oft mehrere Meter durch den Boden kriechende Grundachsen (Rhizome)
von Charakter der Wandersprosse, die an der Spitze eine derbe, spitze
Niederblattknospe (Fig. 80) bilden, mit der sich der Sproß selbst durch
festere Bodenschichten, ja sogar durch Baumwurzeln bohren kann. Aus
der Achsel der an den Knoten sitzenden Niederblätter der Wandersprosse
entwickeln sich da und dort oberirdische Achsen. Der runde Halm ist
entfernt knotig gegliedert und kahl. Er kann eine Höhe von über 1 m
erreichen, bleibt jedoch meist weit dahinter zurück. Die linealen an
den Knoten inserierten, oberseits rauhen Blätter besitzen eine bis
10 cm lange Scheide und sehr kleine Blatthäutchen. Die endständige
Blütenähre ist 10-13 cm lang, die Spindel zusammengedrückt und
abwechselnd rechts und links ausgehöhlt, zickzackförmig hin- und
hergebogen. Die Ährchen sind meist fünfblütig, die zwei Hüllspelzen
(glumae) sind kürzer als das Ährchen, kahnförmig, lanzettlich,
zugespitzt, am Rande fein gewimpert, die Deckspelze (palea inferior)
zugespitzt oder begrannt, fünfnervig, die Vorspelze (pal. superior)
dünnhäutig, zweikielig, an den Kielen bewimpert, kurz zweizähnig, die
Schwellkörper (lodiculae) kaum 2 mm lang, der eiförmige Fruchtknoten am
Scheitel behaart, die Frucht 6-7 mm lang.
=Lit.= +Abbild.+ ~Berg-Schmidt~, Atlas II. Aufl., t. 139 (dort die
florist. Lit.). -- ~Pabst-Köhler~, Medizinalpflanzen, t. 86. --
~Nees von Esenbeck~, pl. med. t. 32. -- ~Hackel~ in ~Engler-Prantl~,
Pflanzenfamilien. -- ~Irmisch~, Bot. Zeit. 1859, 56.
=Beschreibung der Droge.= Das Rhizom wird gelegentlich der
Frühjahrsbestellung davon befallener Felder ausgepflügt und
herausgeeggt, von der Erde gereinigt, von den Wurzeln und Stengeln
befreit und dann geschnitten. 100 Teile frisches Rhizom geben 40 Teile
Droge.
[Illustration: Fig. 81.
_Agropyrum repens._ Lupenbild des Rhizomquerschnittes. [Nach +Berg+,
Atlas.]]
Das bisweilen wiederholt verzweigte Rhizom ist 2-3 mm dick, selten
dicker (bis 4 mm), frisch von rundem Querschnitt, getrocknet stark
geschrumpft und mit Längsleisten versehen, +strohgelb, mit glänzender
Oberfläche, innen hohl+. (Fig. 81). Die Internodien sind etwa 5 cm
lang. An den Knoten sitzen zweizeilig alternierende häutige, am Rande
zerfaserte Niederblätter (Fig. 80 Nb.), in deren Achseln Knöspchen sich
finden und auf der Unterseite einige Wurzeln. Die letzteren fehlen den
Internodien.
Graswurzel schmeckt fade, schwach süßlich.
=Pathologie.= Über Schädlinge von _Agropyrum repens_ berichtet Prof.
~Ed. Fischer~: Auf den oberirdischen Teilen von _Agropyrum repens_
leben verschiedene parasitische Pilze, wie _Erysiphe graminis_
~Dc.~, _Ophiobolus herpotrichus_ ~Sacc.~, _Leptosphaeria culmiphaga_
(~Fr.~), _Laestadia canificans_ ~Sacc.~, _Phyllachora graminis_
~Fckl.~, _Puccinia graminis_ (~Pers.~) und andere, die vielleicht
auch indirekt die Rhizome schädigen mögen. Auf dem Rhizom selber wird
als Parasit angegeben _Coniosporium rhizophilum_ (~Fr.~) ~Sacc.~, das
möglicherweise als Nebenfruchtform zu _Ophiobolus_ gehört.
=Anatomie.= Unter der derbwandigen Epidermis, die abwechselnd aus
gestreckten Zellen mit dicker, wellig verbogener Wand (Langzellen)
und zwei Kurzzellen mit dünner Teilungswand besteht, liegt ein
mehrschichtiges, derbwandig-prosenchymatisches Hypoderm. In das
dünnwandige Gewebe der Rindenschicht (Fig. 82 r) eingebettet finden
sich einige (6) kleinere Bündel mit starken Bastzellbelegen (rb) und
wenigen Bündelelementen. Die Endodermis [Zylinder- oder Kernscheide,
(k)] besteht aus im Querschnitt fast quadratischen Zellen, die innen
und an den Seiten verdickt sind. Der Gefäßbündelzylinder besteht aus
ein oder zwei Reihen collateraler Bündel, die in Libriform (Bastzellen)
eingebettet sind und von denen sich die kleineren an die Endodermis
anlehnen, die größeren etwas nach innen gerückt sind. Sie zeigen den
typischen Bau der Monocotylenbündel: zwei große getüpfelte Gefäße,
dazwischen ein Spiralgefäß, außen eine Siebinsel. Der innere Teil
des Markes ist geschwunden, der äußere in der Nähe der Bündel einige
Zellreihen breit erhalten (m Fig. 82).
[Illustration: Fig. 82.
_Agropyrum repens._ Querschnitt durch das Rhizom. r Rindenschicht, rb
Rindenbündel, k Endodermis, gfb Gefäßbündel, m Mark. [Aus +Tschirch+,
Angewandte Anatomie.]]
In den Knoten ist der Bau verwickelter. Die Knoten «bestehen zunächst
aus einer Querlage von Parenchym, in dieser aber treffen nicht nur
die Gefäßbündel des unteren Stengelgliedes zusammen, sondern nehmen
auch die der folgenden ihren Ursprung; beide bilden eine beiderseits
das Parenchym einschließende, selbst aber wieder nach außen von dem
Parenchym des Markes begleitete, aus kurz gegliederten, horizontal
verlaufenden, getüpfelten Gefäßen bestehenden Querwand, von der sich
nach beiden Richtungen, nämlich nach den beiden durch den Knoten
getrennten Stengelgliedern, die Gefäßbündel aufrichten und vertikalen
Verlauf nehmen. Diese Gefäßbündel bilden Schleifen, aus denen zuerst
in horizontaler Richtung die zu den Scheiden und Wurzeln dringenden
Gefäßbündel hervortreten» (~Berg~).
_Triticum repens_ hat Befestigungs- und Ernährungswurzeln. Die
+Wurzeln+ sind, wenn 0,3 mm dick, nonarch. Die Endodermis verdickt sich
bald stark und die Sklerose ergreift auch das benachbarte Gewebe der
primären Rinde (~Holfert~).
=Lit.= ~Berg~, Anatom. Atlas z. pharm. Waarenkunde. t. XVIII. --
~Hérail~ et ~Bonnet~, Manipulations de botan. médic. 1891, Pl. VIII.
-- ~A. Meyer~, Drogenkunde II, 43. -- ~Holfert~, Arch. Pharm. 1889,
505. -- ~Tschirch~, Anatomie, Fig. 436. -- ~Moberger~ und ~Hällström~
(Über d. Bau v. Rhiz. graminis). Nord. farm. Tidskr. 1896.
=Chemie.= ~Marggraf~ erhielt keinen festen Zucker aus Queckenrhizom,
wohl aber ~Graff~ (7 Lot aus 20 Pfund). ~Pfaff~ fand darin krist.
«Graswurzelzucker», dessen Lösung gelatinierte und den ~Berzelius~
für +Mannit+ hielt. Den Befund bestätigte ~Völcker~ zum Teil, doch
erscheint es ihm zweifelhaft ob Mannit vorgebildet ist oder erst
sekundär entsteht. ~Stenhouse~ fand weder Mannit, noch krist. Zucker,
wohl aber Kaliumoxalat und einen gärungsfähigen amorphen Zucker.
~Ludwig~ hält den Graswurzelzucker von ~Pfaff~ für ein Gemenge von
Calciumlaktat und Mannit. Mannit kommt wahrscheinlich in frischem und
gut getrocknetem Rhizom nicht vor (~H. Müller~, ~A. Meyer~). ~Rebling~
gibt den Zuckergehalt auf 22% (?) an. Andere fanden viel weniger, z. B.
~Geissler~ in Winterrhizom nur 0,6% Lävulose. ~Ludwig~ und ~Müller~
fanden 1872 einen stark +linksdrehenden Zucker+ (Fruchtzucker), einen
+rechtsdrehenden Zucker+ (nicht Rohrzucker), ein eigentümliches,
durch Spaltung Fruchtzucker lieferndes linksdrehendes +Gummi+, das
durch Bleiessig nicht gefällt wird. Dieses durch Alkohol fällbare,
nicht süße «Queckengummi» nennt ~H. Müller~ (1873) +Triticin+ (s.
oben). ~H. Müller~, der das Triticin genau untersuchte und seine
Darstellung beschreibt, erhielt davon 3,52 aus zuckerreicherer, 7-7,7%
aus zuckerärmerer _Rhiz. graminis_. ~Keller~ erhielt davon 5% aus
im Oktober gesammeltem Rhizom. Der süße Geschmack der Droge rührt
nicht vom Triticin, sondern von Zucker her, der besonders im Frühjahr
reichlicher im Rhizom aufzutreten scheint. Spätere Untersuchungen
zeigten dann ~H. Müller~, daß ausschließlich +Fruchtzucker+ (keine
Dextrose und kein Rohrzucker) in _Rhiz. gram._ vorkommt, und daß
der Gehalt daran 2,45-3,33% beträgt. Auch +Inosit+ ist nachgewiesen
(~Fick~). Er ist ebenfalls süß.
Das +Triticin+, das schon durch Kochen mit Wasser in Fruchtzucker
übergeht und den Reservestoff des Rhizoms darstellt, hält
~Reidemeister~ nicht für identisch mit Lävulin (vgl. S. 218) und
Sinistrin (S. 224). Es vergärt mit Hefe schwerer. Ob es mit dem
+Graminin+ (s. oben S. 218), das ~Ekstrand~ und ~Johanson~ aus den
Rhizomen von _Phalaris arundinacea_, _Phleum pratense_ und den
Knollen von _Dracaena australis_ erhielten und dem +Irisin+ (s. oben
S. 218), das ~Wallach~ in den Rhizomen von _Iris Pseudacorus_ fand,
übereinstimmt, bleibt noch zu untersuchen. Begleitet wird das Triticin
von 10,5-11,5% eines +stickstoffhaltigen Gummis+ (Schleim), das näherer
Untersuchung bedarf.
~Plauchud~ gibt [neben 3% krist. und 4% unkristall. Zucker] 13,9%
+Stärke+ an und beschreibt die sich mit Jod blaufärbenden Körner
eingehend (1877). Ich fand niemals Stärke in der Queckenwurzel. Auch
~A. Meyer~ fand weder Stärke noch Öl. Der Landwirt ~Barrel~ soll aber
aus 100 kg _Rhiz. gram._ c. 65 kg «Mehl» dargestellt und als Viehfutter
benutzt haben. Es wird hier wohl eine Verwechslung mit _Cynodon
Dactylon_ vorliegen, dessen Rhizom Stärke enthält. «Was ~Rabourdin~
als eigentümliche stärkemehlartige Substanz beschreibt, dürfte wohl im
wesentlichen Triticin sein» (~Wittstein~).
~Hermbstädt~ glaubte Weinstein (?), ~H. Müller~ +Malate+ nachgewiesen
zu haben. Pektin und Harz fehlen (~Flückiger~).
_Rhiz. graminis_ enthält 12,8% Wasser und 3,44% +Asche+ der bei 105°
getrockneten Ware (~Nygård~). ~H. Müller~ erhielt 4,5%, ~Hauke~
2,72-2,95% +Asche+.
In dem Rhizom von _Cynodon Dactylon_ ~Pers.~ fand ~Semmola~ +Cynodin+
(wohl Asparagin oder etwas dem ähnliches).
=Lit.= ~Marggraf~, Chym. Schrift II. Th. 70 (1767). -- ~Graff~,
~Trommsd.~ Journ. 1800, 7, 271. -- ~Pfaff~, Syst. d. Mat. med.
1808 I, 198; 1821, VI, 110. -- ~Stenhouse~, Ann. Chem. Pharm. 41,
354 (Pharm. Jahresber. 1844, 26). -- ~Völcker~, Ann. Chem. Pharm.
59, 1846, 380. -- ~Ludwig~, Arch. Pharm. 1857. -- Eingehende
Analyse in ~H. Ludwig~ und ~H. Müller~, Über d. Bestandt. d.
Queckenwurz. Arch. Pharm. 1872, 51, 132. -- ~Plauchut~, Et. sur
le chiendent (Trit. repens). Journ. pharm. chim. 1877, 389 (dort
auch eine Aschenanalyse). -- ~Rebling~, Arch. Pharm. 1855, 15.
-- ~H. Müller~, Über den Graswurzelzucker und über das Triticin,
ein neues Kohlehydrat im Rhizom von Triticum repens. Arch. Pharm.
1873, 500. Journ. pr. Chem. 1873, 832. -- ~A. Meyer~, Drogenk.
II, 46 (~Keller~). -- ~Wittstein~, Handwörterbuch. -- ~A. W.
v. Reidemeister~, Beitr. z. Kenntn. d. Levulins, Triticins und
Sinistrins. Diss. Dorp. 1880 (Ph. Z. f. Rußl. 1880, 658. Referat in
Botan. Jahresb. 1880, I, 438). -- ~Fick~, Pharm. Zeitschr. f. Rußl.
1887 und Ph. Jahresb. 1887, 324. -- ~Ekstrand~ u. ~Johanson~, Ber.
d. d. chem. Ges. 1887, 3310 u. 1888, 594. -- ~Wallach~, Lieb. Ann.
234 (1886). 374. -- Oper. min. di ~Giov. Semmola~, Napoli 1841 (Chem.
Jahresb. 1845, 535) Della Cinodina, nuovo prodotto organ. trov. nella
gramigna offic. Cynod. Dactyl. -- ~Lippmann~, Chemie der Zuckerarten
1904.
Als =Verfälschungen= werden genannt die Rhizome von _Carex arenaria_
L. (_Rhiz. caricis_), _Carex disticha_ ~Huds.~ (_C. intermedia_
~Good.~), _Carex hirta_ L. u. and. _Carex_arten. Alle _Carex_rhizome
führen Mark. Die Rindenschicht besitzt bei dem graubraunen, mit langen
zerrissenen, bräunlichen Niederblättern besetzten Rhizom von _Carex
arenaria_ große Luftlücken (abgebildet bei ~Berg~, Anat. Atlas t.
VIII). Das Parenchym des Markes führt Stärke. Die Luftlücken fehlen bei
den rotbraunen Rhizomen von _Carex hirta_, die ebenfalls Stärke führen,
auch in der Rinde. Sie fehlt hier bei _C. disticha_. ~Moberger~ und
~Hällström~ halten Größe und Form der Endodermiszellen für das beste
Unterscheidungsmerkmal. Sie messen bei _Rhiz. graminis_ 24-30, bei
_Rhiz. caricis_ 8-14, bei _Carex disticha_ 10-12 mik.
Die Ausläufer von _Lolium perenne_ besitzen Wurzeln auch an den
Internodien. Ich habe sie nie in der Droge gefunden. Ich fand dagegen
(1909) der Droge oft beträchtliche Mengen der Halme beigemengt, die
aber anatomisch leicht erkannt werden konnten.
~Berg~, Pharmakognosie 1879, 97. -- ~Moberger~ und ~Hällström~ (Bau
von Rhiz. gram. u. deren Substituten). Nord. farmaceut. Tidskr. 1896,
114 (Pharm. Zeit. 1896, 437).
=Anwendung.= Beliebtes Blutreinigungsmittel und Diuretikum des Volkes.
In der Medizin als Mellago (Fluidextrakt) und Ptisana besonders in
Frankreich noch viel benutzt, in Deutschland auch als Extrakt.
Die Quecke steht auch in der Liste der ~Kneipp~schen Mittel (als
harn- und schweißtreibend) -- auch der Saft der frischen Wurzel zu
Frühlingskuren als «Blutreinigungsmittel». In der Tierheilkunde dient
_Rhiz. graminis_ bisweilen als Substituens von _Rad. althaeae_.
~Hofmann~ bemerkt (1787), daß man aus Graswurzel eine Art Wein, Bier,
Weingeist und Essig darstellen könne.
=Paralleldrogen.= Das Rhizom von _Cynodon Dactylon_ ~Rich.~ (_Panicum
Dactylon_ L., _Digitaria stolonifera_ ~Schrad.~), einer in Südeuropa,
Nordafrika, Persien, Kaukasien heimischen, aber auch in Süddeutschland,
Österreich und der Schweiz vorkommenden, nach Peru, Kalifornien und
Australien verschleppten Graminee (vgl. auch S. 218), als _Rhiz.
graminis italici_, Gros Chiendent, Chiendent pied de poule, Ch. du
Midi bekannt, ersetzt in Südeuropa das _Rhiz. graminis_. Die Rhizome
sind dicker und derber als bei _Agropyrum repens_, trocknen nicht so
stark ein, besitzen längere Internodien und an den Knoten reichlich
Knospen. Die Rindenschicht ist schmal. An die Endodermis lehnt sich ein
Bastzellpanzer, in den vereinzelte Bündel eingebettet sind. Zahlreiche
isolierte Bündel sind über das reichlich Stärke führende Mark
verstreut, das im Zentrum geschwunden ist (Abbild. in ~Braemer-Suis~,
Atlas de micrographie Pl. 4). Die Endodermiszellen messen 20-24 mik.
Die mehr maritimen _Agropyrum acutum_ R. u. S., _A. pungens_ R. u. S.,
und _A. junceum_ ~P. de Beauv.~ dürften gleichwertig mit _A. repens_
sein.
=Geschichte.= ~Fraas~, ~Daubeny~ und ~Flückiger~ meinen, daß das
gramen des ~Plinius~ (XXIV, 118) wie das ἄγρωστις des ~Theophrast~
und ~Dioskurides~ (IV, 30) wohl eher _Cynodon Dactylon_, die in
Südeuropa häufige Paralleldroge unseres _Rhiz. graminis_ gewesen
sei, doch stellt ~Plinius~ dem gramen, das er als süß beschreibt
und dessen diuretische Wirkung er kennt, ausdrücklich ein gramen
aculeatum gegenüber, das er Dactylon nennt und von dem er drei Arten
kennt. Auch ~Theophrast~ bezeichnet die Graswurzel als süß (caus.
plant. 6, 11, 10). Ich finde, daß das Rhizom von _Cynodon Dactylon_
weniger süß schmeckt als das von _Agropyrum repens_. ~Sprengel~
hält gramen und ἄγρωστις für _Triticum repens_, das jedoch im Süden
seltener ist. ~Wimmer~ führt in seiner ~Theophrast~-Ausgabe (1866)
unter ἄγρωστις beide (_Tritic. repens_ +und+ _Cynodon Dactylon_)
auf und das dürfte das richtige treffen. Die Sache läßt sich nicht
entscheiden, da beide zu den gleichen Zwecken benutzt wurden.
~Bonnet~ hält des ~Dioskurides~ ἄγρωστις für _Dactyloctenium
aegypticum_. In der Tabula des ~Simon Januensis~ steht _Agrostis_ (I,
S. 663).
~Plinius~ nennt eine Menge Krankheiten, gegen die Gramen angewendet
werden könne (XXIV, 118). Die diuretische und lithotriptische
Wirkung war auch ~Oribasius~ (I, S. 588), ~Marcellus Empiricus~ (de
medicamentis XXVI), ~Aëtius~ (Tetrabibli sermo I) und ~Alexander
Trallianus~ (I, 591) bekannt. Auch ~Galen~ erwähnt die Eigenschaft
«Blasensteine aufzulösen». Sie wird auch in den mittelalterlichen
Kräuterbüchern (z. B. dem Herbarius Pataviae 1485) erwähnt, wie von
~Dodonaeus~, ~Turner~ (Herball 1568), ~Gerarde~ u. and. Nördlich der
Alpen dürfte es sich hierbei immer um _Agropyrum repens_ gehandelt
haben; ebenso in den Sinonoma Bartholomei (I, 649: gramen radix),
in dem Nördlinger Register (I, S. 813, graminis), in den Taxen von
Frankfurt 1582 (I, S. 817), von Hamburg 1587 (I, S. 818) u. and.
_Graminis radix_ steht auch bei ~Cordus~ (I, S. 799), der sie zu den
Oxysacchara composita benutzte.
=Lit.= ~Flückiger~, Pharmakognosie. -- ~Flückiger-Hanbury~,
Pharmacographia.
VII. Scillin- (Sinistrin-) Drogen.
Das Sinistrin, ein linksdrehendes, nicht gärungsfähiges, beim Kochen
~Fehling~sche Lösung reduzierendes, wohl mit dem Triticin verwandtes
Polysaccharid, findet sich in den =Bulbus Scillae=, doch werden diese,
da wegen anderer Bestandteile benutzt, an anderer Stelle abgehandelt
werden.
=Lit.= ~Reidemeister~, Bot. Jahresb. 1880, I, 439. -- ~Schmiedeberg~,
Ebenda 1879, I, 385. -- ~O. Hammersten~, Pflüg. Arch. 36, 373.
VIII. Polysaccharide vom Charakter der Membranine.
Membranindrogen.
Früher hatte man den Inhaltsstoffen der Zellen fast allein Beachtung
geschenkt. Mehr und mehr aber zeigte sich, daß auch die Membran zu
chemischen Leistungen befähigt ist. Am deutlichsten trat dies bei der
sog. resinogenen Schicht der Sekretbehälter hervor, die, zweifellos
ein Teil der Membran, doch energische chemische Arbeit leisten kann.
Schon früher war erkannt worden, daß die Schleime fast ausnahmslos
Membranbildungen sind, und daß auch das Gummi und verwandte Substanzen
zur Membran gehören, ebenso wie Lichenin, Amyloid und Pektin. Da war
es denn keine besondere Überraschung mehr, daß Membranen auch den
Charakter von Reservestoffen annehmen können.
Pharmakologisch spielen die Membranen und ihre Bestandteile eine sehr
verschiedene Rolle. Rein mechanisch wirken z. B. die Baumwollhaare,
das Penawar Djambi, der Feuerschwamm, der Torfmull, das Holzmehl,
die Kieselschalen der Diatomeen: sie saugen kapillar und osmotisch
Flüssigkeiten auf. Die Substanz ihrer Membran kommt hierbei wenig
in Betracht, tritt jedenfalls pharmakologisch nicht in Reaktion.
Physikalisch ist auch die Wirkung des Korkes zu deuten, aber in
Abhängigkeit von der chemischen Natur der Korklamelle. Anders bei der
Gruppe der Schleime und des Gummis. Hier ist es die Substanz selbst,
die das pharmakologische Individuum bildet.
Chemisch umschließt der Begriff Membran sehr verschiedene Dinge. Wir
wissen, daß er nicht identisch ist mit Zellulose, und daß der Begriff
Zellulose seinerseits wieder vielerlei Verschiedenes umfaßt, wie auch,
daß die nicht aus Zellulose bestehenden Membranen ihrerseits wieder
recht verschieden aufgebaut sind.
Wenn nun die Verhältnisse aller dieser Klassen chemisch vollkommen und
in allen Punkten aufgeklärt wären, so könnte man auch hier wohl an eine
chemische Gruppierung denken. Da dies aber nicht der Fall ist, müssen
wir uns nach einer anderen Einteilung, die auch das morphologische
Moment mit berücksichtigt, umsehn. Das allen diesen Dingen gemeinsame
ist, daß sie Membranbestandteile sind, und so mögen sie denn alle,
welche chemische Beschaffenheit sie auch zeigen, unter dem gemeinsamen
Namen +Membranine+ zusammengefaßt werden.
~Cross~ und ~Bevan~ bilden die Gruppen: Lignozellulosen, Pekto- und
Mukozellulosen und Adipo- und Cutozellulosen. Ich teile die Membranine
zunächst in zwei große Gruppen, in die der Zellulosine, die die
Membranine umfassen, welche wir nach dem Stande unserer Kenntnisse
als Polysaccharide auffassen können, die jedenfalls bei der Hydrolyse
irgend einen oder mehrere Zucker liefern -- und andererseits die
Membranine, von denen wir dies vorläufig noch nicht annehmen können,
bei denen jedenfalls andere Körper den chemischen Charakter der Membran
bestimmen. So komme ich zu folgender Einteilung, die sich für unsere
Zwecke besonders gut eignet, aber auch für den Phytochemiker vorläufig
brauchbar sein dürfte.
A. +Zellulosine, welche Polysaccharide enthalten+ (umfaßt die
Zellulosen von ~Tollens~ und die Lignozellulosen, sowie Pekto- und
Mukozellulosen von ~Cross~ und ~Bevan~).
1. Zelluloso-Membranine (reine oder fast reine Zellulose, schwer
hydrolysierbar),
2. Reservezelluloso-Membranine (meist Hemizellulosen im Sinne von
~E. Schulze~),
3. Lichenino-Membranine inkl. Amyloido-Membranine,
4. Lignino-Membranine (Lignozelluloso-Membranine, schwer durch Säuren
hydrolysierbar, leichter durch schweflige Säure [~Tollens~]),
5. Pektino-Membranine,
6. Koryzo-Membranine (oder Myco-Membranine, Membranschleime),
7. Gummo-Membranine.
B. +Membranine, von denen noch nicht sicher ist, ob sie
Polysaccharide enthalten+ (umfaßt die Adipo- und Cutozellulosen von
~Cross~ und ~Bevan~).
1. Suberino-Membranine (Kork),
2. Mycino-Membranine (Pilzzellulose),
3. Silico-Membranine (Diatomeenschalen),
4. Andere Kryptogamen-Membranine.
A. Zellulosindrogen.
~Tollens~ nimmt vier Hauptgruppen der Zellulosen an: 1. die
eigentlichen Zellulosen, 2. hydratisierte Zellulosen wie
Hydrozellulosen und Hemizellulosen, die nicht reduzierend wirken,
3. Zellulosen mit Carboxylgruppen (dazu die sog. Pektinsäuren, die
sog. Acidzellulosen), 4. Zellulosen, die Carboxyl- und zugleich auch
Aldehyd- und Ketongruppen führen, daher reduzierend wirken (dazu
die sog. Hydralzellulosen, das Oxybassorin und die Oxyzellulosen).
~Bumcke~ und ~Wolffenstein~ ziehen die Gruppen 2-4 zusammen
als hydratisierte oder Hydrozellulosen und unterscheiden: a)
reduzierende (Hydralzellulosen), b) reduzierende mit Carboxylgruppen,
c) nichtreduzierende mit Carboxylgruppen (Acidzellulosen), d)
nichtreduzierende ohne Carboxylgruppen (Laktone?).
Jedenfalls stehen die Körper der Gruppe der Zellulosine, wie ich die
ganze Gruppe nenne (s. oben), zu der Zuckergruppe in Beziehung und
wir dürfen sie als hochmolekulare Polysaccharide betrachten, aber
die Verhältnisse liegen bei ihnen viel komplizierter. Denn bei der
Hydrolyse mit Säuren oder Enzymen (Cytasen) entstehen hier oft nicht
nur +Hexosen+ (Glukose, Galaktose, Mannose) [und bei der Oxydation (aus
Galaktose) Schleimsäure:
OH H H OH
COOH--C--C--C--C--COOH],
H OH OH H
sondern auch sich durch Entstehung von Furol bei der Destillation
mit HCl verratende +Pentosen+ (Arabinose, Xylose), +Methylpentosen+
(Fukose) und +Furoide+ (Oxydationsprodukte von Hexosen- oder
Pentosen-Monoformale), sowie (bei den Gummis) eigentümliche als
Geddinsäuren bezeichnete Körper, so daß wir in den Zellulosinen
nicht nur +einfache Hexosane+ (z. B. Glukosan, Galaktan, Mannan) und
einfache Pentosane (z. B. Araban, Xylan), sondern auch +gemischte
Hexosane+ (z. B. Gluko-Mannane, Frukto-Mannane, Galakto-Mannane
und in vielen Hölzern: Manno-Gluko-Galaktane) und +gemischte
Pentosane+, sowie +gemischte Hexoso-Pentosane+ (z. B. Galakto-Araban),
+Furoido-Pentosane+ (wie z. B. in den Lignozellulosen) und
+Furoido-Hexoso-Pentosane+, sondern bei einigen offenbar noch
kompliziertere Kondensationsprodukte von Gliedern der Kohlehydratreihe
und vielleicht auch anderen, nicht hierher gehörigen Körpern (?) vor
uns haben.
So besitzt die sonst wohl für pharmakognostische Zwecke, besonders in
der Gruppe der Gummis und Schleime, brauchbar befundene Unterscheidung
zwischen Schleimsäure liefernden und Schleimsäure nicht liefernden
Zellulosinen jetzt nur noch vorläufig orientierenden Wert. Sie sagt
uns nur, ob Galaktose bildende Gruppen darin vorhanden sind. Und auch
eine Einteilung, etwa nach Glukosozellulosen, Mannosozellulosen,
Arabinosozellulosen, läßt sich für pharmakognostische Zwecke nicht
machen, da bei der Hydrolyse eben meist mehrere Zucker entstehen.
Ja selbst die Hemizellulosen (~E. Schulze~, Zellulosegummi
(~Hoffmeister~) oder lösliche Zellulose) sind mit den echten Zellulosen
durch viele Übergänge verbunden. Auch nach der Ansicht von ~Schulze~,
zu der dieser auf rein chemischem Wege kam, bilden Zellulose,
Hemizellulosen, schleimgebende Zellbestandteile und Amyloid eine Reihe
chemisch verwandter Substanzen, deren einzelne Glieder wohl durch noch
unbekannte Zwischenformen miteinander verknüpft sind.
Immerhin können wir doch den zuerst von ~E. Schulze~ hervorgehobenen
Unterschied machen, daß die echten Zellulosen nur schwer hydrolysierbar
sind, die Hemizellulosen aber relativ leicht. Ferner sind die echten
Zellulosen stets Gerüstsubstanzen, die Hemizellulosen aber oft
Reservestoffe. Den Charakter von Gerüstsubstanzen tragen aber auch
die Lignino-Membranine, und die Korizo-Membranine sind, bisweilen
wenigstens (z. B. bei den Schleimendospermen), ebenfalls Reservestoffe.
Die Gummo-Membranine endlich machen oft ganz den Eindruck von Sekreten
und die Pektino-Membranine scheinen zu dem Zucker der Früchte
biologisch in Beziehung zu stehen.
Nur eins ist, wie gesagt, allen Zellulosinen eigen: sie liefern bei der
Hydrolyse einen oder mehrere Zucker.
1) Zelluloso-Membranindrogen.