Ortsnamen enthalten. Linter (lin = Lein, ter, tera, tra = Baum,
also Leinbaum, wegen der faserigen Rinde), «der uralte deutsche
Bast- oder Gewandbaum», noch jetzt in St. Gallen: Bastholz. Das ahd.
linta bedeutet sowohl Linde wie Bast, das altnord. lindi Gurt, das
schweiz. linte Flachs und Hanf, das schwedische linda auch Binde
-- alle Bezeichnungen hängen also mit Binden und Bast zusammen. Im
Isländischen bedeutet lind Baum schlechthin (Katexochebegriff, vgl.
I, S. 1066). (Vielleicht (?) in Beziehung zu ἐλάτη, lentâ = Fichte,
vgl. den Wandel in der Bedeutung von Baumnamen in ~Kluge~, Etymol.
Wörterbuch). Mit «gelinde» hat es jedenfalls nichts zu tun, wie
~Lonicerus~, ~Adelung~ u. and. meinen. Übrigens kommt auch der Name
~Linné~ von Linde (und zwar von einem bestimmten Lindenbaum). Tilia
(von θήλεια) wird meist mit πτίλον (= Flügel) zusammengebracht, wegen
der flügelartigen Bractee. Andere bringen es mit τίλος (= Faser)
zusammen und dies scheint mir das wahrscheinlichere. Auch zu φιλύρη
(= Linde +und+ Bast -- verwandt mit φλόος = Bast) -- was auch einiges
für sich hat -- ja sogar mit πτελέα (= Ulme) ist tilia in Beziehung
gebracht worden (~Kanngiesser~).
=Stammpflanze.= =Tilia Europaea= L. (Spec. pl. ed. I, 514) wird jetzt
in folgende Arten gespalten:
=Tilia ulmifolia= ~Scopoli~ Fl. Carn. I, 374 (1772) [T. europaea L.
ex parte (γ), T. parvifolia ~Ehrhart~, T. microphylla ~Ventenat~, T.
silvestris ~Desf.~, T. cordata ~Mill.~], Spät-, Winter-, August-,
wilde, Wald- oder Steinlinde. Bei ~Bock~: wild Lindenbaum (T.
silvestris), -- blüht Ende Juni bis Mitte Juli (in Süddeutschland c.
10. bis 25. Juli) -- mit der Form +intermedia+ ~Dc.~ [T. europaea L. ex
parte (α), T. hybrida ~Bechst.~, T. vulgaris ~Hayne~] und die für uns
weniger wichtige
=Tilia platyphyllos= (auch platyphylla ~Ascherson~) ~Scopoli~ Fl. Carn.
I (1772) [T. europaea L. ex parte (β), T. grandifolia ~Ehrhart~, T.
pauciflora ~Hayne~, T. cordifolia ~Bess.~], Früh-, Sommer-, Gras-,
Hamburger oder holländische Linde. Bei ~Bock~: zam Lindenbaum (T.
sativa), -- blüht Anfang bis Ende Juni oder Anfang Juli, c. 14 Tage
früher als T. ulmifol. (doch kehrt sich in Italien das Verhältnis um,
~Flückiger~). -- Nebst Hybriden zwischen beiden Arten.
Bei den Tiliaarten muß der Autor beigesetzt werden. Es gibt drei
grandifolia und drei platyphyllos (~Holmes~).
=Systemat. Stellung.= +Tiliaceae+, Tilieae.
=Etym.= Auf die kleinen Blätter bezieht sich: parvifol. (von parvus)
und microphylla (von μικρός), auf die großen Blätter: grandifolia,
auf die wenig zahlreichen Blüten pauciflora.
=Beschreibung.= Die Linde wird bis 50 m hoch und bis 600 und mehr
Jahre alt. Sie trägt eine dichte, gerundete Krone mit weit ausladenden
Ästen. «Die jüngsten Zweigchen sind deutlich zweizeilig wie eine
Steigeleiter angeordnet» (~Schumann~). Die leicht abziehbare Rinde
ist reich an Bastfasern. Das helle Holz ist sehr gleichmäßig gebaut.
In Mark und Rinde liegen Schleimzellen. Die deutlich zweizeilig,
abwechselnd dorsiventral angeordneten Blätter sind gestielt, schief
herzförmig, zugespitzt, ungleich gesägt bei _T. ulmifolia_, oberseits
kahl und dunkelgrün, unterseits blaugrün, bei _T. platyphyllos_ ist die
Farbe der beiden Blattseiten fast gleich. In den Achseln der Nerven
sitzen bei _T. ulmifolia_ rotgelbe, bei _T. platyphyllos_ weißliche
Haarbüschel. Diese Haarbüschel sind Domatien für Milben. Die Milben
halten als «Dank» für die Unterkunft, die ihnen das Blatt gewährt,
bei ihren Exkursionen während der Nacht -- am Tage bleiben sie im
«Milbenhäuschen» -- das Blatt von Pilzsporen u. and. Schädlingen
frei (Symbiose). _T. ulmifolia_ hat meist kleinere Blätter als _T.
platyphyllos_, auch sind die Blätter kahl, während sie bei der anderen
Art weichhaarig zu sein pflegen. Die Nebenblätter werden beim Austriebe
abgeworfen, nachdem sie als Knospenschuppen gedient haben.
Die bei _T. ulmifolia_ vorgestreckte, bei _T. platyphyllos_ hängende
+Infloreszenz+ zeigt folgenden Bau. Das Laubblatt der blühenden Zweige
(l, Fig. 129) trägt in seiner Achsel auf der einen Seite eine gestielte
Infloreszenz mit einem, dem Stiele halb angewachsenen flügelförmigen
Blatte (a, Fig. 129), auf der anderen eine kleine Knospe (b). Die
Infloreszenz ist als der Achselsproß des Laubblattes l aufzufassen,
das Blatt a ist das eine, das Deckblatt der Knospe (b) das andere
Vorblatt dieses Achselsprosses. Das Blatt a bleibt steril, in der
Achsel von b entsteht eine (überwinternde) Knospe. Diese Knospe (b,
Fig. 129) ist eine Laubblattknospe, nicht eine Blütenstandknospe wie
bei ~Flückiger~ u. and. steht (vgl. den Querschnitt Fig. 129). Die
Blütenstände entstehen erst an den Jahrestrieben, daher blüht die
Linde so spät. Die Infloreszenz selbst schließt mit einer Gipfelblüte
(t), der drei zarte Hochblättchen c, d und e vorangehen, die in einer
Spirale angeordnet sind (Fig. 129), c bleibt steril, die beiden anderen
d und e entwickeln in ihren Achseln Blüten, deren Stielen sie eine
Strecke weit angewachsen sind. Diese Blüten haben zwei sehr zarte,
ungleich hoch inserierte, hinfällige Vorblättchen. Aus diesen kann
sich die Verzweigung fortsetzen. Bei _T. platyphyllos_ +beträgt die
Zahl der Blüten+ 3-7, +bei+ _T. ulmifolia_ +bis+ 13 (+oder gar+ 15).
Die sekundäre Verzweigung der Infloreszenz ist dichasialwickelig. Die
etwa 6-8 cm lange Infloreszenz ist besonders ausgezeichnet +durch das
der Infloreszenzachse ein Stück weit+ -- meist etwa bis zur Mitte
-- +angewachsene große+, lineal-längliche, zungenförmige, stumpfe,
ganzrandige, häutige, netzadrige, bleich-grüngelbliche +Deckblatt+
(sog. Bractee -- es ist aber ein Hochblatt). Die proterandrische
+Blüte+ ist fünfzählig. K 5, C 5, A (30-40)/5 G. (̲5). Die
zahlreichen Stamina sind als aus fünf epipetalen Primordien entstanden
zu denken.
[Illustration: Fig. 129.
_Tilia platyphyllos._ 1. Infloreszenz in der Aufsicht. 2. Dasselbe im
Grundriß. Die Buchstaben bezeichnen die korrespondierenden Teile. 3.
Blüte im Längsschnitt. [+Tschirch-Oesterle+, Atlas.]]
Der +Kelch+, der besonders beim Aufblühen sehr angenehm riechenden
(bei _T. platyphyllos_ ansehnlicheren) Blüten besteht aus fünf in der
Knospenlage klappigen, leicht abfallenden, oval-oblongen, kahnartigen,
c. 5 mm langen, grau-grünen, behaarten Blättern. Die fünf mit den
Sepalis alternierenden Kronenblätter sind länger als die Kelchblätter,
grünlich-gelb (bei _T. plat._ gelb), oblong-spatelförmig, an der Spitze
abgerundet oder zugespitzt, in der Knospenlage gedreht. Sie besitzen an
ihrer Basis auf der Innenseite ein drüsiges Nectarium (~Schnitzlein~),
weshalb die Blüten viel von Bienen und Fliegen besucht werden, die
vom Dufte angelockt, oft zu hunderten die blühende Linde umschwärmen.
Die zahlreichen (30-40), freien Staubgefäße sind kaum länger als die
Blumenblätter. Sie stehen in fünf epipetalen Phalangen und sind
alle fruchtbar. An der Spitze ist das Filament gegabelt und trägt
an den Gabelästen die beiden gesonderten Thekae (Antherenhälften),
die am Rücken angeheftet sind und mit Längsspalten aufspringen. Der
oberständige Fruchtknoten ist kugelig, dicht filzig. Er besteht aus 5
(selten 3 oder 4) Carpellen und ist meist fünffächerig. In jedem Fach
liegen zwei anatrope, aufstrebende Ovula. Von allen zehn wächst aber
nur eins (oder zwei) zu dem endospermhaltigen Samen heran, die anderen
verkümmern und werden beiseite geschoben. Der einfache Griffel ist
kürzer als die Staubgefäße und trägt an der Spitze eine fünflappige,
papillenfreie Narbe, deren Lappen vielfach zerschlitzt sind. Die
nußartige, einsamige Frucht ist 7-8 mm breit, fast kugelig, mit
kurzer, schiefer Spitze versehen. Die Früchte sind bei _T. ulmifolia_
dünnschalig, zerbrechlich, undeutlich-kantig, bei _T. platyphyllos_
größer (oft 4 mm), fünfkantig, mit holziger Schale. Der Fruchtstand
trägt noch die Bractee (s. oben). Dies «Flügelblatt» dient ihm als
Flugapparat. Der Same enthält reichlich Endosperm und einen Keimling
mit gefalteten, blattartigen, fünflappigen Keimblättern, sowie einer
dicken Radicula.
=Verbreitung.= _T. platyphyllos_ erreicht ihre Polargrenze schon
in Mitteldeutschland (~Willkomm~), wo sie übrigens ursprünglich
nicht heimisch war (~Grisebach~). _T. ulmifolia_ dagegen, die
nach den Moorfunden zu schließen, als alteinheimische Pflanze
Nordwestdeutschlands anzuerkennen ist (~Hoops~, vgl. auch ~Bock~
oben S. 367) und die sich im größten Teile von Europa findet, geht
wildwachsend in Norwegen und im Ural bis zum 62°, in Schweden bis zum
63° (in Anlagen bis zum 68°, ~Schübeler~). Im Süden findet sie sich
mehr in den Bergen (bis 1200 m). Sie fehlt in Süd-Spanien, Süd-Italien
und Griechenland, findet sich aber in den südlichen Kaukasusländern und
geht über den Ural bis zum Altai. Im russischen Gouvernement Kostroma
finden sich Linden noch auf dem 68°. _T. platyphyllos_ ist wohl im
Südosten (Donauländer, Griechenland, Unteritalien, Spanien) heimisch.
Wälder bildend ist die Linde in Deutschland nie gewesen und ist sie
auch heute nicht, im Osten dagegen, z. B. am Dnjepr, finden sich große
Lindenwälder. Beide Linden finden wir oft als Alleebäume, in Anlagen,
auf Friedhöfen, am Dorfteich, «am Brunnen vor dem Tore», -- sowie
als «Gedenklinden» angepflanzt. _T. platyphyllos_ ist stärker und
langlebiger als _T. ulmifolia_.
=Lit.= ~Berg-Schmidt~, Atlas II. Aufl. t. 108 (dort die systemat.
Liter.). -- ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. t. 15. -- ~Szyszylowicz~,
Syst. d. T. Englers Jahrb. VI (1885). -- ~J. Moeller~, Pharmakogn.
Fig. 108 u. 109 und Artikel Tilia in Realenzykl. d. Pharm.
-- ~Eichler~, Blütendiagr. -- ~Schumann~ in ~Engler-Prantl~,
Pflanzenfam. -- ~Tschirch-Oesterle~, Atlas. -- ~Schübeler~,
Pflanzenwelt Norwegens. -- ~Flückiger~, Pharmakogn. -- ~Grisebach~,
Vegetat. d. Erde I, 142. -- ~Willkomm~, Forstl. Flora. --
~Schnitzlein~, Das Honigorgan d. Lindenblüte. Ber. Naturhist. Ver.
Augsburg 1858. -- ~Holmes~, Pharm. Journ. 1900, 418.
=Einsammlung.= Lindenblüten werden gesammelt in Deutschland (Franken,
Elsaß) -- der Elsaß liefert jährlich 2-3000 kg (~Rosenthaler~) -- der
Schweiz, speziell in den Kantonen Bern, Solothurn, Luzern, Uri, Wallis,
St. Gallen (~Schürmann~), Österreich (z. B. Mähren), Ungarn (~Pater~)
und den Balkanländern. Montenegro führte 1907 für 20900 Kronen _Flos
tiliae_ aus (~Tunmann~); auch Österreich exportiert (~Mitlacher~),
ebenso Belgien (I, S. 100) und das Gouvernement Poltawa (Rußland).
Durch, wegen der Beschädigungen der Bäume durch vandalisches Abreißen
ganzer blütentragender Zweige, erlassene polizeiliche Verfügungen ist
das Einsammeln von Lindenblüten in Deutschland sehr erschwert. Die
Handelsware besteht (nach ~A. Meyer~) meist aus den Blütenständen
von _T. platyphyllos_, obwohl die von _T. ulmifolia_ höher geschätzt
werden. 4 Teile frische Blüten geben 1 Teil trockene. Will man
oxydasehaltige Blüten, so muß man bei niedriger Temperatur im Schatten
trocknen, da die Oxydase durch scharfes Trocknen und Sonnenlicht
zerstört wird (~Carles~). Der Vorrat ist jährlich zu erneuern, da die
Blüten sich rasch verriechen. Der Geruch nimmt schon beim Trocknen
stark ab. Es ist auch _Fl. Til._ +sine+ _bracteis_ im Handel.
=Lit.= ~Mitlacher~, Pharm. Post 1909. -- ~Rosenthaler~, Apoth. Zeit.
1909. -- ~Schürmann~, Schw. Wochenschr. 1908. -- ~Tunmann~, Apoth.
Zeit. 1910.
=Pathologie.= Auf den Blättern der Linde kommen verschiedene
parasitische Pilze, namentlich Pyrenomyceten und Imperfekten
vor. Dieselben können sicherlich auch mitunter das Deckblatt der
Infloreszenzen oder letztere selber befallen. Es wird dies angegeben
für _Gloeosporium tiliaecolum_ ~Allescher~, welches nach ~Laubert~
(Zeitschrift f. Pflanzenkrankh. Bd. 14, 1904) auch auf diesen Teilen
auftreten kann (~Ed. Fischer~).
Über die tierischen Schädlinge der Linde berichtet ~Israel~:
+Käfer+: _Pogonocherus hispidus_ L. Die Larve dieses Bockkäfers lebt
in dürren Zweigen von _Tilia_- und _Acer_arten. _Bostrychus tiliae_
~Fb.~ Larve unter der Rinde von Lindenbäumen. _Aegosoma scabricorne_
~Scop.~ Die Larve dieses selteneren Käfers lebt im Holze der Linde
und anderer Laubbäume. _Rhynchites betuleti_ ~Fabr.~ Larve auf Linde,
Birke, Haseln usw. _Dorcus parallelepipedus_ L. Larve in kernfaulen
Linden, Buchen, Hainbuchen, Nuß- und Obstbäumen usw. _Osmoderma
eremita_ ~Scop.~ Die Larve dieses Käfers lebt meist zu mehreren in
kernfaulen Linden, Erlen, Eichen usw. _Anobium tessellatum_ ~Fabr.~
Larve gesellig in Lindenstöcken usw.
+Falter+: _Vanessa antiopa_ L., _Smerinthus tiliae_ ~Hb.~ an
Lindenblättern. _Zeuzera aesculi_ L. Im Holze der Äste. _Cossus
ligniperda_ O. Im Stammholze und den starken Wurzeln von _Tilia_,
_Salix_, _Populus_, _Prunus_, _Quercus_ usw. usw. _Aglia tau._ ~Hb.~,
_Gastropacha lanestris_ ~Hb.~, _Notodonta camelina_ ~Hb.~, _Stauropus
fagi_ ~Hb.~, _Phalera bucephala_ ~Hb.~, _Orgyia pudibunda_ ~Hb.~,
_Ocneria dispar._ L., _Liparis monacha_ ~Hb.~, _Liparis auriflua_
~Hb.~, _Laria V. nigrum_ F., _Miselia aprilina_ L., _Acronycta alni_
~Hb.~ und andere _Acronycta_-Arten. _Orthosia_ und _Xanthia_-Arten,
_Amphipyra pyramidea_ ~Hb.~, _Crocalis elinguaria_ ~Hb.~ und viele
andere +Spanner+. _Tortrix_- und _Penthina_-Arten usw. usw.
+Schnabelkerfe+: An den Trieben der Linde und ihren Blättern leben
auch eine Anzahl schwer zu bestimmender Aphiden.
[Illustration: Fig. 130.
_Tilia platyphyllos._ Epidermis der Ober- (Innen-)Seite des
Kelchblattes. [+Tschirch-Oesterle+, Atlas.]]
=Anatomie.= Die ziemlich dicken (270-330 mik) +Kelchblätter+
besitzen auf der Oberseite große polyëdrische Epidermiszellen und
zahlreiche lange, dünne, einzellige, gerade oder hin- und hergebogene
Haare (Fig. 130) und Büschelhaare mit 2-5, bisweilen ungleich
langen Strahlen und oft gekrümmter Spitze. Am Blattrande liegen
zweistrahlige Büschelhaare mit oft stark verbogenen und durcheinander
geschlungenen Strahlen. Besonders die subepidermale Zellreihe führt
Calciumoxalatdrusen. Im Mesophyll finden sich zahlreiche, oft zu
Gruppen vereinigte Schleimzellen, deren trennende primäre Wand oft
auch verschleimt, so daß große Schleimhöhlen entstehen. Die sekundäre
Schleimmembran zeigt (besonders beim Präparieren in Alkohol) schöne
Schichtung. Die Epidermis der Unterseite ist kleinzelliger und trägt
keine oder doch nur wenige Haare. Die viel dünneren (105-140 mik)
+Korollenblätter+ sind oft nur 3-5 Zellreihen dick. Die gestreckten,
nur wenig wellig verbogenen Epidermiszellen beider Seiten zeigen eine
gefaltete Cuticula. Im Mesophyll liegen zahlreiche Schleimzellen und
große Schleimhöhlen (s. oben), die am unzerkleinerten Blatte bei
durchfallendem Lichte schon mit bloßen Augen sichtbar sind, sowie
Zellen mit Oxalatdrusen. Die Lamina ist im allgemeinen haarfrei,
doch finden sich an der Blattbasis Köpfchenhaare und am Blattrande
(Fig. 131) Büschelhaare mit 2-5, oft gewundenen Strahlen. Auch in
den +Filamenten+, dem +Connectiv+ und der +Antherenwand+ finden
sich Schleimzellen. Die Antherenwand ist dreischichtig. Die fibröse
Schicht bildet die Mittelschicht. Die Pollenkörner, die man bisweilen
im Honig findet (s. d.), sind tetraëdrisch, 27-34 mik groß und
besitzen drei Austrittsstellen für den Pollenschlauch. Sie besitzen
eine Stäbchenschicht und zeigen daher eine feine Punktierung. Die
+Fruchtknotenwand+ ist von vielen 2-vielstrahligen Büschelhaaren mit
oft bizarr verkrümmten Strahlen bedeckt, auf die parenchymatische
Randschicht folgt eine obliterierte braune Zone, in der die Bündel
verlaufen, und dann die Schleimzellenschicht. In der Fruchtknotenwand
findet sich in besonderen Zellen ein eisenbläuender, im übrigen
Gewebe ein eisengrünender Gerbstoff. Auch die +Ovula+ werden durch
Eisenchlorid blau (~Vogl~). Selbst der +Griffel+ führt Schleimzellen
und Oxalatdrusen und in der Mitte das leitende Gewebe. Ebenso finden
sich in Mark und Rinde des +Infloreszenzstieles+ Schleimzellen.
Der im Querschnitt ovale Holzkörper ist hier umgeben von einem
zarten Siebteil, in den hinein von dem breiten Bastzellpanzer aus
Sklereïdenzapfen ragen. Das dem Infloreszenzstiel angewachsene, von
zahlreichen bastzellreichen Bündeln durchzogene, derbe Flügelblatt
(sog. Bractee) führt an den Nerven ebenfalls Schleimzellen. Die
Bastbelege sind von Kristallkammerfasern begleitet, die rhomboëdrische
Kristalle und Drusen führen (~Vogl~). Das außerordentlich reich
durchlüftete Mesophyll zeigt an der morphologischen Oberseite
palissadenartige Streckung. Auf der Unterseite finden sich
Spaltöffnungen. Es ähnelt also im Bau einem Laubblatte. Im
Glycerinpräparat frischer Brakteen finden sich Sphaerokristalle, die
~Tunmann~ für Hesperidin hält. Die Oxalatdrusen sind bei _Tilia_ von
einer Haut umgeben, die nachträglich mit der Membran verwächst, liegen
also in sogenannten Taschen (~Wittlin~).
[Illustration: Fig. 131.
_Tilia platyphyllos._ 1. Querschnitt durch den Rand des Kronenblattes.
2. Querschnitt durch ein Kelchblatt. [+Tschirch-Oesterle+, Atlas.]]
=Lit.= Weitere Details in ~A. Meyer~, Drogenkunde und
~Tschirch-Oesterle~, Atlas t. 11. -- ~Karsten-Oltmanns~, Pharmakogn.,
Fig. 308-314. -- ~Vogl~, Kommentar 1908, S. 149. -- ~Trécul~,
Mucilages. Adansonia VII (1866). -- ~Frank~, Beitr. z. Pflanzenphys.
Leipzig 1868. -- ~Dumont~, Ann. sc. nat. bot. 5 (1887), 135. t.
VI. -- ~Mattirolo~, Sviluppo e natura dei tegumenti seminal. nel
gen. Tilia Nuov. Giorn. bot. 1885. -- ~Holfert~, Nährschicht. Flora
1890. -- ~Schwarz~ und ~Wahsarg~, Pringsh. Jahrb. 1884, t. III. --
~Wittlin~, Kalkoxalattaschen. Bot. Centralbl. 1896. -- ~Solereder~,
System. Anat. d. Dikotylen. S. 176 (dort weit. Lit.). -- Über
Lindenbast und Lindenholz vgl. ~Wiesner~, Rohstoffe 2. Aufl.
=Chemie.= Die Blüten der Linde enthalten viel +Schleim+, dann +Zucker+
-- die mit Wasser gegorenen Blüten geben Weingeist (+Marggraf+) --,
+Wachs+, etwas eisengrünenden +Gerbstoff+ und +ätherisches Öl+. Der
Schleim bläut sich nicht mit Chlorzinkjod, wohl aber mit Kupfersulfat
und Kalilauge (~A. Meyer~). Sie enthalten auch eine +Oxydase+
(~Carles~, die Brakteen nur wenig davon) und in der Asche Spuren
Mangan. Der Brei frischer Blüten bläut Guajaktinktur. ~Roux~ fand einen
gelben und einen roten +Farbstoff+, ~Herberger~ +Malate+, +Tartrate+,
einen +Bitterstoff+, ~Siller~ «ein Balsamharz von gewürzhaftem
Geschmack». In den Brakteen ist mehr Gerbstoff und -- wie es scheint --
kein Riechstoff vorhanden. Das +ätherische Öl+ ist in den Lindenblüten
nur in geringer Menge vorhanden. Doch gibt ~Winckler~ (1837) an, daß
er aus 25 Pfund +frischen+ Blüten 80 g (d. h. 0,64 %) farbloses,
dünnflüssiges, in Wasser relativ leicht lösliches Öl erhalten habe.
Andere sprechen von 0,1, 0,05, 0,042, 0,038 % (~Marggraf~ erhielt gar
nichts). ~Haensel~ hat das Öl neuerdings fabrikmäßig dargestellt.
Es ist -- offenbar durch ausgeschiedene, mit übergehende Fettsäuren
-- bei gewöhnlicher Temperatur fest und eine sehr teure Substanz.
Sein Wert ist zehnmal so hoch wie der des Rosenöls. Er übertrifft
alle übrigen ätherischen Öle an Feinheit des Geruches (~Landerer~).
Der Unterschied in den Eigenschaften und der Ausbeute des Öles bei
~Winckler~ einerseits und bei ~Haensel~ andererseits dürfte darauf
zurückzuführen sein, daß ~Haensel~ mit gespanntem Dampf arbeitete,
~Winckler~, der frische Blüten verarbeitete, nicht. Gespannter Dampf
scheint das Öl zu verändern und treibt feste Fettsäuren mit über.
Es findet sich im Handel (~Haensel~ 1902). Nur frische Blüten geben
gutes _Aqua tiliae_. Die Blüten enthalten auch einen in farblosen
Blättchen kristallisierenden Kohlenwasserstoff C₂₈H₅₈; F. 54-56°
(~Klopp~, ~Garnier~ und ~Ehrwein~). Die schweißtreibende Substanz
ist unbekannt. Das +fette Öl+ der Samen wurde zuerst von ~Massi~
durch Pressen gewonnen, dann von ~Marggraf~ (1772) untersucht und von
~Geiger~ als Ersatz des _Mandelöls_ warm empfohlen. Es ist in den
lufttrockenen Samen zu 59 % enthalten (~C. Müller~) und gehört zu den
nichttrocknenden, schwer ranzig werdenden Ölen. Die +Asche+ der Blüten
beträgt 5,5-7% (~Hauke~, ~Vogl~ gibt 8% als Grenzzahl an). Sie ist
meist etwas grünlich.
Die +Blätter+ enthalten das Glykosid Tiliacin, das in Glukose und
Tiliaretin zerfällt. Letzteres liefert Anissäure (~Latschinow~). Die
Blätter der _Tilia parvifolia_ enthalten auch Inosit (~Fick~). In der
+Rinde+ der Linde fand ~Bräutigam~ (1898) einen phytosterin+artigen+
Körper (Tiliadin, C₂₁H₃₂O₂), der aber kein echtes Phytosterin ist,
sowie Vanillin. Beim Anbohren des Stammes im Frühling erhält man
einen süßen Saft, der dem _Ahorn_safte ähnlich ist (~Geiger~). Das
bisweilen auf den Laubblättern auftretende (~Langlois~) +Manna+ enthält
(nach ~Boussingault~) 20 bis 30% Dextrin (?), 25-29% Invertzucker,
49-55% Rohrzucker, sowie freie Säuren (Apfelsäure?), ähnelt also dem
Tamarix-Manna (S. 135). Der Algenbelag der Rinde (_Pleurococcus vulg._)
enthält nadelförmige Kristalle (~Bräutigam~).
=Lit.= +Ältere Literatur+ in ~Schwartzes~ Tabellen (1819) I, 198, und
~Johns~ Chem. Tab. d. Pfl. S. 15. -- Erste Analyse von ~Marggraf~,
Mém. de l’ac. sc. Berlin 1772, 3 (auch in ~Pfaff~, Mat. med.). --
~Geiger~, Handb. d. Pharm. 1830, 1017. -- ~Herberger~ und ~Siller~ in
~Dierbach~, Mat. med. 1841. -- ~Fick~, Jahresb. d. Pharm. 1887, 11.--
~C. Müller~, Über Lindenöl. Ber. d. pharm. Ges. I, 60. -- ~Carles~,
Rep. de pharm. 1904, 1. -- ~Tunmann~, Schweiz. Wochenschr. 1909. --
~Bräutigam~, Arch. Pharm. 1900, 555 u. Pharm. Zeit. 1898 Nr. 105.
-- ~Latschinow~, Chem. Zeit. 1890, 14, 126. -- +Äth. Öl+: Ältere
Arbeiten (~Brossat~, ~Landerer~, ~Buchner~, ~Herberger~) in ~Gmelins~
Handb. d. Org. Chem. IV (1862) 343. -- ~Winckler~, D. äth. Öl d.
Lindenblüte. Pharm. Centralbl. 1837, 781. -- ~Haensel~, Berichte
1902. -- ~Klopp~, ~Garnier~ und ~Ehrwein~, Bull. soc. chim. (4) 7,
940. -- ~Zeller~, Ausbeute u. Darst. äther. Öle aus offizin. Pfl. N.
Jahrb. d. Pharm. I-III und separat Stuttg. 1855. -- +Lindenmanna+:
~Langlois~ Journ. pr. Chem. 29, 444 (Arch. Pharm, 89 [1844], 320). --
~Boussingault~, Journ. pharm. 15 (1872), 214.
=Verfälschungen.= Beobachtet sind (~Perrot~) die Infloreszenzen von
_Tilia argentea_ ~Desf.~ (_T. alba_ W. et K., _T. tomentosa_ ~Mönch~),
einem aus Ungarn, Kleinasien und Südsibirien stammenden, vielfach
in Anlagen angepflanzten Zierbaum, der wenigblütige Blütenstände
hat und dessen Staubfäden halb so lang als die Blumenblätter und
wenig länger als der Fruchtknoten sind. _T. argentea_ gehört zu
der Abteilung der Dekapetalae, d. h. bei ihr sind 5 der innersten
Glieder des Staubfadenkreises zu petaloiden, noch mit Antherenspur
versehenen Staminodien umgebildet. Zu dieser Gruppe gehört auch
die nordamerikanische _T. americana_. 1896/98 waren, von Italien
importiert, Lindenblüten von _Tilia americana_ L. (_T. canadensis_
~Michx.~, _T. glabra_ ~Vent.~, _T. nigra_ ~Brockh.~, Schwarzlinde) im
Handel. Sowohl das Dekokt wie das destillierte _Aqua tiliae_ weichen
von dem aus _T. europ._ bereiteten stark ab (~Caesar~ & ~Loretz~).
+Die Verwendung von Lindenblüten aus der Reihe der Decapetalae, die
ganz anders riechen als unsere Lindenblüten, ist unzulässig+, dagegen
dürfen die Blüten der Hybriden und Formen der beiden deutschen Linden
gesammelt werden.
=Lit.= ~Perrot~, Bull. sc. pharm. 1907, 346.