Kraut, das sich durch Ausläufer erneuert. Aus dem 2-3 cm dicken
basalen Teile des Stengels, der den Charakter eines rhizomartigen
Speichersprosses besitzt (Zentralwurzelstock) entspringen 5-15 cm lange
und 2-3 mm dicke, mit 2-3 schuppenförmigen Niederblättern besetzte
Wandersprosse (Nebenwurzelstöcke), die an der Spitze speichersproßartig
anschwellen und aus deren Knospe ein neuer Stengel sich entwickelt,
der aber erst im folgenden Jahre zur Blüte kommt. Der angeschwollene
Teil des Nebenwurzelstockes wird später zum Zentralwurzelstock und
entsendet dann wieder Wandersprosse. Zuweilen unterbleibt die Bildung
von Wandersprossen und die neuen Achsen «entstehen unmittelbar
in der Achse der Grundblätter des Mutterstockes». Die Bewurzelung
erfolgt an den Speichersprossen. Der bis 1,2 m und darüber hohe Stengel
ist aufrecht, stielrund, gefurcht, hohl, kahl, an den Blattansätzen
zottig. Die Blätter bilden dekussierte, mit der stengelumfassenden
Scheide paarweis miteinander verschmolzene Blattpaare, sie sind
unpaarig gefiedert, 5-16jochig, die grundständigen langgestielt, die
oberen sitzend, kahl, an den Scheidenrändern zottig, Fiederblättchen
gegenständig oder abwechselnd, lanzettlich spitz, mehr oder weniger
an der Spindel herablaufend, gesägt oder fast ganzrandig, das
oberste Paar mit dem Endblättchen verschmolzen. Es gibt breit- und
schmalblätterige Formen (s. oben S. 512). Die endständigen oder in den
Achseln der Blätter entspringenden trugdoldigen, meist vielblütigen
+Infloreszenzen+ bilden eine dekussierte Rispe, deren oberste Äste
zu Dichasien werden, die in Wickel auslaufen. Die hermaphroditen,
c. 4-5 mm langen, weißen oder fleischroten, von zwei Vorblättern
behüllten +Blüten+ besitzen einen unterständigen, glatten, bis 2 mm
langen, oblongen, einfächerigen +Fruchtknoten+ mit einem hängenden
anatropen Ovulum, einen aus zehn pappusartigen, linealen, zur
Blütezeit eingerollten Blättchen bestehenden +Kelch+, eine 3-4 mm
lange, zygomorphe, ungleich-fünflappige, trichterförmige +Corolle+,
die am Grunde mit einem kurz-spornartigen Nectarium versehen ist, drei
der Corolle inserierte +Stamina+ (das obere und linke untere sind
abortiert) und einen Griffel mit drei spreizenden Narben. Bei dem sog.
männlichen Zustande der Blüte ragen die Stamina weit aus der Blüte
hervor, beim sog. weiblichen sind sie zurückgekrümmt und der Griffel
überragt die Blumenkrone. Die Gattung _Valeriana_ zeigt deutlichen
Übergang von Proterandrie zur Diclinie. Die c. 5 mm lange, einsamige
Frucht ist eine Achaene, sie ist von dem großen fiederhaarigen, als
Flugapparat dienenden Pappus gekrönt und besitzt einen Rücken-, zwei
Seiten- und drei Bauchnerven. Der Same ist endospermfrei.
Der Baldrian ist vom arktischen Rußland an durch fast ganz Europa
verbreitet, nur im Süden ist er spärlicher und fehlt in Portugal,
Süd-Spanien, Südost-Frankreich. Er findet sich ferner in der Krim,
Kleinasien (die Form _V. Dioskoridis_ ~Sibth.~ von Vorderasien bis zur
Balkanhalbinsel), in Kaukasien und Türkisch-Armenien, Nord-Kaschmir,
Süd-Sibirien, Mandschurei, Japan (hier besonders die var.
_angustifol._) In Indien findet sich die Form _V. dubia_ ~Bunge~, in
Java die Form _V. javanica_ ~Bl.~ (in den Gebirgen des Monsungebietes
etwa sechs Formen oder Arten). Eingeführt ist er in Südafrika (_V.
Capensis_ ~Thbg.~ ist = _V. offic._ var.) und Nordamerika, z. B. in
New-York, New-Jersey (var. _silvatica_?).
Die Pflanze findet sich auf feuchten Wiesen, an Gräben, Bächen,
Flußufern, Waldrändern, sowohl in den Niederungen wie den Bergregionen.
Die Bergformen pflegen aromatischer zu sein als die Sumpfformen.
Blüht in Deutschland im Juni und Juli (bis August).
=Lit.= ~Fernando Höck~, Beitr. z. Morphol., Gruppier. u. geograph.
Verbreit. d. Valerianaceen. Englers Bot. Jahrb. 3 (1882) 1 (hier
die Lit.). -- ~Eichler~, Blütendiagramme. -- Entwicklungsgesch. d.
Blüte in ~Winnicki~, Diss. Bern 1908. -- ~Luerssen~, Med. pharm. Bot.
(dort die system. Lit. der Familie). -- ~Henkel~, U. S. Dep. Agric.
1906. -- ~Timbal-Lagrave~, Jahresb. Pharm. 1867, 50. -- ~Irmisch~,
Beitr. z. Naturgesch. d. einheim. Valeriana-Arten, insbes. V.
offic. u. dioica. Abh. Naturf. Ges. Halle 1853 mit 4 Taf. (Morphol.
auch d. Rhizome). -- ~Chatin~ (s. unter Anat.). -- ~Tchihatcheff~,
Asie mineure 1856. -- ~Regel~, Tent. flor. ussuriens. Mem. Ac. St.
Petersb. 1862. -- ~Herder~, Bull. Soc. imp. Nat. Moscou 1864, I,
229. -- ~Beeby~, Journ. Bot. 1888. -- +Abbild.+: ~Hayne~, Arzneigew.
III, 32. -- ~Nees von Esenbeck~, t. 254. -- ~Berg-Schmidt~, Atlas,
II. Aufl. t. 10. -- ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. I, t. 47. --
~Bentley-Trimen~, Medic. pl. t. 146. -- ~Syme~, Bot. t. 666 und in
zahlreichen Floren usw. Schon in ~Dodonaeus~, Purgant., eine gute
Abbild. d. Ausläufer. Die Abbild. bei ~Guibourt~ ist V. sambucifolia
(~Timbal-Lagrave~).
=Pathologie.= Über die pflanzlichen Schädlinge teilt Prof. ~E.
Fischer~ folgendes mit: Auf den oberirdischen Teilen von _Valeriana
officinalis_ sind verschiedene parasitische Pilze beobachtet, unter
denen wir besonders _Erysiphe Cichoracearum_ (~Dc.~) und _Uromyces
Valerianae_ (~Schum.~) ~Wint.~ erwähnen; doch dürften dieselben, wenn
sie sich nicht sehr intensiv entwickeln, die Entwicklung der Rhizome
kaum beeinträchtigen.
~Israël~ berichtet über die tierischen Schädlinge:
+Falter+: _Melitaea dictynna_ ~Esp.~ Raupe an _Plantago_arten,
_Melampyrum pratense_, _Valeriana officinalis_, _Valerianella
olitoria_ usw. _Gortyna flavago_ ~Hb.~ Raupe in den Stengeln vieler
markhaltiger Pflanzen, z. B. _Senecio_, _Valeriana_, _Petasites_,
_Lappa_, _Verbascum_, _Sambucus_. _Caradrina quadrimaculata_
F. Raupe an _Stellaria_, _Alsine_, _Valeriana_, _Fumaria_ usw.
_Eupithecia valerianata_ ~Hb.~ Räupchen an Blüten und Früchten von
Baldriangewächsen. Sonst leben die meist sehr kleinen Raupen der
Eupithecien meist in den Dolden der Umbelliferen, Blüten und Früchte
verzehrend. _Schistodepressaria pulcherimella_ ~Stt.~ Das Räupchen
dieser Gelechidee rollt die Blätter von Umbelliferen und Baldrian
zusammen.
+Gradflügler+: _Thrips_ (spec?). Auf Baldrianblüten und anderen
Gewächsen (_Helleborus_, _Eupatorium_) trifft man oft ein und
dieselbe kleine Physapode.
=Kultur und Erntebereitung.= Baldrian wird in +Deutschland+ in Sachsen
(Bockau, Lauter, Zschorlau), Franken (Schweinfurt), Harz (+Pansfelde+,
Aschersleben, +Ermsleben+, Ballenstedt), Thüringen (+Cölleda+,
+Heldrungen+, +Ringleben+, Neuhausen, Gebesee) [-- weitere Orte I, S.
64 --], in +Holland+, +Frankreich+ (Houdan), +Belgien+ (Hennegau, I, S.
69), Ungarn (I, S. 68), +Schweden+ (seit 1761) und in +England+ (z. B.
bei Chesterfield in Derbyshire) gebaut. ~Hanbury~ nennt 1872 die Orte:
Ashover, Wolley Moor, Morton, Stretton, Higham, Shirland, Pilsley,
North und South Wingfield, Brackenfield, gegenwärtig sind die Kulturen
beschränkter und finden sich namentlich bei letzterem Orte am River
Amber (~N. Smith~) und in den Long Melfort Medicinal Herb Farms in
Suffolk (Taf. XII). Baldrian wird auch in den Vereinigten Staaten (New
York, New Hampshire, Vermont) und in Japan kultiviert. Versuchskulturen
befanden sich 1904 in Washington. Die Fortpflanzung wird durch die
Schößlinge (nicht durch Samen) besorgt.
Von der +wildwachsenden Pflanze+ wird die Baldrianwurzel besonders in
+Gebirgsgegenden+ [+Thüringen+, +Harz+, +Ardennen+, +Vogesen+ (Dep.
Vosges und Ardennes), Schweiz, Österreich] gesammelt, da die Pflanze
auf trockenem, steinigem Boden ölreicher ist. Doch ist im deutschen
Großdrogenhandel zurzeit vorwiegend kultivierter Baldrian.
1910 unterschied der deutsche Handel: +Harzer+, +Thüringische+,
+Belgische+ und +Holländische+ _Rhiz. valerian._ Die mit vielen
Nebenwurzeln besetzte, mehr gelbliche _Rad. Valerianae montanae
Hercynica_, besonders die kleinzöpfige, echte Gebirgsware von der
wilden Pflanze, wird meist der _Rad. valer. min. Thuringica cultivata_,
und selbst der nachgekämmten und der großzöpfigen kultivierten Harzer
V. vorgezogen (~Caesar-Loretz~ 1910). Am geringsten bewertet wird die
_R. val. minor. citrina_ aus Belgien und Frankreich.
Der eigenartige Geruch tritt erst beim Trocknen stärker hervor, frische
Wurzel riecht wenig und anders als die Droge (s. unten S. 520). Es
unterliegt keinem Zweifel, daß gerade beim Baldrian während des
Trocknens auch bei gewöhnlicher Temperatur, besonders aber bei etwas
höherer, in den absterbenden Zellen, solange noch Wasser vorhanden
ist, tiefgreifende Veränderungen durch die Enzyme hervorgerufen
werden. ~Choay~ hat daher vorgeschlagen, bei 0° im Vakuum zu trocknen.
Das ist nicht nötig, wenn das Enzym (wie ~Bourquelot~ vorschlägt)
durch Erhitzen der frischen Pflanze abgetötet wird (s. hinten). Die
+getrocknete+ Droge verändert sich weiter nicht, wenn sie trocken
aufbewahrt wird.
Die Kultur erfolgt in England in der Weise, daß man die Tochterknollen
wilder _Valeriana_ -- man benutzt besonders _Valer. Mikani_ ~Syme~
(s. oben S. 512) -- als Stecklinge benutzt. Die Blütenanlagen der
sich entwickelnden Pflanzen werden abgeschnitten. Man läßt nur die
tieferliegenden Blätter stehen. Im September bis Oktober wird die
ganze Pflanze ausgegraben, Stengel und Blätter beseitigt, die dickeren
Rhizome längs durchschnitten, und alle in mit Löchern versehenen Kästen
in fließendem Wasser gewaschen. Das Trocknen erfolgt auf Brettern in
der Wärme im November und Dezember. Trockenheit schädigt die Kulturen.
Es entwickeln sich dann nur wenige Blätter. In Cölleda werden die
vom Zentralknollen losgetrennten Ausläufer gepflanzt (bisweilen in
Mischkultur mit Rüben). Nach einem Jahr wird das Rhizom samt den
Wurzeln gegraben, gewaschen und meist mit eisernen Kämmen von den
feinen Nebenwurzeln befreit («gekämmte» Wurzel) und entweder auf
kurzgeschnittenen Wiesen oder, auf Fäden aufgereiht, an der Hauswand
getrocknet (~A. Meyer~ 1891). Die Drogenhäuser kämmen dann noch nach
(~Caesar-Loretz~). Die Wurzeln werden bisweilen zu Zöpfen geflochten
(wie bei _Angelica_). In +Pansfelde+ a. Harz werden die Ausläufer der
wilden Pflanze zum Anbau benutzt.
In Deutschland wird im Herbst (September, Oktober) nach der Blütezeit
gegraben, da die Droge dann ölreicher ist als im Frühjahr (~Zeller~).
~Saladin von Ascoli~ bezeichnet (im Compendium aromatariorum 1488)
den August als den günstigsten Monat und auch die alten Kräuterbücher
nennen als Sammelzeit «zwischen zwei Unser Lieben Frauen Tagen», d. h.
15. August bis 15. September. Die wendische Volkssitte schreibt den
Tag vor Johannis vor (~Beckenstedt~). -- Im Frühjahr zu sammeln (wie
~Pfaff~ und noch Ph. austr. VIII vorschlägt) empfiehlt sich +nicht+,
da dann Verwechslungen mit am gleichen Standort vorkommenden Pflanzen
leicht möglich sind. Es darf die Droge sowohl von der kultivierten wie
der wildwachsenden Pflanze gesammelt werden (D. A. V und Ph. helv. IV
treffen keine besonderen Bestimmungen). 9-10 Teile frische geben 2-3
Teile trockene Droge. Die Wurzel wird durch das Trocknen dunkler. Das
Nachtrocknen erfolgt am besten in der Kalk-Kiste.
Die Jahresproduktion von Harzer Baldrian beträgt 200-400 cwts. (In
erster Linie kommt +Pansfelde+ hier in Betracht, ~Caesar-Loretz~).
Eine gute Thüringer Mittelernte beträgt 800 bis 900 cwts (~Gehe~).
Die Vollernte 1000-2000 cwts (~Caesar-Loretz~). Nach Hamburg kamen
belgischer Baldrian 1905: 24500, 1908: 35500 kg, und holländischer B.
1908: 6100 kg (~Tunmann~). Frankreich verwendet besonders deutschen
B. (~L. Planchon~). In Japan wird _Valeriana_ var. _angustifol_.
~Miq.~ (nach ~Holmes~ dagegen: _V. latifolia_) kultiviert. Hamburg
empfing 1908: 3700 kg japan. B. (~Tunmann~).
Baldrian ist in Blechbüchsen aufzubewahren und schon beim Trocknen auf
dem Trockenboden gegen Katzen zu schützen (s. oben S. 512). Der Ortus
Sanitatis (I, S. 688) sagt bereits: «Die katzen ryben sich an diß krut
und werffen darvider ihren samen, und darumb sol diß krut vervaret
werden vor den katzen, da es zu artzney gebrucht sal werden.» Baldrian
hat auch für Ratten und -- Forellen Anziehungskraft.
=Lit.= ~Upsher Smith~, Cultivat. of valerian rhizome in Derbyshire.
Year book ph. 1904, 557. -- ~Schwabe~, Medizinkräuterbau in
Thüringen. Pharm. Zeit. 1876 (Handelsbl.) -- ~Gehe~, Handelsber. 1885
u. flgd. -- ~Tunmann~, Drogenhandel Hamburgs. Apoth. Zeit. 1910.
-- ~Flückiger-Hanbury~, Pharmacographia. -- ~Hovorka-Kronfeld~,
Volksmedizin. -- ~Bourquelot~ und ~Hérissey~ haben (Journ. pharm.
1911) einen Apparat konstruiert, frische Pflanzen mit siedendem
Alkohol zu sterilisieren.
[Illustration: Fig. 167.
_Valeriana officinalis_ L.
1. Centralknollen (I) mit den Nebenknollen (II) durch Ausläufer (ws)
verbunden. 2. Querschnitt durch den Centralknollen. 3. Querschnitt
durch einen Nebenknollen. [+Tschirch-Oesterle+, Atlas.]]
[Illustration: Fig. 168.
_Valeriana officinalis._
Längsschnitt durch einen Nebenknollen, unten der Rest des Ausläufers
(Wandersprosses). [+Tschirch-Oesterle+, Atlas.]]
=Morphologie der Droge.= Die unterirdischen Organe des Baldrian
werden bald als Rhizoma (Ph. helv. IV), bald als Radix (D. A. B. V)
bezeichnet. Die richtigste Bezeichnung wäre «Rhizoma cum radicibus»,
denn die Droge besteht aus dem mit Wurzeln (und Ausläufern) besetzten
Rhizome oder «Knollstock» (~Berg~), der oben noch meist durch
Stengel- und Blattreste beschopft ist. «Das Rhizom zerfällt in eine
dünne ausläuferartige +Wandersproßregion+ und in eine diese oben
abschließende knollige +Speichersproßregion+. Die erstere vermittelt
die Verbreitung des Rhizoms im Boden. Im typischen Falle figuriert ein
Speichersproß, dessen zugehörige basale Wandersproßregion abgestorben
ist als +Zentralknollen+ oder Zentralwurzelstock (Fig. 167). Wie die
Keimungsgeschichte lehrt, geht der Zentralknollen aus dem Hypocotyl
hervor (~Tschirch~ und ~Dye~). Derselbe entsendet nach verschiedenen
Seiten Ausläufer und diese Wandersprosse verdicken sich alsdann
an ihrer Spitze knollenartig, auf diese Weise +Nebenknollen+ oder
Nebenwurzelstöcke bildend, die alsdann ihrerseits wieder Ausläufer
entsenden» (~Tschirch~). Die Speichersprosse sind reich bewurzelt.
Die Wandersprosse tragen bisweilen an den Knoten einige Wurzeln. Die
Droge enthält also sowohl dicke Zentral- wie dünnere Nebenwurzelstöcke.
Beide stehen vertikal im Boden und sind im Innern gekammert (Fig. 168).
Die Kammern entsprechen den Internodien. Die Zentralknollen sind oft
mehrere Zentimeter dick, außen durch die Blattreste geringelt, oben
mit dem Knospenrest, unten mit der Wandersproßnarbe versehen, die
Nebenknollen sind dünner und tragen an der Spitze mehr oder weniger
lange Blatt- und Stengelreste, unten gehen sie in die Wandersproßregion
über, die wie ein echter Ausläufer, überall gleich dick und an den
Knoten mit Niederblättern und Wurzeln besetzt ist. Die mit zahlreichen
feinen Nebenwurzeln besetzten Wurzeln werden bis 30 cm lang und sind
meist etwa 2-3 mm dick, frisch -- wie die Wurzelstöcke -- hell, nach
dem Trocknen +graubraun+, außen etwas geschrumpft und sehr brüchig,
die einen (Ernährungswurzeln, ~Tschirch~) nach dem Aufweichen weich
und biegsam, die anderen (Befestigungswurzeln, ~Tschirch~) starr und
fest. Der Baldrian zeigt also +Heterorhizie+ (hier 1905 von mir zuerst
nachgewiesen). Die kräftiger riechenden kleineren Wurzelstöcke der
Gebirgsdroge wurden früher als _Rad. valerian. montana s. anglica_
unterschieden. Die kultivierte Droge pflegt reicher bewurzelt zu sein
als die wilde.
Baldrian schmeckt eigenartig süßlich-gewürzhaft und bitterlich.
=Anatomie.= Das +Lupenbild+ des Rhizomquerschnittes ist unregelmäßig
im Umriß (Fig. 167, 2 u. 3), das Cambium erscheint als dunkle,
unregelmäßige Linie, vom unregelmäßigen Gefäßbündelring treten Bündel
in die Wurzeln. Die meisten Wurzeln (s. unten) besitzen einen sehr
schmalen runden Zentralzylinder, der im Querschnitt kleiner ist als die
oft 3-4mal dickere Rinde (Fig. 169, 1).
[Illustration: Fig. 169.
_Valeriana officinalis._
1. Querschnitt durch eine Ernährungswurzel. 2. Querschnitt durch eine
Befestigungswurzel von etwa gleichem Durchmesser, c. 2,5 mm. [+Neuber+
phot.]]
Die +Speichersproßregion+ (Zentral- und Nebenknollen) trägt außen
Kork, dann folgt eine Stärke (Körner bis 8 mik., ~Hartwich~)
führende dünnwandige Rinde, deren Zellen bisweilen Tüpfelung zeigen,
und endlich die verkorkte Endodermis, die von unverkorkten Zellen
unterbrochen und bei älteren Knollen bisweilen durch +Sklereïden+
verstärkt ist. Innerhalb derselben liegt der Gefäßbündelzylinder,
der bei den Nebenknollen aus einem, bei den Hauptknollen oft aus
zwei Kreisen von kollateralen Bündeln besteht, die bei letzteren im
Gefäßteil oft Libriform, sonst nur unregelmäßig radial angeordnete
Spiral- und Tüpfelgefäße und Holzparenchym führen. Zwischen dem
Siebteil und der Endodermis liegt oft ein breiter Collenchymbeleg.
Von dem Gefäßbündelzylinder treten viele Bündel in die Ausläufer und
Wurzeln. Seine Elemente werden dadurch und durch eine Stauchung des
ganzen Organs verbogen, im Längsverlauf unregelmäßig. Das ebenfalls
Stärke führende parenchymatische Mark ist in ziemlich regelmäßigen
Abständen geschwunden, so daß Kammern entstehen (Fig. 168). In den
stehenbleibenden Diaphragmen (Marklamellen) finden sich reichlich sehr
stark verdickte Sklereïden. Die Diaphragmen entsprechen den Knoten, die
Kammern den Internodien.
Die ausläuferartige, im Querschnitt kreisrunde, nur wenige Millimeter
dicke +Wandersproßregion+ zeigt einen ähnlichen Bau, nur ist das Mark
viel schmäler und nicht geschwunden, die Internodien sind länger, aber
an den Knoten liegen auch hier Sklereïden führende Querbrücken. Der
Gefäßbündelkreis ist durch interfaszikulares Libriform geschlossen. Der
Gefäßteil führt Spiral- und Tüpfelgefäße. Die Hypodermis führt das Öl.
[Illustration: Fig. 170.
_Valeriana officinalis._
Querschnitt durch eine pentarche Ernährungswurzel, bei der eben der
primäre Bau in den sekundären übergeht. [Nach +Bonnet+.]]
Die +Wurzeln+ zeigen stets noch die primäre Rinde, die hier nicht (wie
sonst gewöhnlich) abgeworfen wird, lassen also da und dort noch auf
der Epidermis Wurzelhaare erkennen. Der Zentralzylinder ist von der
stärkefreien Endodermis umgeben. Aus der primären Bündelanlage, die
meist triarch ist, aber di- bis octarch sein kann, entwickeln sich
zwei ganz verschiedene Wurzeltypen: +Ernährungswurzeln+ (Fig. 169, 1)
mit großem, Stärke führendem Mark, kleinen wenig gliederigen, in einen
Kreis gestellten, keine mechanischen Elemente führenden Gefäßteilen
und +Befestigungswurzeln+ (Fig. 169, 2) mit großem, strahlig gebautem,
reichlich Libriform führendem Holzzylinder und kleinem Mark (~Tschirch~
und ~Neuber~). Bei den +Ernährungswurzeln+ unterbleibt die Bildung
sekundären Gefäßteiles entweder ganz oder es entstehen nur wenige
Elemente zwischen den primären Anlagen. Alsdann ist der Übergang
des primären Baues des Bündels in den sekundären meist noch schön
zu sehen (Fig. 170). Die primäre Rinde folgt dem Dickenwachstum
des Zentralzylinders. Ihre Zellen sind relativ dickwandig und
erfüllt mit einfachen, rundlichen oder zu 2-6 zusammengesetzten
bis 30 mik. großen Stärkekörnern. Bei Alkoholmaterial sieht man
da und dort Sphaerokristalle. Das unter der verkorkenden Epidermis
liegende, ebenfalls verkorkte, einreihige Hypoderm, das die Wurzel
also mantelartig umgibt, enthält [neben bisweilen beobachteten
prismatischen Kristallen von Kampher (?), ~Vogl~] das +ätherische Öl+,
das durch Schwefelsäure zuerst kirschrot, dann violett und blau wird
(~Zacharias~). Löst man Epidermis und Hypoderm von der Wurzel ab,
so ist der Rest geschmacklos (~A. Meyer~). Das Öl kommt also nur im
Hypoderm vor, nicht in Interzellularlücken der Rinde (~Schleiden~).
~Zacharias~ sah bei den Ölzellen außer der Suberinlamelle eine
verholzte und eine Zellulosehaut. Bisweilen ist eine resinogene
Schicht, die aus einer Schleimmembran hervorgeht, zu sehen (~Tschirch~).
Bei längere Zeit in Glycerin liegenden Schnitten beobachtet man
überall in Rinde und Mark kleine spießige Kristalle. Erwärmt man den
in Wasser liegenden Schnitt und läßt erkalten, so entstehen größere
büschelförmige Kristalle.
[Illustration: Fig. 171.
_Valeriana officinalis._
Randpartie einer Wurzel, stärker vergrößert. oez die Öl führende
Hypodermis. [+Tschirch-Oesterle+, Atlas.]]
Das =Pulver= enthält sowohl die Elemente der Wurzeln wie die der
Rhizome, führt daher sowohl Sclereïden wie dünn- und dickwandiges,
stärkeführendes Parenchym und dessen Fragmente, Stärkekörner von 3-15
(8-12 ~Koch~), selten 18 oder 20-30 mik Durchmesser, schmale Ring-,
Spiral- und weitere Tüpfelgefäßfragmente (Breite der Gefäße 8-60, die
Tüpfelgefäße meist 30-40 mik ~Koch~) und Libriform mit linksschiefen
Spaltentüpfeln. Die Fetzen der Wurzelhaar tragenden Epidermis und
der gestreckten Hypodermzellen treten besonders bei Behandlung mit
konz. Schwefelsäure hervor. (Verkorkt sind: Endodermis, Hypodermis,
Epidermis, Kork). Die mit Stärke gefüllten Parenchymzellen lassen
nach Behandlung mit Chloral ein zartes Plasmanetz erkennen.
Oxalatkristalle fehlen, dagegen findet man oft Sandkörner und
bisweilen Elemente der Stengel und Blattstiele.
=Lit.= ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas (dort das Detail).
-- ~Tschirch~, Heterorhizie bei d. Dikotylen. Flora 1905. Die
Einwände von ~Flaskämper~ (Flora 1910) gegen die Heterorhizie sind
unberechtigt. Die Befestigungswurzeln sind +nicht+ Alterszustände
der Ernährungswurzeln. -- ~A. Meyer~, Wissensch. Drogenkunde I, 215
(m. Abbild.) u. ~Dammers~ Lexik. d. Verfälsch. 1887. -- ~Vogl~,
Kommentar 1908. -- ~Berg~, Anatom. Atlas t. 16. -- ~Hérail-Bonnet~,
Manupilat. pl. II. -- ~Godfrin-Noël~, Atlas man. de l’hist. d. drog.
1887, t. 19 u. 26. -- Mikrophotographien in ~Braemer-Suis~, Atlas
de photomicrographie 17 u. 18. -- ~Karsten-Oltmanns~, Pharmak.
Fig. 84-87. -- ~Hartwich~ in Hagers Pharm. Praxis. -- ~Irmisch~
a. a. O. -- ~Hoeck~, Beitr. z. Morph. d. Valerianac. Englers Bot.
Jahrb. 1882 und a. a. O. -- ~Chatin~, Etudes bot. chim. et méd. sur
les Valérianées. Paris 1872 (m. 14 Taf.) (hier auch die Rhizome
der übrigen _Valeriana_arten). -- ~Holfert~ (prim. Bau) Arch. Ph.
1889. -- ~Neuber~, Vgl. Anat. d. Wurz. usw. Dissert. Bern 1904. --
~Zacharias~, Sekretbeh. m. verkorkt. Membr. Bot. Zeit. 1879, 617.
-- ~Maisch~ (Mexic. Val.) Am. journ. ph. 1886, 168. -- Die Keimung
und Entwicklungsgeschichte der unterirdischen Organe ist beschrieben
in ~C. A. Dye~, Entwicklungsgesch. Unters. d. unterird. Org. von
_Valeriana_ usw. Dissert. Bern 1901 (mit zahlr. Abbild.). -- Das
Pulver: ~Koch~, Atlas II, t. 24. -- ~Moeller~, Atlas t. 107. --
~Greenish-Collin~, Veget. Powders pl. 119.
=Chemie.= Baldrianwurzel enthält (nach ~Lindenberg~ 1886) in Prozenten:
11,57 +Wasser+, 0,36 +Fett+, 0,9 +äther. Öl+, 0,31 +flüchtige Säure+
löslich in Äther, 0,85 +Harz+ und +Wachs+, 0,975 +Harz+ löslich
in Alkohol, 1,64 +Gerbstoff+, 0,565 +Citronen-+ und +Weinsäure+,
5,32 +Zucker+, 14,39 andere Substanzen löslich in Wasser, 7,83
+Eiweißsubstanzen+, 16,7 Metarabin, Phlobaphene usw., 12,87 +Stärke+,
11,65 +Zellulose+, 16,8 Lignin u. and., 4,31 +Asche+.
Die von ~Pentz~ (1829) und ~Grote~ (1831) im Baldrian aufgefundene,
von ~Trommsdorff~ als besondere Säure erkannte, studierte und benannte
+Baldriansäure+ (Valeriansäure, s. oben S. 510), die ~Pentz~ fälschlich
für Essigsäure hielt, findet sich in der Droge zu 0,25-1,4% (in
frischer Wurzel 0,6%, ~Schoonbrodt~), teils frei, teils als Kaliumsalz
und Borneolester (im Öl, s. unten), begleitet von +Apfelsäure+
(~Trommsdorff~, ~Schoonbrodt~) und Magnesium, Calcium- und Kaliummalat,
sowie von +Buttersäure+, +Ameisensäure+ (als Calciumformiat),
+Essigsäure+ (~Aschoff~) und Methyläthylessigsäure (~Shimoyama~ und
~Hyrano~).
Vollständig kann man die Baldriansäure aus der Wurzel, besonders
solcher, die ziemlich frisch ist, nur dann erhalten, wenn man
zunächst die Ester (s. unten) mit einer Säure oder Alkali verseift
und dann erst mit einer Säure (am besten Phosphorsäure) destilliert.
~Katz~ gründet die Wertbestimmung der Tinctur. valer. auf die
Titration der durch Destillation mit Phosphorsäure (nach vorherigem
Eindampfen mit Soda) übergetriebenen Baldriansäure. Die aus der
Wurzel gewonnene Säure ist das Hydrat C₅H₁₀O₂.H₂O. Sie besteht fast
ganz aus optisch inaktiver Isovaleriansäure: (CH₃)₂CH.CH₂.COOH, der
kleine Mengen rechtsdrehender Methyl-Äthyl-Essigsäure:
CH₃CH₂
\
CH.COOH,
/
CH₃
Ameisensäure, Essigsäure und Capronsäure beigemengt sind. Auch
in der synthetisch aus Amylalkohol (~Dumas~, ~Stas~, ~Cahours~)
mittelst Chromsäuregemisch (~Balard~ 1845) dargestellten Säure ist
neben Isovaleriansäure etwas Methyl-Äthyl-Essigsäure vorhanden.
Die Identität des _Ac. valerianic. e radice_ mit der synthetischen
Baldriansäure und der 1817 im Fette der Delphine (besonders
_Delphinus globiceps_) von ~Chevreul~ entdeckten Acide delphinique ou
phocénique stellte ~Dumas~ fest, die Identität der bei der Spaltung
des Athamantins entstehenden Säure mit Baldriansäure ~Winckler~
(1842). Daß es mehrere Baldriansäuren gibt, fand ~Dessaignes~ (1851).
~Schoonbrodt~ fand gelegentlich seiner umfangreichen vergleichenden
Untersuchung frischer und trockener Arzneipflanzen, daß frische,
stets viel Zucker enthaltende, Baldrianwurzel nur wenig riecht,
obwohl sie mehr +ätherisches Öl+ enthält als getrocknete, dieses Öl
aber keinen starken Geruch besitzt, getrocknete dagegen, die weniger
süß schmeckende Extrakte liefert, weniger Öl gibt, dieses aber stark
nach freier Baldriansäure riecht, von welcher sich in ganz frischer
Wurzel nichts findet. ~Carles~ zeigte, daß es ein Enzym ist, welche
beim Absterben gelegentlich des Trocknens die Zersetzung der Ester der
Baldriansäure bewirkt (Baldrian enthält auch Mangan in der Asche).
Schon beim Absterben des Rhizoms, mehr noch beim Trocknen, werden also
die Säuren in Freiheit gesetzt.
~Bührer~ (Clarens) erhielt bei, auf meine Veranlassung (1909)
angestellten, Titrationen von Auszügen mit verd. Alkohol mit n/10
NaOH einen Verbrauch an ccm (auf 1 g frische Wurzel berechnet):