helv. IV z. B. schließt ausdrücklich das mit Salpetersäure oder
Oxalsäure bereitete und sog. chemisch reines Dextrin aus. Sie gibt
z. B. an, daß die kalt bereitete Lösung durch Jod weinrot gefärbt
werde, Kalkwasser und Diphenylamin keine Reaktion geben. Dies
+Röstdextrin, das wir als eine Droge betrachten dürfen+, muß man
aber richtiger +dextrinierte Kartoffelstärke+ nennen. Es besteht aus
Stärkekörnern, die alle Stadien der Dextrinierung zeigen. Neben noch
fast unveränderten finden wir solche, die schon in Amylodextrinstärke
und andere, die schon ganz oder zum Teil in Dextrin übergeführt sind
(Fig. 73).
Äußerlich sind die Körner nur wenig verändert, denn wenn man sie in Öl
betrachtet, zeigen sie noch die Umrißlinie der Kartoffelstärkekörner
und im Polarisationsmikroskop das schwarze Kreuz. Nur eine kleine
Luftblase an Stelle des Kerns (Fig. 73) verrät, daß nicht alles
geblieben ist wie es war. Legt man die Körner aber in Wasser, so
zeigt sich, daß tiefgreifende Veränderungen eingetreten sind. In den
ersten Stadien der Dextrinierung hat sich der Spalt erweitert, die
innersten Schichten sind gelöst, die Schichtung ist sehr deutlich
geworden. In den späteren Stadien sind dann die äußeren Schichten und
hier besonders die wasserreichen der Dextrinierung anheim gefallen.
Sie lösen sich in Wasser auf und es bleiben zahlreiche übereinander
geschichtete Häute übrig, die den dunkleren Schichten des unveränderten
Kornes entsprechen. Am längsten widerstehen die mittleren Partien des
Korns. Sie färben sich mit Jod blau, violett, rotviolett oder rot,
sind also noch zum Teil unveränderte, zum Teil schon in Amylodextrin
übergegangene Stärke (~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas, Taf. 52).
+Deutschland+ fabriziert viel Dextrin. Hamburg exportierte 1908 22631
dz Dextrin (und geröstete Stärke) und importierte 21839 dz.
+Frankreich+ importierte 1908 84187 kg +Dextrin+ aus Deutschland
und etwa ebensoviel aus Österreich, nur wenig aus Belgien und den
Niederlanden.
IV. Inulindrogen.
Die Vorstellung, daß auch das +Inulin+, das ~Valentin Rose~ 1804 zuerst
als Absatz aus einem Dekokte von _Inula Helenium_ beobachtete und dem
~Thomson~ den Namen gab, zu den Polysacchariden gehört, gründen wir
auf die Tatsache, daß es bei der Hydrolyse und der Einwirkung des
Enzyms Inulase (~Bourquelot~) +Fruktose+ liefert. Die Formel wird sehr
verschieden geschrieben. Die Angaben schwanken zwischen C₃₆H₆₂O₃₁ (=
6(C₆H₁₀O₅).H₂O, ~Kiliani~, ~Tanret~) und C₁₀₈H₁₈₀O₉₀ (~Düll~). Nur
~Béchamp~ erteilt ihm die einfache Formel C₆H₁₀O₅. Jedenfalls wird
Inulin sowohl durch Inulase (nicht durch Diastase, Ptyalin, Emulsin,
Invertin) wie durch Hydrolyse mit verdünnten Säuren +fast vollständig
in d-Fruktose+ (Lävulose, Fruchtzucker, vgl. S. 7) übergeführt. Hefe
vergärt Inulin nicht. Inulin reduziert Fehlingsche Lösung nicht, wohl
aber ammoniakalisches Silbernitrat, dreht links (α_{D} = -36,57°,
~Lescoeur~ et ~Morell~) und färbt sich nicht mit Jodlösung.
Im Gegensatz zur Stärke ist Inulin nicht in Körnerform in den Zellen
abgeschieden, sondern (obwohl schwer löslich in reinem kaltem Wasser)
im Zellsafte gelöst, also direkt wanderungsfähig. Beim Trocknen der
Drogen scheidet es sich in Form von Schollen aus, beim Einlegen der
frischen Pflanzenteile in Alkohol in Form von Sphärokristallen (Fig.
74), die sich in konzentrierter Schwefelsäure und auch in heißem
Wasser, aber ohne Kleisterbildung, lösen.
Es vertritt vielfach die Stärke als Reservestoff, besonders bei den
Kompositen und benachbarten Familien (Campanulaceen, Lobeliaceen,
Goodeniaceen, Stylidieen). Es findet sich hier vornehmlich in den
unterirdischen Organen, ist aber auch in oberirdischen, z. B. bei
_Cichorium_, _Taraxacum_, gefunden worden (vgl. _Rad. taraxaci_).
Sodann auch (nach ~Chevastelon~) bei Monocotylen (_Narcissus_,
_Hyacinthus_, _Allium_) und (nach ~Kraus~) in Violaceen (_Ionidium
Ipecacuanha_).
Bei den unterirdischen Organen schwankt der Gehalt an Inulin natürlich
je nach dem Entwicklungsstadium oft in sehr weiten Grenzen. ~Rundquist~
machte neuerdings folgende Angaben über den Gehalt offizineller Wurzeln
an Inulin: _Rad. artemisiae_ 9,66%, _R. bardanae_ 46,25, _R. carlinae_
17,87, _R. cichorii_ 18,50, _R. farfarae_ 17,40, _R. helenii_ 35,10,
_R. pyrethri germ._ 26,19, _R. pyrethri roman._ 35,66, _R. scorzonerae_
31,64, _R. taraxaci_ 39,65, _Rhiz. arnicae_ 5,55. Die höchsten bisher
beobachteten Ausbeuten erhielt man aus einer _Rad. helenii_ (44%) und
einer _Rad. pyrethri_ (über 50% ~Dragendorff~, nach ~Koene~: 57,7%),
ferner aus _Rad. cichorei_ (57,8%, ~Mayer~, 79%(?) ~Sayre~).
[Illustration: Fig. 74.
+Inulin-Sphaerokristalle.+
[Nach +Tschirch-Oesterle+, Atlas.]]
Das beste Material zur Darstellung des Inulins ist der
_Dahlienknollen_, das billigste _Cichorium_- oder _Taraxacum_wurzel
(s. d.). Der Inulingehalt der _Cichorium_- und _Taraxacum_wurzel
bedingt in erster Linie deren Verwendung als Kaffeesurrogat.
Nach ~Tanret~ wird es im _Alant_ von Pseudoinulin, Inulenin,
Helianthemin und Synanthrin begleitet.
=Lit.= ~v. Rose~, Gehlens N. Journ. d. Chem. III, 217. -- ~Thomson~,
Syst. de chim. VIII, 82. -- ~Koene~, Ann. chim. phys. 1835. --
~Dragendorff~, Material. z. einer Monogr. d. Inulins 1870. (Ausführl.
Referat darüber in Arch. Pharm. 148 [1871] 82.) -- ~Prantl~, Das
Inulin. 1870. -- ~Rundquist~, Farmac. Notisblad. Helsingfors 1904. --
~Tanret~, Compt. rend. 116 und 117. -- Weitere Lit. in ~Tschirch~,
Angew. Anatomie, in ~Lippmann~, Chemie d. Zuckerarten und ~Tollens~,
Handb. d. Kohlenhydr. -- ~Tschirch~, Artikel Inulin in Realenzykl. d.
ges. Pharm.
Die Kompositenwurzeln.
Von diesen, die alle hierher gehören, soll an dieser Stelle nur
_Rad. cichorei_, _Rad. taraxaci_ und _Rad. bardanae_ abgehandelt
werden, die anderen, _Rad. helenii_, _Rad. pyrethri_, _Rhiz. arnicae_
werden an geeigneter Stelle behandelt. Die Verwendung der hier
abgehandelten Drogen als Kaffeesurrogate gründet sich vornehmlich auf
ihren Inulingehalt. Einige der Kompositenwurzeln gehören auch zu den
Bitterstoffdrogen.
Rad. Cichorei.
=Syn.= Cichorienwurzel -- chicorée, barbe de capucin (franz.) -- wild
succory, chicory (engl.) -- radicchio, radice cicoria (ital.) --
cichoreiwortel (holl.) -- cigoria (ung.) -- sikurin juuri (finn.) --
ῥίζα κιχωρίον (griech.). -- +Wegwarte+ (so schon im Ortus Sanitatis
I, S. 688), wilde Endivie, +Sonnenwirbel+ (ahd. Sunniwirpela,
mhd. Sonworbel, Sundwerbel, Sunwirbel), bei ~Galen~: Seris, bei
~Plinius Valer.~: Cicinoria, bei ~Karl dem Grossen~: Solsequium. Bei
~Megenberg~ (I, S. 692): sunnenwerbel, bei ~Hildegard~ (I, S. 669):
sunnenwirbel, bei ~Albertus Magnus~ (I, S. 673): cicorea, sponsa
solis. In der +Alphita+ (I, S. 645): Cicoria, elitropia, mira solis,
cicorea (B) solsequium, incuba. Ferner: Hindleufte, Hindlichte,
Hundläufte, Wasserwart, Weigerein. Cichorie wird noch jetzt auch für
_Taraxacum offic._ benutzt (Graubünden). Bei den Arabern: hindabâ
(auch für Endivie benutzt). Die mittelalterlichen Namen solsequium,
eliotropia (Heliotropium), mira (oder gira) solis, Sunniwerpila
(Sonnenwirbel) umfassen auch die anderen Sonnenwendblumen (z. B.
_Calendula offic._, _Taraxacum_, _Valerianella_ usw.). Im Mittelalter
auch: ambubeia (ambula bei ~Plinius~), seris (die bittere, so schon
bei ~Dioskurides~). -- In Indien: kàsni (pers., ind. Baz. ~Dymock~)
-- pers.: tarkashkun (so auch bei ~Ibn Sina~). In China: kʿu tʿu, kʿu
tsʿai, kʿu ku, ku-mai-tsʿai (auch für _Endivia_).
=Stammpflanze und Systemat. Stellung. Cichorium Intybus L.= (richtiger
Intubus). +Compositae.+ Cichorieae -- Cichorinae Sect. Eucichorium Dc.
=Etym.= Cichorium aus κιχωριον (so bei ~Theophrast~) umgebildet, dies
aus κίω = gehe und χωρίον = Feld (nicht arabischen Ursprungs, aber
vielleicht daraus das arabische chikouryeh gebildet, ~Forskal~).
Davon dann Cichorée, chicorée (franz.), chicory (engl.) und cichorei
(holl.), und im Anklang an Zucker umgebildet: succory (engl.),
suikerij (holl.), zuckerei (in Westfalen). Ferner: cichurien (in
Mecklenburg), cikary (Eifel), -- Intubus auch Intybus ja sogar incuba
(~Isidor~, Etym.: Intubus Graecum nomen est, -- Intubus auch bei
~Apicius~) wohl von ἔντομος = eingeschnitten, wegen der Blattform
(~Kanngiesser~). Daraus das arabische hendibeh. Endivia ist die ital.
Form für intubus. Ambubeia (s. oben) ist syrisch und aus ambui (=
Geruch) und baia (= voll) gebildet. Ambuleja und Ambugia findet sich
bei römischen Schriftstellern (s. oben).
=Beschreibung.= _Cichorium Intybus_ ist perennierend und über Europa
und das gemäßigte Asien verbreitet. Es findet sich vorwiegend an Acker-
und Wegrändern, Rainen und unbebauten Plätzen. Seine Blätter erinnern
etwas an die von _Taraxacum_ (s. d.), die unteren schrotsägeförmig, die
oberen lanzettlich, sitzend. Die Infloreszenzachse trägt zahlreiche
blaue Körbchen, der Hüllkelch ist zweireihig, die 5 inneren Blätter
sind am Grunde verwachsen, Blüten zungenförmig, mehrreihig. Achaenen
fast fünfkantig, kahl, mit 1-3reihigem Pappus.
+Abbild.+ bei ~Hoffmann~ in ~Engler-Prantl~, Natürl. Pflanzenfam. --
~Planchon-Collin~ a. a. O.
=Pathologie.= Es sind auf _Cichorium Intybus_ eine ganze Anzahl
von parasitären Krankheiten bekannt, unter denen wir _Erysiphe
Cichoracearum_, _Phoma albicans_, _Puccinia Cichorii_ (Dc.) Bell.
erwähnen. Inwieweit aber durch dieselben auch die unterirdischen
Teile mit betroffen werden, dürfte noch festzustellen bleiben. An
_Cichorium_wurzeln wurde _Sclerotinia Libertiana_ beobachtet (~Ed.
Fischer~).
Über die tierischen Schädlinge berichtet ~Israel~:
1. +Käfer+: _Anaspis frontalis_ ~Fabr~. Larve in den Stengeln
von _Cichorium_, _Inula Conyza_ und _Eupatorium_. Jedenfalls in
noch vielen anderen markigen Pflanzenstengeln. Käfer auf Blüten.
_Mordella aculeata_ L. Die afterstachelige Larve im Marke von
_Cichorium Intybus_ und _Lychnis_arten. Käfer auf Blüten. _Cassida
sanguinolenta_ ~Fabr~. Larve skelettierend an den Blättern von
_Cichorium Intybus_ und _Sonchus_arten. Wahrscheinlich auch noch auf
anderen Pflanzen.
2. +Falter+: _Cucullia umbratica_ L. Die schwarze, nächtliche Raupe
dieses sehr häufigen Falters lebt auf vielen Pflanzen, u. a. auf
_Cichorium_, _Sonchus_, _Hypochaeris_ usw., vorzugsweise an den
Blüten und Früchten. _Cucullia lactucae_ W. V., _Cucullia lucifuga_
W. V. Die Raupen dieser selteneren Falter leben an _Lactuca_- und
_Sonchus_arten; auch an _Daucus_ und _Cichorium_. An _Cichorium_
leben ferner gelegentlich die behenden Raupen mehrerer +Bärenspinner+
(Arctiidae) und eine ganze Anzahl polyphager Eulenraupen, besonders
aus der Gattung _Agrotis_.
3. +Schnabelkerfe+: _Aphis cichorii_. ~Dutroch~. Diese schwarze
Blattlaus lebt oft in enormer Menge an den weicheren Teilen der
_Cichorie_, namentlich an den jüngsten Trieben saugend.
=Beschreibung der Droge.= Die Wegwartwurzel wird im Herbst von
der wildwachsenden blühenden Pflanze gesammelt. Die einfache oder
verästelte spindelförmige, etwa 1-1,5 cm dicke Wurzel wird, da
_Cichorium_ eine tiefwurzelige Pflanze ist, mehrere Dezimeter lang.
Sie ist ein- oder mehrköpfig, frisch fleischig und milchend, trocken
hornig, hellbraun, fast geruchlos, schwach bitter. Medizinisch
angewendet wird meist nur die Wurzel der wildwachsenden Pflanze. Diese
(Racine de chicorée sauvage) ist in Frankreich offizinell. Die Wurzel
der kultivierten Pflanze wird beträchtlich dicker als die der wilden
Pflanze und daher, um sie besser trocknen zu können, meist in 2 oder 4
Längsstreifen oder dicke Querscheiben zerschnitten.
=Anatomie.= Die Rinde macht etwa ⅙-⅓ des Gesamtdurchmessers
aus. Sie ist +radial+ gestreift (Unterschied von _Taraxacum_). Der
Holzkörper ist gelb und deutlich strahlig. Der primäre Bau der Wurzel
ist diarch. Die aus wenigen Zellreihen bestehende primäre Rinde
bleibt erhalten (~Holfert~). Im oberen Teile ist der strahlige Bau
des Holzkörpers auf dem Querschnitte sehr deutlich. Hier ist auch die
Cambiumlinie ziemlich regelmäßig. Weiter unten ist der Holzkörper
zwar auch noch deutlich strahlig, aber die Cambiumlinie verläuft hier
oft unregelmäßig in einer Bogenlinie. Der Holzkörper ist markfrei. Er
enthält sehr viel Holzparenchym und in dasselbe eingebettet im Innern
unregelmäßig, weiter nach außen bis zum Cambium in unterbrochenen
radialen Reihen angeordnet, zahlreiche getüpfelte Gefäße, die im
Längsverlaufe meist gekrümmt, oft sogar geschlängelt und sehr deutlich
gegliedert sind. Das Gewebe der breiten Markstrahlen unterscheidet sich
im Querschnitt kaum von dem Holzparenchym. Bisweilen (nicht immer)
finden sich im Holzkörper linksschief getüpfelte, relativ dünnwandige
Ersatzfasern (~Moeller~). In der sekundären Rinde liegen, zu radialen
Strahlen angeordnet, Gruppen von gegliederten Milchröhren und
Siebröhren. Die Milchröhren (Weite 6-10 mik) desselben Radialstrahles
bilden infolge von Radialanastomosen ein reich verzweigtes Netz.
Auch das Phloëmparenchym und das Parenchym der Rindenstrahlen ist
mächtig entwickelt. Der äußere Teil der Rinde, der außerhalb der
Sieb-Milchröhrenstrahlen liegt, ist sehr locker. Die Zellen sind hier
tangential gestreckt und neigen zur Pektinisierung. Im obersten Teile
der Wurzel ist diese ganze Schicht abgestorben und bedeckt als ein
leicht abreibbarer Mantel die Wurzel. Zu äußerst liegt eine schmale,
aus dünnwandigen Zellen bestehende Korkschicht. Alle parenchymatischen
Zellen enthalten eine Inulinlösung, bei der Droge Inulinschollen.
Die kräftige Hauptwurzel übernimmt die Befestigung. Die Nebenwurzeln
sind ausschließlich Ernährungswurzeln (~Tschirch~ u. ~Radlauer~). Die
Anatomie der Blätter bei ~Planchon-Collin~.
=Lit.= ~Moeller-Winton~, Mikroskopie der Nahrungs- u. Genußm. 1905
(Abbild.). -- ~Planchon-Collin~, Drogues simples 1896, Fig. 642 u.
643. -- Vogl, Nahr.- u. Genußm. 1899, 334. -- ~Holfert~, Arch. Pharm.
1889. -- ~Rosen~, Wandtafeln.
=Chemie.= Die Wurzel enthält +Inulin+, +Zucker+, +Pektin+ und einen
(nicht untersuchten) +Bitterstoff+, sowie angeblich Harz, Gerbstoff
und ein flüchtiges Öl (~von Bibra~), keine Stärke. Der +Inulin+gehalt
beträgt in der Wurzel der wildwachsenden Pflanze bisweilen nur 11%,
in der kultivierten 19% (~von Bibra~). ~Rundquist~ (a. a. O.) gibt
ihn auf 18,5% an. Durch die Kultur wird der Gehalt stark gesteigert.
~Dragendorff~ fand (1870) in der Wurzel im Juni 4,82, Mitte Juli 36,53,
Anfang August 44,01 und Anfang September 44,49% +Inulin+. Der Gehalt
ist also ganz abhängig von der Vegetationsperiode. Der Inulingehalt der
Wurzel kann 57,79% der Trockensubstanz erreichen (~A. Mayer~).
Die +frische kultivierte Cichorienwurzel+ enthält 72,07-79,20%
+Wasser+, 0,92-1,15% +Stickstoffsubstanz+, 0,11-0,60% Fett, 0,6-6,17%
+Zucker+, im Mittel 15,30% stickstofffreie Extraktbestandteile,
0,65-1,11% Asche. In der Trockensubstanz im Mittel 84,37%
stickstofffreie Extraktbestandteile (~H. Schulze~, ~von Bibra~,
~Hasall~, ~J. Wolff~). +Getrocknete kultivierte Cichorienwurzel+
enthält 6,89-15% +Wasser+, 10,5-22,2% +Zucker+, 52,59%
+stickstofffreie+ Extraktbestandteile und 3-5% Asche (~Hasall~,
~Krauch~).
~Bibra~ verglich die wilde mit der kultivierten Wurzel. Er fand in
ersterer 37,81%, in letzterer 22,08% Zucker.
~Storer~ fand bei der Hydrolyse auch Mannose, die Membranen enthalten
also ein Mannan.
Die +Asche+ beträgt 10,88% der bei 105° getrockneten Droge, bei 12,6%
Wassergehalt (~Nygård~).
In den +Blüten+ (nicht in der Wurzel) fand ~Nietzki~ ein schön krist.
bitteres +Glykosid+, F. 215-220; C₃₂H₃₄O₁₉.4½ H₂O, auch das Aglukon
desselben (C₂₀H₁₄O₉) kristallisiert.
=Lit.= Ältere Analysen von ~Juch~ und ~Planche~. -- ~von Bibra~
(Analys. in ~Wittstein~, Handwörterb. d. Pharmakogn. 1882
mitgeteilt). -- ~König~, Nahr.- u. Genußm. -- ~A. Mayer~, Jahresb. d.
Agrik. Chem. 1883. -- ~J. Wolff~, Bot. Centralbl. 1901, 85, 52. --
Chem. Centrbl. 1899 und 1900. -- ~Dragendorff~ a. a. O. -- ~Nietzki~,
Über ein neues in den Blüten von Cichorium Intybus enthaltenes
Glykosid. Arch. Pharm. (3) 8 (1876), 327. -- ~Storer~, Chem.
Centralbl. 1902, 2, 1155.
=Verwechslungen.= _Rad. taraxaci_ anatomisch gut zu unterscheiden.
_Rad. belladonnae_ und _hyoscyami_ enthalten Stärke.
=Anwendung.= Im alten Ägypten (I, S. 464) kultivierte man _Cichorium
Intybus_ als Gemüse (~Plinius~). Sprosse und Blätter waren eine
beliebte Magenspeise (~Plinius~). Sie dienen noch heute besonders
in Frankreich zu diesem Zwecke. ~Rhazes~ hält die wilde Cichorie
für heilkräftiger als die Garten-Cichorie. Die Araber benutzten den
ausgepreßten Saft als allgemeines Antidot (~Ibn Amrân~). In Indien, wo
die Pflanze kultiviert wird, werden die Früchte arzneilich benutzt.
Die Frucht war auch einer der «quatuor semina frigida minora». In
einer österreich. Taxe 1776 findet sich Infusum «seu sanguis Cichorii
simplex», gemeiner Cichoryaufguss oder Cichoryblut (~Pruys~). Die
Präparate der Wurzel sind besonders in Frankreich beliebt (s.
~Hartwich-Fischer~, Pharm. Praxis). Die italienische Pharmakopoëe
hat sowohl Wurzel, wie Blätter aufgenommen. Die frischen +Blätter+
(folia cichorii, feuilles de chicorée, succory leaves) werden, wie die
verwandte _Endivie_, als Salat (barbe de Capucins) und mit _Kresse_,
_Gartenlattich_, _Fumaria_ zu Kräutersäften (suc d’herbes) bei sog.
Frühlingskuren benutzt. Die trockenen bilden einen Bestandteil
des Sirop d’Erysimum comp., sowie des Sirop de rhubarb comp.
(~Hartwich-Fischer~, Pharm. Praxis I, 828). Schon bei ~Cordus~ steht
ein Syr. è cichoreo und ein Syrupus de Cichoreo cum Rhabarbaro Nicolai
Florentini.
Wegwart steht auch in der Liste der ~Kneipp~-Mittel als Diuretikum und
Magenmittel -- der Saft der Pflanze dient bei der «Blutreinigungskur».
Äußerlich werden Kissen bei schmerzhaften Entzündungen empfohlen.
=Geschichte.= Der Wegwart oder die Wegwarte ist eine alte
germanische Zauberpflanze. «Um die Wegwarte ranken sich noch
heutzutage Vorstellungen, die jener uralten Lust, die Pflanze zu
vermenschlichen, sie mit dem Menschen gleichzusetzen, entspringen»
(~Aigremont~). So heißt es in ~Vintlers~ +Blumen der Tugend+
(1411): «Die begwart sey gewessenn aine frawe czart und wart jrs
pullen noch mit schwerzen». Auch ihr Name «Verfluchte Jungfrau»
deutet auf ähnliche Vorstellungen. Sie dient denn auch beim
Liebeszauber. ~Theophrast~ bespricht (Hist. plant. VII, 11) die
_Cichorien_ im allgemeinen (τὰ δὲ κιχοριώδη πάντα). ~Horaz~ nennt
sie als Nahrungsmittel: «me pascunt olivae me cicorea levesque
malvae». ~Plinius~ bespricht beide Intubi, den wilden (_Cichorium
Intybus_, in Ägypten, wo sie offenbar sehr geschätzt wurde (I, S.
464), _Cichorium_ genannt) und den zahmen (_C. Endivia_, in Ägypten
_Seris_ genannt). Beide wurden kultiviert. ~Plinius~ erwähnt, wie
~Dioskurides~, bereits die Anwendung des Saftes bei Augenleiden, die
wir auch noch in dem alten Verse: «Das edle Kraut Wegwarten macht
guten Augenschein«(~Jacob Meyland~ um 1600) und bei ~Ibn Baithar~,
der die Pflanze hindabâ nennt und ihr ein großes Kapitel widmet,
wiederfinden. ~Dioskurides~ nennt die Pflanze seris (στενόφυλλος καὶ
ἔμπικρος σέρις) und unterscheidet die wilde picris, auch _Cichorie_
genannt, von der zahmen _Gartencichorie_, von der er zwei Arten
kennt. Er weiß mancherlei über ihre Heilkraft zu berichten, besonders
bei Magenleiden.
=Lit.= Pharmacographia indica. -- ~Pruys~, Über d. therapeut. Wert
von usw. Cichorium. Pharm. Zeit. 1896.
=Cichorienkaffee.= _Cichorium Intybus_ wird in ziemlich
beträchtlichem Umfange zur Herstellung des Cichorienkaffee kultiviert
in Mitteldeutschland (Magdeburg, Braunschweig), dann bei Freiburg,
Ludwigsburg und Heilbronn, in Belgien und Nordfrankreich sowie
in Indien. C. 11000 Hektar werden jetzt jährlich mit _Cichorie_
bebaut. 1909 bestanden c. 500 Cichorienfabriken. Davon c. 100 in
Deutschland. Der jährliche Konsum Europas übersteigt 20 Mill. Pfund.
Der Verbrauch an C. beträgt in Deutschland 1,85 kg pro Kopf und Jahr
(Kaffee: 2,38 kg). Zur Bereitung des Cichorienkaffee werden die
Wurzeln gewaschen und -- oft unter Zusatz von Fett -- in offenen
oder geschlossenen Darren oder rotierenden Rösttrommeln gedörrt. Die
ziemlich hygroskopische gebrannte Cichorie wird meist mit Wasser oder
Sirup vermischt und in Formen gepreßt. Über die Bestandteile der
ungerösteten Wurzel vgl. oben S. 204.
Der Gehalt an wasserlöslichen Bestandteilen schwankt bei der
+gerösteten Handelscichorie+ besonders infolge verschiedener
Rösttemperatur (~Kornauth~) sehr, das Wasserextrakt von 60,2-85,5%,
der Zuckergehalt von 8,2-23,3%. Als Mittel von zahlreichen Analysen
gibt ~König~ folgende Prozentzahlen für +geröstete Cichorie+
an: +Wasser+ 11,76, +Stickstoffsubstanz+ 7,35, +Ätherextrakt+
2,48, +Zucker+ 17,46, +Karamel+ 12,74, +Inulin+ 6,61, +sonstige
stickstoffreie Extraktstoffe+ 26,58, +Rohfaser+ 10,03, +Asche+ 4,99,
+Wasserextrakt+ 63,33.
+Deutschland+ importierte 1909: 112788 dz +Cichorienwurzeln+, fast
alles aus Belgien, etwas auch aus den Niederlanden, und exportierte
20605 dz, besonders nach Österreich-Ungarn. Gebrannte Cichorien
importierte Deutschland 1909 22773 dz, besonders aus Frankreich.
Deutschland produzierte 1907 für 5,75 Mill. M., Österreich 1906 für
3,73 Mill. Kr. (~Hueppe~). +Frankreich+ führte 1908 ungeröstete
+Cichorie+ 1453 Quintal. ein, besonders aus Belgien, wenig aus
Italien und Algier; geröstete Cichorie 42721 Qintal., fast ganz aus
Belgien.
Zur Unterscheidung von Cichorien- und Löwenzahnkaffee dienen die
Gefäße, die bei _Taraxacum_ bis 80 mik weit und mit schmalen,
langgestreckten Tüpfeln versehen sind. Die Gefäße bei _Cichorium_
sind bis 50 mik weit, die Tüpfel rundlicher (~Hartwich~).
Über weitere Cichoriensurrogate (besonders Rübenkaffee aus
Rübenschnitzeln) vgl. ~Moeller-Winton~, Mikroskopie, ~Vogl~,
Nahrungs- n. Genußmittel, ~Fischer-Hartwich~, Pharm. Praxis.
Geröstete Cichorienwurzel wurde schon vor Bekanntwerden des Kaffees
als Genußmittel benutzt (~Hartwich~). ~Alpini~ vergleicht den
Kaffee direkt mit Cichoriendecoct. Doch scheint der Brauch keine
weite Verbreitung gefunden zu haben. Im XIX. Jahrh. wurde geröstete
Cichorie zuerst von ~Timme~ in Arnstadt benutzt. Major ~von Heine~
und ~C. G. Förster~ führten 1763 den Cichorienkaffee ein und nahmen
1770 ein Privilegium für den Anbau und den Vertrieb der Wurzel in
Preußen (~Moeller~). Die ersten Kulturen befanden sich bei Berlin,
Breslau und Magdeburg. 1790-1797 entstanden dort 14 Fabriken des
«Preußischen Kaffee» (~Hartwich~). _Cichorie_ ist das älteste und
noch jetzt verbreitetste Kaffeesurrogat. Als Kaffeesurrogat wurde die
geröstete Wurzel seit 1690 in Holland benutzt, in Preußen bürgerte
sie sich namentlich durch die Bemühungen ~Friedrichs des Grossen~
ein, der alle Kaffeesurrogate begünstigte (I, S. 1024), in Frankreich
seit 1771 (~Dorveaux~).
=Lit.= ~König~, Nahrungsm. -- ~Schulze~, Landw. Vers. Stat.
1866, 203. -- ~von Bibra~, Der Kaffee u. seine Surrogate. 1858.
-- ~Hasall~, Foods, its adulteration and the methods for their
detection. London 1876. -- ~F. Hueppe~, Unters. über Zichorie
1908. -- ~Nicolai~, Der Kaffee u. seine Ersatzmittel. 1901. --
~Boehnke-Reich~, Der Kaffee u. seine Bezieh. z. Leben. 1885. --
~Trillich~, Die Kaffeesurrogate. München 1889 u. 1892. -- ~Hartwich~,
Die menschl. Genußmittel. 1910. -- ~Wolff~, Ann. chim. anal. 1899.
-- ~Krauch~, Ber. d. d. chem. Ges. 1878, II, 277. -- Zahlreiche
Cichorienanalysen bei ~König~, 4. Aufl. I, 997. -- ~Vogl~ a. a. O. --
~Moeller~ a. a. O. usw.
Rad. Taraxaci.
=Syn.= Löwenzahn-, Pfaffenröhrlein-Wurzel -- racine de dent de lion,
pissenlit (franz.) -- dandelion root, blowball, cankerwort (engl.)
-- paárdebloemwortel (holl.) -- gyermeklánczfű győker (ung.) -- ῥίζα
πικραφάκης (n.-griech.) -- radice di tarassaco (ital.) -- in Indien:
dudhal, baran, kánphúl.