ~Jones~, On the spikenard of the
ancients Transact. Asiat. Soc. Bengal. Calcutta 1889. -- ~Roxburgh~,
ebenda. -- ~Flückiger-Hanbury~, Pharmacogr. -- ~Flückiger~,
Pharmakogn. -- ~Dymock~, Mat. med. West. Ind. -- ~Tristram~, Nat.
history of the bible. -- Pharmacogr. indica. -- Dict. econom. prod.
of India. -- ~Guibourt~, Hist. nat. d. drog. (dort Näheres über die
Narden, auch Abbild.). -- ~Schrader~, Reallex. d. indogerm. Altert.
IV.
Die Produkte der Oxydation der Hexosen sind Glukonsäuren (Hexonsäuren),
z. B. Glukuronsäure (S. 77), Glukonsäure, Zuckersäure (S. 77),
Schleimsäure (S. 282), bei stärkerer Oxydation tritt aber Zerfall
ein und es entsteht Glykolsäure, Oxalsäure, Traubensäure, Weinsäure.
Schon ~Scheele~ beobachtete (1776), daß bei der Oxydation von
Zucker Oxalsäure auftritt. Bei der Aufspaltung des Zuckers bei der
alkoholischen Gärung (?) und der intramolekularen Atmung entsteht
aber auch +dl-Milchsäure+ (α-Oxypropionsäure), CH₃.CH(OH).COOH,
die sich zuweilen im Wein findet und bei der intramolekularen
Atmung der Zuckerrübe sich bildet und die in größerer Menge bei der
Milchsäuregärung des Trauben-, Milch- und Rohrzuckers auftritt.
Die +Glykolsäure+ (Oxyessigsäure), CH₂OH--COOH, findet sich im
Zuckerrohr und kommt auch im Rübensaft und unreifen Trauben vor. Sie
liefert oxydiert zunächst die in unreifen Früchten (Wein, Stachelbeeren
und Äpfeln) vorkommende +Glyoxylsäure+: COH--COOH, dann +Oxalsäure+:
COOH--COOH.
Die =Oxalsäure= ist bei den Pflanzen und auch den Drogen weit
verbreitet (~C. Schmidt~, ~Bayley~, ~Payen~, vgl. die Zusammenstellung
in ~Czapek~, Biochemie), besonders als Calciumoxalat, das zuerst
~Scheele~ (1785) im Rhabarber auffand, das die Mikroskopiker aber
schon früher gesehen hatten (I, S. 341), und von dem besonders die
Flechten reichliche Mengen, bis zu 66% des Trockengewichtes (_Lecanora
esculenta_), enthalten. Oxalsäure tritt auch als saures Kaliumsalz auf
(in _Oxalis_-, _Rheum_- und _Rumex_arten).
An die Oxalsäure schließen sich dann an:
COOH
|
COOH CH₂ COOH COOH
| | | |
COOH CH₂ CH₂ (CH₂)₆ (CH₂)₇
| | | | |
COOH COOH COOH COOH COOH
Oxalsäure Malonsäure Bernsteinsäure Korksäure Azelainsäure
von denen besonders die =Bernsteinsäure= in unreifen Früchten
(Wein, Stachelbeeren, Johannisbeeren, Äpfeln, Bananen), aber auch in
_Atropa_blättern, Rhabarberstielen und in der Zuckerrübe, sowie
als Harzester (~Tschirch~ und ~Aweng~) im Bernstein
vorkommt und endlich die sich an die Bernsteinsäure anschließende
Gruppe der Oxysäuren:
COOH COOH COOH
| | |
HCH HCOH OHCH
| | |
HCH HCH HCH
| | |
COOH COOH COOH
Bernsteinsäure d-Apfelsäure l-Apfelsäure
| |
+-----------+------------+
|
Racemische Apfelsäure
COOH COOH COOH
| | |
HCOH OHCH HCOH
| | |
OHCH HCOH HCOH
| | |
COOH COOH COOH
d-Weinsäure l-Weinsäure Mesoweinsäure
| |
+----------+-----------+
|
Racemische Weinsäure
Die von ~Scheele~ (I, S. 968) entdeckte =Apfelsäure= (~Donovans~
Acide Sorbique) ist als l-Apfelsäure weit verbreitet (~Braconnot~,
Übersicht bei ~Czapek~). Sie findet sich meist gebunden, aber auch
frei, besonders reichlich in den Vogelbeeren (~Vogel~, ~Houton
Labillardière~, ~Liebig~), den =sauren Äpfeln=, -- und dem daraus
dargestellten =Extractum ferri pomati= --, dann auch in Kirschen,
Pflaumen, Weintrauben, Heidelbeeren, Ananas, den Beeren von
_Hippophaë_, und _Berberis_, den Blättern des _Tabak_ (~Vauquelin~),
des _Chelidonium majus_ und _Rheum_ (3,5% saures Malat), dem
_Euphorbium_ (25% Calciummalat, ~Tschirch~ und ~Paul~) und in
vielen Pilzen (z. B. _Polyporus officinalis_). Besonders reichlich
ist Apfelsäure aber in den Blättern der Crassulaceen (25-30% des
Trockengewichtes) enthalten; die hier vorkommende Säure soll aber eine
vierte stereoisomere, rechtsdrehende Form sein, die mit keiner der
übrigen übereinstimmt (~Aderson~).
Von den ungesättigten niederen Fettsäuren interessieren uns nur:
HC--COOH COOH COOH
|| | |
COOH--CH und CH CH₂
\\ /
+Fumarsäure+ C
|
COOH
+Aconitsäure+
von denen die erstere in Pilzen häufig ist, und auch z. B. in
_Cetraria islandica_ (S. 268), aber auch in Phanerogamen (Fumariaceen,
Papaveraceen) vorkommt, die andere in Rüben und Ranunculaceen
(_Aconitum_, _Adonis_, _Delphinium_) vorkommt. «Vielleicht begleitet
sie ständig die verwandte Citronensäure» (~Euler~).
V. Weinsäuredrogen.
Ganz außerordentlich verbreitet ist die +Weinsäure+, zwar nicht
die l-Weinsäure, auch nicht die Mesoweinsäure und die Traubensäure
(racemische oder d + l Weinsäure), wohl aber die +d-Weinsäure+
(α²⁰_{D} = +15,06°, F. 170°), die zuerst ~Scheele~ (1769) aus Weinstein
isolierte. Sie findet sich -- vornehmlich gebunden -- in den Weinbeeren
(S. 40), den Maulbeeren, Tamarinden, Ananas, Gurken und vielen anderen
Früchten, Wurzeln, Blättern und Zwiebeln (revisionsbedürftige Übersicht
bei ~Husemann-Hilger~), aber wohl kaum, wie ~Hilger~ (a. a. O.) meint,
«im Zellsafte aller entwicklungsfähigen Pflanzenteile».
Das beste Material zur Darstellung der d-Weinsäure ist noch heute
der =rohe Weinstein=, der als Droge in den Handel kommt. Er bildet
gelbliche und rötliche Krusten, die zur Reinigung zunächst in siedendem
Wasser gelöst werden. Die geklärte Lösung wird mit Tierkohle und Ton
entfärbt und zur Kristallisation gebracht. Aus dem so entfärbten
Weinstein wird die Säure mit Schwefelsäure abgeschieden.
Pulpa Tamarindi.
=Syn.= Fruct. tamarindi, Siliquae indicae -- Rohes Tamarindenmus --
pulpe brute de tamarins (der Baum: tamarinier de l’Inde) (franz.) --
tamarind (der Baum: tamarind tree) (engl.) -- tamarinde (holl.) --
tamarindo (ital.) -- tamarinda (ung.) -- tamarindi (fin.) -- ὀξυφοῖνιξ
(griech.).
=Arab.=: tamr hindī, andeb (in +Cordofan+: ardeb), humar, sabárá. --
+pers.+: anbalah -- in +Indien+: amli, imli (hind.), chintz (bomb.)
puliyam-pazham (tam.) tentul (beng.) -- im Sanscrit: tintidi, amlikā
(weitere in ~Watt~, Dict. ec. pr.) -- +mal.+: asam manies oder a.
djawa, asem (asem kerandji ist _Dialium indum_), kamal. -- bei den
späteren Griechen: βελφηνικήα τεμαρέντι. -- Bei ~Alhervi~ (I, S. 601)
tamr ulhindî (pers.) -- In dem Lehrgedichte des ~Otho Cremonensis~
(XIII. Jahrh., vgl. I, S. 627) und bei ~Serapion~ (I, S. 607):
thamarindus. -- Bei ~Ibn Baithar~ (I, S. 608) stehen außer Tamr hindi
auch die Namen: subâr (für den Baum: subâri), humar, hamar (auch
für Asphalt benutzt!), hamar heißt im Arab. rot (~Marti~). Deutet
wohl auf die Farbe der Früchte. -- Bei ~Abu Hanifa~: elhumar -- bei
~Constantinus Afrikanus~: Oxyfoenicia sunt dactyli Indiae. -- Auch
in der Alphita und bei ~Bartholomaeus~ (I, S. 655) findet sich Oxi
fenica (fincon, inde dactilus indicus vel tamarindus) = dactalus
acetosus und auch in Circa instans (I, S. 637), bei ~Joh. Actuarius~
und in den mittelenglischen Medizinbüchern aus dem XIV. Jahrh. (I,
S. 683) steht Oxyfenica. Der Ausdruck (= palmae acidae) blieb bis
ins XVII. Jahrh. erhalten (~Flückiger~). Im Mittelalter und noch bei
~C. Bauhin~ auch: Siliqua arabica (Siliqua syriaca ist _Ceratonia_)
-- bei ~Rumpf~: Tamarindus C. Bauhini, Tamar sive dactylus Indorum,
Palmula indica et deresilde Arabum -- in Brasilien: Jutay (~Piso~).
-- Tamarindus auch bei ~Ray~, ~Alpini~ und ~Tournefort~ -- bei
~Rheede~: balam pulli.
=Etym.= Tamarindus von arab.-pers. tamr (tamar chald. u. hebr.) =
Palma (Dattel) und hindi = indisch, also indische Palme (Dattel) (so
schon von ~Garcia da Orta~ erklärt). Vielleicht auch tamr = Frucht
überhaupt (~Pereira~) -- οξυφοίνικα, Oxifenica = Sauerdattel (φοῖνιξ
= Dattel, hier nicht = rot, wie ~Lémery~ will). -- Der Malaie drückt
im Namen: Asam (= sauer), manies (= süß) sehr charakteristisch den
Geschmack des Fruchtmuses aus.
=Stammpflanze und systemat. Stellung.= =Tamarindus indica= L., Gen.
pl. I, 581 (Rumph. herb. amb. 2, 90 t. 23), nebst der in Westindien
kultivierten kleinfrüchtigen, wenigsamigen, herben Var. occidentalis
(T. occidentalis ~Gärtner~) -- auch die javanische T. ist kleinfrüchtig
(~Tschirch~). Der Autor des Makhzan el Adwija beschreibt zwei indische
Arten: die rote süßere, kleinsamige Guzerat-Varietät (die bessere)
und die gewöhnliche rötlichbraune. Diese werden in Indien noch
jetzt unterschieden. ~Roxburgh~ und ~De Candolle~ unterscheiden T.
occidentalis ~Dc.~ und T. indica ~Dc.~ als Arten.
+Leguminosae+, Caesalpinioideae -- Amherstieae (die Gattung Tamarindus
hat nur eine Art).
[Illustration:
Tafel XIII.
Tamarindus indica L. in Java.
(Tschirch phot.)]
=Beschreibung der Stammpflanze.= Die Tamarinde ist ein immergrüner
Baum, der eine Höhe von 25 m erreicht (Taf. XIII) aber langsam wächst.
Er braucht viel Licht und ein dauernd warmes, tropisches Klima,
nimmt aber, da tiefwurzelig, mit relativ trockenem Boden fürlieb.
«Sein schöner, ebenmäßiger Wuchs, die dichtbelaubte und infolge der
feingefiederten Blätter doch lichte und reichgegliederte Krone, die
den Boden in weitem Umkreis beschattet, die weitausladenden Äste
und der elastische, aber feste Stamm geben dem schönen Baum ein
prächtiges Aussehn (Taf. XIII). Kraftvoll und doch zierlich, ist er
eine herrliche Zierde der Landschaft vollends dann, wenn er im Schmucke
seiner zahlreichen wohlriechenden, feingeaderten Blüten prangt oder
mit tausenden rehbrauner, an langem Stiele herabhängender Fruchthülsen
beladen ist» (~Tschirch~, Indische Heil- und Nutzpflanzen). Ich traf
in Java aber oft Tamarinden ohne Blüten und dann wieder solche mit
nur spärlichen. Auch ~Rumphius~ sagt: «Flores sunt rari et vagi». Auf
den Blattreichtum geht die griechische Bezeichnung δένδρον πολύφυλλον
(bei ~Theophrast~) und in Java sagt man: «Er hat Schulden wie der
Tamarindenbaum Blätter.» Der bis 8 m im Umfang messende Stamm hat ein
sehr geschätztes Holz, das von Insekten nicht angegangen wird.
[Illustration: Fig. 172.
Blüte von _Tamarindus indica_ L. im Längsschnitt. [Nach +Luerssen+.]]
Die alternierenden +Blätter+ sind paarig gefiedert, 10-20 jochig,
die fast sitzenden, ganzrandigen Fiederblättchen 12-20 mm lang,
lineal-länglich, abgerundet gestutzt oder ausgerandet, ungleichhälftig,
unterseits blaugrün, die häutigen Nebenblättchen hinfällig. Die
Blätter zeigen Schlafbewegung (s. unter Geschichte). Die zygomorphen,
hermaphroditen +Blüten+ stehen in endständigen Trauben. Das enge,
röhrige, kreiselförmige Receptaculum ist mit dem drüsigen Discus
ausgekleidet, der vierzählige +Kelch+ in der Knospe dachig. Von
den vier, dem Rande des Receptaculums inserierten, weißlichen,
dann blaßgelblichen und abfallenden, häutigen Kelchblättern sind
die beiden oberen (hinteren) zu einem breiten, fast ovalen Blatte
verwachsen, die beiden unteren (vorderen) sind länglich. Von der
ursprünglich fünfzähligen +Corolle+ sind die zwei vorderen Blätter
zu pfriemenförmigen Spitzchen abortiert, von den drei hinteren
(oberen) ist das mittlere schmäler, fast sitzend und etwas kahnartig
zusammengelegt, die beiden seitlichen breit genagelt, alle drei weiß
und rot geadert, etwa gleich groß, wellig gekerbt. Von den neun zu
einer, oberseits offenen, Scheide verwachsenen +Staubfäden+ sind
nur die drei vorderen Kelchstamina fertil, die anderen sechs als
spitzchenförmige, an der Spitze der Scheide sitzende Staminodien
entwickelt. Der gestielte einfächerige Fruchtknoten trägt einen, wie
die Stamina, bogenförmig gekrümmten Griffel mit kleiner gestutzter
Narbe und enthält eine ganze Anzahl Ovula (Fig. 172). Die +Frucht+
hängt an einem mehrere Zentimeter langen Stiel. Sie wird sehr
verschieden lang (selten über 15 und bis 20 cm, meist viel kürzer,
besonders bei den kleinfrüchtigen Sorten). Sie ist länglich, kurz und
scharf zugespitzt, meist etwas gekrümmt und mäßig zusammengedrückt,
an den Stellen, wo die Samen liegen, meist etwas aufgetrieben,
oder gar infolge von Einschnürungen knotig gegliedert. Sie ist
ein nicht aufspringendes Legumen, dessen Bauchnaht kaum deutlich
hervortritt, mit gelbbraunem oder hellbraunem, fast warzig-rauhem,
sehr zerbrechlichem, etwa 0,5 mm dickem Exocarp, das außen bisweilen
auf hellem Grunde ein feines dunkles Netzwerk erkennen läßt. Das
Mesocarp ist ein weiches Fruchtmus, an dessen äußerem Rande auf der
konkaven Rückenseite der Frucht ein derbes Bündel bis zur Spitze
verläuft, während auf der konvexen Bauchseite zwei starke und 2-4
zwischen diesen liegende schwächere Bündel verlaufen (Fig. 174), von
denen aber nur die stärkeren die Spitze der Frucht erreichen, die 2-4
schwächeren aber meist schon vorher blind endigen. Von allen gehen fast
in rechtem Winkel Sekundärnerven ab, die zu Anastomosen führen. Dieses
Bündelsystem läßt sich bei der trockenen Frucht oft als grobfaseriges
Netzwerk in toto vom Mesocarp außen ablösen. Das Endocarp ist als
papierdünne zähe Pergamenthaut entwickelt und zwischen den Samen
gefächert. Es kleidet die 1-12 ovalen Fächer der Hülse aus, die innen
bisweilen spiegelglänzend erscheinen und je einen glänzend rotbraunen,
der Bauchnaht angehefteten, endospermfreien Samen einschließen (Fig.
173).
Früchte bildet die Tamarinde vom zehnten Jahre an. In Java blüht
der Baum im November und Dezember zu Beginn der Regenzeit. Die
Früchte sind dort im Februar vollreif, was man an der Brüchigkeit
des Epicarps erkennt. Sie werden mit Bambusstangen abgeschlagen, was
ohne Schwierigkeit möglich ist, da der Fruchtstiel sehr spröde ist
(~Tschirch~). In Vorderindien blüht T. im April und Mai. Ein Baum
liefert dort 5-6 maunds (c. 412-494 lbs.) Früchte. In Westindien sind
die Früchte im Juni bis August reif (~Hooper~). Die Eingeborenen
Vorderindiens betrachten die Ausdünstungen des Baumes als schädlich.
~Semler~ empfiehlt, die Früchte mit der Hand oder die nicht
erreichbaren mit einer sog. Pfropfreiserschere zu pflücken.
[Illustration: Fig. 173.
_Tamarindus indica._ Radialer Längsschnitt durch die Frucht --
schematisch. [+Tschirch.+]]
[Illustration: Fig. 174.
_Tamarindus indica._ Frucht geöffnet, das Epikarp (p) abgetragen, so
daß das Fruchtfleisch (Mesokarp, m), die Gefäßbündel (f) und ein Same
(s) sichtbar werden. [Aus +Vogl+, Kommentar.]]
Die Tamarinde ist ursprünglich im tropischen Afrika bis südlich zum
Sambesi einheimisch. Der Baum durchzieht das Gebiet des Senegal, des
Niger, Angola und des Tsad-Sees, geht in die Nilländer, durch den
äußersten Nordosten Afrikas nach Mosambik bis ungefähr 24° s. B.,
während er seine Nordgrenze bei ungefähr 14½° n. B. am weißen Nil
(nach ~Schweinfurth~ schon bei 12° n. B.) erreicht (~Flückiger~).
Er wurde aber sehr frühzeitig nach Arabien, Indien, Cochinchina,
den Philippinen, Java, wie überhaupt nach Südasien gebracht und ist
vielleicht sogar dort wie in Nordwest-Australien (~F. von Müller~)
schon ursprünglich heimisch. Nach Tahiti kam T. schon durch ~Cook~.
Nach dem tropischen Amerika, besonders nach den Westindischen Inseln,
Mexiko, Ecuador, Guayaquil, Brasilien, Argentinien ist die T. durch die
Europäer im XVI. Jahrh. gebracht worden, hier hat sich eine Varietät
(s. oben) entwickelt. ~Dymock~ glaubt, daß die T. in Süd-Indien
einheimisch ist. ~Brandis~ bezweifelt es. Die Pflanze hat jedenfalls
viele einheimische indische Namen. ~Crawfurd~ hält sie auch für in Java
einheimisch. Sie hat eigene malaiische Namen und spielt im Volksleben
eine Rolle. Ich habe sie wild in Java nicht angetroffen. Eigentliche
Anpflanzungen, Tamarindenwälder, traf ich nirgends in Süd-Asien,
dagegen sehr oft den Baum in Alleekultur (I, Fig. 34) und auch wohl in
den Kampongs (Taf. XIII). Dies gilt auch für Vorder-Indien (frequently
planted in avenues and topes, ~Hooper~ 1907). Einer der größten Plätze
der Erde, der Koningsplein in Batavia, ist von einer Tamarindenallee
umgeben. T. ist ein vorzüglicher Schattenbaum. Jetzt ist T. durch
Kultur über alle tropischen Länder der Erde verbreitet, aber Versuche,
bessere Spielarten in der Kultur zu erzielen, sind nirgends gemacht
worden (~Semler~).
=Lit.= ~Taubert~ in Engler-Prantl. -- ~Luerssen~, Med. pharm. Bot.
-- ~Roxburgh~, Flor. Ind. III, 215. -- ~Brandis~, Forest flor.
northw. a. centr. India 1874, 163. -- ~Bentham~, Flor. austral.
II, p. 294. -- ~Oliver~, Flor. trop. Africa II, 308. -- ~Ficalho~,
Plantas uteis da Africa portugueza Lisboa 1884. -- ~Crawfurd~, Dict.
of Ind. islands 1856, 425. -- ~Hooper~, Tamarindus Agric. Ledger
1907, Nr. 2. -- ~F. v. Müller~, Not. s. 1. végét. de l’Australie.
Melb. 1866. -- ~Macfadyen~, Flora of Jamaica 1837, 335. -- ~M. Pérez
Maciel~, Bot. Min. Agr. Buenos Aires 3 (1905), 110. -- ~de Clercq~,
Nieuw plantkund. wordenboek. Nederl. Ind. 1909. -- Die Kultur ist
beschrieben in ~Semler~, Tropische Agrikultur II, 209. -- +Abbild.+:
~Tschirch~, Ind. Heil- u. Nutzpfl. t. 49 u. 50, ~Berg-Schmidt~,
Atlas I. Aufl. t. 9, ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl., t. 131, ~Nees~,
plant. med. t. 343, ~Hayne~, Arzneigew. X, t. 41, ~Bentley-Trimen~,
Med. plant. t. 92, ~Woodville~, t. 161, ~Bot. Mag.~, t. 4563,
~Taubert~ in Engler-Prantl, Pflanzenfam. III, 3, Fig. 79 und
vielfach anderwärts. -- Die ersten Abbildungen der T. finden sich in
~Bontius~, Histor. nat. Indiae 1658 (I, S. 897) und bei ~Piso~ (I, S.
893). -- ~Rheede~ bringt (Hort. malabar. I, t. 23) unter Balam pulli
s. Maderam pulli (braman.: sinza) eine gute zweifarbige Abbildung
eines fruchttragenden Zweiges, daneben Blüte und Samen sowie eine
ausführliche Beschreibung. -- ~Rumpf~ (Herb. Amb. 2, 90) gibt unter
Tamarindus (= Assam djava) eine sehr ausführliche Beschreibung und
auf Taf. XXIII eine gute Abbild. eines blühenden Zweiges mit Frucht
u. Samen. -- Ältere Beschreibungen: ~Ray~, histor. plant. p. 1748. --
~Sloane~, Cat. pl. Jam. p. 147 (Synonyme). -- ~Marcgraf~, Bras. hist.
p. 107.
=Pathologie.= Den größten Schaden richten an der Tamarindenernte die
Affen an, die «reinen Tisch» zu machen pflegen; dann Papageien und
andere Vögel, Eichhörnchen und fliegende Füchse, weniger Insekten
(~Semler~).
=Gewinnung und Handelssorten.= _Pulpa tamarind._ kommt besonders aus
Ostindien und Westindien in den Handel. Die Levante scheint nichts
von Bedeutung mehr in den Großhandel zu liefern, wenigstens fanden
sich 1911 im deutschen Handel weder levantinische noch ägyptische
Tamarinden, die zu ~Pomets~ Zeit im Handel vorherrschten. Die in
Deutschland gebräuchlichen +ostindischen+, braunen «Calcutta» (black
tamarinds) sind dunkelbraun oder fast schwarz und fest, nicht
feucht, die in England vorgezogenen +westindischen+ (red tamarinds)
heller, gelbbraun oder rotbraun, oft feucht und weniger sauer.
Die Endocarphüllen sind bei der westindischen Tamarinde nicht so
lederartig, wie bei der ostindischen, die Farbe des Muses und des
wässrigen Auszuges heller, der Samengehalt höher, die Gefäßbündel
länger und dicker, der Geschmack süßer, die Samen sitzen oft noch zu
2-4 in der Hülle (~Brunner~).
Im deutschen Handel fanden sich 1911 +Calcutta+- und
+Madras+-Tamarinden und in kleineren Mengen die +westindischen
Barbados+. Die beiden ersteren Sorten, von denen Calcutta meistens
die bessere Qualität ist [sie findet sich in Fässern (Oxh.)
zu c. 250-350 kg], werden in der Hauptsache zum Ansetzen der
+Kautabaksaucen+ gebraucht, gehen aber auch in sehr großen Posten
nach +Süddeutschland+, der +Schweiz+ und +Italien+, um dort zur
Herstellung von +Fruchtsäften+ verwendet zu werden. Für +medizinische+
Zwecke dürften +Madras+- (in Fässern zu c. 200 kg) und Calcutta-T.
weniger verwendet werden, eine größere Verwendung für derartige
Zwecke, in der Hauptsache als Abführmittel, finden die +westindischen
Barbados-Tamarinden+, die aber von deutschen Firmen fast garnicht,
sondern ausschließlich von englischen Firmen in den Handel gebracht
werden (~Caesar~ und ~Loretz~).
Der indische Markt unterscheidet mehrere Qualitäten, je nach dem
Gehalt an Schalen, Samen und Fasern. Die guten Sorten werden einem
Nachreifungsprozeß an der Sonne unterworfen. Die Tamarinden müssen,
um ein +schönes Aroma+ aufweisen zu können, genügend lange in Indien
liegen bleiben, damit der richtige +Gärungsprozeß+ im +Produktionsland+
stattfindet. Je früher die Verladung der Tamarinden von Calcutta
erfolgt, desto weniger haltbar ist meistens die Ware, und auch das
Aussehn der zu früh verschifften Ware ist +nicht dunkelbraun, sondern
fuchsig+ (~Caesar~ und ~Loretz~). +Erst durch diesen Gärungsprozeß
wird also das frisch hellrotbräunliche Fruchtmus schwarz.+ In Indien
wird das von dem Epicarp und den Samen befreite Mus oft mit 10% Salz
gemischt und mit den Füßen zu einer gleichmäßigen Masse geknetet.
Diese _Pulpa_ gelangt nicht zur Ausfuhr nach Europa. In Guzerat,
Dekkan, Kontan wird das Fruchtmus bisweilen mit Seewasser zu einem
breiigen Teig geknetet und dieser in Säcke verpackt (~Flückiger~).
Mit Zucker werden ostindische Tamarinden nur selten präpariert. In
Indien wird T. produziert in Nasick, Poona, Juneer, Kaira, Tullgaum.
Am meisten geschätzt ist die Guzeratsorte. +Calcutta+ ist wichtigster
Tamarindenhafen für den Export nach Europa, weniger Madras und Bombay.
Bombay exportiert viel nach Sind, Persien und dem Roten Meer.
+Hamburg+ empfing 1909: 148600 kg (~Tunmann~); +Triest+ importierte
1903 noch 5039, 1904: 3217, 1908: 217, 1904 nur 4 quint Tamarinden.