Kulturkreise scheint die Verwendung der _Althaea_ unbekannt gewesen
zu sein. _Alcea ficifolia_ L. (feigenblättrige Malve), noch heute
Hauptschmuck der arabischen Gärten, war im alten Ägypten (1600
n. Chr.) eine der Blumen der Totenkränze. Die ἄλθαια des ~Theophrast~
ist vielleicht _Alth. offic._ (~Fraas~) oder _A. acaulis_
(~Sprengel~), doch nennt er die Farbe der Blüten μήλινος (Pharm.
ind. denkt daher eher an _Abutilon Avicennae_). Er beschreibt sie
(Hist. plant. 9, 18) als der μαλάχη (_Malva silvestr._ und _Lavatera
arborea_) ähnlich und erwähnt ihre Benutzung gegen Husten, sowie ad
fracturas et ad ulcera. ~Dioskurides~, der viele Krankheiten nennt,
gegen die _Althaea_ innerlich und äußerlich angewendet wurde, nennt
die Wurzel der ἀλθαία schleimig und innen weiß. ~Plinius~, der viel
besonders über die äußerliche Anwendung der wilden Malve mit großen
Blättern und weißer Wurzel zu berichten weiß, aber auch die Abkochung
der Wurzel mit Milch als Hustenmittel kennt, erwähnt, daß die A.
auch _Plistolochia_ (_Plistolycia_) heiße (von πλεῖστος = am meisten
und λοχεῖα = Kindbettreinigung). Daß die Wurzel in dem I. Jahrh.
n. Chr. arzneilich benutzt wurde, geht aus des ~Scribonius Largus~
Compositiones (I, S. 576) hervor, bei dem sich _Ebisci_, s. _Hibisci
radix_ findet. _A. offic._ steht dann auch im Kitâb aš šaǧar (X.
Jahrh.). Im Capitulare ~Karls~ steht (neben _malvas_) _mismalvas_
[wohl ein Schreibfehler für uismalvas (~Fischer-Benzon~)] _ibicha_
id est _alteas_. Beide finden sich auch im Breviarium (I, S. 621).
Die Benediktiner empfahlen und betrieben also ihre Kultur auch im
deutschen Norden. Bei ~Albertus Magnus~ steht Altea, im Gothaer
Arzneibuch (I, S. 679): wylde poppele, auch bei ~Megenberg~: papel.
In den +Sinonoma Bartholomei+ (I, S. 639) steht: Altea, holihocke;
in der +Alphita+ und den +Tabulae+: bismalva und bimalva (altea);
die ebendaselbst erwähnte _Malva silvestris_ (malva uiscus, merch[e]
malue, caulis sancti Cutberti, alta malua Seynt Cutbertscole) ist
wohl auch _Althaea_; wie das gleichfalls in der Alphita sich findende
_Alphaea_ (bismalva, enflos, eviscus, malvaviscus, hibiscus). Bis
malue findet sich auch in der Frankfurter Liste (1450) und dem
Nördlinger Register (1480). Bei ~Cordus~ findet sich _Althaeae
flos_, _rad. (Rad. Hibisci) et mucilago_; sowie die Namen Bismalva
und Sammetpappeln. Der _Althae_aschleim war Bestandteil des _Empl.
diachylon_ (s. S. 337). Auch _Ungt. dialthaea simpl._ und _comp._ ~D.
Nicolai~ (z. B. in ~Cordus~, Dispensator.) enthalten (neben _Sem.
lini_ und _Sem. foenugraec._) _Rad. althaeae_.
=Paralleldrogen.= Die Wurzel des in allen Teilen sehr schleimreichen
_Hibiscus esculentus_ geben geschält ein schneeweißes, schleimreiches
Pulver (Pharm. Rev. 1897). Die Wurzel wurde als Ersatz der _Althaea_
empfohlen (~Della Sudda~, Rép. d. pharm. 1860. Über die Früchte der
Pflanze vgl. die Pharmakographia). ~Dragendorff~ führt (Heilpflanzen,
S. 422) als ebenso wie _Althaea officin._ benutzt an: _Althaea
taurinensis_ ~Dc.~, _A. narbonensis_ ~Pourr.~, _A. cannabina_ L., _A.
pallida_ W. et ~Kit.~, _A. meonantha_ ~Lk.~, _A. chinensis_ ~Cav.~, _A.
ficifolia_ ~Cav.~
Von den Portugiesen in Goa wird die Wurzel von _Grewia scabrophylla_
~Roxb.~ als Substituens für _Althaea_ benutzt. Ebenso in Cochinchina
und Indien die Wurzel von _Hibiscus Rosa sinensis_, die Ketmie von
Cochinchina (Pharmacogr. indica).
Folium Althaeae.
Eibischblätter -- feuilles de guimauve -- marshmallow leaves -- foglie
di altea.
Die Beschreibung der Stammpflanze s. oben S. 345. Die Blätter werden
an den gleichen Orten wie die Wurzel, aber in viel geringerem Maße,
besonders im Juni und Juli vor (Pharm. helv. IV) oder während der
Blütezeit, bisweilen auch von der wildwachsenden Pflanze gesammelt. 8
Teile frische liefern 1 Teil trockene. Sie gelangen vornehmlich aus
Bayern und Österreich-Ungarn, dann auch aus Belgien, Frankreich und
Thüringen in den Handel. Bei Nürnberg werden Eibischblätter besonders
in Almoshof, Klein-Reuth, Neunhof und Buch gesammelt (~Fr. Wagner~).
[Illustration: Fig. 121.
_Althaea officinalis_, längliche Blattform. [Aus +Jos. Moeller+, Lehrb.
d. Pharmakogn.]]
Die beiderseits graufilzigen, ungleich kerbig-gezähnten Blätter, deren
Form oben (S. 345) beschrieben ist und von denen es längliche und runde
Formen gibt (~J. Moeller~), sind namentlich durch die fast dreieckigen,
ungleich großen +Blattzähne+ ausgezeichnet. Auf relativ kleine folgen
weit hervortretende von fast länglich-herzförmigen Bau. Ein kräftiger
Nerv tritt von unten her in den Zahn und verzweigt sich pinselartig.
Von seiner Spitze gehen zwei Randnerven ab, die mit dem von den
Hauptzahnnerven abgehenden Sekundärnerven je ein Dreieck bilden.
Längs der Randnerven zeigt sich noch je ein zweiter, sehr schwach
ausgebildeter Nerv (~Virchow~). Die meist kleineren Blätter der wilden
Pflanze haben im allgemeinen einen schärfer gezahnten Rand und spitzere
Formen (~Zörnig~). Die im allgemeinen starke Behaarung wechselt nach
dem Standorte etwas. Sie ist auch bei der wilden Pflanze oft stärker
als bei der kultivierten. Es finden sich vornehmlich Büschelhaare mit
2-6, seltener 8, spreizenden langen, dickwandigen Strahlen, die von der
Fläche betrachtet einen 2-8strahligen Stern bilden («Sternhaare»). Die
Haarwurzeln, die Basen der Büschelhaarstrahlen, sind reich getüpfelt.
Auf Gewebspolster sind die Büschelhaare für gewöhnlich nicht erhoben.
Daneben finden sich, besonders an den Nerven, Drüsenhaare mit einer
Basalzelle, mehreren Stielzellen und einem 1-2zelligen Köpfchen, sowie
am Blattrande einzellige, etwas gekrümmte Haare mit angeschwollener
Basis. Die Epidermiszellen beider Blattseiten sind schwach wellig
verbogen. Sie sind wegen der starken Haarbedeckung nicht gut zu sehen.
Spaltöffnungen mit 3-4 Nebenzellen finden sich auf beiden Blattseiten.
Zahlreiche Epidermiszellen sind als Schleimzellen ausgebildet. Die
Schleimmembranverdickung ist besonders auf der Innenseite stark (Fig.
94, 7). Der Schleim färbt sich mit Safranin rot, mit Methylenblau blau
(~Vogl~). Unterhalb der Büschelhaare finden sich oft Oxalatzellen (~A.
Meyer~). Die Palissadenschicht der Blattoberseite ist einreihig,
selten an einzelnen Stellen durch Teilung der Zellen zweireihig. Das
Merenchym ist wenig-reihig und reich durchlüftet. Der stark nach unten
ausladende Mittelnerv führt oben und unten Collenchymstreifen, ein
großes strahliges Gefäßbündel und im Nervenparenchym Schleimzellen und
Zellen mit Calciumoxalatdrusen, doch ist vornehmlich die Epidermis Sitz
des Wasser zurückhaltenden Schleimes, die dadurch zu einem epidermalen
«Wassergewebe» wird. An den Nerven höherer Ordnung ist die Spreite
meist etwas eingezogen.
Blätter, auf denen sich _Puccinia Malvacearun_ (vgl. oben S. 347)
findet, sind zu verwerfen.
Das +Pulver+ ist besonders an den sehr zahlreichen Haarbildungen zu
erkennen, von denen selbst im feinsten Pulver wenigstens die Basen
der Büschelhaare noch gut erhalten sind. Die Haarstrahlen sind oft
zertrümmert. Stengel und Blütenteile, die sich nicht selten im
Handelspulver finden, verraten sich durch reichliches Vorkommen
von Pollenkörnern (einige finden sich auch im reinen Blattpulver),
von Antherenfragmenten und Kelchhaaren und den großen Gefäßen des
Stengels (~Koch~). Eine Beimengung von _Fol. malvae_ verrät sich durch
zahlreiches Auftreten von einzelligen Borstenhaaren, die bei _Althaea_
seltener sind.
[Illustration: Fig. 122.
_Althaea officinalis_, Querschnitt durch den Mittelnerven des Blattes.
[+Tschirch-Oesterle+, Atlas.]]
Von den Bestandteilen kommt nur der Schleim in Betracht. Die Asche
beträgt 13-15% (~Hauke~). Die _Fol. alth. germanicae_ von kultivierten
Pflanzen sind schwächer behaart als die im südlichen Ungarn von
wildwachsenden Pflanzen gesammelten _Fol. alth. hungaricae_ (~Vogl~).
Die _Fol. althaeae_ werden meist in Form von Auszügen zu Gargarismen
und Collutorien, Klystieren und, in Verbindung mit anderen erweichenden
Kräutern, zu Cataplasmen benutzt (~Husemann~). Sie sind ein Volksmittel
gegen Husten und Bestandteil vieler Teemischungen (_Spec. althaeae_,
_Spec. emollient._, _Spec. ad gargarisma_, _Spec. pectoral._).
[Illustration: Fig. 123.
_Althaea officinalis_, Epidermis des Blattes. Flächenansicht.
[+Tschirch-Oesterle+, Atlas.]]
=Lit.= ~Tschirch-Oesterle~, Atlas t. 71. -- ~A. Meyer~, Drogenkunde
II, Fig. 415-421. -- ~Planchon-Collin~, Drog. simpl., Fig. 1184 bis
1186. -- ~Vogl~, Commentar 1908 und Atlas t. 15. -- ~Moeller~,
Pharmakogn. Atlas t. 23 und Lehrbuch Fig. 62 u. 63. -- ~Hartwich~
in Realenzyklop. d. Pharm. -- ~Zörnig~, Arzneidrogen S. 130. --
~Virchow~, Bau, u. Nervat. d. Blattzähne etc. Arch. Pharm. 1896.
-- ~Hauke~, Aschengehalt 1902. -- ~Schwarz~, Briefl. Mitth. --
~Walliczek~, Membranschl. vegetativ. Org. Pringsh. Jahrb. 25
(1893) 227. -- ~Nestler~, Die Schleimzellen d. Malvaceen. Öst.
bot. Zeitschr. 1898. -- ~Dumont~ a. a. O. -- ~Kuntze~ a. a. O. --
~Solereder~ a. a. O. (vgl. S. 351). -- Das Pulver ausführlich in
~Koch~, Anal. d. Drogenpulv. III, 82 (dort auch die Pollenkörner).
Flos Althaeae.
Die Beschreibung der nur wenig noch angewendeten, fast geruchlosen,
süßlich-schleimig schmeckenden Blüten s. oben S. 346. Sie werden in
einigen Gegenden, wo Eibisch kultiviert wird, nebenher gesammelt,
z. B. bei Nürnberg (Almoshof, Klein-Reuth, Großgrundlach,
Schnepfenreut 1910). Sie enthalten in allen ihren Teilen
Schleimzellen. Die großen (60 mik breiten) Pollenkörner besitzen eine
grobstachlige Exine, die durch Jodchloral sich gelb färbt, während
der Inhalt blau wird (~Vogl~).
Die Entwicklungsgeschichte des Samens und der Frucht bei
~Stscherbatscheff~, Arch. Pharm. 1907, 60. -- Die Nährschicht bei
~Holfert~ a. a. O.
Die Blüten liefern 0,024% ätherisches Öl (~Hänsel~), welches
kristallinisch erstarrt. Der Farbstoff der _Althaea_blüten soll ein
durch verdünnte Säure hydrolysierbares Glykosid sein, das in der
Kalischmelze Protocatechusäure und Brenzcatechin liefert (~Weigert~,
Jahresber. d. önolog. Lehranst. Klosterneuburg 1894/95).
Folium et Flos Malvae.
=Syn.= Herba malvae, Malvenblätter, Pappel- oder Papelkraut,
Hanfpappel, St. Johannispappeln, Schwellkraut, Käsepappelkraut, Gäns-,
Roß- oder Hasenpappelkraut, kattenkēs (= Katzenkäse), kerskes, in der
Schweiz: chäslichrut, nüsserli, zigerli -- feuille de mauve -- mallow
leaves -- in Indien und Arabien: khubázi und khitmi.
Flores malvae silvestris, vulgar. s. coerulei, blaue Pappelblumen,
wilde Malvenblüten, -- fleur de mauve -- mallow flowers.
Bei den alten Griechen und den Römern: malache. -- _Malva silvestris_
hieß bei den späteren Griechen: μολόχη, μαλάχη, ὑπερστρόγγυλος
-- _Malva rotundifolia_: ἀγριομάλαχων, τεμποράξ, γλυκάνησσος. --
+althd.+ papula, pappala, pappula, papilla, pampila, babilla,
wengebapeln -- +mhd.+ pippole, pipelde, baippel -- +mnd.+
pippulencrut, poplencrut, popele, popel, pope, pöppol -- bei der
~Hildegard~ (I, S. 669): babela -- bei ~Megenberg~ (I, S. 693):
malva haizt papel. -- Im Gothaer Arzneibuch: wylde poppele (poppele,
popplione, popplionie -- den italienischen Ursprung verratend! -- ist
Populus). -- Im Colmarer Glossar: popele, -- bei ~Bock~: keespappeln.
-- Im Ortus sanitatis und bei ~Brunschwyg~: bappeln -- bei ~Brunfels~
und ~Fuchs~: Gansspappel, rosspappeln.
=Etym.= ~Kluge~ bemerkt: «Pappel = Malve, mhd. papel, papele; ahd.
(mlat.) papula, dunklen Ursprungs; wohl aus lat. pappus Samenkrone
gebildet.» Das scheint mir sehr unwahrscheinlich. Ich leite es,
ebenso wie ~Grassmann~ u. and., von pampe, pappe, mhd. pap =
Kinderbrei, Kleister (aus ital. mlat. pappa und pappare = essen)
ab, wegen der Schleimigkeit. (Im ald. bedeutete pappala schleimig.)
Bei ~Bock~ heißt es: «pappel ist im Westerich ein gemeiner Nam,
dann es werden alle breite Kreutter sonderlich, die man nit vol
kennet, mit dem namen pappel genannt, aber zu underscheid der andern
nennen sie die klein malvam um des schnübelechten (scheibenförmigen)
Samens willen käszpappeln und Hasen- oder Ganspapellen». In der
Tat wird in Baiern auch die Betonien- und Pfingstrose, in Nassau
der Sumpfhahnenfuß Pappel genannt (~Grimm~). Das Wort +Pappel+
als Bezeichnung für den aus Italien stammenden Baum (zuerst bei
~Megenberg~ und ~Cordus~) ist aus populus umgebildet (früher
stets als Pappel+baum+ unterschieden). Es liegt also nur ein
zufälliger Gleichklang vor (I, S. 1064). Popel als Baumname
bedeutete ursprünglich die im Mittelalter über die Alpen gebrachte
Schwarzpappel (_P. nigra_). Die Pyramidenpappel kam erst Ende des
XVIII. Jahrh. aus der Lombardei nach Deutschland (~Hoops~). --
Malva aus μαλάχη und dies von μαλαχός = erweichend, weich, auch
in bezug auf den Schleim, und wohl nicht, wie ~Grassmann~ will,
von der weichen Beschaffenheit der Pflanze. -- Malve erst nhd. aus
lat. (ital.) malva. In England wurde der lat. Pflanzenname sehr
früh heimisch, daher angls. mealwe, engl. mallow (~Kluge~). -- Der
aramäische Name für Malve ist ru’ānā (~Löw~). -- Bei den Persern:
nân-i-ku-lagh (= Krähenbrod) und khitmi-i-kuchak (= kleines khitmi)
--~Maulána Nafis~ (nach ~Dymock~) unterscheidet bei den Malven:
kultivierte (Malokhia) große wilde (khitmi), und kleine wilde
(khu-bázi).
=Stammpflanze.= =Malva silvestris= L. (Spec. pl. ed. I, 689) (Althaea
silvestr. ~Alefeld~). Roßpappel, wilde Malve oder Käsepappel, große
Hasenpappel, Hanfpappel, Pferdepappel, Waldmalve -- mauve sauvage,
meule, grande mauve -- wild mallow -- mallowe -- katost -- μαλάχη --
und =Malva neglecta= ~Wallroth~ [Syllog. Ratisb. I, 140 (1824)] (M.
rotundifolia ~C. Bauhin~ et ~Auct.~ nicht L., M. vulgaris ~Fries~,
M. littoralis ~Dethard~, Althaea vulgaris ~Alef.~). Gemeine Malve,
Käsepappel, Kässelpappel -- mauve à feuilles rondes, petite mauve
fromagère, fromageon -- common mallow.
[Illustration: Fig. 124.
_Malva silvestris_ L. 1. Infloreszenz und Laubblätter. 2. Frucht. [Aus
+Schmeil+, Lehrb. d. Botanik.]]
Die ~Linné~sche M. rotundifolia umfaßt zwei jetzt getrennte Arten: M.
neglecta ~Wallr.~ (s. oben) und M. rotundifolia ~Fr.~ (M. borealis
~Wallm.~, M. pusilla ~With.~, M. parviflora ~Huds.~).
+Die Blätter werden von beiden Arten+ (M. silvestr. und neglecta)
+benutzt, die Blüten meist nur von Malva silvestris+. Die Wurzel und
Samen sind nicht mehr in Gebrauch.
=Systemat. Stellung.= +Malvaceae+, Malveae -- Malvinae (neben
_Althaea_).
=Beschreibung der Stammpflanzen.= _Malva silvestris_ ist ein selten
einjähriges, meist zweijähriges oder andauerndes Kraut. Aus der
kräftigen, innen weißen Pfahlwurzel erheben sich mehrere aufsteigende,
bis meterhohe, ziemlich kräftige, runde, behaarte, verästelte,
unten holzige, innen Mark und eine Höhlung führende +Stengel+.
~Flückiger~ sah 1878 4 cm dicke Stämme aus den gallizischen Bergen
in Nord-Spanien. Die jüngeren Teile sind rauhhaarig fast zottig. Die
später vertrocknenden Nebenblätter sind 7 mm lang, halbeiförmig. Die
+Blätter+ besitzen einen 5-10 cm oder noch längeren, oben runden,
unten abgeflachten, meist stark behaarten Stiel. Die nur spärlich
behaarte, von 5-7 Hauptnerven durchzogene, 5-12 cm, ja bisweilen
18 cm breite Spreite der Laubblätter ist nierenförmig (Fig. 124),
bisweilen an der öfter purpurn gefärbten Basis gestutzt, der kreisrunde
Rand in 5-7 meist stumpfe, gesägte oder gekerbte Lappen geteilt.
Die aktinomorphen, fünfzähligen, hermaphroditen +Blüten+ bilden
achselständige Wickel, sie sind 1,5-3 cm lang. Ihre zur Blüte- und
Fruchtzeit aufrechten Stiele sind kürzer als die Blattstiele. Der
Hüllkelch (das Hochblattinvolukrum) besteht aus drei freien, schmal
spatelförmigen, spitzen, behaarten, c. 5 mm langen Blättern, die
kürzer als die Kelchblätter sind. Der Kelch ist unten verwachsen,
glockenförmig, oben in fünf fast gleichseitig dreieckige, innen kahle,
außen behaarte Zipfel geteilt. Die hellpurpurroten, von dunklen
Adern durchzogenen Blumenblätter sind drei bis viermal länger als
der Kelch, c. 20-25 mm lang, keilförmig bis verkehrt eiförmig, an
der Spitze sehr tief ausgerandet, am verschmälerten Grunde mit zwei
dichten Haarbüscheln versehen (Fig. 125, 2), an der Basis allmählich
in die Staubgefäßröhre übergehend. Das dunkelpurpurrote, behaarte
Staubgefäßbündel ist 10-12 mm lang, die monothezischen Antheren sind
quer aufgehängt und öffnen sich mit einem Querriß. Die Pollenkörner
besitzen eine kurzstachelige Exine (Fig. 125, 3). Die 8 bis 11 (meist
10) Griffel sitzen dem niedergedrückt-scheibenförmigen Fruchtknoten
auf. Sie sind unten verwachsen und teilen sich auf halber Höhe in die
fädigen Narbenschenkel. Das Bündel der letzteren bleibt entweder in der
Staminalröhre eingeschlossen (bei der sog. männlichen, kurzgriffligen
Form der Blüte) oder tritt aus letzterer hervor (bei der sog.
weiblichen, langgriffligen Form). Die Ovula sind anatrop-epitrop.
Die vielfächerige, vom bleibenden Kelche behüllte Frucht bildet eine
niedergedrückte, vom Stempelrest nicht überragte, mehr oder weniger
stark behaarte, strahlig-gefurchte Scheibe von 6-7 mm Durchmesser (Fig.
124, 2). Die 8-11 (meist 10) Teilfrüchtchen sind durch tiefe Furchen
geschieden und stark netzgrubig skulpturiert. Sie trennen sich zur Zeit
der Fruchtreife. Die Samen sind nierenförmig, der Embryo gekrümmt. Die
Behaarung der Pflanze wechselt sehr. Bald findet man reich, ja sogar
sehr reich behaarte, bald fast kahle Blätter. Die stärker behaarten
Formen finden sich im Süden und Osten (~Schumann~).
[Illustration: Fig. 125.
_Malva silvestris_ L. 1. Längsschnitt durch die Blüte. 2. Corollenblatt
mit den basalen Haarstreifen. 3. Pollenkorn. [+Tschirch-Oesterle+,
Atlas.]]
_Malva silvestris_ ist eine über ganz Europa, mit Ausnahme des
äußersten Nordens, verbreitete und ziemlich häufige Ruderalpflanze.
Sie findet sich auch am Cap, in Nordafrika, Kleinasien, Cypern, dem
südlichen Kaukasus, Südsibirien, Persien, Afghanistan, Vorderindien
und über den Ural bis zum Altai. Sie ist jetzt auch nach Nordamerika
verschleppt, ebenso nach Brasilien, wo sie jetzt überall vorkommt
(~Peckolt~ 1900). Sie wird in Indien (Bombay) kultiviert. Sie
findet sich auf Schutt, an Zäunen, Acker- und Wegrändern, sowie auf
Waldschlägen, und steigt bis in die mittleren Gebirge. Blüht vom Juni
bis Herbst. Sie heißt daher auch Herbst-Rose (~Uhland~ besang «des
Herbstes Rose, der gesunk’nen Sonne Kind»).
_Malva neglecta_ ist ein einjähriges oder ausdauerndes Kraut.
Die einjährige Pflanze bildet einen niederliegenden Stengel mit
spärlichen Verzweigungen, die ausdauernde eine bleibende Grundachse,
die nach allen Seiten Stengel treibt. Die ganze Pflanze hat einen
schmächtigeren, dürftigeren Wuchs wie _M. silvestris_, auch Blätter und
Blüten sind kleiner (daher _neglecta_). Die Nebenblätter sind bis 6 mm
lang, schief oblong, spitz, hinfällig. Die +Blätter+ pflegen sehr lang
gestielt zu sein, man findet bis 27 cm lange behaarte Blattstiele. Die
meist 3-7,5 cm breite Spreite ist nierenförmig bis kreisförmig, schwach
5-7lappig, von 5-7 Nerven durchzogen, mit gerundeten, gekerbten, mehr
oder weniger behaarten Lappen. Am Grunde ist die Behaarung stärker. Die
langgestielten +Blüten+ stehen in achselständigen, gedrängten Wickeln.
Ihr Stiel verlängert sich später noch (bis 3 cm). Der Hüllkelch
besteht aus drei freien, c. 5 cm langen, lanzettlichen, besonders
am Rande behaarten Blättern. Der Kelch ist kaum länger als 1 cm und
etwa bis zur Hälfte in fünf fast gleichseitig-dreieckige, spitze,
außen behaarte, innen kahle Zipfel gespalten. Die hellrosenroten,
fast weißen, dunkel geaderten Blumenblätter sind klein, etwa 12-13 mm
lang, 2-3mal länger als der Kelch (bei der var. _decipiens_ ~Aschs.~
ebenso lang), umgekehrt eiförmig, oben tief ausgerandet, unten mit
dem Nagel der Staubfadenröhre angewachsen. Die Staubfadenröhre ist
6 mm lang, dunkelrot, spärlich behaart. Fruchtknoten fein behaart,
aus 11-15 Carpellen gebildet. «Im weiblichen Stadium der Blüte ragen
die spitzen, innen papillösen Narbenschenkel über die Röhre hinaus,
krümmen sich nach unten und berühren die bläulichen Staubbeutel;
dabei können sie den Pollen aus den geöffneten Beuteln entnehmen
und somit bei ausgebliebener Fremdbestäubung eine Selbstbefruchtung
bewirken» (~Berg-Schmidt~, Atlas). Die kreisrunde, scheibenförmige,
6-7 mm breite Frucht ist vom bleibenden Kelche und Hüllkelche behüllt
und zeigt auf der eingesenkten Oberseite ein kleines Spitzchen.
Griffelpolster fast so breit als die glatten, am Rande abgerundeten
Früchtchen. Die Teilfrüchtchen sind schwach gerunzelt. Der Same zeigt
feine Punktierung. Die Behaarung der Pflanze wechselt auch bei _M.
neglecta_ sehr. Bisweilen sind die Blätter nur sehr spärlich behaart,
der Blattstiel dagegen stets stärker. _M. neglecta_ bildet mit _M.
rotundifolia_ L. einen Bastard, dessen schwach runzelige Früchtchen
einen wenig hervortretenden Rand besitzen.
_M. neglecta_ ist eine durch ganz Europa, von Rußland und Schweden bis
Spanien und Portugal verbreitete Ruderalpflanze. Sie findet sich auch
in Nordafrika von Marokko bis zum Sinai, dann in Syrien, Armenien, dem
Kaukasus, Altai, Persien, Tibet, Vorderindien. Nach Nordamerika und
Chile, wo sie jetzt auch vorkommt, ist sie wohl eingeschleppt, ebenso
nach Australien. Sie findet sich an Wegen, auf Schutt und an gedüngten
Stellen in der Nähe menschlicher Wohnungen, z. B. auf Dorfstraßen.
Blüht Mai bis Herbst.
Die Droge wird meist von der überall häufigen, weil durch Menschen und
Tiere leicht verschleppten, wildwachsenden Pflanze gesammelt. Doch
werden die Malven in beschränktem Maße auch für den Handel kultiviert,
z. B. in Belgien und Ungarn, und man sieht sie bisweilen auch in
Bauerngärten. Die Blätter beider Malven werden in Österreich-Ungarn
gesammelt (~Mitlacher~ 1910). Pharmac. helvetic. IV u. and. Pharmac.
lassen die Blätter beider Malven zu. Aus Algier wird etwas (1891:
3000 pounds) _Fol. et Flos Malvae_ (von _M. silvestr._, _macrocarp._
und _nicaeensis_) ausgeführt (~Simmonds~, Useful pl. of Algeria. Am.
journ. ph. 1891, 9). Die Blätter und Blüten sind fast geruchlos, beide
schleimig. Die Blüten verfärben sich beim Trocknen in blau, das sehr
beständig ist.
=Pathologie.= Auf _Malva neglecta_ und _Malva silvestris_ tritt an
allen grünen Teilen _Puccinia Malvacearum_ ~Mont.~ auf. (Näheres über
dieselbe siehe unter _Althaea officinalis._) -- Außerdem treten auf
den Malven noch verschiedene Imperfekten, besonders _Colletotrichum
Althaeae_ ~Southworth~ (s. unter _Althaea officinalis_) auf (~Ed.
Fischer~).
«=Blätter=, welche die braunen Sporenhäufchen von _Puccinia
Malvacearum_ ~Montagne~ zeigen, dürfen nicht verwendet werden» (Pharm.
helvet. IV).
[Illustration: Fig. 126.
_Malva silvestris_ L. Epidermis der Oberseite des Laubblattes.
[+Tschirch-Oesterle+, Atlas.]]