hervor, daß beim unreifen Samen sowohl in der Schleimzellenschicht wie
in der darunter liegenden, als auch in der Nährschicht Stärke vorkommt;
die Körner sind relativ groß in den äußeren, klein in den inneren
Samenschalschichten. Demnach wird man, da dem reifen Samen in der Regel
Stärke gänzlich fehlt, die Beimengung unreifen Samens im +Leinmehl+ an
den Stärkekörnern erkennen können. Doch fand ~Tunmann~ bei einer Sorte
Springlein auch im reifen Samen Stärke, ebenso ~Schürhoff~ und ~Ebert~
(in der Schicht zwischen Schleimepidermis und Faserschicht). Die
mikroskopische Prüfung gibt hierüber Aufschluß. Doch kann man auch, da
kleine Stärkemengen, die ja auch von geringen zufälligen Beimengungen
stärkehaltiger Samen stammen können, toleriert werden dürften, nach
~Lloyd~ in der Weise verfahren, daß man 1,0 Leinmehl mit 20 ccm Wasser
kocht, erkalten läßt und zu 8 ccm des Schleims eine Mischung von 0,2
ccm Jodlösung (1 : 50) und 10 ccm 10%ige Schwefelsäure hinzufügt.
Hierbei soll Blaufärbung nicht auftreten (weniger als 0,5% Stärke).
Fragmente von Cruciferen- (_Brassica_-, _Sinapis_-) Samen färben sich
mit Kalilauge dunkel (Lein nicht, ~J. Lehmann~). Auch der Nachweis
von Schwefel im Destillat oder dem alkalischen Filtrat kann benutzt
werden (~Corenwinder~), da die Cruciferen schwefelhaltige ätherische
Öle liefern. Neuerdings (Amer. Drugg. 1900) ist beobachtet worden, daß
entöltes Leinmehl durch Zusatz von Mineralöl auf den alten «Ölgehalt»
gebracht wurde. Da sich in der Ölsaat neben Leindotter- und Cerealien-
besonders Cruciferen-Samen finden, enthält das Leinöl meistens etwas
Cruciferenöl. Zur Erkennung fremder Beimengungen im Leinmehl wird
neuerdings (Ann. d. falsif. 1910) Benzin empfohlen. Leinmehl sinkt
unter, die meisten Beimengungen schwimmen oben.
=Lit.= ~Haselhoff~, Fabrik. u. Beschaffenh. d. Leinkuch. bzw. d.
Leinmehls. Landw. Versuchsstat. 41 (1892) 55. -- ~von Pesch~, Ebenda
S. 73. -- ~Nobbe~, Handb. d. Samenkunde 1876, 439. -- ~Völcker~,
Journ. Roy. agr. soc. 9, 5. -- ~Holmes~, Pharm. Journ. 12 (1881),
137. -- ~Flückiger~, Pharmakogn. -- ~Beringer~, Amer. journ. pharm.
1889, 167. -- ~Roger~, Ann. chim. anal. 1906, 136. -- ~Corenwinder~,
Journ. chem. soc. 1882/83. -- ~Lloyd~, Amer. journ. pharm. 1895,
463. -- ~Cullivan~, Pharm. Journ. 14 (1884), 983. -- +Stärke+:
~Schürhoff~, Pharm. Zeit. 1906, 658, ~Rustung~, Chem. Zeit. Rep.
1906, 449, ~Tunmann~, Pharm. Centralh. 1906, 725, ~Ebert~, Chines.
Arzneischatz. Diss. Zürich 1907.
=Anwendung.= _Sem. lini_ ist ein Bestandteil der Spec. emollientes.
Der Leinsame gehört zu den schleimigen Vehikeln und den einhüllenden,
reizmildernden und resorptionshemmenden Mitteln. Die Placenta sem. lini
dient zu meist heißen Breiumschlägen (Cataplasmen von καταπλάσσειν =
Brei auflegen). Aus Laienkreisen (~H. W. Vogel~) ist dem Leinsamen
hervorragende Wirkung bei Diabetes nachgerühmt worden und er findet
sich auch unter den Mitteln des Pfarrer ~Kneipp~. Er wird auch in der
Zeugdruckerei benutzt. -- «Statt Decoctum sem. lini ist die Kolatur
einer halbstündigen Maceration zu dispensieren» (Pharm. helvet. IV).
Außer den Samen werden auch die aus den Ölmühlen stammenden gemahlenen
(sehr harten) Preßkuchen (Placenta sem. lini, Leinkuchen, pain ou
gâteau de lin, Linseedcake) benutzt. Da bei ihnen für die medizinische
Anwendung der Schleim die Hauptsache ist (ihm verdanken sie auch die
Fähigkeit viel Wasser zu binden), können sie wohl an Stelle der noch
alles Öl enthaltenden Sem. lini pulveratum benutzt werden, doch erhält
man bessere Cataplasmen mit gepulvertem (gemahlenem) Lein. Wegen
des hohen Stickstoffgehaltes (s. oben) sind die Leinsamenpreßkuchen
auch ein vorzügliches Futtermittel. In Westindien wird die unreife
Frucht als Gemüse benutzt. Leinpreßkuchen ist neuerdings als
Verfälschungsmittel von Gewürzpulvern beobachtet worden.
Die früher so viel verwendete +Charpie+ (Linteum carptum, linamentum)
wurde vorwiegend durch Zerzupfen von Leinwand dargestellt.
=Lit.= Wasserbindung: ~Carles~, Journ. ph. chim. 10, 244.
=Geschichte.= Der Flachs ist eine der ältesten Kulturpflanzen.
Wie Gräberfunde zeigen, wurde im alten Ägypten sicher im III.,
vielleicht schon im IV. Jahrtausend n. Chr. Lein gebaut (I, S. 457).
Auf Grabgemälden der XII. Dynastie (2400-2200 n. Chr.) ist der
Flachsbau und die Verarbeitung des Lein in allen Details dargestellt
(Abbild. bei ~Wönig~). Wir treffen dort sowohl _Linum usitatiss._
var. _vulgare_ (gewöhnlicher L., Schließlein) wie auch _L. u._ var.
_crepitans_ (Klenglein) (~Braun~, ~Schweinfurth~, ~Buschan~). Die
gefundenen Fruchtproben der letzteren stimmten in +allen+ Punkten
mit dem noch jetzt in Ägypten gebauten Klenglein überein. ~Körnicke~
meint, daß sich der gewöhnliche Lein (_L. usit._ var. _vulgare_) aus
_L. angustifolium_ ~Hudson~, einer nur wenig von ihm verschiedenen,
durch Übergänge mit ihm verbundenen, über das ganze Mittelmeergebiet
von den Kanarischen Inseln bis Palästina und den Kaukasus
wildwachsend verbreiteten, sowohl einjährigen wie perennierenden Art
mit zahlreichen, vom Grunde aus aufsteigenden, bei der Reife sich
öffnenden Kapseln und kleinen Samen entwickelt habe. Auch ~Wettstein~
bemerkt (1903), daß die Stammform unseres Lein perenn gewesen sein
müsse, aufspringende Früchte und niedrigere Stengel gehabt habe und
im Süden oder Osten Europas heimisch gewesen sei. Diese Umbildung
muß sich schon vollzogen haben, bevor die Pflanze (durch die
Prosemiten (?), ~De Candolle~) nach Ägypten kam. Die Mumienbinden des
Königs ~Menkara~ (IV. Dynastie um 3600 n. Chr.) bestehen noch aus
Wolle, leinene traten in der XII. Dynastie auf (2400-2200 n. Chr.).
~Thomsens~ (1834) und ~Ungers~ (1860) mikroskop. Untersuchungen
zeigten, daß der Byssus der alten Ägypter Lein war (nicht Baumwolle).
Auch in Mesopotamien bestand schon vor vier- bis fünftausend Jahren
oder noch früher Flachsbau. Später nennt ~Strabo~ die Stadt Borsippa
als Sitz der Leinwandindustrie Babyloniens. Flachs tritt aber bereits
in altchaldäischen Gräbern der vorbabylonischen Zeit auf (~Maspero~,
~De Candolle~). Zur Zeit, als die Kinder Israels aus Ägypten zogen,
waren die Gefilde des Landes am Nil reich mit Flachs bestellt (2.
Mos. IX, 31). Als die Juden nach Palästina kamen, fanden sie dort
bereits den Flachs (= pischta) in Kultur. Sie bedienten sich viel
des Flachs. Die Priester trugen feine, das Volk grobe leinene
Gewänder (~Buschan~). Dies finden wir auch bei anderen Völkern und
noch heute schreibt die katholische Kirche leinene Chorhemden den
Priestern vor. Durch ~Pausanias~ wissen wir, daß die Landschaft Elis
Flachs baute und _Linum_ findet sich auch in der mykenischen Periode
(~Schliemann~). In Italien ist der Flachsbau sehr alt, geht aber
nicht in die vorarische Zeit zurück. ~Herodot~ bezeichnet leinene
Kleider als Luxus. Auch für Panzerhemden wurde Lein verarbeitet.
Die Pfahlbauer der Steinzeit in Oberösterreich, Oberitalien und
der Schweiz bauten Lein und zwar _Linum angustifolium_ (~Heer~;
die Schweizer Pfahlbauer bauten die perennierende Varietät). Auf
der iberischen Halbinsel ist er zur Bronzezeit nachgewiesen. Die
Indogermanen brachten wohl +diese+ Art und ihre Kultur aus ihren
Kleinasien und Thrakien benachbarten Stammsitzen mit (~Schrader~).
Wann das _L. angustifol._ in Europa durch unseren heutigen Lein
verdrängt wurde, ist unbekannt. Vielleicht geschah dies zu Anfang
unserer Zeitrechnung (~Neuweiler~). Zu ~Plinius~ Zeiten wurde
letzterer jedenfalls schon gebaut. Neuerdings hat ~Neuweiler~ die
Ansicht zu begründen gesucht, daß der +Pfahlbaulein+ eine Form von
_L. austriacum_ sei. «Wir haben es mit einer Varietät oder Rasse
einer perennierenden Leinart (_L. usitatiss._ ist einjährig),
die _L. austriacum_ am nächsten stand, zu tun, aus der sich die
jetzigen auch in Kultur vorkommenden perennierenden Leinarten, _L.
austriacum_ und _L. perenne_, entwickelt haben können. Als Stammform
wird auch für diese Reihe (wie für _L. usitatiss._) _L. angustifol._
anzunehmen sein» (~Neuweiler~). Bei den germanischen Völkern lag die
Leinkultur und Verarbeitung in den Händen der Frauen. Sie verzierten
die Leingewebe mit Vorliebe mit roter Farbe. Und noch heute wird
die Wäsche rot gezeichnet. Der Flachs ist die heilige Pflanze
der ~Frigga~, der Gemahlin ~Odins~ und Schutzgöttin der Ehe. Ihr
Katzengespann war mit Strängen blühenden Leins angeschirrt. Sie war
Schirmerin der Flachsbearbeitung und wurde (unter dem Namen Frau
Holle) als spinnende Frau dargestellt (~Reling~ u. ~Bohnhorst~).
~Tacitus~ erwähnt in der Germania (Kap. XVII) deutsche Leinwand.
~Unger~ betrachtet (gestützt auf ~Herodot~) die sumpfigen Niederungen
im Südwest-Kaukasus als das Vaterland des Lein; ~Hoops~ Kleinasien
und die Kaukasusländer als Heimat des Flachsbaues. Nach ~Schrader~
scheint der Flachs schon in der Heimat der Indogermanen Kulturpflanze
gewesen und als +solche+ bei dem Zuge nach dem Westen gebracht
worden zu sein, denn die gemeinsame Grundwurzel aller Idiome der
europäischen Indogermanen ist die Silbe li (s. oben), die sowohl
Flachs wie Gewebe bedeutet.
In Abessynien dienen die Samen eines niedrigen Berglein seit
undenklichen Zeiten mit Salz und Pfeffer zerrieben als Fastenspeise
(~Braun~, ~Schweinfurth~). ~Joachim~ übersetzt an mehreren Stellen
des Papyrus ~Ebers~ (I, S. 463) ein Wort mit Leinsamen, setzt
aber ein Fragezeichen dazu. Wir wissen, daß sie die Ägypter wie
die Assyrer besonders mit Honig (I, S. 480) viel als Arzneimittel
benutzten. Und auch bei den alten Juden spielten Leinsamen (kasno?)
und Leinsamensuppe (ḳaṣchā?) eine Rolle unter den sog. diätetischen
Mitteln (I, S. 489). In der chinesischen Medizin scheint Lein (huma)
keine große Rolle gespielt zu haben. Ich finde ihn z. B. im Pentsʿao
kang mu nicht. Das gleiche gilt von der indischen Medizin, wo bei
~Sušrutas~ der Name akasa für _Linum_ steht (I, S. 506). Dagegen
bediente sich ~Hippokrates~ (I, S. 542) der Leinsamen gern -- unter
den Schleimmitteln des Corpus Hippocraticum steht λίνον obenan. --
Die Sitte Leinsamen (sowie Mohn- und Sesam-Samen) auf das Brot zu
streuen, die auch für den Norden bezeugt ist, erwähnt der lydische
Dichter ~Alkman~ (670-640 n. Chr.). Der erste, der Schleim und Fett
der Samen und ihre Anwendung bei Husten erwähnt, ist ~Theophrast~
(Hist. plant. III, 18, 3: γλισχρότητα καὶ λίπος). ~Dioskurides~
(II. cap. 125) vergleicht den Samen mit dem ebenfalls schleimigen
Samen des _Foenum graecum_. Er nennt eine Menge Krankheiten,
gegen die er innerliche oder äußerliche Anwendung (als Clysma und
Sitzbad) der Leinsamen empfiehlt. ~Plinius~ bespricht im XIX. Buch
eingehend die Leinkultur, die Faserbereitung (das Asbestinum Linum,
der «unverbrennliche Lein» war aber Asbest) und die medizinische
Anwendung der schleimigen Samen, bei der, wie es scheint, meist
der Honig (und zur Verdeckung des faden Geschmackes auch Pfeffer,
s. oben) mit im Spiele war -- so z. B. auch bei ~Crescenzi~ (I,
S. 677). Geröstete Leinsamen erwähnt ~Galen~ und _Lini semen_
wie _Farina seminis lini_ steht bereits in den Compositiones des
~Scribonius Largus~ (I, S. 577), der Leinsamen bei trockenem Husten
zur Beförderung der Expectoration empfahl. ~Celsus~ brauchte ihn
mit süßem Wein gemischt bei Geschwüren im Halse, ~Andromachus~ bei
Harnbeschwerden, ~Moschion~ bei Menstruationsstörungen in Form von
Leindekokt-Bädern. Auch zu Speisen und Backwerken fand er im Altertum
Verwendung (~Dierbach~). Im Edikt ~Diocletians~ (I, S. 569) steht
λινόσπερμον und auch ~Alexander Trallianus~ (I, S. 592) benutzte die
Leinsamen oft (sie heißen bei ihm ebenso). Die Leinkultur erwähnen
die römischen Landwirtschaftsschriftsteller (z. B. ~Columella~).
Die Griechen bauten λίνον, die Römer _Linum_. Alle Operationen der
Erntebereitung der Flachsfaser finden wir schon bei den Römern, das
Raufen (vellere), Rösten (macerare), Brechen (frangere), Hecheln
(digerere). Bei ~Ibn Baithar~ (I, S. 610) sind zahlreiche Krankheiten
angeführt, bei denen Leinsamen anzuwenden ist. ~Elgâfaki~ vergleicht
die schmerzstillende Wirkung mit der der Kamille. Auch Fumigationen
und Leinsamenumschläge waren beliebt und der geröstete Same diente
als Adstringens. Doch scheint das Mittelalter im allgemeinen die
Leinsamen wenig beachtet zu haben (im Regimen sanitatis und der Flos
medicinae (I, S. 629) sowie im Hortulus fehlt _Linum_), doch finden
wir in der Alphita (I, S. 651) _Lineolum_ (oleum de semine lini)
und das Breviarium ~Karls~ (I, S. 621, +nicht+ das Capitulare, wie
~Flückiger~ angibt), die ~Hildegard~ (I, S. 670), die den Samen zu
Kataplasmen empfiehlt, ~Megenberg~ und das Gothaer Arzneibuch (I, S.
680) gedenken des Leinsamen. Flachs steht auch im Zolltarif von Accon
(I, S. 699) und dem von Messina (~Sella~) und die Abtei Saint Germain
des-Prés erhob im VIII. Jahrh. Leinsamen als Abgabe (I, S. 715).
Die Wirkung der Leinsamen als Aphrodisiacum, die ~Matthioli~ betont
und die auch dem Volke bekannt ist, erwähnt schon ~Dioskurides~.
Der Leinsamen dient noch jetzt zum Liebes- und Eheorakel (Vogtland,
Österreich) und spielt auch bei den Hochzeitsbräuchen der Südslaven
eine Rolle (~Krauss~). Wie ausgedehnt der Flachsbau im XVI. Jahrh.
in Deutschland war, zeigt der Umstand, daß es in Augsburg damals
3500 Weber gab. Die Fugger verdanken ihren Reichtum zum Teil der
Weberei. Ehemals wurde Leinsamendekokt (zusammen mit Bockhornsamen-
und Altheeschleim) zur Bereitung des _Empl. diachylon_ benutzt,
das seinen Namen (= Pflaster mit Saft) daher hatte (~Peters~). Das
_Emplastrum Diachylon_ des ~Mesuë~ z. B. enthält in allen seinen
verschiedenen Vorschriften (vgl. ~Cordus~ Dispensatorium. I, S. 795)
_Mucilago seminis Lini_.
«Die von den Alten nicht geübte Ölmalerei, welche sich wesentlich
auf die Verdickungsfähigkeit der sog. trocknenden Öle stützt,
mag einen weiteren Aufschwung der Wahrnehmung verdankt haben,
daß jene Eigenschaft des Öles durch Besonnung noch mehr erhöht
wird. Dieser Behandlung unterwarf man das Leinöl (ebenso wie
Mohnöl und Rizinusöl) schon im IV. Jahrh. Das erstere wurde
zum gleichen Zwecke vom X. Jahrh. an, wenn nicht schon früher,
auch mit Bleioxyd gekocht (~Ilg~). Solcher Firniß scheint wohl
lange Zeit vorzüglich in Danzig bereitet worden zu sein; manche
Taxen des XVI. Jahrh. nennen _Vernisium Dantiscanum_ und aus
~Valerius Cordus~ (Annot. ad. Dioscor.) ist ersichtlich, daß damit
Leinölfirniß gemeint ist» (~Flückiger~). Die ältesten Papiere (s.
oben S. 256) sind Hadernpapiere. In den alten arabischen, d. h.
islamitisch-orientalischen und auch in den ältesten europäischen
Papieren spielt die Leinfaser die Hauptrolle. Sie tritt in den
Papieren viel häufiger auf als Hanffaser (~Wiesner~).
=Lit.= ~Heer~, Pfl. d. Pfahlbaut. 1865 u. Flachs u. Flachskultur
im Alterthum. Zürich 1872. -- ~Unger~, Bot Streifzüge auf d. Geb.
d. Culturgesch. Sitzungsb. d. Wiener Akad. IV-VII. -- ~Wönig~,
D. Pflanz. d. alt. Ägypt. 1886. -- ~Schweinfurth~, Ber. d. d.
bot. Ges. 1883 u. 1884. -- ~Körnicke~, Bemerk. über d. Flachs d.
heut. u. alt. Ägypt. Ber. d. d. bot. Ges. VI, 388. -- ~Thär~,
Altägyptische Landwirtsch. 1881. -- ~Buschan~, Vorgeschichtl.
Botan. 1895. Prähistor. Gewebe u. Gespinste 1889 und die Weberei
der Vorzeit. Verh. d. Berl. Anthropol. Ges. 1889. -- ~Neuweiler~,
Prähist. Pflanzenreste Mitteleuropas. Zürich 1905. -- ~A. Braun~,
Pflanzenreste aus altägypt. Gräbern. Zeitschr. f. Ethnolog. 1877. --
~Schrader~, Sprachvergleichung und in ~Hehn~, Kulturpflanz. u. Haust.
-- ~De Candolle~, L’Orig. des plant. cultiv. -- ~Maspero~, Hist. anc.
d. peupl. de l’Orient 1878. -- ~Blümner~, Technol. u. Terminolog.
d. Gewerbe u. Künste bei Griechen und Römern 1875. -- ~H. Vogel~,
Über d. Culturgesch. d. Flachses u. seinen Kampf mit d. Baumwolle.
Darmstadt 1869. -- ~Sella~, Pandetta delle gabelle e dei diritti
della curia di Messina Torino 1870 (Miscellanea di storia italiana
t. X). -- ~Earle~, Bot. and mat. med. of linseed. Pharm. Journ. 14
(1884), 979. -- Sagen und Volksgebräuche in ~Reling~ und ~Bohnhorst~,
Unsere Pflanzen. 4. Aufl. 1904. -- ~A. Braun~, Flora 1848, 94. --
~Schweinfurth~, Petermanns Mitth. 1868, 168. -- ~Hildebrandt~,
Zeitschr. f. Ethnologie. Berlin 1874, 327. -- ~Dierbach~, Synopsis
mat. med. -- ~Flückiger~, Pharmakognosie. -- ~Ilg~, Von den Farben
u. Künsten d. Römer in ~Eitelbergers~ Quellenschr. f. Kunstgesch. u.
Kunsttechn. d. Mittelalt. IV (1873). -- ~Jul. Wiesner~, Rohstoffe und
Die mikroskop. Unters. d. Papiers. Mitt. aus d. Samml. d. Pap. Rainer
1887.
=Paralleldrogen.= Schleimepidermen besitzen auch die Samen von
_Linum perenne_ L., _L. Levisii_ ~Pursh.~, _L. austriacum_ L.,
_L. angustifolium_ ~Huds.~, _L. maritimum_ L. und können (nach
~Dragendorff~) wie _Linum usitatissimum_ gebraucht werden. In
Vorderindien darf _Sem. lini_ durch die Samen von _Plantago ovata_
ersetzt werden (I, S. 22).
Sem. Cydoniae.
=Syn.= Quittensamen, Quittenkerne -- in Tirol: Kittenbaum, in der
Schweiz: Schmeckbirn, in Osnabrück: quie -- coing (franz.) -- quince
(engl.) -- kwee, quee (holl.) -- cotogno (ital.) -- membrillo (span.)
-- marmeleiro (port.) -- birsalma (ung.) -- κυδώνια (plur. n.-griech.)
-- armud, aiva (russ.) -- bihí-danah (hind., bomb.) -- shimai-dalavirai
(tam.) -- safarjal (arab.).
=Etym.= Quitte (früher [XI. Jahrh.] Quidde); +mhd.+ quiten, kitten
und küten (bei ~Brunschwyg~, ~Bock~, bei ~Megenberg~, I, S. 693:
kütenbaum); +ahd.+ chutina (chotin, chutinbaum, chutinboum) von
gemeinroman. cotônea (cottanum, bei ~Plinius~: mala cotonea). Dies
aus κυδώνεα (bei ~Dioskurides~: κυδώνια). Aus cotônea dann auch
coing (+franz.+ so z. B. im Inventar ~Lefort~ [I, S. 805] 1439) und
kwee (+holl.+). Die spätgriech. Namen bei ~Langkavel~, Botan. d.
spät. Griech. Im Mittelalter: cedonia, citonium, coctanus, cotoneum,
quotanum, im +ital.+: cotegra. -- Im IX. Jahrh. auch coronopus
(= Krähenfuß). Bei ~Serapion~ und in der Alphita (I, S. 645):
cithonia, mala citonia; bei ersterem auch: tuffa, suffargel. In den
Sinonoma (I, S. 639): cottana, citonia. -- Bei ~Megenberg~ heißen
die Früchte: pirn küten, gemain küten. Bei der ~Hildegard~ (I, S.
670): Quitdenboum, quotanus -- bei ~Albertus Magnus~ (I, S. 674):
coctanus, citonius. -- In den mittelengl. Medizinbüchern (I, S. 684):
quyns -- im Gothaer Arzneibuch (I, S. 681): quede. «Die lateinische
Form cotonea wird auf einer Vermischung mit Namen der Feige beruhen,
die auch in dem kleinrussischen (und poln.) Namen für Quitte pigva
hervortritt» (~Schrader~) -- cottana waren kleine Feigen. -- Von dem
portugiesischen Worte für Quitte: marmeleiro (ordinario) ist das Wort
marmelade abgeleitet.
=Stammpflanze.= =Cydonia vulgaris= ~Persoon~ (Enchirid. II, 40)
[+Pirus+ (nicht Pyrus) +Cydonia+ L., Cydonia Cydonia ~Karst.~, C.
europaea ~Sroi~, Sorbus Cydonea ~Crantz~], Quittenbaum, Cognassier,
coigenassier.
Mit den Varietäten: var. _maliformis_ ~Mill.~, Apfelquitte,
apfelförmig, beiderseits genabelt, -- var. _oblonga_ ~Mill.~,
Birnquitte, Quittenbirne, birnförmig, nur auf dem Scheitel genabelt
(das malum strutheum ~Catos~). -- var. _lusitanica_ ~Med.~,
portugiesische Quitte, sehr groß und gerippt und noch einigen anderen
Sorten (vgl. ~Mataicu~, Nomenclator pomolog. 1889).
Schon ~Plinius~ erwähnt fünf Sorten. ~Columella~ nennt struthia,
chrysomelina und mustea. ~Theophrast~ (Hist. plant. 2, 2. 5)
unterscheidet zwischen der wilden (verwilderten) Quitte, κυδώνιος
und der zahmen, die er στρούθιον nennt, eine Bezeichnung, die sich
(neben στρουτόμηλον) ebenso bei den späteren Griechen und auch bei
den Römern findet. Der Autor von ~Makhzan~ beschreibt drei Arten
Quitten (Safayal): die süße, die saure und die säuerliche (arab.
muzz) (Pharmacogr. ind.).
=Systemat. Stellung.= +Rosaceae+, Pomoideae -- Pomariae -- Eucydonia
(~Focke~).
=Beschreibung.= Die Quitte ist meist ein kleiner Baum, der selten
3 m Höhe überschreitet, mit abstehenden dornenlosen Ästen, oft
ohne einen eigentlichen Hauptstamm (das steht schon bei ~Plinius~)
und kurzgestielten, eiförmigen oder eilänglichen, ganzrandigen,
alternierenden +Blättern+, die unterseits, ebenso wie die jungen
Zweige und der Fruchtknoten zottig-graufilzig sind. Nebenblätter
laubig, länglich, drüsig gesägt. Die einzeln terminal stehenden
+Blüten+, die größer sind als die des Apfels und bis 7 cm Durchmesser
erreichen, besitzen fünf oblonge, drüsig-gesägte, filzige, unterseits
zottig behaarte Kelchblätter, fünf damit alternierende, rötlichweiße
oder weiße und rötlich geaderte Kronenblätter, die eine gedrehte
Knospenlage besitzen und 15-20 Stamina, die in drei Kreisen angeordnet
sind -- bei 20 Staubfäden ist der äußere Kreis zehnzählig und die
beiden inneren sind je fünfzählig. Das Gynaeceum ist unterständig,
die fünf Griffel sind frei. Die aufsteigenden anatropen Ovula liegen
in zwei collateralen Reihen. Die goldgelbe, stark und eigentümlich
lieblich riechende, herb und sauer schmeckende Frucht ist apfel- bzw.
birnförmig (s. oben), von dem vergrößerten laubigen Kelch bekrönt
[vielleicht rührt der Name _Coronopus_ (s. oben) von den auf der
Frucht sitzenbleibenden Kelchzipfeln her, ~Fischer-Benzon~], gelb oder
grünlich-gelb -- «quittegelb» ist im Sprachgebrauch eine besondere
Nuance des Gelb --, oft noch stellenweise von einem leicht abreibbaren
Filze bedeckt, den Resten der Behaarung des Fruchtknotens, daher
spinnwebig filzig (~Martial~ vergleicht den Flaum auf der Wange eines
Kindes mit diesem Flaume). Das Fruchtfleisch ist derb, hartfleischig,
wenig saftig, sehr herbe und sauer. Das Kerngehäuse pergamentartig
knorpelig. Das Kerngehäuse entsteht aus den fünf Carpellen, die mit
dem Receptaculum verwachsen. Das Fruchtfleisch (Mesocarp) und die
Schale (Exocarp) sind also Bildungen des Receptaculums, wie dies bei
der Gruppe der Pomoideen stets der Fall ist. Die Frucht ist also eine
Scheinfrucht vom Typus der Apfelfrucht. In der Mittelschicht der Frucht
finden sich viele Sklereïdengruppen (Reste der Drupa), die sich zumal
gegen das Gehäuse zu sehr eng zusammendrängen. Jedes der fünf Fächer
umschließt einen Ballen von 6-15 (selten mehr) Samen (Fig. 112). Die
Frucht bleibt auch zur Zeit der Reife hart. Die Quitte blüht im Mai
oder Juni.
Die Quitte wächst wild im Kaukasus, in Transkaukasien (bis 1300
m), den kaspischen Provinzen Persiens, Talysch und Asterabad, in
Armenien, Syrien und Kleinasien (~Engler~). Verwildert findet sie sich
im ganzen Mittelmeergebiet. Für uns kommen jedoch nur kultivierte
Quitten in Betracht. Die Quitte ist von ihrer ursprünglichen Heimat,
den transkaukasischen, südkaspischen, ostiranischen, turanischen und
südostarabischen Ländern über Persien und Syrien zunächst nach dem
Mittelmeergebiet gebracht worden. In Kultur ist die Quitte jetzt im
ganzen warmen und gemäßigten Europa, sowie in Afrika, in Ägypten,
Tripolis, auf Teneriffa und am Cap. In Italien z. B. findet sie sich
im Valle Pantena bei Verona, bei Marsano, Bologna und in Sardinien
spontan und kultiviert (~Ravasini~), doch trägt sie reicher im
Süden. Ihre Früchte reifen noch in England, nicht mehr in Schottland
(~Hanbury~), wohl aber in einigen Gegenden im Süden Schwedens und
Norwegens (~Schübeler~). Im Süden ist sie ein Baum, im Norden wird sie
oft strauchartig. Nach Amerika ist sie wohl frühzeitig gebracht worden.
Sie wächst (halb wild?) in Chile (~Philippi~), Guatemala (~Smith~),
Mexiko und Florida und wird auch dort kultiviert. Die Kultur hat, wie
es scheint, die Frucht der Quitte wenig verändert.