72% der lufttrockenen Substanz gärungsfähigen Zucker. Der Sirup
besitzt aber einen unangenehmen Geschmack. Der daraus dargestellte
Alkohol riecht angenehm (~Stenberg~). Auf die Tatsache, daß aus
_Cetraria_ Zucker gewonnen werden kann, haben ~Stenberg~ und ~Müller~
den Vorschlag gegründet, diese Flechte (und die Renntierflechte),
in Gegenden wo sie häufig sind, zur Alkoholgewinnung heranzuziehen.
_Cetraria islandica_ und andere Flechten (_Cladonia rangiferina_)
werden denn auch zur Darstellung von Alkohol benutzt. Doch soll nicht
viel dabei herauskommen (~Schübeler~). Ähnliche Versuche sind in
Finland, Petersburg und Archangel gemacht worden (~Flückiger~).
=Lit.= ~Fortunatoff~, Arbeit. pharm. Instit. Dorpat 1890. --
~Guesdon~, Le Lichen d’Islande. Thèse Paris 1901, Journ. de pharm.
1901 (14), 373. -- ~Deguy~ und ~Brissemoret~, Journ. des practiciens
1897. Rep. Pharm. IX, 461. -- Pharm. Journ. 1897, 378. -- ~Gigon~,
Mercks Ber. 1905, 50. -- ~Tapie~, Essai sur le Lichen d’Islande
(Sep. Abdr.). -- ~Bouchardat~, Bull. gen. de Therap. 1842, 42. --
~Dragendorff~, Heilpflanzen. -- ~Husemann-Hilger~, Pflanzenstoffe.
-- ~Köhler~, Prager Vierteljahrsschr. 120, 49, 1873. -- ~Rigatelli~,
Gazz. eclett. 1835 und Pharm. Zentralbl. 1835, 858. -- ~Ramm~,
Bittermittel in ~Kobert~ Studien II, 1890. -- ~K. J. Zimmermann~,
Über d. isländ. Flechte, als Nahrungsmittel zur Zeit des Mangels und
der Not usw. Bamberg 1817. -- Vgl. auch ~Schweiggers~ Journ. d. Chem.
VII, 317. -- ~Hansteen~, Nord. Flecht. als Nahrungsm. Chem. Zeit.
1905, 1286 und 1906, 30, 638. -- ~Stenberg~, Jahresb. d. Pharm. 1868
u. 1869. -- ~Peretti~, Jahresb. d. Pharm. 1843, 88. -- ~Schübeler~,
Pflanzenwelt Norwegens 1873. Arch. d. Pharm. 1872, 243. -- Über die
Renntierflechte und eßbare Flechten vgl. auch ~Krasser~ in ~Wiesner~,
Rohstoffe, II. Aufl. -- Über +eßbare Flechten+ vgl. auch ~Senft~,
Über einige in Japan verwendete vegetabil. Nahrungsm. usw. Pharm.
Praxis 1906 u. 1907. Über +giftige Flechten+: ~Kobert~, Lehrb. d.
Intoxikationen.
=Geschichte.= Den Alten war das isländische Moos unbekannt. Das, was
~Dioskurides~ λειχὴν, das einige βρῦον nennen (IV. Kap. 53) nennt,
ist nach ~Sprengel~ _Peltigera canina_ oder _P. aphthosa_, nach
~Fraas~ _Lecanora Parella_ und des ~Plinius~ (XXVI, 10) +Lichen+ ist
wohl _Marchantia polymorpha_, die gleiche Pflanze, die auch ~Fuchs~
unter Lichen abbildet. Ob sich unter einem _Muscus terrestris_ oder
_Lichen_ von ~Bauhins~ Pinax (I, S. 855), worunter auch _Lycopodium_
inbegriffen ist, _Lichen islandicus_ verbirgt, ist schwer zu
sagen. Ebensowenig vermag ich in einer der in der Pharmacia des
~Corbeius~ (1656) abgehandelten _Muscus_arten das isländische Moos
mit Bestimmtheit zu erkennen. Das, was ~Geoffroy~ (Tractatus 1742,
vgl. I, S. 946) unter Lichen abhandelt und von dem er eine Analyse
mitteilt, war es keinesfalls. ~Krempel-Huber~ ist der Ansicht, daß
sich die folgende Stelle in des ~Valerius Cordus~ +Sylva+, in der
~Cordus~ seine Reise nach Schwaben und Böhmen (1542) beschreibt,
auf _Cetraria_ bezieht: «Muscus quidam, Crispe lactuce similis,
minor et per ambitus leniter aculeatus, cespite latiusculo diffusus,
nascitur in Taedacea sylva inter Suetachiam et Lauffam.» Vielleicht
ist auch das Lichen in der Pharmakopoëe von Bergamo (1580) isländisch
Moos (~Flückiger~) sowie das Lichen der ~Cordus~-Liste (I, S. 800).
Eine Abbildung des _Muscus Eryngii folio_ findet sich in ~Breynes~
Miscellanea usw. Nat. Curiosor. III (1672), Nr. 289. Die Namen
_Lichen terrestris foliis Eryngii_ (~Buxb.~), _Lichenoides rigidum
Eryngii folia referens_ (~Dillen.~) finden sich auch anderwärts. In
~Valentinis~ Museum (I, S. 912) ist die Beschreibung des Lichen,
den er ganz richtig zwischen die Lungenflechte und das _Lycopodium_
einreiht, konfus, und die beigegebenen Abbildungen betreffen
_Mandragora_, mit der er es verwechselt. Bei ~Pomet~ fehlt _Lich.
islandicus_. _Muscus latifolius_ id est _pulmonaria_ (Lungenkraut)
in der Brandenburgischen Taxe 1574 ist wohl die Lungenflechte. Denn
_Lichen islandicus_ hieß Lichen pulmonarius minor angustifolius
spinis tenuissimis ad margines ornatus (~Mich.~ Gen. 83 t. 44 f. 4;
auch ~Bartholini~ sagt: «Costis hinc inde spinosis horridulus»).
Der _Lichen terrestris cinereus_, den ~Mead~ 1702 gegen Hundswut
empfahl, ist wohl ebenfalls eine andere Flechte. Dagegen ist der
_Muscus carthaticus islandicus_ des Copenhagener Catalogus 1672 (I,
S. 826) Isländisch Moos. Denn 1671 wurde _L. i._ von ~Borrichius~
als Abführmittel empfohlen (in ~Bartholini~ Act. med. Hafn. I, 1671,
126). Die medizinischen Eigenschaften waren zuerst den Isländern
bekannt. «Ab Islandis primam virtutis medicae notitiam profectam
esse probabile est, qui ipsi in phthisi aliisque quibusdam pectoris
morbis lichenem magni faciunt» (~Olafsen~ bei ~Murray~). Auch
~Hiärne~, ~Scopoli~ und ~Schoenheyder~ empfehlen sie gegen Phthise
(und Hämoptysis). ~Linné~, der die Pflanze _Lichen islandicus_
taufte (~Bartholini~ nannte sie _Muscus islandicus purgans_),
empfahl (1737) ihre Anwendung warm. Er bezeichnet sie in seiner
Materia medica als farinacea, eccoprotica, nutriens, hectica, und
auch ~Bergius~, der der Droge ein Kapitel in seiner Materia medica
1782 widmet, nennt sie eccoprotica, obwohl ~Olafsen~ die purgierende
Wirkung in Abrede stellte. Ende des XVIII. Jahrh. war _L. i._ als
Medikament hochgeschätzt. ~Murray~ sagt im Apparatus medicaminum (I,
S. 952): «inter praestantissima igitur hodie medicamina splendet»
und bespricht eingehend die Anwendung (a. a. O. V, p. 499). Siehe
auch das bekannte Gedicht ~Freiligraths~. Die ersten Analysen sind
von ~Hiärne~ und ~Fuchs~. Unreines Cetrarin wurde bereits 1835 von
~Rigatelli~ unter dem Namen «Salino antifebbrile» und «Lichenino
amarissimo» gegen Wechselfieber usw. empfohlen (vgl. oben S. 268).
Der beim Kochen entstehende Schleim von Flechten der Art der _C.
i._ scheint auch zur Appretur frühmittelalterlicher Papiere benutzt
worden zu sein (~Kobert~).
Daß _Lichen island._ als Nahrungsmittel (s. oben) brauchbar ist,
berichtete schon ~Borrichius~ (vgl. auch ~Troils~, Resa til Island).
Kapitän ~John Franklin~ und seine Begleiter benutzten es, als sie
in Amerika aller übrigen Nahrungsmittel beraubt waren, als solches
(Narrative of a journey to the shores of the polar sea 1823). In der
Krain wurden Schweine, Pferde und Ochsen damit gefüttert (~Murray~).
Im XVIII. Jahrh. scheint _Cetraria islandica_ auch als Färbeflechte
benutzt worden zu sein (~Westring~ 1805).
=Lit.= ~A. von Krempelhuber~, Geschichte u. Literat. d. Lichenologie
I (1867), 13, 502. -- ~Flückiger~, Pharmakognosie III und Arch.
d. Pharm. 226 (1888), 1020. -- ~Schübeler~, Viridarium norvegicum
1885. -- ~Joh. Th. Ph. Ch. Ebeling~, Diss. de Quassia et Lichene
Islandico. Glasgow 1779. -- ~Trommsdorff~, Diss. de Lich. Island.
-- ~Borrichius~ in ~Bartholini~, Act. med. et phil. Hafn. 1671
(1674) I, 126. -- ~Hiärne~, Vet. Acad. Handl. 1744, 176. -- ~Fuchs~,
Crells chem. Ann. 1787. -- ~Murray~, Apparatus medicaminum 1790, V,
499. -- ~R. Kobert~, Über einige echte gefilzte Papiere des frühen
Mittelalters. Zeitschr. Angew. Chem. 1910, 1249.
=Paralleldrogen.= Ähnlich wie _Cetraria islandica_ werden (nach
~Dragendorff~) benutzt: _Cetraria nivalis_ ~Ach.~ (in den Alpen) und
_C. aculeata_ ~Fr.~ _Cetraria nivalis_ ist in der Schauberg-Rax-Ware
des Wiener Handels stets enthalten (~T. F. Hanausek~). _Cetraria
nivalis_ enthält Usninsäure und 90,2% der Trockensubstanz
stickstofffreie Substanzen (Zellulosine). Aus dem Mehl der von der
Usninsäure befreiten Flechte kann ein Gebäck dargestellt werden.
Lerp-Manna.
Die _Lerp-Manna_ entsteht durch _Psylla Eucalypti_ auf _Eucalyptus
dumosa_ ~Cunningham~ (_Euc. incrassata_?) in Australien, besonders
auf Tasmania. Sie wird in der Weise erzeugt, daß die genannte
Hemiptere mit Hilfe ihres gabeligen Schwanzes weiße Fäden absondert,
welche nachher durch einen aus den Leibesringen des Insektes
austretenden Sirup verklebt werden (~Dobson~) und die das Gespinst
darstellen, worin das genannte Insekt seinen Puppenzustand durchlebt
(~Flückiger~). Durch kaltes Wasser geht der Zucker in Lösung und die
Fäden bleiben zurück.
Der Gehalt an +Fruchtzucker+ beträgt nach ~Flückiger~ 53,1% (nach
~Anderson~ 49%). Die Grundsubstanz der Fäden besteht aus einer
von ~Flückiger~ +Lerp-Amylum+ genannten Substanz, +die sich durch
Jodlösungen blau färbt+, in kaltem Wasser kaum, in Wasser von
135-150° reichlich löslich ist und sich beim Erkalten dieser Lösung
wieder abscheidet. Die Substanz, die ihrer Zusammensetzung nach (C =
43,4, H = 6,5%) zwischen Stärke und Zellulose steht, ist dem Lichenin
ähnlich. Sie ist unlöslich in Kupferoxydammoniak.
Die von ~Anderson~ in der _Lerpmanna_ angegebenen anderen Substanzen:
Gummi, Stärke, Inulin und Zellulose sind nicht darin nachzuweisen
(~Flückiger~). Der Feuchtigkeitsgehalt beträgt 14-15%.
=Lit.= ~Anderson~, Journ. prakt. Chem. 47, 449 (Jahresb. Pharm. 1849,
68). -- (~Dobson~ und) ~Flückiger~, Wittsteins Vierteljahrsschr. 17
(1868), 161 und 18, 32. -- ~Flückiger~, Über Stärke und Zellulose.
Arch. Pharm. 1871 (mit Abbild.).
4. Lignino-Membranindrogen.
Unter dem Namen +Ligninomembranin+ mag die +Holzsubstanz+ bezeichnet
werden, d. h. der Körper, der die Membranen der Elemente des
Holzkörpers bildet und der mit Jodreagentien nicht wie Zellulose
reagiert. ~Tollens~, dem ich meine Einteilung vorgelegt, schlägt
vor, die Zelluloso-Membranine und die Lignozelluloso-Membranine
als zwei Abteilungen einer Klasse zusammenzufassen und den übrigen
voranzustellen, was viel für sich hat. Daß im Ligninomembranin ein
Zellulosin steckt ist sicher, denn bei der Hydrolyse entstehen Zucker.
Daß die Holzfaser durch Kochen mit Schwefelsäure Traubenzucker liefert,
ist seit 1819 bekannt (~Autenrieth~ und ~Bayerhammer~, ~Braconnot~).
~Ekström~ erhielt aus Holz 50-75% Glukose. Daneben treten aber auch
(außer Galaktose und Mannose) Pentosen auf. Es sind also neben
Manno-Gluko-Galaktanen auch +Pentosane+ vorhanden. Diese +Pentosane+,
die wohl niemals den Charakter von Reservestoffen tragen, spielen in
den +Gerüstsubstanzen+ der Pflanze eine große Rolle, besonders +Xylane+
finden sich ganz allgemein in den Wänden der Zellen des Holzkörpers und
verholzter Bastzellen, den harten Geweben von Früchten (_Cocos_) und
Samen (_Gossypium_), wie überhaupt in den Zellen, die ich unter dem
Namen «+Sklereïden+» zusammengefaßt habe. Während aber die Nadelhölzer
nur wenig davon enthalten (2-9%), sind die Laubhölzer reich daran
(20-33%). Jute enthält 15%. Methylpentosane sind in Samenschalen und
Rinden nachgewiesen.
Xylan wird (nach ~Thomson~) in der Weise bestimmt, daß man die
mit Ammoniak digerierten und ausgewaschenen Holzmehle mit 5%
Natronlauge behandelt und das Filtrat mit Alkohol fällt. Xylan ist in
Kupferoxydammon und Wasser löslich. Es dreht links. ~Cross~, ~Bevan~
und ~Claud Smith~ nehmen an, daß die Pentosane (z. B. im Stroh) an
Ameisensäure zu einem Pentosemonoformal,
O
/ \
C₅H₈O₃ CH₂,
\ /
O
gebunden sind. Vielleicht sind die Xylane in der Membran mit Zellulose
verestert. Bemerkenswert ist, daß d-Glukose und l-Xylose ähnliche
Strukturformeln haben:
H H OH H
{ d-+Glukose+ = CH₂OH--C--C--C--C--COH
{ OH OH H OH
{
{ H OH H
{ l-+Xylose+ = CH₂OH--C--C--C--COH
OH H OH
und denn auch häufig nebeneinander als Produkte der Hydrolyse von
Zellmembranen erhalten werden, ebenso wie:
H OH OH H
{ d-+Galaktose+ = CH₂OH--C--C--C--C.COH und
{ OH H H OH
{
{ OH OH H
{ l-+Arabinose+ = CH₂OH--C--C--C.COH.
H H OH
~W. Hoffmeister~ nennt die aus den nicht zuvor von den inkrustierenden
Stoffen befreiten Zellmembranen durch 5% Natronlauge extrahierbaren
Stoffe +Holzgummi+. Dieses Holzgummi ist wohl mit Xylan identisch. Da
der reinen Zellulose Pentosane fehlen -- sie gibt bei der Hydrolyse
niemals Pentosen --, so kann die Bestimmung des Holzstoffgehaltes
eines Gewebes durch Bestimmung des Pentosangehaltes nach der Methode
von ~Tollens~ erfolgen, die darauf beruht, daß Pentosane bei der
Destillation mit Salzsäure α-Furfurol:
CH----CH
|| ||
|| ||
CH C.COH
\ /
\ /
O
liefern, das als Phloroglucid gefällt und gewogen werden kann.
Den +Holzstoff+, das +Lignin+ oder +Lignon+ (~Cross~, ~Bevan~,
~Beadle~) faßt man meist als ein methoxylreiches Oxyderivat der
Zellulose (Oxyzellulose) auf, das sowohl freie wie veresterte Hydroxyl-
und wahrscheinlich auch Acetyl- und Formyl-Gruppen (vielleicht stammt
die Essigsäure im Acetum pyrolignosum daher!), nach ~Klason~ 4 CH₃
und ein OH enthält. Es ist kohlenstoffreicher (55% C) als Zellulose
(44,4% C). Dem Jutelignin geben ~Tollens~ und ~Lindsey~ die Formel:
C₁₇H₁₆O₇(OCH₃)₂. ~Klason~, der (C₄₀H₄₂O₁₁)ₙ formuliert, bringt es
zum Coniferylalkohol, ~Euler~ zu den Gerbstoffen in Beziehung. Die
unten erwähnten Farbstoffreaktionen beziehen sich nach der jetzigen
Auffassung nicht auf das Lignin.
Daß in der Holzmembran eine zelluloseartige Substanz die Grundlage
(meist 50 bis 64% der Substanz) bildet, ist also sicher (~Payen~,
~Hoppe Seyler~, ~Lange~). Die abweichenden Reaktionen der Holzmembran
rühren von einer «Inkruste» her. Die Vorstellung, daß in der
Holzzellmembran die Zellulose «inkrustierende» Substanzen (matières
incrustantes, Xylogen, nach ~De Candolles~ Vorgang früher +Lignin+
genannt) vorkommen, rührt von ~Payen~ her. Daß diese Substanzen zum
Teil aromatische sind, kann keinem Zweifel unterliegen, denn es
gelingt aus der Sulfitablauge der Holzfaserbearbeitung +Vanillin+,
+Brenzkatechin+ und +Methylfurfurol+ abzuscheiden (~Grafe~),
Verbindungen, die in ihrer Gesamtheit wohl das +Hadromal+ ~Czapeks~
bilden und auf die sich die zahlreichen Holzreaktionen (mit
Phloroglucin, Anilinsulfat usw.) beziehen -- auch +Protokatechusäure+
wurde unter den Abbauprodukten gefunden (~Erdmann~, ~Bente~).
Aber es unterliegt ebenso keinem Zweifel, daß dieselben nicht als
+Beimengungen+ der Zellulose zu betrachten sind, sondern offenbar in
Bindung mit den Polysacchariden der Zellulose sich finden. Übrigens
faßte schon ~F. Schulze~ (1857) die Holzsubstanz als einheitliche
Substanz auf, die er +Lignin+ nannte und C₃₈H₂₄O₂₀ formulierte und
auch ~Erdmann~ betrachtete die Holzsubstanz als eine einheitliche
komplexe Verbindung, C₃₀H₁₆O₂₁ (Glykolignose), mit zuckerbildenden,
aromatischen und Zellulosegruppen. ~Cross~ und ~Bevan~ nehmen in der
Holzsubstanz (Zellulochinon) Zelluloseester und einen Aldehyd oder ein
Keton an. Nach Behandeln mit saurem Calciumsulfit (~Mitscherlichs~
Sulfitverfahren) bleibt in Kupferoxydammon lösliche Zellulose zurück,
die bei der Hydrolyse Traubenzucker, Galaktose und Mannose liefert.
Die Zellulose wird von Xylan (die Hydrolyse liefert daher auch Xylose,
~Tollens~) begleitet und außerdem scheinen darin (ob präformiert?)
12-14% +Ligninsäuren+, (C₂₀H₁₁O₈? mit 61-62% C), enthalten zu
sein (~Lange~). Auf die wohl erst bei der Kalischmelze (s. oben)
entstehenden Ligninsäuren bezieht sich wohl ~Mäules~ Manganatreaktion
des Holzes, eine mikrochemische Reaktion, die in der Weise ausgeführt
wird, daß man Kaliumpermanganat zufließen läßt, mit Wasser auswäscht,
dann Salzsäure zusetzt und nach abermaligem Auswaschen Ammoniak
zufließen läßt: die Holzmembran färbt sich rot.
+Auf die aromatischen Holzstoffbestandteile beziehen sich die
mikrochemischen Reaktionen+ mit Phenol-Salzsäure: blaugrün (~Runge~),
Phloroglucin- (oder Resorcin-) Salzsäure: kirschrot bzw. violett
(~Wiesner~), Pyrogallol-Salzsäure blaugrün (~Ihl~), Naphthol-Salzsäure:
grün (~Ihl~), Indol-Salzsäure: kirschrot (~v. Baeyer Niggl~),
Orcin-Salzsäure: rotviolett (~Lippmann~), Skatol-Salzsäure: kirschrot
(~Mattirolo~), Pyrrol-Salzsäure: rot (~Ihl~), Thiophen: grün (~Ihl~),
Anilinsulfat: gelb (~Runge~, ~Schapringer~); ebenfalls tritt
Gelbfärbung ein durch p-Toluidin (~Singer~), α- und β-Naphtylamin
(~Nickel~), α-Bromphenetidin (~Piutti~). Die empfindlichste Reaktion
ist die mit Pyrrol, die am häufigsten angewendete die mit Phloroglucin.
Nicht nur Amylschwefelsäure (~Kaiser~) und Isobutylschwefelsäure
(~Grafe~), sondern alle Alkylschwefelsäuren und aromatischen
Sulfosäuren färben Holzstoff (nicht Zellulose) rot oder blau
(~Hertkorn~), ebenso auch Isobutylaldehydschwefelsäure (~Grafe~). Nicht
alle Membranen, welche auf Permanganat (s. oben) reagieren, geben auch
mit Phloroglucin Reaktion und umgekehrt (~v. Faber~). In den meisten
Fällen fallen aber die Reaktionen zusammen (~Aisslinger~). ~Cross~
und ~Bevan~ halten die Jutefaser (s. oben S. 255) für «+typische
Lignozellulose+». Sie unterscheiden darin drei Bestandteile, deren
Anhydroaggregat die Faser bildet: eine der Baumwollzellulose nahe
verwandte Substanz, eine Pentazellulose, die Furfurol und Essigsäure
liefert und einen Chinon liefernden Bestandteil. Durch Behandeln
mit Sulfitlaugen (s. weiter hinten) werden oft ⅔ der im Holzstoff
enthaltenen Substanzen, jedenfalls alle aromatischen Gruppen, entfernt
und es bleiben 39,5-63% «Zellulose» zurück. Die Verholzung erhöht die
Festigkeit der Membran nicht (~Sonntag~).
Wir sind berechtigt anzunehmen, daß alle die oben genannten Substanzen
in der Membran nicht gemengt, sondern chemisch miteinander verbunden
sind (~Tollens~).
=Lit.= ~Autenrieth~ und ~Bayerhammer~ (in Berzel. Jahresber.
1822). -- ~Braconnot~, Ann. chim. phys. (2) 12 (1819). -- ~Runge~,
Poggend. Ann. 31 (1834). -- ~Payen~, Compt. rend. 1838 und 1839.
-- ~Schapringer~, Einfaches Mittel, um Holzstoff in Druckpapier
zu erkennen. Dingl. polyt. Journ. 176 (1865) (Anilinreaktion). --
~Erdmann~, Lieb. Ann. 138, 1 und Supplem. 5, 233. -- ~Bente~, Ber.
d. d. chem. Ges. 1875. -- ~v. Höhnel~, Histochem. Unters. über
das Xylophilin und das Coniferin. Sitzungsber. d. Wien. Akad. 76
(1877). -- ~Lippmann~, Sitzungsber. d. Wien. Akad. 77. -- ~Wiesner~,
Karstens bot. Unters. I, 120 (1866) und Sitzungsb. d. Wien. Akad.
1878 (Phloroglucinsalzsäurereaktion). -- ~Singer~, Ebenda 1882. --
~Lange~, Zeitschr. phys. Chem. 1899. -- ~Schellenberg~, Beitr. zur
Kenntn. d. verholzten Zellmembran. Pringsh. Jahrb. 29, 1896. --
~Czapek~, Zeitschr. f. phys. Chem. 27 (1899). -- ~Grafe~, Unters.
über d. Holzsubst. Sitzungsb. d. Wiener Akad. 113 (1904) und Neue
Reihe von Holzreaktionen. Öst. bot. Zeitschr. 1905. -- ~Zetsche~,
Beitr. z. Unters. d. verholzt. Membr. Zeitschr. f. angew. Mikrosk.
II. -- ~Seliwanoff~, Bot. Zentralbl. 1891. -- ~v. Faber~, Zur
Verholzungsfrage. Ber. d. d. bot. Ges. 22, 177. -- ~Aisslinger~,
Beitr. z. Kenntn. wenig bekannt. Pflanzenfas. Diss. Zürich 1907. --
~Thomsen~, Chem. Unters. über d. Zusammensetz. d. Holzes. Journ.
pr. Chem. 19, 146. -- ~de Chalmot~, Ber. d. chem. Ges. 27. -- ~E.
Fischer~, Ebenda 27, 3230. -- ~Tollens~ und ~Lindsey~, Lieb. Ann.
267. -- ~Euler~, Pflanzenchemie. -- ~Klason~, Ark. f. Kemi. 1908.
-- ~G. Lange~, Zeitschr. phys. Chem. 14. -- ~Cross~, ~Bevan~ and
~Beadle~, Cellulose, an outline of the chemistry of the structural
elements of plants London 1895. -- ~Mäule~, Verhalt. verholzt.
Membr. gegen KMnO₄. Habilitationsschr. Stuttgart 1901. -- ~Niggl~,
Flora 1881, 545. -- ~Czapek~, Biochemie. -- ~Ihl~, Chem. Zeit. 1885,
266 und 1890, 1571. -- ~Nickel~, Bot. Zentralbl. 38, 754 (1889) u.
Farbenreaktionen der Kohlenstoffverbind. Berlin 1890. -- ~Mattirolo~,
Zeitschr. wiss. Mikrosk. II (1885), 354. -- ~Kaiser~, Chem. Zeit.
1902. 335. -- ~Tollens~, Pentosen u. Pentosane u. ihre Bezieh.
zur Papier-Industrie. Papier-Zeitung 1907. -- ~Stackmann~, Stud.
über d. Zusammensetz. d. Holzes. Diss. Dorpat 1878. -- ~Schuppe~,
Beitr. z. Chem. d. Holzgewebes. Diss. Dorpat 1882. -- ~Wieler~,
Landw. Versuchsstat. 1885. -- ~Henze~, Unters. über d. spez. Gew.
d. verholzten Zellwand u. d. Zellulose. Diss. Göttingen 1883. --
~Sonntag~, Beziehungen zwischen Verholzung, Festigkeit u. Elastizität
vegetabil. Zellwände. Landw. Jahrb. 1892. -- ~Tschirch~, Angew.
Anatomie.
In die Gruppe der Ligninomembranindrogen gehören viele
+Pflanzenfasern+, die aus äußeren Gründen schon oben (S. 253)
abgehandelt wurden, ferner alle Hölzer, die nicht, sei es durch ihren
Gehalt an einem Farbstoff (_Campeche_), einem Harz (_Guajac_) oder
einem Bitterstoff (_Quassia_) oder einem anderen differenten Stoffe in
eine andere Gruppe gebracht werden müssen. Diese sog. +indifferenten
Hölzer+ spielen aber in der Medizin so gut wie gar keine Rolle mehr.
Das einzige, das noch da und dort verwendet wird, ist das =Lignum
juniperi= (über _Juniperus_ vgl. S. 44). Neuerdings haben =Holzwolle=
und +Holzmehl+ zu anderen Zwecken, nämlich als +Verbandmaterialien+
einige Bedeutung erlangt. Zu =Holzwollwatte= wird Holzschliff
verwendet, zu =Zellstoffwatte= sog. Holz- oder Strohzellulosen.
Die =Waldwolle= wird als Nebenprodukt der Kiefernadelöl- und
Kiefernadelextraktbereitung gewonnen. Sie besteht aus den
«destillierten» Kiefernadeln. Über =Torfwatte= orientiert eingehend
~Royer~, L’ouate de tourbe et ses applications in Trav. d. labor. de
mat. méd. Paris VI. 1910 (m. zahlr. anatom. Abbild.).
In der Technik spielt die Holzsubstanz eine große Rolle bei der
Herstellung von =Papier=, zu dessen billigen Sorten (Zeitungspapier)
ausschließlich oder als Hauptbestandteil +Holzschliff+ verwendet
wird, die daher stets auf Phloroglucin und Anilinsulfat reagieren.
Neben diesem sog. Holzstoff wird aber auch «chemischer Holzstoff»
sog. «Zellulose» benutzt, die aus dem Holzstoff (meist geraspeltem
Coniferen- aber auch Laub-Holz) durch Behandeln mit Natronlauge unter
Druck oder Calciumbisulfitlösung (~Mitscherlich~), oder Kalkmilch
und schwefliger Säure unter Druck (~Archbold~), oder Magnesiumsulfit
(~Eckman~), oder Schwefelnatrium erhalten wird.
Die Erfinder des Holzschliffs sind ~F. G. Keller~ in Kühnheida
(Erzgebirge) und ~H. Völter~ in Heidenheim (1852), der Erfinder der
Natronzellulose ist ~A. Ungerer~ in Semmering bei Wien (1869-1871),
der Erfinder der Sulfitzellulose der Amerikaner ~Tilghman~ (1866).
Das Verfahren wurde dann Anfang der siebziger Jahre praktisch
durchgeführt von ~A. Eckmann~, ~C. Kellner~ und ~A. Mitscherlich~,
die unabhängig voneinander arbeiteten (~Wiesner~).
In den heutigen +Papieren+ findet man neben Lein, Hanf, Alfa (Halfa),
Jute und Baumwolle, Nadelholz-Holzschliff, Laubholz-Holzschliff,
Nadelholzzellulose und Laubholzzellulose. (Über Papier vgl. auch oben
S. 256.)
Dann ist auch nicht ohne Erfolg versucht worden aus Holz +Alkohol+
darzustellen, was an sich keinen Schwierigkeiten begegnet, da ja die
Zellulosine bei der Hydrolyse Zucker liefern. Das Verfahren ist aber
zurzeit noch nicht billig genug. Auch die Verarbeitung auf Zucker ist
versucht worden, jedoch ohne jeden Erfolg (~Lippmann~).