das meistangewendete Schweißtreibemittel des Volkes. Sie wurden schon
von ~Murray~ (wie noch jetzt von ~Kneipp~) auch als schmerzstillendes
und krampflinderndes Mittel empfohlen. _Flos tiliae_ ist Bestandteil
der Spec. laxant. St. Germain. Daneben bedient man sich (wie im
Altertum) auch der schleimreichen Rinde, besonders äußerlich, z. B. bei
Brandschäden, Schußwunden, Augenentzündungen u. dgl., was noch heute
in Rußland beim Volke üblich ist (~Henrici~). Das Lindenblütenwasser
wird vom Volke gegen Sommersprossen und als Haarwuchsmittel benutzt.
Die eigenartig aromatischen Blüten der _T. argentea_ liefern ein
Champagnerarom (~Landerer~). ~Mérat~ und ~Lens~ sagen im Dictionnaire
(I, S. 217) von der Lindenblüte: «C’est l’antispasmodique le plus
universellement mis en usage par toutes les classes des malades.» Das
übrigens ziemlich weiche Holz dient zur Herstellung der _Carbo Tiliae_.
Die Bastfasern der Rinde dienten schon im Altertum als Fasermaterial zu
Stricken, Sattelzeug usw. Die bekannten Bastschuhe (lapti) der Russen
und Polen werden noch heute aus Lindenbast (liko) gemacht, ebenso
Decken und Flechtwerk. Auch der nahe verwandte _Corchorus_ (Jute, vgl.
S. 255) ist eine Tiliacee. Lindenbaststreifen dienten in Rom als Papier
(S. 256).
=Lit.= Ältere Lit. in ~Murray~, App. medic. -- ~Henrici~, Volksheilm.
Rußlands in ~Koberts~ Studien IV. -- ~Landerer~, Amer. journ. pharm.
1883.
=Geschichte.= Den alten Deutschen war die Linde ein heiliger Baum.
Sie war der ~Frigga~, der nordischen ~Venus~ geweiht und fehlte
in keinem heiligen Haine, keinem Dorf- und Marktplatze, keinem
Friedhofe. (Sie ist auch der russischen Liebesgöttin ~Krasogani~
und der slavischen ~Ostara~ heilig.) Sie schützte gegen Blitzgefahr
und ihre Teile wurden gegen zahlreiche Leiden angewendet. Sie war
der Frühlings-, Freuden- und Liebesbaum, aber auch der alte Rechts-
und Dingbaum, unter dem sich die Gemeinde versammelte und Recht
gesprochen wurde. Sie ist der deutsche Baum par excellence und
noch heute der Lieblingsbaum des deutschen Volkes, den zahllose
Dichter besangen, von ~Walther von der Vogelweide~ bis auf
~Heinrich Heine~, und der auch in den Volkssitten eine große Rolle
spielte. Lindenblüten und Lindenblütenwasser gelten noch heute als
Schönheitsmittel. In den Schweizer Pfahlbauten fanden sich Reste
beider Linden. Des ~Theophrast~ (hist. pl. III, 10; V, 4) φίλυρα ist
wohl eine Tilia (~Sprengel~), denn die Linde heißt auch heute noch in
Griechenland so (s. oben S. 366). Vielleicht war es _T. ulmifolia_,
vielleicht auch (~Fraas~) _T. argentea_. Des ~Theophrast~ κλέθρη ist
aber wohl eine _Alnus_- oder _Acer_art (~Dragendorff~). ~Plinius~,
dessen Tilia wohl _T. argentea_ ~Desf.~ ist (er unterscheidet
merkwürdigerweise eine männliche und eine weibliche) erwähnt nur die
Verwendung der Blätter und des Bastes. Auch ~Virgil~ gedenkt einer
Tilia. Die Blüten scheinen aber erst seit dem Mittelalter in Gebrauch
zu sein. Tilia steht bei der ~Hildegard~ (I, S. 671) und ~Albertus
Magnus~ (I, S. 675), die Lind bei ~Megenberg~ (I, S. 693), ~Cordus~
(I, S. 803) verwendete _Flos tiliae_. _Aqua Tiliae_ findet sich
bei ~Brunschwyg~ (1500) und ~Fuchs~ rühmte seine antiepileptische
Wirkung. _Flor. tiliae_ finden sich in der Taxe von Eßlingen 1571
(I, S. 816). In ~Murrays~ Apparatus medicaminum (I, S. 218) stehen
außer den Flores noch Semen, Cortex und Folia. Die Angabe des
französischen Arztes ~Massi~, daß man aus Blüten und Samen der
Linde ein Getränk bereiten könne, «das der besten Schokolade nichts
nachgebe» (!), veranlaßte ~Friedrich den Grossen~, der alle Surrogate
der Purindrogen begünstigte, ~Marggraf~ aufzufordern, die Bedingungen
für die Herstellung eines solchen Surrogates zu studieren, dieser
Aufforderung resp. diesem Befehl verdankt die Untersuchung
~Marggrafs~ (s. oben) ihre Entstehung.
=Lit.= ~Reling~ und ~Bohnhorst~, Unsere Pflanzen. 4. Aufl. --
~Perger~, Deutsche Pflanzensagen 1864.
c) Schleimzellen in Knollen.
Während bei den Dikotylen die typische Ausbildung der Schleimmembranen
die Regel ist, zeigen die Monocotylen ein abweichendes Verhalten und es
kommt hier in der Regel nicht zur Bildung einer deutlich geschichteten
Schleimmembran. Der Grund, weshalb ich auch die monocotylischen
Schleimdrogen, speziell _Orchis_, bei den Membraninen abhandle, ist
der, daß nach meiner Auffassung hier ein Übergangsgebilde vorliegt,
welches sich chemisch an die typischen Membranine anschließt,
morphologisch allerdings noch nicht jene normale Ausbildung erlangt
hat, die wir z. B. bei der Gruppe der Malvales (Tiliaceen, Malvaceen,
Sterculiaceen) antreffen. Nur selten findet sich bei _Orchis_ ein
deutliches zentrales Lumen, das ringsum von Schleim umgeben ist (Fig.
133). Dagegen treffen wir bei der benachbarten _Herminium monorchis_
(L.) ~R. Br.~ eine typische Schleimmembran (~Birger~). Es macht
bisweilen den Eindruck, daß eine peripherische, parietal gelagerte
Plasmaschicht die normale Auflagerung des Schleims in Form von normalen
Schleimmembranschichten hindert.
Tuber Salep.
=Syn.= Rad. Salep, Salepknollen -- Knabenkraut (weitere deutsche Namen
unter Synom. und bei ~Pritzel-Jessen~) -- saleb (holl.) -- saleprot
(schwed.) -- Salep (franz. und engl.) -- saalāb, salap (arab. pers.).
-- Orchis militaris heißt auch in den Volkssprachen: Soldaten-O.,
O. guerrrier ou militaire, military-O., Soldaat-O. -- wegen der
helmförmigen Blüte; wie Orchis Morio (von μωρός = Narr): O. bouffon,
harlekijns -- wegen der bunten Blume. -- Der handförmige: Rad. palmae
Christi, Rad. palmata.
Bei ~Theophrast~ ὄρχις und bei ~Dioskurides~ ὄρχις und σατύριον, so
auch bei ~Plinius~ (s. Geschichte). ~Bonnet~ deutet des ~Dioskurides~
ὄρχις als _O. papilionacea_ und _mascula_, das σατύριον als _Ophrys
anthropophora_ (s. hinten). Bei ~Alhervi~ (pers.): bûzeidan, bei
~Ibn Baithar~ (arab.): būzīdān. -- Satyrion bei ~Constantinus
Africanus~ (XI. Jahrh.) und in Circa instans (XII. Jahrh. I, S. 637).
-- In der +Alphita oxoniens.+ steht: saturion (iarus, priapiscus,
leporina -- Kukkowspitte), Satirion (stondengousse); und in den
+Sinonoma Bartholomei+: satyrion = herba leporina und ~Isidor~
bemerkt in seinem Etymologicon: Satyrion vulgus vocant stingum.
Item et Orchis item et Leporina. -- Bei ~Albertus Magnus~: satiria
(Orch. mil.) testiculus vulpis, t. canis (O. mascula), so auch (--
neben Rad. satyrionis --) bei ~Crescenzi~ (I, S. 677), ~Serapion~
(I, S. 605). -- Im Liber Dynamidorum sind als Synonyma von Satyrion
angegeben: priapiscum, tentaticon, mazinium, extingum, gartcolon. --
Bei ~Cordus~ (I, S. 802) steht: Satyrion (Rad. orchios, testiculi
vulpis). Es waren dies vielleicht die Knollen von _Platanthera
bifolia_. Doch bezogen sich wohl, darin stimme ich ~Dragendorff~ bei,
die arabischen und anderen allen und mittelalterlichen Namen nicht
auf spezielle Arten (_Orchis Morio_ und _undulatifolia_ [~Leclerc~],
_O. anthropophora_ [~Fraas~], _O. papilionacea_ [~Sibthorp~,
~Sontheimer~]), sondern bezeichneten alle Arten der Gattung _Orchis_
und verwandter Gattungen, deren Systematik ja noch heute eine sehr
künstliche ist (~Ascherson~).
=Etym.= ~Grimm~ (Deutsch. Wörterb. V [1873] 1465) sagt: Knolle
(masc.) ungenau: Knollen. ~Kluge~ (Etymolog. Wörterb.): Knollen
(m) aus mhd., Knolle (m). Ich schließe mich der Schreibweise «der
Knollen» an (~Flückiger~ schreibt: der Knolle; die meisten Autoren:
die Knolle).
An die Hoden erinnern die Ausdrücke: Bocks- oder Fuchshödlein,
Hasen-, Narren-, Pfaffenhoden, Bällchenwurz (angels.), sowie ὄρχις (=
Hoden, bei ~Theophrast~ -- ὀ. κυνός, bei ~Dioskurides~ -- von ὀρέχειν
begehren), testiculus vulpis, leporis, canis, sacerdotis etc., --
dog-, fox-, hare-, goat-stones. An die Verwendung als +Aphrodisiacum+
erinnert: Bocksgeil, Erdgeile und Geilwurz (so z. B. bei ~Cordus~),
Heiratsblume oder -wurzel, Kinder- oder Knabenkraut (so im Ort.
sanit.), Raynwurz, Stendelwurz, Höswurz, Venusblume; Kuckucksblume
(der Kuckuck ist der Vogel der Liebe), sowie die alten Bezeichnungen:
priapismus (priaspiscus), satyrion. (Weitere erotische Beziehungen
bei ~Aigremont~, Volkserotik). An die +handförmige Teilung der
Knollen+ einiger Arten (s. weiter hinten) erinnern Ausdrücke wie
Palmachristi, Pentadactilus, Marien-, Christi- oder Gotteshand (im
Gothaer Arzneibuch [I, S. 680]: godeshant), Glücks- oder Teufelshand,
Händechen. Im Arabischen heißt testiculi canis: ḫuṣa ʾl-kalb (das
ḫ ist ein hartes ch) und testiculi vulpis: ḫuṣa ʾṯ-ṯaʿlab (das t
in ta wie das englische th zu sprechen), der Singular testiculus
vulpis lautet: ḫuṣjat at-ṯaʿlab (~Marti~). Aus diesem ṯaʿlab wurde
das noch jetzt im Osten gebräuchliche salap und unser salep. -- Die
Bezeichnung für Salep kâtil ahîhi bedeutet «Mörder seines Bruders»
und bezieht sich wohl darauf, daß der alte Knollen zu Grunde geht,
während der neue «Bruder»-Knollen heranwächst. Die Ausdrücke busidân,
bûzeidan, būzīdan stammen aus dem Indischen.
=Stammpflanzen.= Salep wird vorwiegend von Orchidaceen der
Ophrydeenabteilung, besonders von Orchisarten gesammelt. In
Mitteleuropa kommen vor und liefern Salep:
=Orchis militaris= (L. ex parte) ~Huds.~ (O. =militaris ~Jacq.~=, O.
=galeata ~Poir.~=, O. Rivini ~Gouan.~), =O. purpurea= ~Huds.~ (O.
fusca ~Jacq.~), =O. ustulata= L., =O. Morio= L., =O. mascula= L., =O.
latifolia= L., =O. incarnata= L. (O. angustifolia ~Wimm.~ et ~Grab.~),
=O. maculata= L., =Anacamptis pyramidalis= ~Rich.~ [Aceras pyramidalis
(L.) ~Rchb.~ fil.], =Gymnadenia conopéa= [die Form conopsea ist
grammatisch nicht zu erklären, ~Ascherson~] (L.) ~R. Br.~ Auch Aceras
anthropophora und Ophrys arachnites werden genannt.
In Thessalien, Macedonien und Epirus liefern (außer O. Morio und
mascula) =Orchis saccifera= ~Brongniart~, =O. coriophora= L. und
=O. longicruris= ~Link~ Salep. In Griechenland werden besonders die
Knollen von O. Morio und =O. papilionacea=, dann auch O. undulatifolia,
mascula, palustris gesammelt (~Landerer~).
In Kleinasien ist die Gattung Orchis durch c. 30 Arten vertreten. Es
ist nicht bekannt, welche speziell zur Salepgewinnung herangezogen
werden.
Von den 32 Arten, die in ~Boissiers~ Flora orientalis aufgeführt
sind (~Tchihatcheff~ nennt 36 kleinasiatische), sind für Gebiete
des westlichen Kleinasiens angegeben: _Orchis Morio_ β _picta_
(Anatolien, Cilicien), _O. comperiana_ (Lydien), _O. coriophora_
β _fragrans_ (Anatolien), _O. sancta_ (Pamphylien, Smyrna),
_O. tridentata_ (Anatolien), _O. palustris_ (ebenda.), _O.
pseudosambucina_ (ebenda), _O. papilionacea_ (Pamphylien), _O.
provincialis_ β _pauciflor._ (Smyrna), _O. anatolica_ (Carien,
Lycien), _O. Simia_ (Pamphylien) und weiter im Norden _O. maculata_
und _fusca_ (in Cappadocien).
In Algerien werden die sehr großen Knollen von =Orchis Munbyana= und
=O. Robertiana= benutzt (~Landerer~, Pharm. Jahresb. 1878, ~Simmonds~,
Am. journ. pharm. 1891).
In Nordpersien werden die Knollen besonders von =Orchis latifolia= L.,
dann auch von =O. laxiflora= ~Lamck.~ gesammelt und unter dem Namen
Salapmisri nach Indien gebracht (~Aitchison~, ~Stolze~ und ~Andreas~).
_Orchis_ und _Anacamptis_, sowie _Ophris_ und _Aceras_ gehören zu der
Abteilung Monandrae -- Ophrydinae -- Serapiadaceae; _Gymnadenia_ zur
Abteilung Monandrae -- Ophrydinae -- Gymnadenieae.
In Nordindien sind die großen Knollen (man-kand, amber-kand) von
=Eulophia campestris= ~Lindl.~, =Eul. herbacea= ~Lindl.~, in Südindien
die kleinen von =Habenaria pectinata= ~Don~ und etwa fünf anderen Arten
Salep liefernd (~Watt~, Dict. of econ. prod. ~Lindley~, ~Royle~).
Pharmac. ind. nennt auch Eulophia virens ~Br.~, Eu. campestris ~Wall.~,
Eu. nuda ~Lindl.~
_Eulophia_ gehört zur Abteilung Monandrae -- Cyrtopodiinae,
_Habenaria_ zur Abteilung Monandrae -- Ophrydinae -- Habenarieae.
Die Gattung Orchis mit ihren 70 vorwiegend in der alten Welt
vorkommenden Arten wird jetzt eingeteilt in:
Sect. I. _Herorchis_ ~Lindl.~
a) Papilionaceae: _O. papilionacea_. b) Moriones: _O. Morio_. c)
Militares: _O. militaris_, _purpurea_, _tridentata_ (_variegata_),
_ustulata_. d) Ibericae: _O. iberica_.
Sect. II. _Anderorchis_ ~Lindl~.
a) Globosae: _O. globosa_. b) Saccatae: _O. saccata_. c) Masculae:
_O. mascula_, _palustris_, _pallens_. d) (Latifoliae): _O.
latifolia_, _incarnata_, _maculata_.
Ausführlichere Angaben in ~Luerssen~, Mediz. pharm. Botan.
Die ~Linné~sche _O. militaris_ umfaßt: _O. purpurea_, _tridentata_,
_Simia_ und _Rivini_.
_O. militaris_ ist von England, Nord- und Mittelspanien, sowie
Italien über Deutschland bis Mittelrußland und Sibirien, sowie
Ost-Dahurien, _O. Morio_ durch Europa und auch im westlichen Asien,
_O. maculata_ durch ganz Europa und Sibirien, _O. mascula_ in Europa
bis zum Ural, _O. latifolia_ von Europa bis Kamtschatka heimisch.
Diese sind bei uns die häufigsten, _O. papilionacea_ und _saccata_
sind im Mittelmeergebiet, _O. purpurea_ in Mittel- und Südeuropa,
_O. ustulata_ in Europa bis zum Ural, _O. iberica_ im Gebiet des
Kaukasus, _O. incarnata_ von Europa bis Kamtschatka heimisch.
Die _Orchis_arten sind Wiesenpflanzen und sog. «Magerkeitszeiger»,
die gedüngte Stellen fliehen und vom Weidevieh gemieden werden.
Folgende Standorte werden in ~Garckes~ Flora von Deutschland
angegeben: _O. purpurea_ ~Huds.~ schattige Gebirgswälder, gern auf
Kalk, am häufigsten in Mittel- und Südwestdeutschland, namentlich
in Thüringen, bei Hannover, auf Rügen. _O. militaris_ (L.) ~Huds.~,
Wald- und Moorwiesen, sonnige Kalkberge, in Nordwestdeutschland
fehlend. _O. ustulala_ L., Bergabhänge, Wiesen niedriger und
gebirgiger Gegenden, in den Alpen verbreitet. _O. Morio_ L. (die
kleinste unserer Arten), Wiesen, trockene Abhänge, häufig. _O.
mascula_ L., Wiesen, Wälder, häufig in Süd- und Mittel-, selten in
Norddeutschland. _O. maculata_ L., sumpfige Wiesen, Wälder häufig.
_O. latifolia_ L., feuchte Wiesen, häufig. _O. incarnata_, torfige,
sumpfige Wiesen, zerstreut. Diese Standorte wären bei der Anlage
einer Kultur zu beachten. Man hört oft aus den Handelsberichten, daß
Trockenheit die Ernte beeinträchtigt.
=Beschreibung der Stammpflanze.= Die _Orchis_arten sind sämtlich
ausdauernde Kräuter, die ihre unterirdischen Organe ziemlich tief im
Boden bilden. Aus dem Samen bildet sich im ersten Jahre ein Knöllchen,
das der Wurzel entspricht, an ihm sitzt ein aus Niederblättern und
der Laubblattanlage gebildetes Knöspchen (Fig. 132, AB). Im nächsten
Jahr entwickeln sich 2-3 Laubblätter und in der Achsel einer der
Niederblätter ein Knöspchen, das eine Adventivwurzel bildet (Fig. 132,
CD). «Diese verdickt sich knollenförmig und wird durch die vergrößerte
röhrenförmige Scheide seines untersten Blattes wie durch ein Rohr
tiefer in den Boden gesenkt» (Fig. 132, FG). Dieser kleine Knollen
bildet den Grundstock für eine neue Pflanze, die sich dann im nächsten
Jahre entwickelt (Entwicklung des Knollens ausführlich bei ~Irmisch~
und ~Arthur Meyer~).
[Illustration: Fig. 132.
A-K _Orchis militaris_. a junge Keimpflanze nach der Blüte, B
stärker vergrößerter Längsschnitt durch A, CD ältere Keimpflanze mit
hervortretender Wurzel. E Längsschnitt durch eine solche Keimpflanze.
FG Keimpflanze im nächsten Frühjahr, die Wurzel hat einen Knollen
gebildet. H Anlage des aus einem Seitensproß und einer Adventivwurzel
kombinierten Knollen an der erwachsenen Pflanze. Die Wurzel steckt noch
in der Scheide (v). J Basis einer erwachsenen Pflanze im Sommer. K
dasselbe im Längsschnitt. L _Orchis latifolia_. Basis einer erwachsenen
Pflanze. (A-H nach +Irmisch+, J-L nach +Luerssen+.)]
Die blühende Pflanze besitzt zwei Knollen (Fig. 132, JKL). Der ältere
Knollen hat seine Reservestoffe an die oberirdische Pflanze abgegeben
und erscheint daher mehr oder weniger geschrumpft und außen bräunlich,
das Gewebe ist entleert. Der helle junge Knollen dagegen, der ähnlich
wie der Knollen an der Keimpflanze aus der Adventivwurzel einer
Knospe des vierten oder fünften Niederblattes entstanden ist, ist mit
Reservestoffen prall gefüllt. Er ist ziemlich frühzeitig innerhalb der
Achse entstanden, deren Gewebe ihn noch eine Zeitlang wie ein Sack
umgibt (Fig. 132, H), sitzt, wenn ganz entwickelt, was schon im Juni
erfolgt ist, einem kurzen Aste an und trägt oben ein Knöspchen (Fig.
132, K). Aus ihm entwickelt sich die neue Pflanze im nächsten Jahr. Der
Knollen trägt ganz den Charakter einer Speicherwurzel. Daneben finden
sich noch am Grunde der Achse Ernährungswurzeln. _Orchis purpurea_ und
_militaris_ (Fig. 132, JK), sowie _Platanthera bifolia_ haben ovale
oder eiförmige, _O. ustulata_, _Morio_, _mascula_ und _coriophora_
und die _Ophrys_-Arten rundliche, _O. tridentata_, _laxiflora_ und
_globosa_ längliche, _O. sambucina_ zylindrische oder spindelförmige,
_Orchis maculata_, _latifolia_ (Fig. 132, L), _incarnata_ und
_saccifera_, sowie _Gymnadenia conopea_ handförmig geteilte Knollen.
Der krautige Stengel ist einfach. Er wird bei den einzelnen Arten
verschieden hoch. Die Niederblätter sind scheidenartig, und soweit
sie im Boden stecken weiß. Die Blätter tragen bei _O. militaris_ auf
einer Scheide eine oblong-lanzettliche, stumpfliche, etwas fleischige,
4-5 cm breite, 8-16 cm lange Spreite, die getrocknet nach Vanillin
riecht. Der Blütenstand ist eine Ähre, die bei _O. militaris_ 7-10
cm lang wird. Die Deckblätter sind breit eiförmig, rot. Der sitzende
einfächerige, unterständige Fruchtknoten ist gedreht und dadurch
die zygomorphe Blüte resupiniert, d. h. die oberen Teile der Blüte
nach unten gekehrt. Die drei äußeren Perigonblätter sind ziemlich
gleich, eilanzettlich, bei _O. militaris_ außen rötlich weiß, an den
Nerven rot, zwei Perigonblätter des inneren Kreises etwas kleiner,
schmaler, dunkler, alle fünf nach oben gerichtet, einen Helm bildend,
das dritte (ursprünglich das hintere obere) Blatt des inneren Kreises
aber als Labellum entwickelt und nun nach unten gerichtet, aus der
Blüte heraushängend. Er trägt einen hohlen Sporn, der als Nektarium
wirkt, obwohl er keine eigentlichen Nektarien bildet (der süße Saft
muß «erbohrt» werden) und bildet eine breite, tief dreispaltige, als
Anlockungsmittel für Insekten dienende Lippe, die länger ist als die
übrigen Perigonblätter und deren Mittellappen wieder zweigespalten
erscheint mit einem kleinen Zwischenläppchen (bei _O. Morio_ ist die
Lippe dreilappig, der Mittellappen abgestutzt-ausgerandet, bei _O.
papilionacea_ ganzrandig, bei _O. mascula_ tief dreilappig mit breiten
gezähnten Lappen, bei _O. latifolia_ breit-keilförmig, dreilappig). Die
Farbe der Lippe ist bei _O. militaris_ weiß mit purpurnen Haarpinseln
(bei _O. ustulata_ weiß, rot punktiert, bei _O. coriophora_ purpurn
geadert, am Grunde weiß, purpurn punktiert, bei _O. Morio_ purpurn
mit grünen Adern). An die eigenartige Insektenform und den Geruch
gewisser _Orchis_blüten erinnern die Bezeichnungen: conopea (von κώνωψ
= Mücke), muscifera (= Fliegenträger), coriophora (von κόρις = Wanze)
und Fliegenblumen. Das Androeceum ist mit dem Griffel verwachsen und
bildet das Gynostemium, das aus der Columella, dem Clinandrium und
dem Rostellum besteht. Die Griffelsäule ist sitzend, vorn flach,
hinten gewölbt; die Narbe am Grunde der Säule quer gestellt, umgekehrt
herzförmig. Über ihr liegt die kleine Bursecula und in dieser die
beiden Klebscheiben (retinacula) der zwei gestielten, keulenförmigen
Pollinien, die aus der verklebten Pollenmasse bestehen. Die Anthere
ist also dithecisch. Senkt nun ein Insekt seinen Rüssel in die Blüte,
so schiebt es, wie ~Charles Darwin~ zuerst beobachtete, die Bursecula
beiseite, der Rüssel kommt mit den Klebscheiben in Berührung, diese
kleben sich am Rüssel fest und wenn nun der letztere aus der Blüte
herausgezogen wird, so werden die Pollinien aus ihrem Behälter
herausgerissen (vgl. auch I, S. 389). Sie stehen zunächst senkrecht
auf dem Rüssel, senken sich aber dann herab und wenn nun das Insekt
eine zweite Blüte besucht, so treffen die Pollinien direkt auf die
Narbe: das klassische Beispiel einer an Insektenbefruchtung angepaßten
zoidiophilen Blüte. Die Frucht ist eine sechskantige Kapsel, die mit
drei Klappen aufspringt. Der Fruchtknoten stellt sich später wieder
richtig, die Resupination der Blüte wird aufgehoben. Die sehr kleinen
Samen haben einen ungegliederten Keimling. Sie werden zur Reifezeit
durch den Wind verstreut.
Die _Orchis_arten blühen bei uns meist im Mai bis Juni. Die Knollen
werden vor der oder zur Blütezeit der Pflanze gesammelt.
=Lit.= +Abbild.+: ~H. G. Reichenbach~, Orchideae in Flora germanica
recensitae etc. 170 col. Taf. 1851 (B. 13 u. 14 der Icones flor.
germ.). -- +Abbild.+ von _O. militaris_ in ~Berg-Schmidt~, Atlas taf.
134 (dort die system. Lit.), ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. t. 61,
~Luerssen~, Med. pharm. bot. (dort die systemat. Lit. der Familie).
~Hayne~, Arzneigew. t. 17. ~Giesenhagen~, Botanik 1910, Fig. 367. --
Von _O. ustulata_ in ~Hayne~, Arzneigew. t. 16. -- Von _O. Morio_ in
~Hayne~, Arzneigew. t. 24 und ~Nees von Esenbeck~, Plant. med. t.
72. -- Von _O. mascula_ in ~Nees von Esenbeck~, Plant. med. t. 71.
und ~Giesenhagen~, Botanik 1910. Von _O. latifolia_ im Bonner Lehrb.
d. Bot. u. in ~Garckes~ Flor. v. Deutschl. -- ~Pfitzer~, Entwurf
eines natürlich. Syst. d. Orchid. und Orchidaceae in ~Engler-Prantl~,
Pflanzenfam. II, 6, S. 52 (dort die Literatur d. Familie). --
~Irmisch~, Morph. d. monokotyl. Knollen usw. Berlin 1850, Beitr.
z. Biolog. u. Morph. d. Orchid. 1853 u. ein. Beobacht. an einheim.
Orchid. Flora 1854. -- ~A. Meyer~, Knollen der einheim. Orchideen.
Arch. Pharm. 1886 (m. zahlr. Abbild. u. Literaturnachweisen) und
Wissensch. Drogenkunde.
=Pathologie.= Über die tierischen Schädlinge berichtet ~Israel~: Die
Orchideen scheinen unter den Insekten sehr wenige Feinde zu haben,
doch trifft man gelegentlich polyphage Eulenraupen auch an Orchideen,
ohne daß sie jedoch Feinde derselben genannt werden könnten. Bei Jena
fand ich eine Dipterenmade (vermutlich eine _Cortdylura_species) auf
_Orchis mascula_, die Blätter minierend.