Elastizitätsellipse in Baumwollfasern keineswegs parallel zu der
Längsachse der Faser, sondern mehr oder minder stark in linksläufiger,
seltener rechtsläufiger Windung gegen sie geneigt. Ausnahmsweise laufen
streckenweise die Längsachse der Faser und der Elastizitätsellipse
miteinander parallel (~Herzog~).
[Illustration: Fig. 89.
_Baumwoll_haar in frischem Kupferoxydammoniak. [Nach +von Hoehnel+.]]
=Lit.= ~Reissek~, Die Fasergewebe des Leins, Hanfs, der Nessel
u. der Baumwolle. Wien 1852. -- ~H. Schacht~, Die Prüfung der im
Handel vorkommenden Gewebe durch das Mikroskop u. durch chemische
Reagentien. Berlin 1853. -- ~Cramer~, Vierteljahrsschr. d. Naturf.
Ges. Zürich 1857. -- ~Bolley~, Chem. Technologie der Spinnfasern.
Braunschweig 1867. -- ~Vétillard~, Etudes sur les fibres végétales.
Paris 1876. -- ~Wiesner~, Mikroskop. Untersuch. Stuttg. 1872 und
Rohstoffe, 2. Aufl. 1903. -- ~A. Meyer~, Drogenkunde. -- ~Sadebeck~,
Kulturgewächse d. deutsch. Kolonien. Jena 1898. -- ~von Höhnel~,
Mikrosk. d. techn. verwend. Faserstoffe. 2. Aufl. 1905 und Über d.
Baumwolle in Vortr. d. Vereins z. Verbreit. naturwiss. Kenntn. 1893.
-- ~T. F. Hanausek~, Techn. Mikrosk. und Über die Caravonicawolle.
Mitth. d. technolog. Gewerbemus. Wien 1910. -- ~Ed. Hanausek~, Über
Mercerisierung und Deformation d. Baumwolle, Mitth. aus d. Labor. f.
Waarenk. d. Wien. Handelsakad. 1897, dann Dingl. polytechn. Journ.
1898, 310 u. Zeitschr. f. Nahrungsm., Hyg. u. Waarenk. 1898. -- ~A.
Fränkel~ und ~P. Friedländer~, Unters. über Seidenbaumw. Mitt. d. K.
K. technol. Gewerbemus. Wien 1898. -- ~Bowman~, The structure of the
Cotton fibre in its relation to technic. application. 2 edit. 1882.
-- ~H. Kuhn~, Die Baumwolle, ihre Kultur, Struktur u. Verarbeit.
Wien 1892 (mit ausführt. Bibliographie). -- ~O. N. Witt~, Chem.
Technologie d. Gespinnstfasern. Braunschweig 1888. -- ~Berthold~,
Zeitschr. f. Landw. Gew. Dobruschka 1883. -- ~Focke~, Mikrosk.
Unters. d. bekannteren Gespinstfasern. Arch. Pharm. 1886, 224. --
~Perrot~, Produits utiles des Cotonniers. Bull. sc. pharmac. 1902, p.
333 (m. anatom. Abbild.). -- ~Zetzsche~, Die wichtigst. Faserst. d.
europäisch. Industr. 1904 (m. Mikrophotogr.). -- ~Buscalioni~, Sulle
modificazioni provocate dai processi di mercerizzazione nei filati di
cotone. Att. Ist. Univers. Pavia n. Ser. VII (dort die Literatur). --
~Herbig~, Beitr. z. Unters. d. Vorgänge, die beim Mercerisieren d.
Baumw. stattfind. Zeitschr. d. ges. Textilindustr. III, 1899, 17. --
~Herzog~, Zur Kenntnis der Doppelbrechung d. Baumwollfaser. Zeitschr.
Chem. u. Ind. d. Kolloide 1909, 245. -- ~Dawson~, Polytechn.
Zentralbl. 1866, 75. -- ~R. Haller~, Chem. Zeit. 1908, 838. ~Cross~,
~Bevan~, ~King~ und ~Joynson~, Rep. on Indian Fibres and fibrous
substances. London 1887.
=Chemie.= Die Baumwolle besteht aus fast reiner Zellulose. In den
farbigen Sorten findet sich eine Spur eines gelben Farbstoffes.
~Church~ und ~Müller~ fanden in roher Baumwolle 91,15-91,35% Zellulose,
0,4-0,5% Fett und Wachs, 0,5 bis 0,67% stickstoffhaltige Substanz,
7-7,56% Wasser und 0,10-0,12% Asche. Cuticula 0,75%. Die Asche schwankt
zwischen 0,1-0,5% (die Angabe von ~Wiesner~: 1,85% ist zu hoch). Gute
gereinigte Baumwolle soll nicht über 0,3% Asche enthalten (Ph. helv.
IV). Baumwolle ist sehr hygroskopisch.
Das spez. Gewicht der lufttrocknen Baumwolle beträgt 1,47-1,50, die
Festigkeit 2-5 g bei direkter Belastung.
+Farbstoffe+ sind in der Baumwolle in sehr wechselnden Mengen
enthalten, am wenigsten in den amerikanischen Sorten, am meisten in den
chinesischen. Der Farbstoff scheint nicht in allen Baumwollsorten der
gleiche zu sein. Sehr verdünnte Natronlauge löst beim Kochen 0,3-0,5%
Fett. Das +Fett+ ist wohl mit dem der Samen identisch. Es liefert beim
Verseifen Ölsäure, Stearin- und Palmitinsäure (~O. N. Witt~). Das
+Wachs+ (0,3-0,5%) ist ein typisches Pflanzenwachs (~Schenck~).
Die Baumwolle wird erst durch konz. Schwefelsäure hydrolysiert
(~Flechsig~). Dabei entsteht als Endprodukt reine krist. Glukose
(neben sehr wenig Xylose, ~Voswinkel~ und ~Link~; die aus Baumwolle
dargestellte krist. Zellulose gibt +nur+ Glukose, ~Gilson~). ~Schwalbe~
und ~Schulz~ erhielten aus Baumwollzellulose bei der Hydrolyse im
Autoklaven 44% Traubenzucker (Dextrose). Bei der Hydrolyse reiner
Baumwollzellulose erhält man nicht genau die theoretisch berechenbare
Zuckermenge, wenn man die Zuckerbestimmung nach ~Allihn~ ausführt und
auf d-Glukose umrechnet. Vielleicht hängt dies mit einer «Reversion»
zusammen (~E. Winterstein~). Daneben entsteht etwas Mannose, Xylose
und Arabinose. Baumwolle enthält nur sehr wenig Xylan (~Schulze~,
~Voswinkel~ und ~Link~, ~Suringar~ und ~Tollens~). Der Pentosangehalt
der Baumwolle, bestimmt nach dem ~Tollens~schen Verfahren, beträgt
c. 1% (Holzschliff c. 12%!). +Baumwolle ist also vorwiegend
Glukosezellulose+, sie besteht aus einem Glukosan.
Von den Abbauprodukten der Baumwollzellulose, soweit solche durch
starke Schwefelsäure entstehen, sind verhältnismäßig eingehend
studiert die Schwefelsäureester (~Hönig~, ~Schubert~ und ~Stern~),
die Zellulosedextrine (~Hönig~ und ~Schubert~) und die Bildung von
Traubenzucker (~Flechsig~). Wenig bekannt sind Pergament (Amyloid),
~Guignets~ Zellulose und ~Ekströms~ Acidzellulose. ~Guignets~ Cellulose
soluble färbt sich mit Jodschwefelsäure blau, ebenso ~Flechsigs~
«Amyloid», das also eigentlich kein pflanzliches Amyloid ist.
Kupferoxydammon, d. h. ammoniakalische Lösung von Kupferoxyd (~Power~),
löst Baumwolle so gut wie vollständig (s. oben), aus der Lösung
fällen Säuren und Salze die Zellulose aus. Auch Chlorzink-Salzsäure
(1 : 2) löst Baumwolle (~Cross~ und ~Bevan~). Konzentrierte
92%ige Schwefelsäure führt Baumwolle in Amyloid über. Kalte konz.
Salpetersäure bildet Nitrozellulosen (Trinitrozellulosen liefern die
Kollodiumwolle, vorwiegend Hexanitrozellulosen die Schießbaumwolle,
Octonitrozellulosen die künstliche Seide ~Chardonnets~). Die
Baumwolle bleibt dabei in Form und Farbe erhalten (Wolle wird gelb).
Ausführliches findet man in den Arbeiten ~E. Berls~. Konzentrierte
Kalilauge löst Baumwolle nicht (Wolle löst sich), macht sie
durchscheinend und für Farbstoffe aufnahmefähiger (Mercerisation,
benannt nach ~John Mercer~ 1844). Solche alkalisierte Baumwolle nimmt
durch starke Spannung einen seidenartigen Glanz an (~Thomas~ und
~Prevost~).
Aus basischen Erd- und Schwermetallsalzlösungen schlägt
Baumwolle ein stark basisches Salz auf der Faser nieder
(Beizen). Direkt wird Baumwolle angefärbt von Safflor, Orlean,
Curcumin-Glaubersalz-Schwefelsäure (Unterschied von Wolle,
~Ganswindt~) und den Azoxyfarbstoffen, sowie von Congo (~Böttiger~)
und von anderen Farbstoffen der Benzidinreihe. Auch +Hämatoxylin+
färbt Baumwolle direkt (~Giltay~). Jetzt kennt man schon über 500
substantive Baumwollfarbstoffe. Gegen nichtbasische Metallsalzlösungen
ist die Baumwolle indifferent. Um Metallsalze binden zu können muß
die Baumwolle zuvor mit Gerbsäuren und Fettsäuren (Türkischrotöl)
«präpariert» werden. Basische Farbstoffe nimmt Baumwolle wenig auf,
ebensowenig saure. Um letztere zu binden wird Baumwolle «animalisiert»,
d. h. mit Albumin, Kaseïn, Leim oder Gelatine imprägniert, oder durch
Behandeln mit Ammoniak in sog. «Amidozellulose» (~Vignon~) übergeführt.
Mercerisierte Baumwolle (Natronzellulose, s. oben) ist fester und zeigt
Farbstoffen gegenüber eine größere Affinität. Der Baumwollfaden wird
durch Behandeln mit starken Alkalien verkürzt. Streckt man ihn dann
auf die ursprüngliche Länge, so nimmt er Seidenglanz an. Zur Erkennung
mercerisierter Baumwolle empfiehlt ~Lange~ eine Lösung von 30 Teilen
Chlorzink, 5 Teilen Jodkali, 1 Teil Jod und 24 Teilen Wasser, die nur
mercerisierte, nicht reine Baumwolle nach dem Auswaschen blau färbt.
=Lit.= Vgl. auch die Lit. unter Zellulose (oben S. 228). --
~Ganswindt~, Artikel Baumwolle in Realenzyklop. d. Pharm. II, 594.
-- ~Church~ und ~Hugo Müller~, Die Pflanzenfaser in ~Hofmanns~ Ber.
über d. Entwickl. d. chem. Industr. Braunschweig 1877. -- ~Otto
N. Witt~, Chem. Technol. d. Gespinnstfasern. -- ~Leo Vignon~, Die
Zellulosen der Baumwolle, des Flachses, Hanfs und des Ramié. Compt.
rend. 131, 558. Derselbe, Zellulose, mercerisierte Z., gefällte Z.
und Hydrozellulose. Ebenda p. 708. -- ~C. Piest~, Die Zellulose usw.
1910. -- ~Hönig~ und ~Schubert~, Monatsh. f. Ch. 6 u. 7. -- ~Stern~,
Journ. Chem. Soc. 67 (1895). -- ~Schwalbe~ u. ~Schulz~, Ber. d. d.
chem. Ges. 1910, 913. -- ~Guignet~, Compt. rend. 108 (1889), 1258. --
~Flechsig~, Zeitschr. phys. Chem. 7 (1882), 524. -- ~Lange~, Chem.
Zeit. 1903, 592 u. 735. -- ~Gilson~, Chem. Zentralbl. 93 b, 531. --
~Winterstein~, Landw. Versuchsstat. 1894. ~Cross~ und ~Bevan~, Journ.
chem. soc., Ber. d. d. chem. Ges. und Cellulose an outline of the
chemistry of the structural elements of plants 1895-1906.
=Anwendung.= Baumwolle wird in der Medizin in erster Linie als
Verbandwatte benutzt. Die Haare saugen die Flüssigkeiten kapillar
und osmotisch auf. Vom Blutserum z. B. das 10-11 fache ihres
Gewichtes. Sodann wird Baumwolle oft mit Medikamenten imprägniert
(Verbandstoffe). Und endlich dient Baumwolle auch als Filtriermaterial,
um Keime abzuhalten oder Luft zu filtrieren. Die durch Kochen mit
Natriumhypochlorit erhaltene hygroskopische Watte wird als Ersatz für
Charpie empfohlen. Ein entfetteter und gebleichter Baumwollstoff ist
unter dem Namen Tela depurata, hydrophiler Verbandstoff, gereinigter
Mull in Benutzung. (Prüfung in Pharm. helv. IV.) Baumwolle ist
aber auch, hauptsächlich wegen der eingeschlossenen Luft, ein sehr
schlechter Wärmeleiter und wird auch aus diesem Grunde benutzt.
Als Verbandwatte brauchbar ist im Notfall auch hydrophiler
Baumwollendocht, Lint, Baumwollflanell, englischer Mull (Cambric),
appretierte Gaze, Mull. +Hauptsache ist, daß alle Verbandstoffe
sterilisiert sind.+
=Lit.= ~Zelis~, Die medizin. Verbandmaterialien. 1900. -- ~Barth~
a. a. O. (s. unten).
=Prüfung.= Der Stapel der gereinigten Baumwolle oder Verbandwatte
betrage mindestens 3 cm. Die mikroskopische Untersuchung ergebe
+nur+ Haare. Die gereinigte Baumwolle sei rein weiß, geruchlos, frei
von Fruchtschalresten und Samenteilen. Sie darf beim Drücken mit
der Hand nicht knistern, knirschen (Stearinsäure) und mit Wasser
durchfeuchtet Lackmuspapier nicht verändern (Alkali und Säure vom
Reinigungsprozeß, s. oben). Der wässerige Auszug (1 : 10) darf nicht
opalisierend oder seifig (von der Behandlung mit Seifenlauge, s.
oben) oder gefärbt erscheinen. Der mit siedendem Wasser bereitete
Auszug (1 : 10) darf weder durch Silbernitrat, noch durch Baryumnitrat
oder Ammoniumoxalat mehr als opalisierend getrübt werden. (Chloride,
Sulfate, Kalk vom Reinigungsprozeß mit Chlor etc.). Die in 10 ccm
dieses Auszuges nach Zusatz von einigen Tropfen Schwefelsäure und 3
Tropfen Kaliumpermanganat entstehende Rotfärbung soll innerhalb einiger
Minuten nicht verschwinden (reduzierende Substanzen, z. B. schweflige
Säure und Sulfite vom Bleichprozeß). Wird gereinigte Baumwolle auf
Wasser geworfen, so soll sie sich sofort mit Wasser vollsaugen und
dann untersinken (Fett). Durch Trocknen bei 103° darf gereinigte
Baumwolle nicht mehr als 7% an Gewicht verlieren (unzulässig hoher
Wassergehalt). Wird der ätherische Auszug von 5 g Baumwolle verdunstet,
so soll das Gewicht des getrockneten Rückstandes nicht mehr als 3 cg
betragen (höchstens 0,6% Fett und Stearinsäure), doch vermindert selbst
ein Gehalt von 1-5% Fett bzw. Fettsäure die Aufsaugefähigkeit der
Verbandwatte nicht erheblich. Die Asche betrage nicht mehr als 0,3%
(Ph. helv. IV) bzw. 0,5% (Ph. austr.).
Völlig von Fettsäuren freie Baumwolle ist nicht im Handel (~Budde~).
Die käuflichen Verbandwatten enthalten 0,2-0,4%. Jedenfalls muß aber
eine obere Grenze festgesetzt werden, da Baumwolle vor dem Kardieren
nicht selten geölt wird (s. oben).
Ausgeschlossen vom medizinischen Gebrauch ist die in 2-4 cm dicken,
beiderseits geleimten Platten vorkommende Handelswatte.
=Lit.= ~Barth~, Herst. und Beurteilung von Verbandwatte. Schweiz.
Wochenschr. 1910, 321. -- ~Budde~, Unters. entfetteter Watte.
Veröffentl. auf d. Geb. d. Militär-Sanitätswesens 1905.
=Geschichte.= ~Herodot~ berichtet (III, 16), daß die Inder eine
Pflanze haben, die statt der Frucht Wolle trage, ähnlich wie die
der Schafe, doch feiner, und ~Strabo~ wußte bereits, daß man den
harten Kern herausnehmen müsse, um die Fäden rein zu erhalten,
kannte also das Egrenieren. Die Griechen trafen auf dem Alexanderzug
in Indien Baumwolle (I, 530) und die Gangesstoffe (γαγγητικοὶ),
die ~Alexander~ mitbrachte, sollen Baumwollgewebe gewesen sein.
~Strabo~ erwähnt sie (I, S. 532), ebenso der Periplus (I, S. 534)
als κάρπασος. Daß sich im allen Indien Baumwollkulturen, wohl von
_Gossypium herbaceum_, befanden, ist zweifellos. Der Occident
(Römer und Griechen) wie Araber, Perser und Ägypter bezogen während
des Altertums den Baumwollrohstoff und Baumwollgewebe aus Indien.
Sicher erwähnt wird Baumwolle (kârpâsa) nach ~von Schröder~ zuerst
in den jüngsten vedischen Schriften, den sûtras (500-600 n. Chr.).
~Theophrast~ erwähnt Baumwollanpflanzungen auf den Bahreininseln
im persischen Golf (Hist. pl. 1, 4, 9). Es handelt sich hier wohl
um _G. herbaceum_ (~De Candolle~). Noch in der Kaiserzeit baute
fast nur Indien, besonders das Gangestal, Baumwolle. Nach ~Plinius~
sollen schon die Phönikier auf Tylos große Baumwollplantagen
besessen haben(?). Der ~Pharao~ schenkte ~Joseph~ als Zeichen seiner
besonderen Zuneigung ein baumwollenes Gewand. Es scheint also
Baumwolle damals noch selten gewesen zu sein. In altägyptischen
Gräbern finden sich denn auch nur leinene Binden und Gewänder.
Baumwolle wurde in Ägypten erst nach der Einwanderung der Perser
(c. 525 n. Chr.) in größerem Maßstabe kultiviert (~Brandes~).
~Plinius~ erwähnt die Anpflanzungen in Oberägypten (s. oben S. 230),
ebenso ~Pollux~ ein Jahrhundert nach ~Plinius~ (im Onomastikon). In
den oberen Regionen des weißen und blauen Nil ist die Kultur der
Baumwolle wohl noch älter (~Woenig~). In Abyssinien reicht sie in
undenkliche Zeiten zurück (~Schweinfurth~). Merkwürdigerweise wird
im Mittelalter nirgends Baumwolle aus Ägypten erwähnt (~Heyd~).
Die Mumienbinden der Ägypter, die ~Herodot~ βύσσος nennt, waren,
wie mikroskopische Untersuchungen von ~Bauer-Thomson~ (1849) und
~Unger~ (1859) gezeigt haben, +nicht+ aus Baumwolle, sondern aus
Lein gefertigt. Ebenso bestand die charta bombycina der Alten wie
das alte arabische Papier aus Leinen und Hanf, nicht aus Baumwolle
(~Wiesner~, ~Karabaček~). ~Prosper Alpin~ sah im XVI. Jahrh. Kulturen
von _G. arboreum_ in Ägypten. Von Indien kam die Kultur (im XIII.
Jahrh. n. Chr., nach ~Bretschneider~ im IX. oder X. Jahrh. n. Chr.)
nach China. Größere Verbreitung fand die Baumwollkultur in China
erst nach der Eroberung des Landes durch die Tataren (1368). Aus dem
Jahre 1765 besitzen wir ein chinesisches Werk über Baumwollkultur
(mien hua tʿu). Die Araber brachten Baumwollkultur und Industrie
nach Spanien. Sie legten im IX. Jahrh. Pflanzungen bei Valencia in
Spanien an. Die Mauren errichteten in Granada, Cordova, Sevilla,
Barcelona und Fez (Marocco) Baumwollmanufakturen. ~Ibn Alawām~ (XII.
Jahrh., I, S. 611) beschreibt die Kultur in Spanien, Sizilien und
dem Orient, ~Edrisi~ (I, S. 617) die in Südostmarocco, ~Istachri~
(X. Jahrh.) die Kultur in Mesopotamien (I, S. 616). Auf Kos und
Malta scheinen schon im Altertum Baumwollmanufakturen bestanden zu
haben. Bis zum Ende des XVIII. Jahrh. kam alle Baumwolle Europas
aus der Levante. ~Marco Polo~ (I, S. 724) traf Baumwollkulturen im
XIII. Jahrh. bei Mosul, in Persien, bei Kaschgar und südlich vom
Tarim und in Indien. Am Ende des XVI. Jahrh. brachten die Holländer
rohe Baumwolle nach Europa, die in Gent und Brügge verwebt wurde;
von 1772 an entwickelte sich auch in England eine Baumwollindustrie.
Die Gewebe wurden aus indischer Baumwolle, später auch aus solcher
der Levante, aus Macedonien, Cayenne, Surinam, Guadeloupe und
Martinique hergestellt. In Frankreich beginnt die Baumwollindustrie
gegen Ende des XVII. Jahrh. in Amiens. Die ersten italienischen
Baumwollmanufakturen befanden sich in Venedig und Florenz (XIV.
Jahrh.), von dort gelangten sie nach Zürich und Augsburg. Die ersten
größeren deutschen Fabriken wurden in Plauen i. V. errichtet. Nach
England kam die Baumwollindustrie vielleicht durch niederländische
Protestanten; nach den Vereinigten Staaten kam sie 1643. Als die
Spanier Amerika betraten, fanden sie die Baumwolle (_G. barbadense_)
in Kultur und Benutzung sowohl auf den Antillen als in Mexico, Peru
und Brasilien. In Peru ist die Baumwollkultur sehr alt. 1532 stand
sie, als die Spanier das Land betraten, in hoher Blüte, und in alten
peruanischen Gräbern findet man viele Baumwollgewebe und Gespinste.
Die Expedition des ~Hojeda~, die Venezuela entdeckte, traf dort
Baumwolle (I, S. 746). ~Cortez~ fand sie in Mexico (1519), ~Vacca~ in
Louisiana (1536). Bei ~Hernandez~ heißt die Baumwolle Xchcaxihuitl.
Sie wird von ihm auch abgebildet. In Nordamerika reichen die
Anbauversuche bis 1621 zurück, _Gossypium herbaceum_ kam 1770 dorthin
und in diesem Jahre begann man auch dort mit der Kultur. Virginia
baute B. von Mitte des XVII. Jahrh. auf Betreiben von ~Wyatt~, in
Carolina führte sie 1733 der Schweizer ~Peter Purry~ ein, in Georgia
1784 der Schweizer ~Anspurger~, 1784 begannen die amerikanischen
Baumwollausfuhren. 1791 begann der Anbau in größerem Stil in Georgia,
1811 in Nord-Carolina, Louisiana und Tennessee, 1821 in Mississipi
und Alabama, 1826 in Arkansas, 1826 in Texas und Florida. Heute bauen
14 Staaten der Union Baumwolle. 1800 produzierte Nordamerika schon
9 Mill. kg (~Semler~). Jetzt bevorzugt man dort _G. barbadense_.
In Brasilien begann der Anbau in den Nordstaaten, besonders Bahia
und Para, und verbreitete sich darauf nach Pernambuco, Maranhao
usw. Jetzt wird dort die meiste Baumwolle im Munizipium Tatuhyan
gebaut. Zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges, der Periode des
«Baumwollenhungers», warf sich alles auf die Baumwollkultur, z. B. in
Süditalien, und auch in andern subtropischen und tropischen Ländern
begann man mit dem Anbau, der aber nicht überall aufrecht erhalten
werden konnte.
=Lit.= ~Wiesner~, Rohstoffe. -- ~Woenig~, Pflanz. d. alt. Ägypt. --
~Thomson~, Mumienbinden. Lieb. Ann. 69 (1849). -- ~Unger~, Botan.
Streifz. auf d. Geb. d. Kulturgesch. D. Pfl. d. alt. Ägypt. Sitzber.
d. Wien. Akad. 1859. -- ~Wiesner~, D. mikrosk. Unters. d. Papiers
usw. und ~Karabaček~, Arab. Papier. Mitt. aus d. Samml. d. Papyr.
Rainer. Wien 1887. -- ~Wagler~, Artikel Baumwolle in ~Paulys~
Realenzyklop. d. klass. Altert. -- ~Brandes~, Über d. antik. Namen
u. d. geogr. Verbreit. d. Baumwolle im Altertum. Leipzig 1866. --
~Blümner~, Technol. u. Terminologie d. Gewerbe u. Künste bei den
Griechen u. Römern I (1875). -- ~Wittmack~, Über d. Nutzpflanzen d.
alten Peruaner. Compt. rend. du Congr. int. des American. Berlin
1888. -- ~Brandes~, Über die antiken Namen u. d. geographische
Verbreitung d. Baumwolle im Altertum. Jahresb. d. Freunde d. Erdkunde
1866. -- ~De Candolle~, L’origine des plant. cultiv. 4. Aufl. 1896,
p. 323. -- ~Masters~ in ~Oliver~, Flora of tropical Africa. --
~Hooker~, Flora of Brit. India. -- ~Bretschneider~, Study and value
of chinese botanical works. -- ~C. Ritter~, Die geograph. Verbreit.
d. Baumwolle. -- ~De Lasteyrie~, Du Cotonnier. -- ~Schweinfurth~ und
~Ascherson~, Aufzählung usw. -- ~Reynier~, Economie des Arabes et des
Juifs. -- ~Brandis~, Die Baumwolle im Altertum. 1866. -- ~Hemsley~,
Biologia central.-american.
Die =Samen= (_Sem. G._ oder _Sem. bombacis_) wurden früher ähnlich
wie Leinsamen in Abkochung als Schleim benutzt, jetzt meist auf Öl
verarbeitet. In der Brandenburgischen Taxe 1574 (I, S. 816) steht
Sem. Gossypii i. e. Coto vulgo v. Bombasum = Baumwollensat., und Sem.
Bombacis in der Frankfurter Reformatio 1656 (I, S. 824) ist ebenfalls
Sem. Gossypii.
Der früher als Ölsaat unbeachtet gebliebene oder (z. B. in China und
Mittelasien) gemahlen nur als Viehfutter benutzte Same wurde zuerst
1783, aber erst seit 1852 in größerem Stil auf Öl verarbeitet. Jetzt
bestehen zahlreiche große Baumwollsamenölfabriken bes. in Nordamerika
(1894 dort bereits 252) und 1897 exportierte dies Land schon über 27
Mill. Gallonen Öl und verbrauchte noch mehr für den eigenen Bedarf
als Ersatz des Olivenöls. Nächst Amerika exportiert Ägypten viel
Baumwollsamen (1897 bereits 7½ Mill. hl).
Der amerikanische Baumwollsamen enthält 15-30, meist 20-25% +Öl+,
der ägyptische im Mittel 25%. Beim Pressen erhält man 13-14%. Das
Öl enthält neben Phytosterin Glyceride der Palmitin- und Ölsäure
(besonders viel von letzterer, ~Slessor~, Chem. Zentralbl. 1859,
140), der Linolsäure und Linolensäure; ferner geringe Mengen
Oxyfettsäure, Cottonölsäure, einen aldehydartigen Körper und einen
schwefelhaltigen, widerlich riechenden. Aus geschälten Samen
bereitete +Baumwollsamenpreßkuchen+ enthalten 43,3% Proteinstoffe,
14,3% Öl und 16,7% stickstoffreie Extraktivstoffe. Er ist also
ein vorzügliches Futtermittel. (Mikroskopie bei ~Perrot~, Bull.
sc. pharm. 1902). Die Samen enthalten aber eine in Öl unlösliche
(~Cornevin~), in kaltem Wasser lösliche giftige Substanz, die ein
Alkaloid sein soll und die die Baumwollsamen-Preßkuchen zu einem
nicht ganz ungefährlichen Futtermittel macht. Man hat denn auch
Vergiftungen beobachtet (~Kobert~, Intoxikationen). Der Same enthält
neben Cholin und Betaïn Melitriose (~Ritthausen~). In der Pharmazie
wurde Baumwollsamenöl etwa seit 1880 als Ersatz des Olivenöls zuerst
in Nordamerika benutzt. ~Marchlewski~ fand im Baumwollsamen krist.
Gossypol (C₁₃H₁₂O₂(OH)₂?), das den Charakter einer Oxysäure besitzt
(Chem. Zeit. 1898, 11). Die Cotyledonen der Samen von _Goss. herbac._
färben sich mit konz. HCl hellgrün, die Sekretbehälter an ihrem
Innenrande dunkelgrün. Phloroglucin-Salzsäure färbt die Sekreträume
violett. ~Winkel~ führt die Reaktion auf Gossypol zurück (Apoth.
Zeit. 1905, 211). Die Halphensche Reaktion ist eine Reaktion auf
Baumwollsamenöl.
=Lit.= Cotton seed and its products U. S. Dep. of agric. Farmers
Bull. No. 36 (1896). -- Über das Baumwollsamenöl vgl. auch Pharm.
Jahresber. 1908, 391 und ~Wiedemann~, Dingl. polyt. Journ. 232,
190. -- Weitere Lit. über die Baumwollsamen in ~Bentley-Trimen~,
Medicinal plants. -- Bez. Analysen der Baumwollsamen vgl. Jahrb.
d. Pharm. 1885, 95. -- Gewinnung des Baumwollsamenöls: ~Lewis~,
Diss. Philadelphia 1896 (Pharm. Zeit. 1896, 129). -- ~Marchlewski~
(Gossypol). Journ. pr. Chem. 60 (2), 1899, 84. -- ~Halphen~, Journ.
pharm. 1894 u. 1897. -- ~Schweinitz~ (Öl). Journ. Am. chem. soc.
1885. -- ~Cornevin~, Ann. agron. 22, 353 (Chem. Zentralbl. 1897, I,
515). -- Das Anatomische oben S. 238.
Die Araber benutzten den Saft der =Blätter= medizinisch bei Koliken,
die Samen bei Brustkrankheiten, das Öl bei Hauterkrankungen. Die
Blätter von _G. barbadense_ sollen die Milchsekretion befördern
(~Anderson~, Jahrb. d. Pharm. 1881/82, 242).