islandicus L. [Flor. suec. 1085, Spec. pl. 1611], Physcia islandica
~P. Dc.~, Parmelia islandica ~Sprengel~, Lobaria islandica ~Hoffm.~).
Bisweilen werden var. _crispa_ ~Ach.~ mit schmalen, verbogen-krausen
Thalluslappen, var. _subtubulosa_ ~Fr.~ durch zusammengeneigte
Thallusränder röhrig und var. _platyna_ ~Ach.~ mit breitem, flachem
Thallus unterschieden. Auch andere Varietäten sind bekannt.
=Systemat. Stellung.= +Lichenes.+ Ascolichenes -- Parmeliaceae.
=Etym.= Cetraria ist aus cetra, dem kleinen, leichten, runden
Lederschild des römischen Fußvolkes, gebildet und spielt auf die
runden schildförmigen Apothecien an.
=Beschreibung.= _Cetraria islandica_ gehört zu den heteromeren,
gymnocarpen Strauchflechten (Thamnoblasti). Es handelt sich hier um
eine eigenartige Symbiose vom Charakter eines parasitären Konsortiums
zwischen einem Discomyceten und einer Palmellacee (s. unten). Der
krause, aufrechte, strauchige Thallus (Thallom, Lager, Laub) ist
mittelst kurzer, fadenförmiger Rhizoiden (Rhizinen) am Boden befestigt.
Er ist blattartig, vielfach gelappt, aufrecht bis aufsteigend (Fig.
92), beiderseits berindet und kahl, bis 10 cm hoch. Bisweilen sind
mehrere Individuen miteinander verwachsen oder verklebt. Am Grunde
ist der Thallus verschmälert, rinnenförmig oder fast röhrenförmig und
dort oft rötlich gefärbt. Nach oben verbreitert er sich und ist dort
wiederholt gabelig oder unregelmäßig gelappt. Im frischen Zustande
ist der Thallus häutig-lederig, auf der dem Lichte zugewendeten Seite
olivengrün, auf der anderen blaß grün-weißlich oder grau-weißlich mit
weißen, oft grubigen Flecken. Getrocknet ist der Thallus knorpelig,
oberseits grünlich-braun, unterseits hell bis weiß. Am Rande zeigt der
Thallus zahlreiche lange, bisweilen gegabelte, im Querschnitt rundliche
Fransen, die an ihrer Spitze je ein +Spermogonium+ tragen, in dem sich
zahlreiche, stäbchenförmige Spermatien befinden, die bisweilen durch
die terminale Öffnung ausgetreten sind und sich dort bisweilen als ein
kleines Häufchen angesammelt haben (Fig. 93). Apothecien finden sich in
der Droge selten. Ich habe ganze Zentner von Isländisch Moos durchsucht
ohne eins zu finden. (Die im Handel vorkommende Form _Cetraria island.
var. crispa_ ~Ach.~ ist stets unfruchtbar, ~Krasser~). Sie sitzen
einzeln oder zu zweit am Ende der Thalluslappen, der Oberseite schief
angewachsen. Sie messen bis 1 cm in der Breite, sind rundlich oder oval
und schildförmig (daher _Cetraria_, s. oben), frisch grünbraun, trocken
bisweilen kastanienbraun. Sie besitzen einen niedrigen, bisweilen
gekerbten Rand.
[Illustration: Fig. 92.
_Cetraria islandica._ [Aus +Luerssen+, Med. pharm. Bot.]]
[Illustration: Fig. 93.
_Cetraria islandica._
Spermogonien, die Spermatien entlassend.
[Aus +Luerssen+, Med. pharm. Bot.]]
=Lit.= ~Cramer~, Diss. de Lichene Islandico Erlang. 1780. --
~Olafsen~, Reise durch Island I, 85. -- +Abbild.+ bei ~Nees von
Esenbeck~, Plant. med. t. 10, ~Berg-Schmidt~, Atlas t. 159,
~Bentley-Trimen~, Medic. plants t. 302 und ~Luerssen~, Mediz. pharm.
Bot. Ältere: ~Plenck~, Icon. t. 744, ~Dill~, Hist. musc. t. 28, Fig.
111, Flor. Dan. t. 155 u. and.
=Vorkommen.= Die über die gemäßigte und kalte Zone beider Hemisphären
verbreitete Flechte findet sich nur auf der Erde zwischen Moos, Gras
und Heidekraut, im Norden in der Ebene, im gemäßigten Klima meist
in lichten Gebirgswäldern. Häufig in Europa, Asien (Sibirien), im
arktischen Amerika und weiter südlich bis Virginien und Nord-Carolina.
In Skandinavien steigt sie bis zum Meeresstrande herab, in den Alpen
bis 3260 m (Monte Rosa), ja über 3454 m (~Schröter~), also weit über
die Baumgrenze empor.
=Pathologie.= Prof. ~Ed. Fischer~ berichtet über die Parasiten:
Auf dem Thallus von _Cetraria islandica_ können sich parasitische
Ascomyceten ansiedeln, unter denen besonders der Discomycet
_Abrothallus Parmeliarum_ (~Sommerf.~) ~Nyl.~ zu nennen ist: Die
Fruchtkörper desselben sind zuerst in die Marksubstanz der Flechte
eingesenkt und bewirken blasige Wucherungen des Thallus, später
brechen sie als rundliche schwarze Fruchtscheiben hervor (siehe
~H. Rehm~, Discomyceten in ~Rabenhorsts~ Kryptogamenflora. Pilze,
Abt. III, p. 359). Außerdem wird (in ~Saccardo~ Sylloge) auch
der Discomycet _Scutula oxyspora_ ~Karst.~ und der Pyrenomycet
_Sphaerulina cetraricola_ (~Nyl.~) ~Karst.~ als auf _Cetraria_
vorkommend angegeben.
=Einsammlung und Handel.= Die Flechte wird im Harz, Fichtelgebirge und
Riesengebirge, in Niederösterreich, auf dem Schneeberg und der Rax, in
den Voralpen (Kant. Bern und Luzern, I, S. 98), in Tirol, Frankreich,
Skandinavien und Spanien, sowie in Nordamerika gesammelt. Island
scheint nichts zu liefern, jedenfalls nicht regelmäßig zu verschiffen
(~Wight~).
_Lichen islandicus_ wird in gepreßten Ballen à 120 kg gehandelt.
=Lit.= ~Wight~, Pharm. Journ. 17 (1887), 689. -- Pharmacographia.
=Anatomie.= Der bis 0,5 mm dicke Thallus zeigt drei Schichten:
die Randschicht, die Mittelschicht und die Markschicht. Die
Randschicht besteht aus einem lückenlosen pseudoparenchymatischen
Gewebe dicht miteinander verflochtener, dickwandiger, kurzer Hyphen
(Paraplectenchym, ~Lindau~), deren Wände sich mit Jod nicht oder
nur schwach blau färben. Die Mittelschicht besteht aus einer sehr
verschieden dicken Schicht, vorwiegend parallel der Oberfläche
gestreckter Hyphen mit dicker Wand und engem Lumen. Sie ist es in
erster Linie, die sich mit Jod direkt blau färbt und beim Kochen mit
Wasser sich löst bzw. in eine Gallerte übergeführt wird. Die Färbung
mit Jod, die stets nur an den Wänden auftritt, bleibt auch bei alter
Droge nur selten aus, wenn man den Schnitt in Jod-Jodkaliumlösung
einlegt und dann mit Wasser auswäscht. Die Mittelschicht ist also die
eigentümliche Licheninschicht. Die innerste oder Markschicht besteht
aus locker verschlungenen Hyphen (Plectenchym, ~Lindau~), die reichlich
Luft zwischen sich lassen, daher meist erst dann deutlich werden, wenn
man zum Schnitte Alkohol zutreten läßt. Die Hyphenwände färben sich
in dieser Schicht nicht mit Jod. Nur die äußersten Schichten zeigen
bisweilen schwache Färbung. Zwischen den Hyphen dieser Markschicht
liegen, meist der Mittelschicht genähert, die +Gonidien+, die
Algenzellen des Flechtenthallus. Die c. 10-12 mik breiten, rundlichen,
bisweilen in Teilung begriffenen Gonidienzellen sind bei der lebenden
Flechte grün und enthalten ein fast hohlkugelförmiges Chromatophor,
das ein Pyrenoid einschließt, bei der Droge sind sie bräunlichgrün.
Sie sind der einzige chlorophyllhaltige Bestandteil der Flechte. Sie
sind in größerer Zahl an der morphologischen Oberseite (Lichtseite)
des Thallus zu finden, der demnach auch stärker gefärbt erscheint,
doch finden sich auch der Unterseite (Schattenseite) genähert stets
eine Anzahl Gonidien. Die Verteilung verleiht dem _Cetraria_thallus
den Charakter eines heteromeren Flechtenthallus (bei den homöomeren
sind die Gonidien über den ganzen Thallus verteilt). Die Gonidien
gehören zu der Protococcaceen- (Palmellaceen-Gattung), _Chlorococcum
humicola_ (_Cystococcus humicola_ ~Naeg.~), die auch freilebend auf
Baumstämmen und andere Flechten bildend bekannt ist. In den blasigen
weißen Flecken, welche der Unterseite ein so charakteristisches
Aussehn verleihen, finden sich luftreiche Wucherungen des Markes,
die die Rindenschichten blasig hervorwölben und schließlich sogar
aufsprengen, so daß das Mark da und dort zutage tritt. Da das
hervortretende Hyphengewebe Gonidien mitnimmt, haben wir diese
Bildungen als +Soredien+ anzusehen. Die abgeschnürten Knäuel bilden
die ungeschlechtliche Fortpflanzungsform der Flechte. (Es sind nicht
Cetrarinablagerungen wie ~Knop~ meinte.)
Die +Spermogonien+ bilden ovale Höhlungen an der Spitze der
Randfransen. Sie sind ausgekleidet mit einer dichten Schicht
gegliederter schwach verästelter zarter Hyphen, die in Basidien
auslaufen, welche die stäbchenförmigen, c. 6 mik langen +Spermatien+
(s. oben) abschnüren. Früher hielt man die Spermatien für die
männlichen Organe. Jetzt weiß man nur, daß ihnen diese Bedeutung nicht
zukommt. Vielleicht sind die Spermogonien funktionslos gewordene
(männliche?) Organe. Die Spermatien vermögen auszutreiben und ein neues
Mycel zu erzeugen.
Die +Apothecien+ zeigen ein stark entwickeltes Hymenium mit zahlreichen
Ascis. Der flechtenbildende Pilz, der sich zu einer bestimmten Gattung
nicht stellen läßt, ist ein +Discomycet+. Die keulenförmigen Asci mit
6-8 ovalen Ascosporen werden von den Paraphysen überragt. Die Wand
der Asci, bisweilen auch die der Hyphen des Hypotheciums, färben sich
mit Jod blau (enthalten also auch Lichenin), die Paraphysen gelb oder
gelbbräunlich.
=Lit.= ~Payen~, Compt. rend. 1837, 145. -- ~Pereira~,
Heilmittellehre. -- ~Vogel~ a. a. O. -- ~Knop~, Chem. Zentralbl.
1872, 173. -- ~Luerssen~, Med. pharm. Botan. I, 223. Abbild. auch in
~Oudemans~ Atlas 1854 (erste anatom. Abbild.), ~Berg~, Anatom. Atlas
t. II, 4 und ~Hérail-Bonnet~, Manipulat. t. 36. -- ~Stahl~, Beitr. z.
Entwicklungsgesch. d. Flechten. Leipzig 1877. -- ~Tschirch~, Artikel
Lichen islandicus in Realenzykl. d. Pharmac.
=Chemie.= Isländisch Moos enthält eine gallertebildende Substanz
und einen Bitterstoff, der sich durch Extraktion mit schwachen
Alkalicarbonatlösungen entfernen läßt (L. i. ab amaritate liberatus).
«Man hat es daher in der Hand, aus der Droge ein Amarum purum, ein
Amarum mucilaginosum oder (aus der entbitterten Droge) ein Nutriens
mucilaginosum darzustellen» (~Jos. Moeller~, 1906).
+Den Gallerte bildenden Stoff+ isolierte bereits ~Ebeling~ (1779),
~Cramer~ (1780) und ~Proust~, sowie ~Pfaff~ (1808) in unreiner Form
und ~Proust~ erkannte schon seine Eigenart. ~Pfaff~ bemerkt, daß der
Cetrariaschleim, von dem er 33% erhielt, am meisten mit der Stärke
übereinkomme, obwohl er die Jodreaktion noch nicht kennen konnte, da
das Jod noch gar nicht entdeckt war. ~John~ scheint ihn 1821 für Inulin
gehalten zu haben. ~Berzelius~, der (neben 36,2% stärkeartigem Skelett)
44,6% Gummi und Moosstärke (laf stärkelse) erhielt, nannte den Stoff,
der die Gallerte liefert, zunächst Moosstärke, dann +Lichenin+ oder
+Flechtenstärke+. ~Payen~ glaubte mit Jod sich bläuende Körnchen zu
sehen, aber bereits ~Pereira~ fand keine stärkeähnliche Körner und so
scheint bereits ihm klar gewesen zu sein, daß es hier die Membran ist,
die sich mit Jod bläut. Lichenin ist +nur+ in den Membranen enthalten
(~Tschirch~), nicht, wie ~Knop~ und ~Schnedermann~ meinten, im Inhalt
und zwischen den Hyphen. Die Wände der Hyphen von _Cetraria islandica_
scheinen kein Chitin zu enthalten (~Escombe~, ~Wester~). ~Hoppe Seyler~
und ~Tanret~ hatten es als darin vorkommend angegeben. ~Th. Berg~ fand
1872, daß das Lichenin aus zwei Isomeren der Formel C₆H₁₀O₅ besteht. Er
nennt den in kalten Wasser löslichen, aber nicht durch kaltes Wasser
aus der Flechte ausziehbaren jodbläuenden Stoff, der 10-11,5% der
Flechte beträgt, «+wahre Flechtenstärke+» -- jetzt (nach ~Flückigers~
Vorschlag) als +Dextrolichenin+ bezeichnet --, den in kaltem Wasser
unlöslichen, durch Jod nicht gebläuten, der 20% ausmacht, +Lichenin+.
Der letztere scheidet sich aus der Abkochung der Flechte beim Erkalten
als Gallerte ab. ~Berg~ gab beiden die Formel (C₆H₁₀O₅)ₙ. Die Hydrolyse
mit Mineralsäuren lieferte ihm aus beiden gärungsfähigen Zucker.
Diastatische Fermente verzuckern nicht. Lichenin (s. oben, S. 263)
bildet eine Gallerte, aber keinen bindenden Kleister. Es liefert mit
Salpetersäure Oxalsäure (+nicht+ Schleimsäure). Das durch Auskochen mit
Wasser, Fällen mit Alkohol usw. gewonnene Lichenin ist optisch inaktiv
und liefert bei der Hydrolyse mit verd. Schwefelsäure d-Glukose. Die
Kohlehydrate der _Cetraria islandica_ betragen im ganzen 80%. Sie
bestehen etwa zur Hälfte aus dem in heißem Wasser löslichen Lichenin.
Die in Wasser unlöslichen Kohlehydrate sind +Hemizellulosen+, die
Dextrane, Mannane und Galaktane und etwa 3% Pentosane, sowie ein wenig
echte Zellulose (?) enthalten. Werden nämlich die wasserlöslichen
Kohlehydrate durch Auskochen entfernt, so bleibt ein Rückstand, der
bei der Hydrolyse viel d-Glukose und daneben weniger d-Mannose und
d-Galaktose und etwas Pentosen und Methylpentosen liefert (~Ulander~
und ~Tollens~). Selbst durch anhaltendes Kochen ist man aber nicht
imstande, dem unlöslichen Rückstande ganz die Eigenschaft zu nehmen,
sich durch Jod blau zu färben (~Pereira~). Entbittertes, d. h.
von der +Cetrarsäure+ befreites +Isländ. Moos+, enthält: N-freie
Extraktivstoffe, Lichenin usw. 79,2%, N-haltige Stoffe 2,81%, Rohfett
0,4%, Rohfaser 4,6%, Asche 6,99% (~Hansteen~). Zu Brot verbacken wurden
50% der Flechtenkohlehydrate vom Körper resorbiert und verbrannt.
~Poulson~ empfiehlt es als Nahrungsmittel für Diabetiker. Es gelingt,
bis 70% gallertbildende Stoffe aus _Cetraria islandica_ durch Auskochen
darzustellen, die im Verhältnis 1 : 20 eine steife Gallerte bilden
(~Flückiger~).
Bereits ~John~ erkannte (1821) +den Bitterstoff+ als einen
eigentümlichen Bestandteil. ~Berzelius~ und besonders ~Rigatelli~
stellten die Substanz dann dar und einige Zeit spielte «~Rigatellis~
Salz» (unreines Cetrarin) als Fiebermittel in Italien eine Rolle.
~Herberger~ isolierte den Bitterstoff (1837) in reinerer Form und
nannte ihn +Cetrarin+ (Moosbitter). Diese Forscher benutzten Alkohol
als Extraktionsmittel. Doch wußte bereits ~Berzelius~, daß man
Isländisch Moos mit Pottasche entbittern kann. ~Schnedermann~ und
~Knop~, die sich ebenso wie ~Payen~ der Alkalien zur Extraktion
bedienten, erhielten (1845) das Cetrarin kristallinisch in Form
intensiv bitter schmeckender Nadeln, erkannten seine Säurenatur
und nannten es +Cetrarsäure+. Sie gaben ihm die Formel C₃₄H₃₂O₁₅
(resp. C₁₈H₁₆O₈); ~Hilger~ und ~Buchner~ formulierten C₃₀H₃₀O₁₂.
+Cetrarsäure+, nach ~Simon~: C₂₀H₁₈O₉, ist zu etwa 2-3% (nach ~Simon~
+sicher+) in der Flechte +vorgebildet+ enthalten neben +Fumarsäure+
(~Simon~) und +Protocetrarsäure+ (~Hesse~). Cetrarsäure reduziert
Fehlingsche Lösung in der Wärme, löst sich sehr wenig in siedendem
Wasser, leicht in Alkalien und Alkalikarbonaten. Auch die Salze
schmecken sehr bitter. Wird die Lösung in alkoholischer Salzsäure
einige Stunden gekocht, so färbt sie sich erst gelb, dann grünlich,
rötlich fluoreszierend, violettrot und endlich blau (~Simon~), eine
sehr charakteristische Reaktion. Bei der Spaltung mit Natronlauge und
Zinkstaub entsteht Orcin (Zopf) und 1,2-Dimethylphendiol-3,5 (~Simon~):
CH₃
/\\
CH₃ / \\ H
|| |
|| |
OH \ // OH
\//
H
Cetrarsäure ist nach Simon methoxylhaltig und enthält wohl neben
einem Carbonyl ein Carboxyl und ein Hydroxyl, jedenfalls zwei
durch Metalle vertretbare Wasserstoffatome. Sie ist vielleicht der
Methyläther von ~Hesses~ Protocetrarsäure. ~Hesse~ betrachtete sie
früher fälschlich als Triäthylprotocetrarsäure (C₅₄H₃₁O₂₄(OC₂H₅)₃).
~Zopf~ und ~Hesse~ sind entgegen der oben vertretenen Auffassung der
Ansicht, daß Cetrarsäure in der Flechte nicht vorgebildet ist, sondern
erst aus der Fumar-Protocetrarsäure bei der Extraktion entsteht.
Diese Ansicht teilt ~Simon~ nicht. Die blaugrüne bis blaue Färbung
durch Salzsäure-Alkohol (s. oben) kommt außer der Cetrarsäure auch
anderen Flechtensäuren, wie der Protocetrarsäure, Ramalinsäure (wohl
identisch mit Protocetrarsäure), Kullensissäure, Caprarsäure und
Physodalsäure zu, die alle ebenfalls bitter schmecken (vgl. ~Zopf~, Die
Flechtenstoffe). Auch +Protocetrarsäure+ (C₁₈H₁₄O₉ oder C₁₉H₁₆O₉) und
+Fumarprotocetrarsäure+ (Cetrarsäure ~Zopf~ = 2(C₄H₄O₄). C₅₄H₄₂O₂₇)
werden als vorgebildete Bestandteile der _Cetraria islandica_ angegeben
(~Zopf~, ~Hesse~, ~Simon~).
Bereits ~Berzelius~ gab an, eine Lichensäure in der Flechte gefunden
zu haben (an Kalk und Kali gebunden). Später strich er diese wieder
und erklärte sie, als +Fumarsäure+ gefunden wurde, mit dieser
identisch. (~Pfaffs~ Flechtensäure ist von ~Demarçay~ und ~Schröder~
als Fumarsäure erkannt worden). Vielleicht hatte er aber die
+Lichesterinsäure+ in Händen, die zuerst von ~Schnedermann~ und ~Knop~
in Kristallen in einer Ausbeute von 1% isoliert worden war. Sie gaben
ihr die Formel C₂₉H₂₅O₅ (~Strecker~: C₁₄H₂₄O₃, ~Hilger~ und ~Buchner~:
C₄₃H₇₆O₁₃, ~O. Hesse~: C₁₇H₂₈O₄, später C₁₈H₃₀O₅, noch später
C₁₈H₃₀O₄), die dann ~Sinnhold~ in C₁₉H₃₂O₄ umwandelte, welche Formel
~R. Böhme~ adoptierte und in:
COOH
|
C₁₄H₂₇--CH--CH₂--CH--CO
| |
-------------O
auflöste. Diese Lichesterinsäure soll aber in _Cetraria
islandica_ nicht vorgebildet sein (~Zopf~, ~Hesse~). ~Zopf~
und ~O. Hesse~ isolierten nämlich als angeblich wahre
Bestandteile +Proto-α-Lichesterinsäure+ C₁₈H₃₀O₅, F. 106-107 und
+Proto-Lichesterinsäure+ (C₁₉H₃₂O₄ ~Zopf~ oder C₁₈H₃₀O₄ ~Hesse~).
Wohl isomer mit letzterer ist die oben erwähnte +Lichesterinsäure+,
die aber, wie gesagt, in der Flechte nicht vorgebildet sein, sondern
erst beim Kochen mit Alkohol aus der Protolichesterinsäure entstehen
soll. Auch +α-Lichesterinsäure+ (C₁₈H₃₀O₅) soll in der Flechte nicht
vorgebildet sein, sondern aus der Proto-+-Lichesterinsäure beim Kochen
mit Alkohol entstehen. ~R. Böhme~ ist jedoch der Ansicht, daß es nur
+eine+ Lichesterinsäure (F = 124-125°) gibt. Seine Lichesterinsäure gab
beim Kochen mit Alkali +Lichesterylsäure+ (~Sinnhold~):
C₁₄H₂₇--CH--CH₂--CH₂--COOH
|
OH
und beim Behandeln mit Jodwasserstoff und Reduktion λ-Iso-Stearinsäure
(C₁₈H₃₆O₂) und einen gesättigten Kohlenwasserstoff. ~Hilger~ und
~Buchner~ erhielten bei der Oxydation Caprinsäure. Ferner ist in
einer Varietät der _Cetraria islandica_ eine +Paralichesterinsäure+
(C₂₀H₃₄O₅) in sehr kleiner Menge gefunden worden (~Hesse~). Was
~Hesse~ als β- und γ-Lichesterinsäure beschrieb, muß (nach ~Hesse~)
gestrichen werden; ebenso Hesses Dilichesterinsäure. _Cetraria
islandica_ aus Vorarlberg enthielt 0,62% Proto-α-Lichesterinsäure; die
Flechte aus Tirol ein Gemisch dieser Säure mit Protolichesterinsäure.
Regelmäßig war bei Exemplaren verschiedenster Provenienz +Cetrarsäure+
vorhanden. _Cetraria islandica_ erzeugt Fumarprotocetrarsäure wie
Protolichesterinsäure sowohl in Mitteldeutschland wie in Süddeutschland
und den Alpen, auf Kalk sowohl wie auf Urgestein (~Zopf~).
Ferner werden +Oxalsäure+ und +Weinsäure+ (?) angegeben
(Pharmacographia). Bereits ~Berzelius~ fand +Blattgrün+ in der Flechte.
Obwohl ~Knop~ und ~Schnedermann~ angeben, daß ihr +Thallochlor+ vom
Chlorophyll abweiche, ist es doch wohl nichts anderes. Die Unterschiede
rühren von Verunreinigungen her. Mit gespanntem Wasserdampf destilliert
gibt _Cetraria islandica_ 0,051% +ätherisches Öl+, das beim Stehen
Kristalle abscheidet, bald rechtsdrehend, bald inaktiv ist und ein
spezifisches Gewicht von 0,8765 besitzt (~Haensel~). Der Aschengehalt
beträgt 1 bis 2% (nach ~Hauke~ 1-1,4%). ~Wittstein~ verglich die
+Asche+ der _Cetraria_ mit der Zusammensetzung des Bodens, auf dem sie
wuchs. Er fand in der Asche 43,2% Kieselsäure, 13,2% Kali und 13,7%
Kalkerde. Sie enthält auch 4% Aluminium. In der lufttrockenen Flechte
findet sich 0,0198% Eisen (in der frischen: 0,0176%). Sie enthält also
mehr Eisen als z. B. Spinat (~Baldoni~).
=Lit.= Ältere Analysen von ~Proust~, ~Ebeling~, ~Cramer~,
~Trommsdorff~, ~Crell~ (vgl. ~Murray~, Appar. medic. 1790, V, 499,
und ~Schwartze~, Pharmakolog. Tabellen 1819). -- ~Pfaff~, Syst. d.
Mat. med. 1808, II, 75. -- ~John~, chem. Schriften 5 (1821), S. 41.
-- ~Berzelius~, Schweig. Journ. 7 (1813), 342 (Analyse abgedruckt in
Lehrb. d. Chemie 1838, VII, 446). -- ~Guérin-Varry~, Ann. Chem. Phys.
56. -- ~Mulder~, Journ. prakt. Chem. 15 und Lieb. Ann. 28, 279. --
~Payen~, Ann. sc. nat. (bot.) 14. -- ~Pereira~, Heilmittellehre (d.
von ~Buchheim~). -- ~Davidsohn~, Journ. pr. Chem. 20. -- ~Schmidt~,
Lieb. Ann. 51. -- ~Maschke~, Journ. pr. Chem. 61. -- ~Herberger~,
Über d. Bitterstoff d. isländ. Flechte (Cetrarin, Moosbitter), Buchn.
Rep. 36 (1830), 226 u. 56 (1836), 273. Über das Cetrarin, Lieb. Ann.
21 (1837), 137. -- ~Schnedermann~ und ~Knop~, Lieb. Ann. 54, 143
und 55 (1845), 144 (Jahresber. d. Pharm. 1845, 13). -- ~Stenberg~,
Oefvers. Akad. Forb. 1868. Pharm. Jahresb. 1868, 31. -- ~Th. Berg~,
Zur Kenntnis des in Cetraria islandica vorkommenden Lichenins u.
jodbläuenden Stoffes. Diss. Dorpat 1872 und Pharm. Zeitschr. f.
Rußl. XII (1873), 129; Journ. pr. Chem. 1873, 848; Ref. in Pharm.
Jahresb. 1873, 19. -- ~Wittstein~, Schweiz. Zeitschr. f. Pharm. VII
(1862), 237. -- ~Weigelt~, Journ. pr. Chem. 1869, 106 u. 193. --
~Billey~, Lieb. Ann. 86. -- ~Flückiger~, Arch. Pharm. 196 (1871),
14. -- ~Stenberg~ und ~Klason~, Ber. d. d. chem. Ges. (19) 1886,
2541. -- ~Errera~, Dissert. Brüssel 1882. -- ~Bauer~, Arch. Pharm.
224 (1886), 803. -- ~Hönig~ u. ~Schubert~, Monatsh. f. Chem. 8
(1887), 452. -- ~Hilger~ u. ~Buchner~, Chem. Charakt. d. Bestandt. d.
isländ. Mooses. Ber. d. d. chem. Ges. 23 (1890), 461. -- ~Sinnhold~,
Lichesterinsäure. Arch. Pharm. 236 (1898), 504. -- ~O. Hesse~,
Journ. pr. Chem. 57 u. 58 (1898), 62 (1900), 68 (1903), 70 (1904),
73 (1906), 113; 76 (1907) 1. -- ~Zopf~, Lieb. Ann. 300, 323 u. 324
(1902). -- ~Guesdon~, Lichen d’Islande. Journ. pharm. 1901, 373. --
~Tschirch~, Artikel Lichen islandicus und Cetraria in Realenzykl. d.
Ges. Pharm. VI, 286. -- ~Simon~, Cetrarsäure. Arch. d. Pharm. 240
(1902), 521 und 244 (1906), 459. -- ~R. Böhme~, Lichesterinsäure.
Arch. Pharm. 241 (1903), 1. -- ~Hänsel~, Bericht 1903. -- ~Hansteen~,
Chem. Zeit. 30 (1906), 638. -- ~Ulander~ und ~Tollens~, Ber. d. d.
chem. Ges. 39 (1906), 401. -- ~Poulson~ (Nord. Tidskr. of terapi
1908). Pharm. Zentralh. 1908, 208. -- ~Zopf~, Die Flechtenstoffe.
Jena 1907. -- ~Hauke~, Aschengehalte. Wien 1902. -- ~Baldoni~, Arch.
exp. Path. 52 (1904).
=Geruch und Geschmack.= Getrocknetes Isländisch Moos riecht sehr
eigenartig (Flechtengeruch!) und schmeckt fade, bitter-schleimig.
=Prüfung.= _Cetraria islandica_ darf nicht fremde Pflanzenteile
(Moose, Coniferennadeln, andere Flechten) enthalten. Diese sind, wenn
vorhanden, durch Auslesen zu entfernen.
=Anwendung.= Isländisch Moos wird als Tonicum, Stromachicum, bei
Lungenleiden und bei Chlorose empfohlen (s. S. 272). Offenbar ist die
Cetrarsäure (Cetrarin) an der tonischen Wirkung des _Lichen islandicus_
beteiligt (~Husemann~, das Cetrarin prüfte auch ~Köhler~ und ~Ramm~).
+Cetrarsäure+ ist auch ein mildes Laxans, das die Peristaltik reizt.
Sie wurde neuerdings auch als Mittel gegen die Seekrankheit empfohlen.
Die alkoholische, Cetrarsäure enthaltende Tinktur besitzt jedenfalls
antiemetische Eigenschaften (~Deguy~ und ~Brissemoret~, ~Guesdon~,
~Gigon~). Lichesterinsäure und Protolichesterinsäure besitzen
hämolytische Wirkung (~Kobert~). Am meisten hat sich aber die sog.
Isländisch-Moos-Pasta (~Engelhardt~), eine aus entbittertem Isländisch
Moos dargestellte Gelatine, als den Hustenreiz milderndes Mittel
eingebürgert.
In Island, wie überhaupt in der arktischen Zone, soll _Cetraria
islandica_ noch jetzt als Nahrungsmittel, zu Brot verbacken, oder
als Gemüse von der ärmeren Bevölkerung benutzt werden. Jedenfalls
ist sie ein gutes Renntierfutter. Für Zeiten der Not empfahl
es ~Zimmermann~ 1817, ~Bouchardat~ 1842 entbittertes _Lichen
islandicus_ als Nahrungsmittel. Auch neuerdings empfiehlt ~Hansteen~
mit Alkalicarbonaten entbitterte _Cetraria islandica_ gemahlen
als Volksnahrungsmittel. Sie enthält ja 79,2% Lichenin u. and.
stickstofffreie Extraktivstoffe (_Cetraria nivalis_ sogar 90,2%
stickstofffreie Extraktstoffe). Längere Zeit im Kochen erhaltenes
Dekokt von _Lich. islandicus_ soll seine Bitterkeit verlieren (?).
Durch Tierkohle verliert es nicht nur seine Bitterkeit, sondern auch
seine Eigenschaft zu gelatinieren (~Peretti~).