Weniger sicher ist der Übergang von den Pflanzensäuren zu dem Zucker

zu verfolgen. Wir sehen zwar, daß die unreifen Früchte reich an

Pflanzensäuren sind und daß diese ganz oder fast ganz beim Reifen und

Nachreifen verschwinden und an ihrer Stelle Zucker auftritt, ob aber

hier (nach ~Liebig~) ein +direkter+ Übergang stattfindet wissen wir

nicht. Allerdings haben Versuche von ~C. Gerber~ an reifenden Früchten

zu Vorstellungen geführt, warum Apfelsäure führende Früchte in kalten

Klimaten reifen können, aber nicht weinsäurereiche (wie z. B. Trauben):

Nur in diesen Früchten ist ein Übergang der Säure in Zucker bei

relativ niedriger Temperatur möglich. Noch schwerer wie Apfelsäure und

Weinsäure wird Zitronensäure angegriffen. Erst bei c. 30° kommt sie bei

Gegenwart von Zucker für die Atmung in Betracht. Zitronen werden durch

Lagern (Nachreifen) nicht süß. Doch liegen die Verhältnisse hier wohl

weniger einfach als sich dies ~Gerber~ denkt. Bemerkenswert ist z. B.

auch, daß alle jungen Feigenfruchtstände, bevor sie süß werden, Auszüge

geben, die stark nach Caprylsäure riechen, ganz ähnlich wie Cocosfett

(~Tschirch~).

Die niederen Fettsäuren können wir uns ebenso als direkte

Assimilationsprodukte der Kohlensäure wie aus Spaltungsprodukten von

Kohlehydratresten hervorgegangen denken. Oft entstammen sie dort, wo

wir sie in Drogen oder Drogendestillaten antreffen, auch der Zersetzung

von Estern ätherischer Öle, denn die Primäröle die wir in der Pflanze

antreffen, sind oft Ameisensäure-, Essigsäure-, Buttersäure und

Baldriansäure-Ester. Die aliphatischen Säuren treten also auch in die

Sekrete ein und den Charakter eines Schutzsekretes besitzt z. B. die

Ameisensäure auch bei den _Formicae_ (s. d.).

Die höheren Fettsäuren bilden bekanntlich mit dem Glycerin Ester, die

wir Fette nennen und die im Anschluß an das vorstehende Kapitel in

einem besonderen Abschnitte behandelt werden sollen.

Eine scharfe Methode zur quantitativen Trennung der verschiedenen,

oft gleichzeitig auftretenden Pflanzensäuren existiert nicht, oft

macht bereits der qualitative Nachweis der einzelnen Säuren in einem

Gemisch Schwierigkeiten. Als Beispiel für eine der brauchbareren

Methoden kann die folgende angeführt werden (~Berg~ und ~Gerber~).

Die Säuren werden mit Bleizucker gefällt, das Blei wird mit

Schwefelwasserstoff entfernt und das Filtrat mit Kalk gesättigt.

Die hierbei entstehenden unlöslichen Calciumsalze (_A_) werden

mit Essigsäure behandelt, welche das Calciumoxalat ungelöst läßt,

während die essigsaure Lösung Weinsäure und Phosphorsäure aufgenommen

haben kann. Auf erstere wird mit ~Mohlers~ Reagens geprüft, auf

letztere mit Molybdänlösung. Die löslichen Calciumsalze (_B_) werden

mittelst Ammoniumoxalat vom Kalk befreit, worauf das saure Filtrat

auf Citronensäure und Äpfelsäure untersucht wird. Die Citronensäure

wird mittels 66proz. Schwefelsäure bei 50-60° in Acetondicarbonsäure

übergeführt, letztere wird ausgeäthert. Äpfelsäure kann isoliert

werden durch Auskochen der getrockneten Ammoniumsalze mit 95proz.

Alkohol, wobei nur Malate in Lösung gehen, während Tartrate und

Citrate im Rückstande bleiben. Durch diese Methode hat man z. B. in

_Mesembryanthemum_-Arten, in welchen man früher nur Oxalsäure annahm,

Citronensäure, Oxalsäure, Äpfelsäure und Phosphorsäure nachweisen

können (~Euler~, Pflanzenchemie).

=Lit.= ~Buchner~ und ~Wüstenfeld~, Biochem. Zeitschr. 1909, 395. --

~Herzog~ und ~Polotzky~, Zeitschr. phys. Chem. 49 (1909), 125. --

~C. Gerber~, Ann. sc. nat. 1897. -- ~Tschirch~, Chem. u. Biolog. d.

pflanzl. Sekrete. -- ~Czapek~, Biochemie. -- ~Euler~, Pflanzenchemie.

I. Ameisensäuredrogen.

Die Ameisensäure oder Methansäure, H.COOH, findet sich frei und

gebunden in den Nadeln der Tanne (~Aschoff~), den Brennhaaren der

Nessel, in den Früchten von _Tamarindus indica_ (s. d.), _Sapindus

Saponaria_ (~Gorup-Besanez~), _Arctostaphyllos_, _Gingko_, _Ceratonia_

(S. 144), im Honig (S. 12), in unreifen Wacholderbeeren, Weintrauben,

im Safte von _Sempervivum_ (~Döbereiner~), im Milchsafte von _Bassia

latifolia_ (~Heckel~ und ~Schlagdenhauffen~), in der Prozessionsraupe,

in Muskeln, Milz und Thymus des Menschen und anderwärts, aber

meist nur in sehr geringen Mengen; in größerer nur in den Ameisen

(Zusammenstellung bei ~Bergmann~, Bot. Zeit. 1882, 731).

Formica.

Die geschlechtslosen Arbeiter der gemeinen Waldameise, _Formica

rufa_ L., einer durch Europa verbreiteten, in Kolonien lebenden,

Nadelholzwälder bevorzugenden Hymenoptere sind ungeflügelt, 4-7 mm

lang, mit braunroter Brust und daranansitzenden sechs rotbraunen

Beinen versehen, und tragen in dem breit-eiförmigen, fünfgliederigen,

bräunlich-schwarzen, durch einen zweigliederigen Stiel mit der Brust

verbundenen Hinterleibe eine mit einer scharfen ätzenden, vorwiegend

aus einer ziemlich konzentrierten Lösung von Ameisensäure bestehenden

Flüssigkeit gefüllte +Giftdrüse+, deren Inhalt sie bei Angriffen weit

fortzuspritzen vermögen.

Die Giftdrüse findet sich bei den Weibchen und Arbeitern stets

in der hinteren Region des Hinterleibes (Abdomens) ventral von

der Rectalampulle, zwischen Anus und den Geschlechtsorganen. Sie

ist ein ziemlich komplizierter Apparat (~Meinert~, Forel), an dem

man unterscheidet: die eigentliche, das ameisensäurehaltige Gift

sezernierende Drüse, das Sammelreservoir (die Giftblase), den

ausführenden Abschnitt (mit oder -- bei _Formica_ -- ohne Stachel)

und die accessorische oder Nebendrüse, welche ein anderes öliges

Sekret bildet. Die «Giftblasen mit Polster» (Fig. 166 A) finden sich

bei den Formiciden, die «Giftblasen mit Knopf» (Fig. 166 B) bei den

Myrmiciden (~Forel~). Bei beiden Typen zeigt die Giftdrüse einen

tubulösen Bau und besteht aus Röhren, deren Wände aus Drüsenzellen

gebildet werden. Der das Polster bildende Teil, der die dorsale Decke

der Giftblase darstellt, besteht aus einem (z. B. bei _Camponotus_,

dessen Polster nur 2 mm lang ist) bis 20 cm langen, in unzähligen

Windungen zusammengelegten Schlauche. Bei den Formiciden, denen

der Stachel fehlt, ist der Ausführungskanal breit (Fig. 166 A) und

mündet, frei, ohne Stachel, in die Kloake, bei den Myrmiciden ist er

schmal und steht mit dem Stachel in Verbindung. Der Giftapparat ist

die Hauptverteidigungswaffe der Ameisen. Die stachelfreien Formiciden

beißen mit ihren Mandibeln eine Wunde und spritzen in diese das Gift

oder senden, wenn sie den Feind nicht erreichen können, das Gift,

durch die Bauchpresse ejakuliert (~Forel~), ihm entgegen. Stört man

einen Haufen von _Formica rufa_ und _pratensis_, so ergießt sich ein

meterweit reichender Sprühregen, der auf der Haut eine leichtere

Entzündung hervorruft, wie die Bißwunden. Das Gift ist für die Ameise

selbst schädlich und ein von anderen Drüsen sezerniertes alkalisches

Sekret dient zu seiner Neutralisation (~Janet~) -- die Ameisenhaufen

reagieren alkalisch. Die Analdrüsen sezernieren stark riechende

Substanzen (~Forel~).

[Illustration: Fig. 166.

Giftapparat A von _Formica rufibarbis_ ☿; B von _Myrmica laevinodis_

̆☿; Ausf. Ausführgang des Giftapparates, Bl. Sammelblase, Fr. freies

Ende der Drüse, J. in die Blasenintima eingeschlossener Teil des

Drüsenschlauches, Kn. «Knopf», M. Mündung der Drüse in das Blasenlumen,

Neb. Nebendrüse, Pols. «Polster», St. Stachel, St. R. Stachelrudiment.

[Aus +Escherich+, Die Ameise.]]

Die Natur des Ameisengiftes ist unbekannt. Es enthält bei den

Camponotinen (_Formica rufa_ und _pratensis_) jedenfalls Ameisensäure.

Aber ich bin der Ansicht, daß auch hier, wie bei der Nessel, ein Enzym

und nicht nur die Ameisensäure das die Entzündung erzeugende Agens ist.

Auch ~Fürth~ macht nicht die Ameisensäure für die eigentliche Wirkung

verantwortlich. Die Giftblasen mit Knopf enthalten ein anderes Sekret

(~Forel~), das sich z. B. bei _Myrmica rubida_ mit Alkohol trübt. Die

Ameisen enthalten außer der +Ameisensäure+ noch einen +Riechstoff+

(1% «+ätherisches Öl+», ~Neumann~, ~Marggraf~, ~John~), +Fett+

(~Marggraf~) und +Eiweiß+, angeblich auch Weinsäure (? ~Hermbstädt~)

und Apfelsäure (? ~Pfaff~), sowie «Gallerte», so daß eine (1,25% H.COOH

(D. A. V.) enthaltende) Auflösung von Ameisensäure in Spiritus, die

meist jetzt als +Spir. formicae+ (Ameisengeist, Esprit de fourmis,

Spirito di formica) bezeichnet wird, +nicht als gleichwertig mit

einem weingeistigen Auszug oder Destillat frisch gesammelter Ameisen

betrachtet werden kann+.

Die Ameisen werden in der Weise gesammelt, daß man an einem heißen

sonnigen Tage im Juni oder Juli eine oben mit Honig bestrichene

Medizinflasche bis zur Mündung in einen Ameisenhaufen eingräbt. Die

Ameisen kriechen, angelockt vom Honig, in die Flasche, aus der sie

nicht wieder herauszukommen vermögen.

Auch die in hohlen Bäumen vorkommende schlankere, bräunlich-schwarze

_Formica nigra_ L. kann eventuell zur Ameisenspiritusbereitung

herangezogen werden.

Sowohl das durch Destillation der Ameisen mit Spiritus dargestellte Eau

de magnanimité, sowie das Ameisenöl (huile de Fourmis) sind jetzt nur

noch Volksmittel.

Die Säure der Ameisen war schon Ende des XV. Jahrh. durch Röten der

in den Ameisenhaufen gefallenen Cichorienblätter erkannt worden

(~Pfaff~), wurde 1670 von ~Sam. Fischer~ durch Destillation der

Ameisen mit Wasser dargestellt und von ~Wray~ schon in ziemlich

starker Konzentration erhalten, und darauf zuerst von ~P. G.

Sperling~, dann von ~Neumann~ studiert, der auch das ätherische

Öl (Ol. essentiale aethereum) in den Ameisen auffand. ~Marggraf~

erkannte 1749 die Eigenart der Ameisensäure und auch ~Suersen~

stellte die besondere Natur der Ameisensäure des «eintzigen

demonstrativen Acidum animale», wie ~Neumann~ sagt, fest, die

~Fourcroy~ und ~Vauquelin~ für eine Verbindung der Apfelsäure mit

Essigsäure erklärt hatten. ~Pfaff~ glaubte, daß sie bei der Oxydation

mit HNO₃ Essigsäure liefert (es entsteht aber hierbei Oxalsäure) und

~Dumas~, ~Peligot~ und ~Stas~ zeigten, daß sie bei Oxydation von

Holzgeist entsteht. Schon ~Brunschwyg~ stellte (1500) ein Destillat

aus Ameisen her, doch findet sich _Spir. Formicarum_ erst in

Arzneitaxen aus der Mitte des XVII. Jahrh. (~Flückiger~).

=Lit.= ~Escherich~, Die Ameise. Braunschweig 1906 (mit vielen

morphol. und anat. Abbild. u. Literaturnachweisen). -- ~Fürth~,

Vergl. chem. Physiol. d. nied. Tiere. Jena 1903. -- +Über die

Giftdrüse+ vgl. ~Meinert~, Bidrag til de danske Myrers Naturhistor.

Kjobenhavn. Kogl. Videnk. Selsk. Skrift 1860 und ~Forel~, Les fourmis

de la Suisse, Denkschr. d. Schw. Naturf. Ges. 1874 und d. Giftapparat

u. d. Analdrüs. d. Ameisen. Zeitschr. f. wissensch. Zoolog. 30

(Suppl.) 1878, 28 (mit vorzügl. Abbild.). -- Über den Verschluß der

Giftdrüse und die Ausspritzung des Giftes vgl. ~Janet~, Etudes sur

les fourmis No. 18. Paris 1898. -- ~Ch. Janet~, Les fourmis Soc.

zoolog. de France 1896. -- ~Janet~, Essai sur la constitut. morph.

d. l. tête de l’insecte. Paris 1899, hier und bei ~Escherich~ ein

guter Längsdurchschnitt durch eine Ameise. -- ~Sperling~, Dissert.

de chymica formicarum analysi. Viteb. 1689. -- ~Neumann~, Chymia

medica 1753 III, 38 (dort die älteste Lit.). -- ~Geoffroy~, Mat.

méd. -- ~Marggraf~, Schriften I, 340. -- ~Hermbstädt~, Chem. Vers.

mit Ameisen. Phys. chem. Vers. II, 1. -- ~Fourcroy-Vauquelin~,

Gehl. Allg. Journ. Chem. II, 42. -- ~Suersen~, Ebenda IV, 3. --

~Pfaff~, System d. Mat. med. 1815, 5, 252 (dort weitere Lit.). --

~Dumas-Peligot~, Lieb. Ann. 15, 7. -- ~Dumas-Stas~, Ebenda 35, 137.

-- ~Berg-Garcke~, Pharmakogn. 1879, 613. -- ~Vogl~, Kommentar. --

~Flückiger~ a. a. O.

II.

Von den weiteren Säuren ist die =Essigsäure= ebenso weit verbreitet

wie Ameisensäure (Vgl. ~Bergmann~ a. a. O.) und begleitet diese

oft. Als Ester findet sie sich auch in Sekreten. =Propionsäure= ist

selten. Sie findet sich z. B. in den Blüten von _Achillea Millefolium_

(~Kraemer~), in den Früchten von _Gingko_ (~Béchamp~) und in _Amanita

Muscarius_ (~Bornträger~). Sie tritt oft bei der Oxydation und der

trockenen Destillation organischer Substanzen, als Spaltungsprodukt

längerer Kohlenstoffketten auf, und findet sich daher z. B. im

=Holzessig=. =n-Buttersäure= ist in den Früchten von _Sapindus_ und

_Tamarindus_ (~Gorup~) und in _Tanacetum_, verestert in Sekreten, z. B.

in _Pastinaca_ und _Heracleum_ gefunden worden. (Zusammenstellung

in ~Husemann-Hilger~, Pflanzenstoffe.) Die Butter enthält 2%

n-buttersaures Glycerin. =Isobuttersäure= findet sich in den Früchten

von _Ceratonia_ (S. 144), der _Rhiz. Arnicae_ (~Siegel~) und verestert

im Römisch Kamillenöl (~Köbig~).

III. Baldriansäuredrogen.

Die Normal-Valeriansäure ist selten, die Isovaleriansäure

(Isopropylessigsäure, 3-Methylbutansäure):

CH₃

\

CH.CH₂.COOH,

/

CH₃

dagegen sowohl in _Rhiz. valerianae_, wie in _Angelica Archangelica_

(~Meyer~, ~Zenner~), der Rinde von _Viburnum Opulus_ und im Delphintran

(~Chevreul~) gefunden worden.

Rhizoma Valerianae.

=Syn.= Rad. valerianae minoris, montanae s. silvestris, Phu minus,

Baldrianwurzel, Marien-, Magdalenen-, Mond-, Augen-, Wend-, Speik-

oder Katzenwurzel, Speer-, Brach-, Hexen- oder Katzenkraut, Ballerjan,

Balderbracken, Polter Johann, Tollerjahn, Dreefoot, Benediktiner-, St.

Georgen- oder Gürgen-Kraut, -- in der Schweiz: dammarge, tannmark,

menten, katzenbuckel, risch tamara (in Graubündten) -- valériane

sauvage, souche de valériane officinale, herbe aux chats, guérit tous

(franz.) -- common valerian, vandal root, all-heal (engl.) -- valeriana

silvestre s. minore (ital.) -- valeriaan, faldriaan, koortswortel (=

Fieberwurzel) (holl.) -- vandelrot, velamsrot, velandrot (schwed.)

-- vendelród, venderód, vendingsrod (norw.) -- velandsurt, danmarks

graes (dän.) -- semlänoi ladan (russ.) -- virma juuri (fin.) -- macska

gy̋kőnke (ung.) -- νάρδος (griech.). -- In Indien: kálávála, jalalakan.

Bei ~Plinius~ und ~Dioskurides~ und auch bei ~Ibn Baithar~ und

~Alhervi~: Fû oder Phu -- althd.: baldrian, denmarka -- mhd.:

valdran, waldrian, tenemarg, abpiss, waldrion -- nd.: bolderian,

bullerjahn, balderjan, ballerjaon, balderjân, valeraen. In +der

Alphita+, +Circa instans+, bei ~Serapion~, in den +Tabulae+ und den

+Synonomae Bartholomei+ (I, S. 640) finden sich die Bezeichnungen:

Valeriana, Ualariane, Fu, Amantilla (so noch jetzt in Italien),

Fistra, Vau, maturella, matrella, matura, matha. Im Mittelalter

wurden die Namen Nard, Spiek, Seliank, Saliunk (bes. für Val.

celtica benutzt), Theriakskraut, Katzentheriak auch auf _Val.

off._ übertragen und auch die Bezeichnungen marinella, marcinella,

marconella, valentina herba benedicta, s. genicularis antilla,

agriomela, serpyllum majus, herba gate, dania major, ballariana,

maturesia, nancilla benutzt (~Brunschwyg~). Bei der ~Hildegard~:

denemarcha -- im Ortus sanitatis: boldrian, -- bei ~Brunschwyg~:

denemarcha, danmarks graes. -- bei ~Bock~, ~Fuchs~: balderian,

baldrian, baldrion, denmarck, Augenwurzel, Katzenkraut, Wendwurzel,

bei ~Tabernaemontanus~: dania major, großes Dönnmarck.

=Etym.= ~Grassmann~ deutet +Baldrian+ etwas abenteuerlich als

Balder Johann(es), bringt (wie ~Perger~ und ~Günther~) die ersten

Silben mit dem Gotte Balder, dem Sohn Odins und der Frigga, in

Verbindung (baldrs-brâ ist aber _Anthemis Cotula_) und betrachtet

die zweite als «christliches» Anhängsel (?). (Die Balders Feuertod

zu Ehren brennenden Sonnwendfeuer wurden später Johannisfeuer).

Ob der Ausdruck Wend- oder Wendelwurz auf die Sonnwende deutet

(~Pruckmayr~), bleibe dahingestellt. Balder war der «wohlwollende»

Gott. Auch die nordische Bezeichnung für Baldrian: velands urt (=

Wielandswurz) deutet vielleicht auf die Heilkraft, da Wieland nicht

nur der Götterschmied, sondern auch der Götterarzt war. ~Jac. Grimm~

verwirft die Ableitung des Wortes Baldrian von Balder. ~Schrader~

denkt an Verstümmelung und Umdeutung aus velandsurt. Ich habe (I,

S. 1058) der mir jetzt unwahrscheinlich erscheinenden Ansicht von

~Söhns~ und ~Martin~ beigepflichtet, daß Valeriana zu Ehren des

~Plinius Valerianus~ (nicht des Kaisers ~Valerian~) benannt worden

sei, eines römischen Arztes, dessen apokryphe Pflanzenbeschreibung

aber wohl ein Werk der Mönche des Mittelalters ist und die sicher

richtige Ansicht vertreten, +daß umgekehrt Baldrian aus Valeriana

umgebildet worden sei+ (b und v wechseln häufig, das d könnte aus

Gründen des Wohllautes eingeschoben sein, ~Kanngiesser~). Immerhin

könnte man auch an Beziehungen von Valeriana zu valere (= gesunden,

sich wohl befinden) denken (~Weigand~, ~Wittstein~). So sagt bereits

~Caspar Bauhin~: «Officinis et herbariis Valeriana dicitur a multis

quibus +valet+ virtutibus». Auf die starke Heilwirkung bezieht

sich ja auch die serbische Bezeichnung Odaljan (von odoljeti =

überwältigen) -- böhmisch: Odolen -- und das polnische dolega (doleka

= Gewalt) sowie einige französische und englische Namen (s. oben). Da

der Name Valeriana, den ~Schrader~ kaum als echte romanische Bildung

anerkennen will, zum ersten Male in einer lateinischen Übersetzung

einer arabischen Schrift (der des ~Isaac Judaeus~) vorkommt, halte

ich eine Ableitung aus dem Arabischen für möglich. ~Seybold~

pflichtet dem bei und schreibt mir (1911), daß er Valeriana als

umgebildet aus (Sun)bal berr(ān)ī (sunbal berrī oder berrānī = wilde

Narde) glaube ansehen zu sollen. Das erscheint auch mir plausibel.

-- Daß die alte, schon bei der ~Hildegard~ auftretende Bezeichnung

+denemarcha+ auf Dänemark zu beziehen ist (danmarks graes), wie

~Schrader~ meint, ist unwahrscheinlich. ~Hartwich~ denkt an

tamm-mark, d. h. zahme, kultivierte Mark. Mark ist der Name für das

ähnliche _Sium latifolium_ (s. Verwechslungen) und Tamme findet sich

oft (Tamme morren = _Daucus Carota_, Tammschlee = _Prunus insititia_,

weitere bei ~Pritzel-Jessen~) bei kultivierten Pflanzen. (In einer

Frankfurter Handschrift aus dem XII. Jahrh. steht neben tenemarg:

samsucus.) ~Pruckmayr~ deutet (recht abenteuerlich) -- Dennmark als

Tinn-mark (= Becher-Mahr, Napf-Mahr oder Saufteufel), da Mittel

gegen das Delirium (?). Der Name, in vielen Formen vorhanden (s.

oben) und bis auf unsere Tage, z. B. im Berner Oberland, erhalten,

gehört zweifellos zu Valeriana, obwohl in der Synonoma (I, S. 639)

an einer Stelle ein Petroselinum macedonicum auch «stanmarche»

genannt wird. -- Die Namen +Katzenkraut+, +Katzenwurz+ usw. deuten

auf die Idiosynkrasie der Katzen für den Baldrian, die durch das

Kraut und die Wurzel geradezu in Verzückung geraten, der Ausdruck

+Ratzenwurzel+, daß B. auch ein Mittel gegen Ratten und Mäuse ist

(+Ortus sanitatis+).

=Lit.= ~Pruckmayr~, Deutsch. Pflanzennam. Valeriana. Zeitschr. d.

Öster. Apoth. Ver. 1880, 469. -- ~Grassmann~, Deutsche Pflanzennamen

1870. -- Söhns, Unsere Pflanzen 1897. -- ~Hartwich~, Schweiz.

Wochenschr. 1896, 494. -- ~Pritzel-Jessen~, Volksnamen d. Pflanz. --

~Perger~, Deutsche Pflanzensagen 1864. -- ~Kanngiesser~, Etymol. d.

Phanerog. Pflanzennomenklatur. -- ~Jac. Grimm~, Deutsche Mythologie.

-- ~Flückiger~, Pharmakogn. -- ~Schrader~, Reallexikon.

=Stammpflanze und systemat. Stellung.= =Valeriana officinalis= L. Flor.

suec. 34. Spec. plant. ed. I, 31. -- Valerianaceae (Sect. Euvaleriana).

Die Gattung Valeriana hat etwa 100 Arten.

Ändert nach der Länge der Ausläufer und den Blättern ab: _V.

angustifol._ ~Tausch~ (= var. β _minor_ ~Koch~) in Japan: kesso

oder kanokosô, in trockenen Wäldern und auf Hügeln, schmälere,

oft ganzrandige Fiedern, stärker behaart, kleinere, gedrängte

Blütenstände; Var. α _major_ mit starkem Stengel und tief gezähnten

Fiedern; _V. exaltata_ ~Mikan~, keine Ausläufer; Blättchen breit,

ei-lanzettlich, wird bis 2 m hoch; _V. excelsa_ (_V. sambucifolia_

~Mik.~) in Frankreich, lange Ausläufer, wenig (4-5)jochige Blätter,

die unteren Blätter grob gesägt. _V. Mykani_ ~Syme~ mit breiten

grobgezähnten Fiedern (in England) (Taf. XII); _V. latifolia_ (in

Japan), _V. Dioskuridis_ (im Orient), _V. capensis_, _V. dubia_, _V.

javanica_ usw., die bald als Varietäten, bald als Arten betrachtet

und dann als Ser. 3 _V. offic._ mit 12-14 Arten zusammengefaßt werden

(~Höck~). Es sind mindestens 10, zum Teil auch habituell recht

gut charakterisierte und daher als Arten beschriebene Varietäten

unterschieden worden. Die Variabilität ist sehr groß (~Irmisch~).

~Dufresne~ unterscheidet vier deutsche Varietäten: _V. excelsa_,

_V. latifolia_ (s. _media_), _V. tenuifolia_ (von der er die Formen

_V. officinalis_ und _pratensis_ unterscheidet) und _V. lucida_.

Früher wurde nach den Standorten der Bergbaldrian (_silvestris_)

vom Sumpfbaldrian (_palustris_) unterschieden. Bei der Ser. _V.

officinalis_ zeigen fast alle Arten eine so nahe Beziehung zu der

Spezies, nach welcher diese Gruppe benannt ist, daß Höck eine direkte

Abstammung von dieser Art annehmen möchte.

~Höck~ stellt zur Ser. (3) _V. officinalis_: _V. petrophila_

(Südwestkleinasien und Armenien), _V. ficariaefolia_ (Persien),

_V. heterophylla_ (Sibirien), _V. Stracheyi_ (Himalaya), _V.

sambucifolia_ (Skandinavien, England, Pyrenäen, Schlesien, Karpathen,

Rußland, Serbien), _V. officinalis_, _V. capensis_ (Kapland), _V.

sisymbrifolia_ (Persien, Kleinasien), _V. Dioscoridis_ (Kleinasien,

Griechenland), _V. Arnottiana_ (Khasiaberge), _V. Hardwickii_

(Himalaya), _V. javanica_ (Java), _V. Hookeriana_ (Himalaya), _V.

Moonii_ (Ceylon), _V. Jaeschkei_ (Himalaya).

[Illustration:

Tafel XII.

Kultur von Englischem Baldrian in Long Melford Medicinal Herb Farms.

(Stafford Allen and Sons Ltd., Manufacturers of Pharmaceutical products

Long Melford, Suffolk phot.)]

Handbuch der Pharmakognosie(#71452) · 第 77 / 120 段