die ersten systematischen chemischen Untersuchungen über das
Zellhautgerüst der Pflanzen verdanken. Er gab der Zellulose die
Formel C₆H₁₀O₅. ~Schleiden~ fand 1838 die Jodschwefelsäurereaktion,
~Schulze~-Rostock die mit Chlorzinkjod. Die Löslichkeit der Zellulose
in Kupferoxydammoniak entdeckte ~Schweizer~ 1857 und ~Gilson~ zeigte
1893, daß man aus dieser Lösung krist. Zellulose erhalten kann, doch
erhielt weder ~Cramer~ noch ~Winterstein~ nach ~Gilsons~ Verfahren
Kristalle mit Zellulosereaktion. Die Chemie der Zellulosen beginnt
in den achtziger Jahren des XIX. Jahrh. mit dem Studium der bei der
Hydrolyse der Zellwände auftretenden Zuckerarten.
Die Zellulosezellwände geben bei der Hydrolyse mit fast konz.
Schwefelsäure (~Flechsig~) ganz vorwiegend +Traubenzucker+ (Dextrose,
vgl. S. 6), Galaktose entsteht hierbei nicht, Mannose, Arabinose und
Xylose hin und wieder, meist jedoch in nicht großen Mengen. Es sind
also +Glukosezellulosen+, gemischte Anhydride in denen der Glukose
liefernde Bestandteil jedenfalls weitaus überwiegt. Glukosezellulose
war es auch, die ~Gilson~ kristallisiert erhielt. Der Typus dieser
Glukose(Dextrose-)zellulose ist die Baumwolle (s. d.).
Bei der Hydrolyse der Zellulose entsteht als Zwischenprodukt ein
mit Maltose isomeres Disaccharid, die +Zellose+ oder Zellobiose
(~Skraup~ und ~König~), das sich also zur Zellulose verhält
wie Maltose zur Stärke. Durch Nitrieren der Zellulose gelangt
man (bei Annahme der Formel C₁₂H₂₀O₁₁) bis zu einem Hexanitrat
(Kollodiumwolle, Schießbaumwolle). Salzsäure und Kaliumchlorat
und andere Oxydationsmittel liefern Oxyzellulose (~Vignon~),
Schwefelsäure Hydrozellulose (~Girard~), Natronlauge Natronzellulose
(C₁₂H₂₀O₁₀.2 NaOH). Letzter Prozeß ist als Mercerisieren bekannt.
Mit Laugen gequollene Zellulose gibt durch Behandeln mit CS₂ die
wasserlösliche «+Viskose+» (~Cross~ und ~Bevan~). Glycerin verändert
Glukosezellulose selbst bei 300° nicht -- Unterschied von anderen
Zellulosen (~Wisselingh~). Schmelzendes Kali bildet beim Erhitzen über
180° Protokatechusäure und Brenzkatechin (~Hoppe-Seyler~), endlich
Oxalsäure. Unter 180° soll Glukosezellulose unverändert bleiben (?).
Darauf beruht das Verfahren ~Langes~ zur Bestimmung der Zellulose.
(Über Zellulosebestimmung vgl. auch meinen Artikel: Zellulose in der
Realenzykl. d. Pharm.)
Die Möglichkeit der Überführung der Zellulose in Traubenzucker war
bereits ~Gay Lussac~ und ~Braconnot~ bekannt. Aber trotz zahlreicher
Arbeiten kennen wir die Struktur des Zellulosemoleküls noch nicht.
~Cross~ und ~Bevan~, die seit langer Zeit sich dem Studium der
Zellulosen widmen, betrachten nur das Eine als sicher, daß Zellulose
weder eine einfache Polyaldose, noch ein Anhydrid von Polyaldosen
sein könne, sondern neben Aldosekernen unter anderem jedenfalls eine
ketonartige Gruppe enthalte.
Immerhin lassen sich aber schon jetzt zwei allerdings durch vielfache
Übergänge miteinander verbundene Gruppen erkennen: die +echten
Zellulosen+ und die +Hemizellulosen+ (~Schulze~ und ~Winterstein~),
die sich durch ihr verschiedenes Verhalten zu 1-2% Mineralsäure
unterscheiden. Die echten Zellulosen, zu denen z. B. die Zellulose
der Baumwolle gehört, geben selbst bei andauerndem Kochen mit 1-2%
Mineralsäuren nur geringe Mengen reduzierender Substanzen (Zucker).
E. ~Schulze~ schlug 1889 vor, nur den in verdünnten Säuren unlöslichen,
in Kupferoxydammoniak löslichen Bestandteil der Zellhäute Zellulose zu
nennen, die andern leichter zu verzuckernden aber in Kupferoxydammoniak
unlöslichen Hemizellulose.
~E. Schulze~ nennt die gewöhnliche Dextrose liefernde Zellulose:
+Dextrosozellulose+. Ebenso nennt er den Mannose liefernden
Zellwandbestandteil Mannosozellulose u. s. f. (die Mannosozellulose ist
mit dem Paramannan ~Gilsons~ identisch).
~Cross~ und ~Bevan~ (Chem. News 65, 77) geben der Baumwollzellulose die
Formel: C₁₂H₂₀O₁₀ und nehmen darin acht Hydroxyle an. ~Green~ hält die
Zellulose für ein inneres Anhydrid des Traubenzuckers:
CH(OH)--CH--CH--OH
| \ \
| O O
| / /
CH(OH)--CH--CH₂
~Nastjukoff~ erteilt ihr die Formel 40(C₆H₁₀O₅), ~Eder~: C₁₂H₂₀O₁₀,
~Vieille~, sowie ~Lunge~ und ~Bebie~: (C₇H₁₀O₅)₄, ~Mendelejeff~:
(C₆H₁₀O₅)₈, doch sind das alles noch Hypothesen. Genaue Angaben über
die Molekulargröße der Zellulose lassen sich derzeit noch nicht
machen; vielleicht sind die Untersuchungen von ~E. Berl~ und seinen
Mitarbeitern über Nitrozellulosen geeignet näheren Aufschluß über die
Konstitution des Zellulosemoleküls zu bringen (~Winterstein~).
=Lit.= ~Braconnot~, Ann. chim. phys. 1819. -- ~Payen~, Ann. sc.
nat. 1839 u. 1840, Compt. rend. 1840, Mém. sur le develop. des
végétaux. Paris 1842. -- ~Schleiden~, Pogg. Ann. 43 (1838) u. Lieb.
Ann. 42 (1842). -- ~Schweizer~, Journ. pr. Chem. 76 (1857). --
~Nastjukoff~, Über d. Veränd. d. physikal. u. chem. Eigenschaften
d. Baumwollzellulose bei ihr. Umwandl. in Oxyzellulose. Bull. soc.
ind. de Mulhouse 1892. -- ~C. Smith~, Über natürl. Oxyzellulosen.
Chem. Zeit. 1894. -- ~Autenrieth~ und ~Bayerhammer~, Jahresb. d.
Chem. I, 1822. -- ~Braconnot~, Ann. chim. phys. (2) 12, 1819 und
~Gilberts~ Ann. 1819. -- ~Gilson~, La cristallisation de la cellulose
et la composition chimique de la membrane cellulaire. La cellule
9, 397 und La composit. chim. de la membr. cellul. végét. Cellule
11, 19. -- ~Hoffmeister~, Die Zellulose und ihre Formen. Landw.
Jahrb. 1889 und Landw. Versuchsstationen 39, 462. -- ~Skraup~ und
~König~, Ber. d. d. chem. Ges. 34. -- ~E. Schulze~, Zur Kenntnis
der in den pflanzl. Zellmembranen enthaltenen Kohlenhydrate. Landw.
Jahrb. 1894 (Zusammenfassung). +Derselbe+, Zur Chem. d. pflanzl.
Zellmembranen. Zeitschr. phys. Chem. 19 (1894). -- ~Renker~, Über
Bestimmungsmethoden der Zellulose. 2. Aufl. -- ~Cross~ and ~Bevan~,
Cellulose an outline of the chemistry of the structural elements of
plants with reference to their natural history and industrial uses.
Sec. edit. 1903. Ferner Researches on Cellulose. London 1901. --
~Cross~, ~Bevan~ and ~Beadle~, Proc. chem. soc. 1901. -- ~Witt~ und
~Lehmann~, Chem. Technologie der Gespinnstfasern. -- ~Schwalbe~,
Die Chemie der Zellulose. 1909. -- ~C. Piest~, Die Zellulose, ihre
Verarbeitung und ihre chem. Eigenschaften. Stuttgart 1910. --
~Lange~, Zeitschr. angew. Chem. 1895. -- ~T. F. Hanausek~, Artikel
Zellulose in Luegers Lexikon d. ges. Technik. -- ~Tschirch~, Artikel
Zellulose in Realenzyklop. d. Pharm. II. Aufl. -- ~Tollens~, Kurzes
Handb. d. Kohlenhydrate. -- ~Czapek~, Biochemie (dort eine Liste des
Rohfasergehaltes zahlreicher Objekte). -- Vgl. ferner die chem. Lit.
unter Baumwolle.
Die anatomischen Verhältnisse der Zellulosezellwände sind einfach.
Bisweilen zeigen sie Schichten, die oft abweichende Struktur besitzen,
bisweilen Plasmaeinschlüsse, die besonders bei wachsenden Membranen
auftreten (~Krabbe~). Das Wachstum der Membran scheint sowohl durch
Apposition (vorwiegend beim Dickenwachstum), wie durch Intussusception
(beim Flächenwachstum) zu erfolgen. ~Wiesners~ Dermatosomentheorie
erscheint nicht haltbar.
Die Membran, besonders der Bastzellen, zeigt oft einen Aufbau
aus mehreren Schichten, die sich deutlich, sowohl optisch wie
durch abweichende Reaktion (z. B. gegen Jodschwefelsäure, die
Verholzungsreagentien usw.) unterscheiden. Um diesen Unterschied zu
markieren, habe ich die alte Bezeichnung, sekundäre und tertiäre
Membran, wieder aufgenommen (Angew. Anatomie).
=Lit.= ~Correns~, Dickenwachstum durch Intussuszeption bei einigen
Algenmembranen. Diss. München 1889 und Z. Kenntnis d. inneren
Struktur d. vegetabil. Zellmembranen. Pringsh. Jahrb. 23 (1891).
-- ~Ambronn~, Über Poren in den Außenwänden von Epidermiszellen.
Pringsh. Jahrb. 14 (auch Habilitationsschrift Leipzig 1882). --
+Derselbe+, Pleochroismus gefärbter Zellmembranen. Ann. d. Phys.
1888 und Ber. d. d. bot. Ges. 1888. -- ~Krabbe~, Beitr. z. Kenntn.
d. Struktur u. d. Wachstums vegetabilischer Zellhäute. Pringsh.
Jahrb. 18 (1887). -- ~Buscalioni~, Contribuz. allo studio della
membr. cellulare. Malpighia 1892 u. 1893. -- ~Zacharias~, Entstehung
u. Wachstum d. Zellhaut. Pringsh. Jahrb. 20, 1889 u. Flora 1891. --
~Wiesner~, Sitzungsb. d. Wien. Akad. 1886, I, 17, Ber. d. d. bot.
Ges. 1888 und Botan. Zeit. 1892 (Dermatosomen). -- ~Mikosch~, Ber.
d. d. bot. Ges. 1891, 306. -- ~T. F. Hanausek~, Zur Struktur d.
Zellmembran. Ber. d. d. bot. Ges. 1892, 1. -- ~Krasser~ (Eiweiß in
Zellmembranen). Sitzungsb. d. Wien. Akad. 94 (1886) u. Bot. Zeit.
1888, 209. -- ~A. Fischer~, Zur Eiweißreaktion der Zellmembran. Ber.
d. d. bot. Ges. 1887 u. 1888. -- ~Correns~, Jahrb. f. wissensch. Bot.
26 (1894). -- ~Solms-Laubach~, Über einige geformte Vorkommnisse
oxals. Kalkes in lebenden Zellmembranen. Bot. Zeit. 29. -- Über die
Schleimmembran s. diese (weiter hinten).
Gossypium.
Pili gossypii, Lana gossypina, Baumwolle -- coton (franz.) -- cotton,
cotton wool (engl.) -- cotone (ital.) -- algodon (span.) -- algodâo
(port.) -- katoen (holl.) -- bomull (schwed.) -- puuvilla (finn.) --
gyapot (ung.) -- βάμβαξ (n.-griech.) -- qutu (pers.) -- kapas (mal.) --
kapase (beng.). -- Die Pflanze: Cotonnier, cotton-plant.
=Etym.= Zweifelhaft ist die Deutung von σίνδον, ξύλον, ὄθων, sowie
von βίσσος, byssus, worunter wohl von den Alten ebenso Seide und
Leinen, wie Baumwolle verstanden wurde (~C. Ritter~ und ~Regnier~,
~Paulys~ Realenzyklop. d. klass. Altert. 1897, V, S. 1108), und auch
das semitische Wort keton (+altsem.+ kettân, +arab.+ alcuta, qutn,
kutn), woraus dann coton, cotton, cottone, kattun wurde, bedeutete
ursprünglich Leinen (~D. H. Müller~). -- Das ägyptische Wort schens
(hebräisch šêš, schesch, buz), welches den Stoff bezeichnete, aus
dem Kopfbinde und Leibrock des Hohenpriesters angefertigt wurde,
kann Baumwolle aber auch Leinen bezeichnet haben. Der Baum pištim
(Josua 2, 6) war nicht Baumwolle, sondern Flachs (~D. H. Müller~).
-- Im Sansk. heißt die Baumwolle kârpâsa (die Baumwollpflanze
kârpâsî). Doch wurden die Ausdrücke κάρπασος, carbasa, carpas im
Munde der Griechen und Römer später mehrdeutig und schließlich auch
für Leinen benutzt (~Wagler~). -- Bei ~Plinius~ steht gossipion oder
Xylon. Gossypium entweder von gossum (= Wulst, Kropf?) oder, was
wahrscheinlicher, von arab. goz (= seidenartig). ~Plinius~ sagt (XIX,
2): «Superior pars Aegypti in Arabiam vergens gignit fruticem, quem
aliqui +gossipion+ vocant, plures +xylon+ et ideo lina inde facta
+xylina+. Parvus est, similemque barbatae nucis defert fructum,
cuius ex interiore bombyce lanugonetur. Nec ulla sunt eis candore
mollitiave praeferenda.» (Vgl. auch ~Wiesner~, Rohstoffe.)
=Stammpflanze.= Zahlreiche Kulturformen von mehreren Gossypiumarten
besonders =Gossypium barbadense= L. [Spec. pl. ed. I (1753) p. 693]
(G. vitifolium ~Lam.~, G. peruvianum ~Dc.~, G. punctatum ~Schum.~ et
~Thönn.~, G. acuminatum ~Roxb.~, G. religiosum ~Parl.~ non ~Linn.~)
mit der Varietät _peruvianum_ ~Cav.~ (auch als Art, s. unten), und
=Gossypium herbaceum= L. (Spez. pl. ed. I p. 693) (G. indicum ~Lam.~,
G. album ~Wight~ et ~Arn.~, G. micranthum P. ~Dc.~, G. hirsutum L., G.
punctatum ~Guill.~ et ~Perrott~, G. prostratum ~Schum.~ et ~Thönn.~)
mit den Varietäten _religiosum_, _hirsutum_ und _Wightianum_ (diese
auch als Arten). Die Systematik der Gattung Gossypium ist sehr unsicher.
=Systemat. Stellung.= Malvaceae, Hibisceae.
~Parlatore~ betrachtet Birma und den indischen Archipel als Heimat,
~Masters~ hält das in +Sindh+ heimische _G. Stocksii_ für die
Stammform von _G. herbaceum_. ~Schumann~ nimmt (in ~Engler-Prantl~,
Pflanzenfam.) drei Arten kultivierter B. an: _G. barbadense L._
(heimisch auf den Antillen), _G. arboreum L._ (heimisch in Togo,
Afrika) und _G. herbaceum L._ (seit Urzeiten in Indien kult.) mit
den Varietäten _religiosum_ (China [oder Amerika?]) und _hirsutum_
(heimisch in Mexico und Westindien). In der Flora Brasiliensis
stehen: _G. hirsutum L._, _G. barbadense L._, _G. religiosum L._, _G.
pubescens_ ~Sphitg.~ ~Linné~ beschrieb 5 (6) _Gossypium_-Arten, ~De
Candolle~ 16, ~Rohr~ (1807) 29 (34), ~Todaro~ (1877) 54, ~Parlatore~
(1866) 7 (9), nämlich: _Gossypium herbaceum L._, _G. arboreum L._,
_G. sandvicense_ ~Parl.~ (= _G. religiosum_ ~Forst.~), _G. taitense_
~Parl.~, _G. hirsutum L._, _G. barbadense L._ und _G. religiosum L._
~Masters~ 7, ~Royle~ 4, ~Bentham-Hooker~ 3. Jetzt nimmt man meist
9-10 an.
In Kultur sind aber nur fünf Arten. Von diesen stammen die drei
wertvollsten, die groß- und weiß- bzw. gelbblütig sind, aus Amerika,
nämlich: _Gossypium barbadense_ (+Sea Island Baumwolle+) aus Westindien
(liefert unter andern Sea Island, Barbados und New Orleans Cotton),
_G. hirsutum_ (+Upland Baumwolle+) aus Mexiko und _G. peruvianum_
(+Nieren-Baumwolle+) aus Südamerika (liefert die +Peru-+, +Kidney-+
und +Brasilbaumwolle+). Die vierte in Indien bevorzugte Kulturart _G.
herbaceum_ (+Indische Baumwolle+) stammt aus Ostindien, und die fünfte,
_G. arboreum_ (Purpurblütige Baumwolle, das Gossipion des ~Plinius~),
wahrscheinlich aus Afrika. Letztere, die nur wenig in Ägypten, Arabien
und Indien kultiviert wird, findet sich wild in Abyssinien und dem
oberen Nilgebiet. Besonders von der Sea Island Baumwolle gibt es
zahlreiche Spielarten. _G. religiosum_ (s. oben) stammt aus China und
liefert die gelbe Nankingbaumwolle. Vielfach sind durch Kreuzung von
Arten, Unterarten und Rassen, +Hybriden+, erzeugt worden, so z. B.
zwischen der in Florida heimischen Art mit der Common okza genannten
Kulturrasse. Auch die Caravonica scheint eine Hybride zu sein.
_G. herbaceum_ wird in den Tropen 2 m, in der gemäßigten Zone 60-90 cm
hoch. Sie wird in Südeuropa und in Zentralasien, in großer Menge in
der Bucharei, in Ostasien bis Nordchina, Korea und Japan, auf Cypern,
in Syrien und Kleinasien gebaut. Die vorderindischen Produkte heißen
Surats. Der Stapel ist mäßig lang und stark, meist weich seidenartig.
Die Nordwestprovinzen und Assam sind für die Produktion weniger
wichtig. Die indische Art wird auch in Zentralasien und China gebaut,
sowie in Afrika, den Mascarenen und etwas auch in Zentralamerika und
Chile. «Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind alle Baumwollpflanzen,
welche in Asien angebaut werden, nur als verschiedene Formen von
_G. herbaceum_ zu betrachten» (~Semler~). Die für Indien wichtigste
Form ist _G. Wightianum_. Von den amerikanischen Arten liefert _G.
hirsutum_, die in den Südstaaten gebaut und 2-2½ m hoch wird, die
Upland-Baumwolle, die die größte Menge der Baumwolle des Welthandels
liefert. Die Sorte Orleans wird mehr in Louisiana und Mississipi
gebaut, die Sorte Georgian Upland (Boweds) in Georgia und Carolina. Die
dritte ist die kurzstapelige Texasvarietät, die in geringer Menge auch
im Mittelmeergebiet, Ägypten, Syrien, in Westafrika, den Mascarenen, in
Süd- und Ostasien und in Queensland kultiviert wird, eine grünsamige
Sorte in Westindien und Venezuela. Einige Sorten haben gelbe Wolle.
In China und Hinterindien, aber auch in Ägypten und Italien wird _G.
religiosum_, die Nangkingbaumwolle, gebaut.
Den längsten und feinsten Stapel haben die Sorten der Sea
Island-Baumwolle von _G. barbadense_, die 2-2½ m hoch wird und in
den feuchten Küstengebieten von Georgia, Süd-Carolina und Florida und
den Inseln (Sea Islands) gebaut wird. Sie wird auch in Westindien,
Zentral- und Südamerika, Peru und in bedeutender Menge in Ägypten
kultiviert, wenig in anderen Teilen des Mittelmeergebietes, Westafrika,
Zentralafrika, Bourbon, Indien, Süd-China und den polynesischen
Inseln. Im Stapel gegen diese zurückstehend ist _G. peruvianum_
(Nierenbaumwolle), die 2 bis 5½ m hoch wird. Sie wird besonders
in Peru und Brasilien kultiviert, weniger im übrigen Südamerika und
den Antillen, dem Mittelmeergebiet, Ägypten, Westafrika, Südasien.
Maranham, Bahia, Maceio sind die beliebtesten Sorten.
_G. arboreum_ L. ist baumartig. Sie wird in der Nähe der indischen
Tempel angepflanzt. Sie ist bei den Hindus eine heilige Pflanze. Aus
ihrer Baumwolle wird der heilige dreiteilige Faden der Brahmanen,
«dieses Sinnbild ihrer göttlichen Dreiheit», gesponnen. Dieses _G.
arboreum_ L. ist aber nicht identisch mit dem _Gossypium arboreum_
~Aublet~ (_G. religiosum_ L., _G. vitifol._ ~Lam.~, _G. peruvian._
~Cavan.~, _G. brasiliense_ ~Mac Fadyen~), die aus Guayana stammt.
[Illustration: Fig. 83.
_Baumwoll_ernte in Georgia U. S. A.
[Nach +Stromeyer+ & +Wyman+.]]
=Beschreibung der Stammpflanze.= Die Arten der Gattung _Gossypium_
sind Kräuter, Sträucher (I, Fig. 95-98) oder Bäume mit meist
3-9lappigen Blättern und großen ansehnlichen Blüten, die ein bleibendes
Hochblattinvolukrum (Außenkelch) aus drei meist großen und gezähnten
Blättern besitzen (Fig. 84). Die Staminalsäule unter dem Griffel meist
nackt, der Griffel am Ende keulig, die Cotyledonen stark gefaltet
(Fig. 87) mit der geöhrten Basis der Würzelchen umfassend. Die Früchte
sind drei- (bis fünf-) fächerige, dunkelbraune, walnußgroße Kapseln,
die fachspaltig aufspringen. Die 5-10 unregelmäßig nierenförmigen
Samen sind mit langen weißen, einzelligen Haaren bedeckt. Nicht alle
Epidermiszellen sind aber zu diesen langen Haaren ausgewachsen, ein
Teil wächst nur zu kürzeren aus, die technisch auch nicht völlig
wertlos sind. In der Union werden nämlich diese kurzen Haare der
Grundwolle als +Linters+ (im Gegensatz zur +Lint+-Baumwolle) bezeichnet
und dienen nach ~Schanz~ zur Herstellung von Hut- und anderen Filzen,
Vigognegarne, gewöhnliche und Verbandwatte, Politurmaterial usw. Bei
_G. barbadense_ und _peruvianum_ ist der Same nur mit langen Haaren
bedeckt, bei _G. hirsutum_, _herbaceum_ und _arboreum_ sitzt zwischen
den langen Haaren noch ein kurzer Filz («Grundwolle»), bei einer
besonders in China kultivierten Varietät von _G. herbaceum_ sind die
Haare gelb gefärbt (Nangkingbaumwolle), die Grundwolle sogar tiefgelb.
Bei _G. barbardense_, wo die Grundwolle fehlt, erscheint daher der Same
glatt und schwarz, bei _G. herbaceum_ und _arboreum_ weißfilzig, bei
_hirsutum_ grünfilzig. Die Kapsel ist bei der ägyptischen Art drei-,
bei der nordamerikanischen vier- bis fünfteilig. Zur Zeit der Reife ist
das ganze Innere mit den haarbedeckten Samen erfüllt und diese sprengen
schließlich die Kapsel auf, so daß der Wollbausch hervorquillt. Ob
hierbei auch die fortschreitende spiralige Drehung, die von der
Spitze des Haares her, die zuerst austrocknet, erfolgt, mitwirkt, wie
~Semler~ meint, ist noch zu erweisen. Sicher ist, daß die Torsionen
des Haares erst im letzten Stadium der Reife eintreten, also bei sog.
«unreifen Fasern» weniger zu finden sind, die sich überhaupt durch
geringere Wanddicke, das Fehlen der verdickten Ränder und stärkeres
Zusammenfallen von den reifen unterscheiden. Am vollkommendsten
ausgebildet, d. h. am reifsten, sind die Haare der ägyptischen und
nordamerikanischen Baumwolle.
[Illustration: Fig. 84.
_Gossypium spec._ Frucht zur Reifezeit.
[Nach +Gilg+.]]
Die Gattung _Gossypium_ ist über die Tropen beider Welten verbreitet,
nicht aber die einzelnen Arten. _G. herbaceum_ L. (+sansk.+ karpassi,
+hind.+ kapas) ist in Asien (Birma, Irawaddi, ind. Archipel, Sindh)
heimisch. Über Europa gelangte es um 1770 nach Nordamerika. _G.
arboreum_ L. ist im subtropischen Afrika zuhause (Guinea, Abyssinien,
Sennar, Ober-Ägypten) und _G. barbadense_ L. in den Tropen Amerikas.
=Lit.= ~Parlatore~, Le specie dei cotoni. Firenze 1866, mit Taf. --
~Todaro~, Relatione della cultura dei cotoni in Italia seguit de una
Monografia del genere Gossypium. Roma 1877/78, mit Taf. -- ~G. Watt~,
The wild and cultivated Cotton plants of the world. London 1907 and
Dictionary of economic products. -- ~Middleton~, Descript. of cert.
indian botan. forms of cotton. Agricultur Ledger Nr. 8, 1895. --
~Sadebeck~, Kulturgew. d. deutsch. Kolon. Jena 1898. -- Übersicht der
Arten in ~Wiesner~, Rohstoffe, 2. Aufl. 1903. -- Abbild. bei ~Rumpf~,
Herb. Amb., ~Parlatore~ und ~Todaro~ (s. oben), sowie ~Wight~,
Illustr. Ind. Bot. t. 27 und 28. -- Ferner von Gossypium herbac.:
in ~Berg-Schmidt~, Atlas t. 106 (dort auch d. system. Literatur).
Abbild. von G. barbadens.: in ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. t.
158 und ~Bentley-Trimen~, Medicinal plants t. 37 (dort weitere
Literatur). Alle drei Arten: in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. III, 6,
S. 51.
=Pathologie.= Auf der Baumwollpflanze sind zahlreiche parasitische
Pilze beobachtet worden, von denen mehrere einen grösseren Schaden
stiften. Zu diesen gehört _Neocosmospora vasinfecta_, eine
Hypocreacee, welche die ganze Pflanze zum Absterben bringt; dasselbe
wird auch von einem _Fusarium_ angegeben. Mehrere Pilzarten bilden
sich auf den Kapseln aus, so rufen _Phyllosticta gossypina_ und
_Alternaria macrospora_ Schwärzungen der Fruchtknotenwand hervor,
auch kennt man eine Bakterienkrankheit der Baumwollfrüchte. -- Die
einzige Angabe eines Pilzvorkommens speziell auf den Samen bezieht
sich auf eine _Torula incarcerata_ ~Cke.~ (~Ed. Fischer~)
Über die Schädlinge der Baumwollpflanze vgl. ~Semler~, Tropische
Agrikultur. Der gefährlichste +tierische Schädling+ ist ein
Verwandter der Seidenraupe, die sog. Baumwollraupe oder
Baumwollmotte, eine Noctuidee, _Aletia xylina_ (Abbild. bei
~Semler~), dann die zur gleichen Familie gehörige Kapselraupe
(Bollworm) _Heliothis armigera_ (Abbild. bei ~Semler~).
=Kultur und Erntebereitung.= Die +Sea-Islandstaude+ wird jetzt
kultiviert auf den Inseln an der Küste von Georgia und Florida und in
Florida, in Ägypten (Messifieh), auf den Südseeinseln, in Venezuela
und Peru; die +Uplandstaude+ in Georgia, Süd-Carolina, Alabama,
Texas, Mississipi, Louisiana, Pernambuco, an der Nord- und Ostküste
von Brasilien, Sao Paolo, San Salvador, den westindischen Inseln,
Venezuela, Peru und in Ägypten (Siftah); die +indische Staude+ in
Vorderindien, Natal, Ägypten (Zagazig, Mansurah, Beharah) Vorderasien
und Griechenland. Die +australische Caravonica+, deren botanische
Zugehörigkeit unbekannt ist, in Nordaustralien (Queensland), auf den
neuen Hebriden, in Ostafrika, Ägypten, Mexiko und Peru.
[Illustration: Fig. 85.
+Walzengin+ der Sächsischen Maschinenfabrik +Hartmann+ in Chemnitz.]