Die Verwendung eines «Schwammes» beim Feuermachen erwähnt ~Plinius~

(16, 77) mit den Worten: «teritur ergo lignum ligno, ignemque

concipit attritu, excipiente +materia aridi fomitis, fungi+ vel

foliorum facillimo conceptu.» -- «Fungus» findet sich auch bei

~Serapion~ (I, S. 605).

=Lit.= Abbild. in ~Berg-Schmidt~, Atlas II. Aufl., t. 160 (dort die

Liter.), ~Pabst-Köhler~, Arzneipflanzen, t. 139, ~Luerssen~, Med.

pharm. Botan., ~Hennings~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenf., ~Hartwich~

in ~Hagers~ Pharm. Praxis, ~Berg~, Anatom. Atlas, ~Vogl~, Atlas.

-- ~Flückiger~, Pharmakogn. -- ~Bouillon-Lagrange~, Ann. d. chim.

51, 75. -- ~Braconnot~, Ebenda 79 und 87. -- ~Schlossberger~ u.

~Döpping~, Lieb. Ann. 52 (1844), 106. -- ~Bourquelot~, Bull. soc.

myc. 1894. -- ~Zellner~, Monatsh. f. Chem. 29, 1171 und Chemie d.

höh. Pilze 1907.

4. Silico-Membranindrogen.

Die Abteilung der Bacillariaceen (Diatomeen) ist unter anderem

dadurch ausgezeichnet, daß die bekanntlich eine ganz außerordentlich

mannigfaltige Zeichnung zeigenden (Fig. 159, vgl. auch Fig. 107

u. Fig. 108) Membranen der Zellen der sehr kleinen Pflanzen sehr

reich an Silicium sind. Daneben findet sich aber ein Membranin, das

nicht Zellulose zu sein scheint. Wenn man nämlich das Silicium mit

Flußsäure entfernt, so färbt sich der Rückstand mit Jodschwefelsäure

auch dann gelb, wenn man zuvor mit Kalilauge oder ~Schultze~scher

Flüssigkeit behandelt (~Pfitzer~). Wie das Silicium gebunden, ob

eine «Silicozellulose» oder, was wohl das wahrscheinlichere ist, ein

Kieselsäureester vorliegt, wissen wir nicht. Jedenfalls kommen auch

Alkalien in der Schale vor, denn wenn man ohne zuvor mit Säuren zu

kochen direkt verascht, bekommt man oft ein Glas. Kocht man aber mit

Salpetersäure oder ~Schultze~schem Gemisch aus und glüht dann, so

bleibt die Schale mit allen ihren, auch den feinsten Skulpturierungen

erhalten. Das gleiche finden wir bei den Kieselguren, deren

organische Substanz durch Fäulnis zerstört wurde. Wir können also die

Kieselgurdiatomeen, die längst ihre Chromatophoren, ihr Plasma und die

organische Grundsubstanz ihrer Membranen nicht mehr besitzen, auch

heute noch nach der Struktur ihrer nunmehr vorwiegend aus Kieselsäure

bestehenden Schalen diagnostizieren.

[Illustration: Fig. 159.

Häufiger vorkommende Diatomeen.

_a_ _Surirella splendida_, _b_ _Meridion circulare_, _c_ _Nitzschia

linearis_, _d Nitzschia acicularis_, _e_ _Epithemia Zebra_, _f_

_Tabellaria fenestrata_, _g_ _Synedra Ulna_, _h_ _Gomphonema

acuminatum_, _i Rhoicosphenia curvata_, _k_ _Cocconema cistula_,

_l_ _Navicula stauroptera_, _m_ _Stauroneis phoenicenteron_. [Aus

+Hager-Mez+, Das Mikroskop.]]

=Lit.= Siehe unter Kieselgur. Über die Verkieselung der Membran

höherer Pflanzen vgl. ~Mohl~, Bot. Zeit. 1861 und ~Sachs~, Flora

1862, sowie ~Miliarakis~, Die Verkieselung lebender Elementarorgane

bei den Pflanzen. Diss. Würzburg 1884.

Kieselgur.

Der Kieselgur (Infusorienerde, Bergmehl, Infusorienmehl, Kieselmehl,

Diatomeenpelit) des Handels bildet ein leichtes, sehr feines, weißes

oder grauweißes Pulver, das, wie die mikroskopische Untersuchung

lehrt, so gut wie ausschließlich aus den zum Teil ganzen, zum Teil

zertrümmerten Kieselschalen von Diatomeen (Bacillariaceen) besteht, die

keine organische Substanz mehr enthalten. Nur selten finden sich die

Nadeln des Süßwasserschwammes darunter. Er findet sich in bisweilen

ziemlich mächtigen Lagern in +Böhmen+ (Biliner Polierschiefer,

Franzensbader K.), in +Ungarn+ (Zabresta), in +Toskana+ (Castel

del Piane bei Santa Fiora) und in +Deutschland+ (Lüneburger Heide,

im Habichtswald, bei Kassel, am Hochsimmer in der Nähe des Laacher

Sees, bei Altenschlürf und Steinfurth im Vogelsgebirge), in Finland

(Lillhagshyön, Degernfors), Schweden (Drepenäre), Norwegen, Rußland,

in Amerika (New York, Oregon, Nevada, Virginien und bes. Kalifornien).

Richmond, Berlin und Königsberg stehen zum großen Teil auf stellenweise

23 m mächtigen Kieselgurlagern. Das Lager bei Ebstorf in der Lüneburger

Heide ist 13 m, das in Zabresta 5 m mächtig. Die mächtigsten sind

die von Fremont in Oregon (U. S. A.). Dort, wo wir +nur+ aus

Diatomeenschalen bestehende Kieselgurlager finden, können wir sie

kaum für Sedimente von Süß- oder Salzwasserseen halten -- die meisten

Diatomeen sind Süß- oder Salzwasserbewohner --, da ihnen sonst wohl die

Kieselreste anderer Organismen und anorganische Schlammbestandteile

beigemengt wären, sondern diese sind wohl Produkte großer Quellen, die

nur eben die Oberfläche naß erhielten.

Die Kieselgurlager enthalten, da die Diatomeen sehr klein sind,

ganz ungeheuere Mengen dieser Organismen. Nach ~Brun~ sind in

einem Kubikmillimeter 8000, nach ~Schumann~ in einem Kubikfuß 3

Billionen Diatomeen enthalten. Schon ein Kubikmeter enthält also

schwindelerregende Mengen. Die ältesten Diatomeenformen reichen bis

zur Kreide und ins Tertiär, die meisten sind viel jünger (Alluvium,

Diluvium).

Der meiste Kieselgur, der in Deutschland technisch und in der Medizin

verwendet wird, stammt aus den Lagern der Lüneburger Heide, wo sich

verschiedene Fundstellen finden (Oberohe, Ebstorf, Hützel im Luhetal),

deren Zusammensetzung nicht stark voneinander abweicht. Von dort werden

jährlich 300-400 Doppelladungen exportiert.

Ein aus der +Lüneburger Heide+ (von Oberohe oder Ebstorf) stammendes

Muster, das Dr. ~Keller-Escher~ in Zürich vor einiger Zeit bezog,

bestand aus folgenden Arten: _Synedra_ (_S. Ulna_ dominiert, sie findet

sich massenhaft), _Fragilaria_, _Gomphonema_, _Melosira_, _Navicula_,

_Epithemia_, _Cymbella_, _Amphora_, _Stephanodiscus_ und _Cocconeïs_.

Nach einer mir 1911 von ~O. Müller~-Berlin gesandten Bestimmung

besteht der +Kieselgur von Lüneburg+ aus: _Melosira granulata_

(~Ehr.~) Ralfs, _Melosira crenulata._ ~Kg.~ (_italica_), _Melosira

arenaria_ ~Moore~, _Melosira_ (_crenulata_ var.) _tenuis_ ~Kg.~,

_Synedra_ (_Ulna_ var.) _splendens_ ~Kg.~, _Cymbella Ehrenbergii_

~Kg.~, _Cymbella_ (_Cocconema_) _lanceolata_ ~Ehr.~, _Cymbella

cistula._ ~Hempr.~ u. var. _maculata_, _Cymbella cuspidata_ ~Kg.~,

_Epithemia sorax_ ~Kg.~, _Epithemia Hyndmanni_ ~W. Sm.~, _Epithemia

turgida_ (~Ehr.~) ~Kg.~ und var. _granulata_ ~Grun.~, _Cymatopleura_

(_elliptica_ var.) _hibernica_ ~W. Sm.~, _Campylodiscus hibernicus_

~Ehr.~, _Surirella Campronii_ ~Bréb.~, _Surirella biseriata_ (~Ehr.~)

~Bréb.~, _Surirella elegans_ ~Ehr.~, _Cyclotella operculata_ var.

_major_ ~Kg.~, _Pinnularia viridis_ u. var. ~Kg.~, _Pinnularia major_

~Kg.~, _Navicula sculpta_ ~Ehr.~, _Eucyonema ventricosum_ ~Kg.~,

_Gomphonema constrictum_ var. _capitata_ ~Ehr.~, _Amphora ovalis_

~Kg.~, _Stephanodiscus astrasa_ (~Ehr.~) ~Grun.~, _Navicula gastrum_

(~Ehr.~) ~Donk.~, _Navicula elliptica_ ~Kg.~, _Cocconeïs pediculus_

~Ehr.~, _Epithemia zebra_ (~Ehr.~) ~Kg.~ u. var. _proboscoidea_

~Grun.~, _Cymatopleura elliptica_ (~Bréb.~) ~W. Sm.~

Ganz ähnlich ist nach ~Keller~ ein Lager bei Celle zusammengesetzt:

_Synedra_ (bes. _Ulna_), _Amphora_, _Cocconeïs_, _Cymbella_,

_Epithemia_, _Eucyonema_, _Fragilaria_, _Gomphonema_, _Melosira_,

_Navicula_ und _Stephanodiscus_.

[Illustration: Fig. 160.

Kieselgur von Eger nach +Ehrenberg+.

Die runden Scheiben sind _Campylodiscus Clypeus_ Ehrbg., die

schiffchenähnlichen Schalen _Anomoeonis_ (_Navicula_) _sculpta_ Pf.

(in der Mitte) und _bohemica_ Pf. (oben und unten). [Aus +Pfitzer+,

Bacillariaceen in Schenks Handb. d. Botanik.]]

Beide Lager, das in der Lüneburger Heide und das von Celle, sind

Süßwasserablagerungen.

Eine +Infusorienerde von Eger+ (Franzensbad) enthält hauptsächlich

_Campylodiscus Clypeus_ ~Ehrb.~ und _Navicula_ (_Anomoeoneis sculpta_

und _bohemica_ (Fig. 160), daneben (nach ~Keller~) _Cymbella_ und

_Nitzschia_.

Von italienischen Erden sind im Handel:

+Monte Amiato+ (Süßwasserdiatomeen), bestehend aus (etwa 12 Spezies)

_Navicula_, _Epithemia_, _Cymbella_, _Synedra_, _Cymatopleura_,

_Amphora_, _Stauroneis_, _Cyclotella_, _Fragilaria_ und _Melosira_

(~Keller~).

+Santa Fiora+ (Süßwasserdiatomeen), bestehend aus _Amphora_,

_Cocconeïs_, _Cymatopleura_, _Cymbella_, _Epithemia_, _Fragilaria_,

_Gomphonema_, _Melosira_, _Navicula_, _Pleurosigma_, _Stauroneis_,

_Synedra_, _Tabellaria_ (~Keller~).

Als Beispiel einer Meereswasserdiatomeenablagerung sei das

+Tripelgestein von Richmond+ in Virginien erwähnt (Fig. 161),

das _Coscinodiscus Gigas_, _Actinoptychus biternarius_, ferner

_Aulacodiscus_, _Paralia marina_, _Actinocyclus_, _Grammatophora_,

_Navicula_, _Pleurosigma_ und _Hemiaulus_ enthält (~Pfitzer~).

Bei der Untersuchung eines Kieselgur ist zu beachten, daß die Diatomeen

eine «Schalenseite» und eine «Gürtelseite» besitzen, also je nach

seiner Lage dasselbe Objekt ein verschiedenes Aussehn zeigt.

Im Handel findet man jetzt folgende Sorten: Extra weiße calcinierte,

Rosa calcinierte, Weiße geschlämmte und geschlämmte und calcinierte

Infusorienerde (~Prollius~).

[Illustration: Fig. 161.

Tripelgestein von Richmond in Virginien.

1 _Coscinodiscus Gigas_ Ehrbg., 2 _Actinoptychus biternarius_ Ehrbg., 3

_Aulacodiscus_ sp., 4, 5 _Paralia marina_ Heib., 6 _Actinocyclus_ sp.,

7, 8 _Grammatophora_ sp., 9 _Navicula gemina_ A. S., 10 _Pleurosigma_

sp., 11 _Hemiaulus_ sp. [Aus +Pfitzer+, Diatomeen in Schenks Handb. d.

Botanik.]]

Für medizinische Zwecke wird besonders die Terra silicea calcinata

praecipitata (d. h. geschlämmte und calcinierte) benutzt.

Die im Handel befindliche weiße (nicht die grüne!) Infusorienerde

besteht fast nur aus Kieselsäure.

Der weiße (und grüne) Kieselgur der Lüneburger Haide z. B. enthält

97,3 (79,8)% Kieselsäure, 1 (1,9)% Tonerde, 1 (2,6)% Eisenoxydul, 0,3

(0,4)% Magnesia, 0,2 (0,3)% Kalk, 0,2 (15!)% Wasser und organische

Substanz. Im grünen Kieselgur, der ungeglüht für unsere Zwecke

unverwendbar ist, findet sich auch eine Spur Phosphorsäure.

Die +Verwendung+ des Kieselgur beruht darauf, daß die hohlen Schalen

oder Schalenfragmente so +rasch jede Feuchtigkeit kapillar aufsaugen+,

daß z. B. ein auf ein Kieselgurstäbchen fallender Tropfen Wasser

sofort aufgesaugt wird. Von Wasser nimmt Kieselgur ⅕ des Gewichtes

auf. Auch Gase und Dämpfe werden von Kieselgur rasch absorbiert

(z. B. Closetgase, ~Frank~). Kieselgur wird deshalb in der Medizin

als aufsaugendes und daher austrocknendes Mittel in der Dermatologie

benutzt, ferner zur Bereitung von Streupulver, Desinfektionspulver,

Zahnpulver, als Verbandmittel.

Brom darf über See nur in Form von Bromkieselgurstäbchen versandt

werden, d. h. das Brom muß von solchen Stäbchen, die meist 8-10 mm

dick sind, aufgesaugt werden. Denn das Platzen einer Flasche mit

1 kg Brom könnte zum Erstickungstode der Besatzung führen. Diese

Bromkieselgurstäbchen haben sich auch zur Desinfektion von Aborten

bewährt.

Der Dynamit ist von Kieselgur aufgesogenes Nitroglycerin und die

Kieselgurplatten dienen ähnlich wie die unglasierten Tonteller zum

Trocknen von Niederschlägen. Kieselgur ist auch vorzüglich geeignet zum

Klären trüber Flüssigkeiten (Soxhlet; ~Schweissinger~). Man streut es

auf das Filter oder verrührt die Flüssigkeit damit.

Auch die Eigenschaft des Kieselgur Wärme schlecht zu leiten

wird benutzt (Isoliermassen für Dampfleitungen, Eisschränke und

Trockenkästen -- Beschläge von Retorten), sowie die Eigenschaft sehr

fein und dabei doch sehr hart zu sein, die ihn als Poliermittel von

Goldwaren empfiehlt. Und endlich dient er auch als Ersatz des Quarzes

in der Glasfabrikation. (Weitere Anwendungen bei ~Andés~.)

Im dreißigjährigen Kriege sowie noch 1719 und 1733 in Wittenberg

diente das «Bergmehl» als Zusatz zum Mehl und auch in Schweden

und Finland wird es (nach ~Berzelius~) ebenso benutzt. Es besitzt

natürlich keinen Nährwert und wirkt nur ähnlich wie die Kleie,

darmreizend, also die Ausnutzung der eigentlichen Nährstoffe fördernd.

Die Bacillariaceen, von ~Leeuwenhoek~ (1702) entdeckt (er sah

_Synedra Ulna_), von ~Ehrenberg~ zu den Tieren, von ~Kützing~ zu den

Pflanzen gestellt, sind wegen der zierlichen Zeichnung ihrer Schalen

jetzt auch beliebte Testobjekte zur Prüfung der mikroskopischen

Objektive (bes. _Pleurosigma_).

=Lit.= ~Schütt~, Bacillariales in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam.

(mit vielen Abbild.). -- ~Pfitzer~, Die Bacillariaceen in ~Schenks~

Handb. d. Botan. -- ~Brun~, Les diatomées des Alpes et du Jura

1879. -- ~Andés~ in ~Luegers~ Lexikon der Technik. -- ~Prollius~

in Realenzyklopaed. d. Pharm. -- Chem. Analysen auch im Artikel

Kieselgur in ~Fehlings~ Handwörterbuch (1878). -- +Abbildungswerke+:

~A. Schmidt~, Atlas der Diatomeenkunde. Leipzig 1874-1877. -- ~van

Heurck~, Synopsis des Diatom. de Belgique 1880/81 und Treatise on the

Diatomaceae 1896.

5. Carbono-Membranindrogen.

Wenn pflanzliche Membranen unter Luftabschluß der Zersetzung

anheimfallen, so vollzieht sich an ihnen ein langsamer

Carbonisierungsprozeß. Der Wasserstoff und der Sauerstoff und ein

Teil des Kohlenstoffes gehen als Wasser und Kohlensäure fort und die

Membran reichert sich immer mehr an Kohlenstoff an: sie beginnt sich

zu bräunen und wird schließlich schwarz. Dieser Carbonisierungsprozeß,

der also ein langsamer innerer Verbrennungsprozeß vom Charakter

der trockenen Destillation ist, läßt sich in seinen einzelnen

Phasen an der Kohlenbildung verfolgen. Während die Zellulose 44,4%

Kohlenstoff enthält, finden wir im Torf 56-60%, in der Braunkohle

60-70%, in der Steinkohle 75-90% und im Anthracit c. 94%. Auch die

Zellinhaltsbestandteile werden zum Teil verbrannt, aber ebenfalls

nicht vollständig. Denn wie wir aus der Leuchtgasfabrikation ersehen,

treten unter den Produkten der trockenen Destillation der Kohle auch

Ammoniak und Schwefelverbindungen auf, die als aus den Plasmaresten der

schon vor Jahrhunderttausenden von Jahren abgestorbenen pflanzlichen

Zellen entstanden zu denken sind.

[Illustration:

Tafel XI.

Schwitzender Kohlenmeiler in Thüringen.

(Aus Regel, Thüringen.) ]

[Illustration: Fig. 162.

Slavischer Kohlenmeiler. [Aus +Heusler+, Technologie.]]

Der sich im Laufe sehr langer Zeiträume unter dem Drucke der

darüber liegenden Erdschichten nur sehr langsam vollziehende

Carbonierungsprozeß wird außerordentlich beschleunigt, wenn man die

pflanzlichen Organe der trockenen Destillation unterwirft. Dies

geschieht bei der Darstellung der =Holzkohle= in den +Holzmeilern+

-- man unterscheidet stehende (Fig. 162) und liegende und gemauerte

(Fig. 163) Meiler -- oder in Retorten. Die Meiler werden mit einer

Lehmdecke versehen und dann bei b (Fig. 162) angezündet. Zunächst

verdampft das Wasser («Schwitzperiode», Taf. XI), dann treten unten

helle Dämpfe aus (Periode des «Treibens»). Das «Zubrennen» ist

beendigt, wenn der austretende Rauch blau ist. Bei der Darstellung

der Meilerkohle gehen die nebenher auftretenden Teerprodukte und der

Holzessig verloren -- nur beim gemauerten Meiler werden sie unten bei K

(Fig. 163) abgelassen --, bei der Retortenholzkohle werden =Holzteer=,

=Holzessig= und roher Holzgeist (Methylalkohol und Aceton) gewonnen.

Das Produkt ist, abgesehen von den Aschebestandteilen, fast reiner

Kohlenstoff. Das was wir hier in einer Phase sich vollziehen sehen

-- die Überführung der Zellulosine in Kohlenstoff --, vollzieht sich

bei den Steinkohlenpflanzen in zwei Phasen. In der ersten werden die

Pflanzenteile im Laufe der Jahrhunderttausende in Steinkohle, in der

zweiten bei der trockenen Destillation diese in Coaks übergeführt, der,

abgesehen von den Aschebestandteilen, auch fast reiner Kohlenstoff ist.

[Illustration: Fig. 163.

Gemauerte Meilerstätte. [Aus +Heusler+, Technologie.]]

Immerhin enthält die käufliche Holzkohle, =Carbo ligni= (Charbon

végétal, Carbone vegetale), nicht selten außer Kohlenstoff noch

Kohlenstoff-Wasserstoff-Sauerstoffverbindungen, so daß D. A. V

und Pharm. helv. IV vorschreiben, daß sie in bedecktem Tiegel so

lange geglüht werden solle als noch Dämpfe entweichen. Erst eine so

behandelte Holzkohle erfüllt dann die Forderung, daß sie an Weingeist

nichts abgeben, sowie siedendes Wasser nicht färben darf (Teerprodukte)

und ohne Flamme vollständig bis auf 2% (Pharm. helv.) bzw. 5% (D. A.)

Asche verbrennen soll.

Stellt man durch die Holzkohle nach geeigneter Präparation Dünnschliffe

her, so findet man die Membranen geschwärzt und es zeigt sich, daß

die guten Holzkohlesorten aus Laubhölzern dargestellt werden. Pharm.

helv. verlangt ausdrücklich Laubholzkohle, besonders _Carbo Tiliae_.

Die Carbo Belloci ist _Carbo Populi_. Auch Brotkohle (_C. panis_)

wird benutzt. Die Meilerkohle ist meist Fichtenholzkohle. (Vgl. auch

~Netolitzky~, Mikrosk. Unters. d. Kohlepulv. Pharm. Post 1903.)

Die Benutzung der Holzkohle beruht auf ihrer Eigenschaft übelriechende

Gase (wie überhaupt Gase) und viele andere Stoffe zu absorbieren.

Sie dient daher als Desinfektionsmittel zum Aufstreuen auf putride

Wunden, zu Zahnpulvern und innerlich bei Gasbildung im Magen, und muß

in gut verschlossenen Gefäßen aufbewahrt werden. Sie dient auch zur

Räucherkerzenfabrikation.

Die _Carbo animalis_, Tierkohle, Fleischkohle (meist aus 3 Teilen

Kalbfleisch mit 1 Teil Kalbsknochen dargestellt) und die _Carbo

ossium_, Knochenkohle, Spodium (aus Knochen bereitet) besitzt diese

Eigenschaften in noch ausgeprägterem Maße, besonders die, von den, im

Gegensatz zur Holzkohle, hier sehr erheblichen Mengen anorganischer

Bestandteile (die ⅗ resp. ⁸⁄₁₀ ausmachen können) befreite Tierkohle

dient als Entfärbungsmittel, nimmt aber auch Alkaloide und

Bitterstoffe aus den Lösungen auf und absorbiert reichlich Gase.

(~Rosenthaler~ und ~Türk~, Über die absorbierenden Eigenschaften

verschiedener Kohlensorten. Arch. Pharm. 1906, 517.)

_Carbo animalis_ wird neuerdings (1909) gegen Vergiftungen

durch Pilze, sowie andere pflanzliche Gifte (~Muck~), sowie

auch bei Eiterungen und granulierenden Knochenwucherungen bei

Knochentuberkulose empfohlen (~Mercks~ Jahresbericht 1911).

Die alte Medizin unterschied viele Kohlen: _Hirundines ustae_

(Schwalbenkohle), _Talpae ustae_ (Maulwurfsk.), _Cuculi usti_

(Kuckucksk.), _Carbo picae_ (Elsterkohle), _Cinis bufonum_, _Soleae

ustae_ u. v. a.

An dieser Stelle mag auch die =Torfwatte= (vgl. auch S. 276) und der

=Torfmull= eingereiht werden, deren Rohmaterial besonders an der

Nordseeküste, in Friesland und Holland gewonnen wird. Man unterscheidet

nach der Provenienz und den darin vorkommenden Pflanzenteilen: Moortorf

(bes. _Sphagnum_arten), Heidetorf (bes. _Erica tetralix_), Wiesentorf

(Gräser, z. B. _Eriophorum_, dann _Carex_, _Scirpus_), Holztorf (bes.

Erlen, Weiden). In den Mooren wird +Torfstreu+ (grob -- der von

dem Brenntorf abfallende Grus) und +Torfmull+ (feines Torfpulver)

dargestellt. Die +Torfwatte+ wird durch Verarbeitung von besonders

lockerem, langfaserigen Obertorf gewonnen. Sie dient als Packmaterial,

als Wärmeisolierungs-, Konservierungs- und Desinfektionsmittel und

besonders in der Verbandstofffabrikation. Torfstreu saugt das achtfache

ihres Gewichtes Wasser auf, die Torfwatte das zwanzigfache.

Über die Anatomie vgl. ~Royer~, L’ouate de tourbe et ses

applications, Trav. lab. mat. méd. Paris 1910.

Das zu Moosbinden benutzte +Torfmoos+ ist dagegen +nicht+ in

diese Gruppe zu ziehen. Es ist das +unveränderte+, noch nicht

carbonisierte, meist aus _Sphagnum_arten (_Sph. cymbifolium_,

_acutifolium_ u. and.) bestehende gewaschene und getrocknete Moos der

Torfoberflächen, das aber auch das dreizehnfache seines Gewichtes

Wasser aufzusaugen vermag.

II. Albuminoiddrogen.

An die Membranindrogen, die nicht mit Sicherheit zu den Polysacchariden

gezählt werden können, mag eine Gruppe von Drogen angeschlossen

werden, von denen einige eine äußerliche Ähnlichkeit mit den

Faserstoffdrogen besitzen (wie die Seide und Wolle), die aber alle

+kolloidale Albuminoide+ enthalten oder aus diesen bestehen. Die

Spaltungsprodukte der Albuminoide, die einerseits Säuren, andererseits

Basen sind, +gehören vorwiegend zur aliphatischen Reihe+, z. B.

Glycocoll, Leucin, Serin, die Asparaginsäure, die Glutaminsäure,

Lysin (α-ε-Diaminocapronsäure) und Arginin, oder enthalten

doch einen aliphatischen Kern wie die Phenylaminopropionsäure und das

Tyrosin. Daneben finden sich allerdings auch zyklische Verbindungen

wie das Prolin. Ferner sind darin über das Glukosamin zu den

Kohlehydraten hinüberleitende Hexonbasen gefunden worden.

Glycocoll = CH₂(NH₂).COOH.

Alanin = CH₃.CH(NH₂).COOH.

Serin = CH₂OH.CH(NH₂).COOH.

Phenyl-α-aminopropionsäure (Phenylalanin) = C₆H₅.CH₂.CH(NH₂).COOH.

Tyrosin = C₆H₄OH.CH₂.CH(NH₂).COOH (β-Oxyphenyl-α-Aminopropionsäure).

CH₃

\

δ-Leucin = CH.CH₂.CH(NH₂).COOH.

/

CH₃

Asparaginsäure = COOH.CH₂.CH(NH₂).COOH.

Glutaminsäure = COOH.CH₂.CH₂.CH(NH₂).COOH.

H₂C----CH₂ OH.HC----CH₂

| | | |

H₂C CH.COOH H₂C CH.COOH

\ / \ /

NH NH

Prolin Oxyprolin

(α-Pyrrolidincarbonsäure) (Oxypyrrolidincarbonsäure)

C.NH₂ CH

/ \\ / \\

NH NH N NH

| | |

CH₂.CH₂.CH₂.CH(NH₂).COOH CH--CH.CH₂.CH(NH₂).COOH

Arginin Histidin

Zu den Albuminoiden gehören die Keratine, Elastin (im elastischen

Gewebe), Kollagen (leimgebende Substanz) und Glutin, die wichtigsten

Albuminoide des Körpers der Wirbeltiere; ihnen reihen sich an das

Spongin (in den Schwämmen), Kornein (im Achsenskelett der Korallen) und

die Bestandteile der Seide (Seidenleim und Fibroin) und der Wolle.

1. Gelatine.

Die farblose, durchsichtige, geschmack- und geruchlose Blätter

bildende Gelatine (Gelatina in foliis, in tabulis) wird aus Knochen

dargestellt, kann aber auch aus Sehnen oder Knorpel dargestellt

werden [die Technik unterscheidet vom Leim: Lederleim (aus Haut) und

Knochenleim]. Die medizinale Gelatine, die als _Gelatina animalis_

und _G. soluta sterilisata_ in den Pharmakopoeen sich befindet, ist

ein meist aus Kalbsfüßen dargestellter, mit besonderer Sorgfalt

gereinigter =Knochenleim=. Der Leim geht durch Kochen mit Wasser aus

albuminoïden Kollagenen (leimgebenden Substanzen) hervor, die sich bei

den Vertebraten als Grundsubstanz in den Fibrillen des gewöhnlichen

Bindegewebes (Bänder, Sehnenfascien) und als organische Grundsubstanz

der Knochen und Knorpel, meist mit Mukoiden und Albumoiden vereinigt,

finden.

Das Kollagen verschiedener Gewebe scheint eine verschiedene

Zusammensetzung zu haben. Die käufliche Gelatine enthält 51,45%

C, 7,08% H, 17,47-18,18% N und 0,41-0,46% S (~Sadikoff~). In

chemisch-technischem Sinne unterscheidet man zwei Leimformen, den

Knochenleim (Glutin) und den Knorpelleim (Chondrin). Chondrin ist aber

ein Gemisch (~Mörner~).

Die Darstellung des Knochenleims erfolgt in der Weise, daß man die

gewaschenen Knochen entfettet und ihnen den Leim dann durch Kochen mit

Wasser oder Behandeln mit überhitzten Dampf entzieht.

Handbuch der Pharmakognosie(#71452) · 第 74 / 120 段