Substanzen, 62% Kohlehydrate, 2,3% Fett. Sie enthalten das Kohlehydrat
+Carubin+ (C₆H₁₀O₅), das ~Ritthausen~ bereits 1867 im Roggenmehl und in
der Kleie gefunden und Secalin (Secalan) genannt hatte. Carubin wird
durch das ebenfalls in den Samen nachgewiesene hydrolysierende Enzym,
die +Carubinase+, in +Carubinose+, einen mit Mannose identischen Zucker
übergeführt. Das Carubin (~Effronts~) ist ein Galaktomannan. Es liefert
bei der Hydrolyse (neben wenig Galaktose) hauptsächlich d-Mannose
(~Bourquelot~ und ~Hérissey~). ⅘ des Samens bestehen aus diesem
Galaktomannan, vorwiegend im Zustande von Hemizellulose, ein Teil des
Mannans auch als Mannozellulose. +Der Johannisbrotsame eignet sich zur
Darstellung reiner krist. Mannose+ (~Ekenstein~). Es ist in ihm auch
etwas Dextrozellulose vorhanden (~Bourquelot~).
Bei der Keimung entsteht in allen Teilen des Embryos ein
diastaseartiges Ferment, welches aus der Hemizellulose Mannose und
Galaktose bildet, daneben treten Pektasen auf.
Aus den von den Keimen befreiten Samen wird durch Ausziehen mit Wasser
von 71-82° ein für Appreturen benutzter +Klebstoff+ bereitet. Die
Gewinnung dieses Tragasolgummi aus Johannisbrotkernen ist durch D. R.
P. geschützt (Jahresb. d. Ph. 1907, 32), doch hatte schon ~Grieumard~
1834 für die Darstellung eines tragantähnlichen Gummis aus den
Carobensamen ein Patent genommen.
In der +Rinde+ von _Ceratonia Siliqua_ fand ~Mafat~ 50-55% Gerbstoff
(sie dient als Gerbematerial).
Stamm und Blätter sollen bisweilen (in +Sicilien+) Zucker ausschwitzen
(~Klaproth~).
=Lit.= ~König~, Nahrungs- u. Genußm. (dort die Analysen von
~Fürstenberg~, ~Anderson~ u. ~Völcker~). -- Neuere Analysen in
~Balland~, Analyses de caroubes de différentes provenances.
Journ. pharm. chim. (6) 19, 1904, 569. -- ~Proust~, Gehlens N.
Journ. II (erste Analyse). -- ~Reinsch~, J. p. Ph. 1842, 401 und
Chem. Centralb. 1857, 85. -- ~Völcker~ und ~Kinsington~, Ebenda
(u. Zeitschr. f. d. Landw. 1856). -- ~Berthelot~, Ann. d. chim.
phys. 3 ser. 55, p. 269. Jahresb. d. Chem. 1858. -- ~Heckel~ und
~Schlagdenhauffen~, Rep. de pharm. 1892. -- ~Rossi~, Estrazione dell’
alcool dalle carubbe Ann. scuol. sup. agric. Portici Napoli 1881.
-- ~Redtenbacher~, Lieb. Ann. 57, 177. -- ~Grünzweig~, Lieb. Ann.
158, 117 u. 162, 193, Bull. soc. chim. (2) 16, 177. -- ~Marsson~,
Arch. Pharm. 48, 295. Vierteljahrsschr. über Fortschr. d. Nahrungs-
u. Genußm. 1887, 450 (Analyse d. Frucht). -- ~Mafat~, Pharm. Journ.
1892. -- ~Klaproth~, Du sucre du caroubier. Mém. Acad. royale.
Berlin 1804. -- ~Rosenthaler~, Über einen Bestandteil des unreifen
Johannisbrotes. Arch. Pharm. 1903, 616. -- ~Marlière~, Sur la graine
et specialement l’endosperme de Ceratonia Siliqua. La cellule 13, 7
(1897) (Pharm. Zeit. 1898, 396). -- ~Effront~, Compt. rend. 125, 38,
116 u. 309 (1897), Journ. pharm. chim. 1897. -- ~Ekenstein~, Compt.
rend. 125, 38, 116, 309 u. 719. -- ~Bourquelot~ et ~Hérissey~, Compt.
rend. 129, 228 u. 391 (1899) und Sur la composit. de l’albumen de la
graine de Caroubier. Journ. pharm. chim. 1899, 153 u. 249. Germinat.
de la graine de Caroubier, production de mannose par un ferment
soluble. Ebenda 1899, 438.
=Verfälschung.= Im Jahre 1888 wurde in London eine falsche _Ceratonia_
beobachtet. Es waren die Früchte von _Calliandra (Pithecolobium) Saman_
(vgl. Jahresb. d. Ph. 1888, 40).
=Anwendung.= Die reifen Früchte dienen in Südeuropa und im Orient
Tieren (Schweinen, Pferden, Eseln) und Menschen der ärmeren Klasse
(Schweinehirten, Eseltreibern), als Nahrungsmittel, besonders wenn sie
vorher geröstet oder gebacken wurden. Der verlorene Sohn begehrte sich
περὶ τῶν κερατίων zu nähren (Lukas 15). Die Kreuzfahrer unter ~Richard
I.~ griffen 1191 erst bei Hungersnot zu den Caroben (~Flückiger~). Die
unreifen galten bei den Alten als schädlich, ebenso die unangenehm
riechenden Blüten. ~Galen~ hält sogar die reifen Früchte für schädlich
(?). Die Früchte waren ein alter Handelsartikel des ganzen Orients.
~Dioskurides~ hält die frischen Früchte für purgierend, die trockenen
für ein Diureticum. Die Caroben dienen jetzt nur noch als Expectorans,
als Zusatz zu Brusttees.
Die Samen dienen in Fezzan als Gewicht (= 4 Weizenkörner). Sie wiegen
etwa 0,18 g. Von κεράτιον wird gewöhnlich das Wort Karat (Einheit für
Gold- und Edelsteingewicht) abgeleitet. Es scheint aber hier eine
Verwechslung vorzuliegen mit dem _Abrus_samen (Jequirity), deren Name
+rati+, +ratti+, +kirat+ auch dem Worte Karat zugrunde liegen könnte
und die auch dem Karat (= c. 0,205) als Gewicht für Gold und Edelsteine
näher kommen. Denn, wie es scheint, wurde Karat zuerst in Indien als
Diamantengewichtseinheit, dann erst in Afrika als Goldgewichtseinheit
benutzt. Andere beziehen Karat auf die Samen von _Erythrina
abyssinica_ (= kuara) oder _Acacia nilotica_. Die Sache sollte einmal
historisch-kritisch studiert werden.
Die süßesten Varietäten der Caroben werden im Orient ausgepreßt und der
so gewonnene «Honig» zum Einmachen benutzt. Als Leckerei der Kinder
findet man die Früchte überall. Die gerösteten Früchte sind, meist mit
Feigenkaffee gemischt, ein +Kaffeesurrogat+ (s. oben). (Analysen des
Carobenkaffee bei ~König~.)
Die Araber machten aus _Ceratonia_früchten einen +Roob+ (auch
~Alexander Trallianus~ [I, S. 591] gab eine Vorschrift zu einem
solchen). Noch jetzt bereiten sie eine Limonade daraus und einen
Sirup. In Portugal, auf den Azoren, in Italien und Triest werden die
schlechteren Sorten auf Alkohol verarbeitet. Nach ~Rossi~ soll man nach
dreitägiger Gärung 25% des Gewichtes der Früchte Alkohol erhalten. Da
und dort werden sie auch zum Saucieren des Tabaks benutzt.
Seit ~Völcker~ sie als Viehfutter von neuem empfohlen, werden sie oft,
auch bei uns, als Mastfutter (Zusatz zu Viehmastpulvern) benutzt.
=Lit.= ~Rossi~, Estrazione dell’ alcool dalle carrube. Ann. Sc. sup.
d’agric. Portici Napoli 1881.
=Geschichte.= Der Johannisbrotbaum ist die κερωνία des ~Theophrast~,
der ceronische Feigenbaum des ~Plinius~. ~Theophrast~ erwähnt
Johannisbrotpflanzungen auf Rhodos. Seine Früchte hießen im alten
Griechenland auf den Märkten ägyptische Feigen. Schon ~Plinius~
erklärt dies für eine irrtümliche Bezeichnung «non enim in Aegypto
nascitur sed in Syria Ioniaque et circa Gnidum atque in Rhodo». Im
alten Ägypten finden wir aber kaum Spuren von ihm (vgl. ~Wönig~).
Jetzt fehlt er dort ganz (~Ascherson~). Die Frucht aber kam
frühzeitig von Syrien nach Ägypten und scheint in einem Grabe von
Beni Hassan abgebildet zu sein (vgl. ~Wönig~). _Ceratonia_ hieß im
Ägyptischen w’n, doch wird die Deutung bestritten. ~Joachim~ führt
C. entgegen ~Lieblein~ im Papyrus Ebers nicht an. In Kleinasien
und Syrien genießt der Baum noch heute religiöse Verehrung. Er ist
dem heil. ~Georg~ geweiht (~Hehn~). ~Bianca~ hält _Ceratonia_ für
einen der Lotos der Alten (~Theophrast~, hist. plant. IV, 3; vgl.
auch I, S. 1070 und oben S. 61). In dem Alfabet des ~Ben Sira~ (XI.
Jahrh., die Pflanzenliste selbst älter) wird unter den Pflanzen des
königlichen Gartens des ~Nebukadnezar~ auch der Johannisbrotbaum
(chārûbā) aufgeführt (~Immanuel Löw~). -- ~Strabon~ (I, S. 532)
erwähnt _Ceratonia_. Bei den alten Juden, wie überhaupt in den
Gegenden, wo der Baum gemein ist (Syrien) und die Früchte im April
in Massen von den Bäumen fallen, waren sie von altersher Viehfutter.
Im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lucas 15, 16) übersetzt ~Luther~
κεράτιον (in der Vulgata steht _siliqua_, bei ~Ulfilas~ haúrn, in der
syrischen Übersetzung qĕratâ) mit Träbern. Diese falsche Übersetzung
kam wohl daher, daß er für die harten, beim Auspressen der Früchte
zurückbleibenden Teile der Frucht (Samen, Endocarp, Fasern) bei
~Dioskurides~ den Ausdruck στέμφυλα fand (oder von gelehrten Freunden
erfuhr), dieses aber auch die Trester der Weintrauben und Oliven
bedeutet. ~Luther~ wußte offenbar nicht, daß nicht nur diese, sondern
die ganze Frucht im Orient Schweinefutter ist und konnte dies auch
nicht ahnen, da die Früchte im Norden eine Leckerei waren (~Marti~
meint, daß ~Luther~ vielleicht in Gedanken an den Relativsatz ὦν
ἤσθιον οἱ χοῖροι den Ausdruck Träber gewählt haben könne).
_Fruct._ und _Sem. Siliquastri_ finden sich in der Taxe von
Nordhausen 1657 (weitere Nachweise oben unter Etym.).
=Lit.= ~Flückiger~, Pharmakognosie III. -- ~Hehn~, Kulturpflanzen
usw. -- ~Wönig~, Pflanzen Ägyptens. -- ~De Candolle~, L’origine des
plantes cultiv. -- ~Immanuel Löw~, Aramäische Pflanzennamen.
2. Trehalosegruppe.
Trehala-Manna.
Die Trehala oder Tricala (arab. scheker al aschaar, pers. scheker
thigal oder tighal = Tierzucker, Nesterzucker) besteht aus
den eigentümlichen Cocons, die die Larve eines Rüsselkäfers,
=Larinus maculatus= ~Faldermann~ (nach ~Frauenfeld~, pers.
Gūldigūl; -- _Larinus nidificans_ nach ~Guibourt~), der zu den
Curculioniden gehört, in den Stengeln und Blütenköpfen verschiedener
_Echinops_arten, bes. _Echinops persicus_ ~Fisch.~ erzeugt. Diese
Cocons, die vorwiegend an den Stielen der Blütenkörbchen zu sitzen
scheinen, sind rundlich-oval, 18-20 mm lang, gelblich-weiß, außen
höckerig, innen glatt. Sie schmecken fade süßlich und kommen aus den
unbebauten Steppen von Teheran und Kuum, sowie dem westlichen Persien
(~Haussknecht~).
Sie enthalten nach ~Ebert~ (1908) 17,5% +Trehalose+ (nach ~Apping~
23,84, nach ~Guibourt~ 28,8%), ferner 27,08% +Schleim+ (nach ~Apping~
18,58%) und 31,75% (nach ~Apping~ 24,9%) mit Jod sich rotviolett
färbende +Amylodextrin-Stärke+ (sog. rote Stärke), die wohl aus der
Pflanze stammt. Die Asche beträgt 2,6-2,8%.
Die Trehala ist lange bekannt. Sie wird z. B. in der persischen
Pharmakopoëe von 1681 (I, S. 808) beschrieben.
Trehalose (C₁₂H₂₂O₁₁ . 2 H₂O) ist identisch mit Mycose, dem
Pilzzucker, der zuerst von ~Wiggers~ und ~Mitscherlich~, dann auch
von Müntz in Pilzen, die davon bis zu 10% der Trockensubstanz
enthalten, aufgefunden wurde und wohl auch mit dem Tihalin. Sie
schmeckt süß, dreht rechts: α_{D}=199° (wasserfrei) und bildet
rhombische Kristalle. Sie reduziert ~Fehling~sche Lösung nicht.
=Lit.= ~Guibourt~, Notice sur le Tréhala. Journ. pharm. 1858, Gaz.
med. de Paris 1858 (Buchn. Repert. 1858, S. 413, Jahresber. d. Chem.
1858). -- ~Berthelot~, Trehalose. Ann. de chim. (3) 55, Gaz. med.
de Paris 1857 (Buchn. Repert. 1858, S. 28). -- ~Haussknecht~, Arch.
Pharm. 1870. -- ~Hanbury~, Zwei tierische Produkte Persiens. Buchn.
Rep. 1859; Science papers p. 158 u. 159 (_Larinus_ abgebildet). --
~Apping~, Unters. über d. Trehala-Manna. Diss. Dorpat 1885 (dort
die Lit.). -- ~Böning~, Unters. d. Inversionsprodukte der aus
Trehalamanna stammenden Trehalose. Diss. Dorp. 1888. -- ~A. Redlin~,
Unters. über d. Stärkemehl u. d. Pflanzenschleim der Trehalamanna.
Diss. Dorp. 1890. -- ~Dragendorff~, Über Trehalamanna. Sitz. Ber.
d. Dorp. Naturf. Ges. 1890. -- ~Winterstein~, Z. Kenntnis d.
Trehalose, Ber. d. d. chem. Ges. 1893, 3094 und Zeitschr. phys. Chem.
19, 1894, 70 (dort die Lit.). -- ~Tichomirow~, Das Glykogen der
Ascomycetenpilze in seiner Bezieh. zu der Trehalose. Arch. Pharm.
1908.
3. Milchzuckergruppe.
Milchzucker.
=Syn.= Saccharum lactis -- sucre de lait, sel de lait (franz.) -- sugar
of milk, milk sugar (engl.) -- zucchero di latte (ital.).
=Vorkommen.= Der Milchzucker (Formel oben S. 114) ist zu c. 4-5% in der
Kuhmilch enthalten. Der Gehalt ist von Rasse und Individualität, von
der Dauer der Laktationsperiode, dem sexuellen Zustande, von der Art,
der Menge und der Zusammensetzung der Nahrung, der Arbeitsleistung der
Kuh, ihrer Pflege u. and. Umständen abhängig. Ferner sind auch tägliche
Schwankungen und solche nach der Tageszeit zu beobachten (~Lippmann~).
Milchzucker, und zwar immer derselbe, findet sich aber auch in der
Milch anderer Säuger, in der der Hunde (1-4%), Kaninchen (2%),
Renntiere (2,5-3%), Ziegen (3,2-6,6%), Schafe (3,4-6,6%), Stuten
(4,7-7,3%), Kameele (5-5,8%), Eselinnen (5,2-7,6%) usw. Auch
Frauenmilch enthält Milchzucker (4-7,5, selten bis 8%). Frauenmilch ist
also am reichsten an Milchzucker.
Gewisse Pflanzen (z. B. _Galega officinalis_) erhöhen die Milch- und
Milchzuckerproduktion.
Über den Ort der Bildung des Milchzuckers im Organismus ist wenig
sicheres bekannt. Nach ~Bert~ entsteht der Milchzucker in der Leber und
wird durch das Blut in die Brustdrüse gebracht, nach ~Cremer~ bilden
ihn die Brustdrüsen aus d-Glukose und d-Galaktose, welch’ letztere
den schleim- und gummihaltigen Bestandteilen der Nahrungspflanzen
entstammen soll.
Die Angabe ~Bouchardats~ (Compt. rend. 73), daß Milchzucker auch
im Pflanzenreiche und zwar in _Achras Sapota_ vorkomme, hat keine
Bestätigung gefunden.
=Darstellung.= Der Milchzucker wurde bis vor kurzem, besonders in
einigen viel Milch produzierenden Schweizer Kantonen (Bern, Luzern,
bes. Emmenthal, Berner Oberland, Simmenthal), aus dem Molken der
Kuhmilch dargestellt, der als Nebenprodukt der Käsefabrikation nach
Abscheidung des Caseïns mittelst des Laabfermentes erhalten wird. Man
dampfte den geklärten Molken zur Sirupkonsistenz oder weiter ein und
ließ erkalten, und erhielt so zunächst feinkörnigen, etwas gefärbten
Rohzucker (Zuckersand, Schottensand), der dann in einigen Fabriken
durch Klären und Entfärben der Lösung -- auch wohl durch Ausfällen
mittelst Alkohol raffiniert wurde. Vor den Käsereien und den Sennhütten
sah man oft die Säcke mit Schottensand stehen, deren körniger Inhalt
keineswegs angenehm duftete. Der Zuckersand ist ein gelbliches Pulver.
~Flückiger~ schätzte die Produktion der Schweiz 1888 auf 30000 kg.
Seit 1910 ist dieser Fabrikationszweig in der Schweiz eingegangen,
nachdem ~Lüdy~ (Burgdorf) 1909 noch 8000 kg Schottensand aufgekauft
und im Ausland weiter verkauft hatte. Wegen der hohen Holzpreise
(früher erhielten die Sennen das Holz gratis) ist die Fabrikation zu
teuer geworden und die Sennen ziehen vor, die Schotte (den Molken) zur
Schweinemast zu benutzen (~Lüdy~).
Jetzt wird Milchzucker in ziemlich beträchtlicher Menge in Mecklenburg
(Güstrow, Gielow), Lauenburg und Berlin (Meierei Bolle), ferner
besonders in Holland und etwas auch in Italien (Lombardei bei Lodi)
dargestellt -- stets nur in intensiv Viehzucht treibenden Gegenden. In
größtem Stil fabriziert und exportiert Nordamerika. Der deutsche Export
an Milchzucker betrug über +Hamburg+ 1907: 84900, 1908: 142600 kg. Der
meiste in Deutschland fabrizierte Milchzucker wird im Lande verbraucht
-- besonders für medizinische Zwecke. Der Import nach Deutschland ist
wegen der hohen Zollansätze gering (s. unten).
=Eigenschaften.= Milchzucker kristallisiert schwer und setzt sich in
festen Krusten an eingehängten Stäben -- was in der Praxis exekutiert
wird -- in derben Kristallmassen ab. Man kennt vom Milchzucker ein
Monohydrat, mehrere wasserfreie kristallisierte und vermutlich eine
wasserfreie amorphe Form.
Der Milchzucker des Handels ist das Monohydrat C₁₂H₂₂O₁₁.H₂O, das in
großen monoklinen Kristallen kristallisiert, schwach süß schmeckt,
Tribolumineszenz zeigt, pyroelektrisch ist und sein Kristallwasser auch
bei 24stündigem Erhitzen auf dem Wasserbade nicht abgibt. Milchzucker
löst sich in 5,87 Teilen Wasser von 10° und in 2,5 Teilen von 100°, in
starkem Alkohol und Äther ist er ganz unlöslich, auch in verdünntem
Weingeist löst er sich nicht in bemerkenswerter Menge (Unterschied
von Rohrzucker und Dextrin). Milchzucker verhindert die Koagulation
vieler Kolloide. In wässeriger Lösung zeigt er Rechtsdrehung: α²⁰_{D}
= +52,53°. Frisch bereitete Lösungen zeigen Multirotation. Die
für die Beurteilung des Milchzuckers als Nahrungsmittel wichtige
Verbrennungswärme beträgt bei wasserfreiem Milchzucker: 3951,5 Calorien
für 1 g (und 1351,4 Cal. für 1 g Mol.), beim Monohydrat: 3736,8 Cal.
~Fehling~sche Lösung wird schon in der Kälte reduziert (Unterschied von
Rohrzucker). Es ist also eine Aldehydgruppe und zwar in dem Glukoserest
erhalten geblieben (s. S. 114). Echte Alkoholhefe aus Reinkulturen,
Zymase, _Mycoderma_, _Aspergillus Oryzae_, _Saccharomyces apiculatus_
u. and. vergären Milchzucker nicht. Leicht und vollständig wird er von
sog. «Milchzuckerhefen», sämtlich _Torulaceen_, dann den gemischten
Kefir- und Kumysfermenten u. and. vergoren. Nicht alle Mikroorganismen,
die den Trauben- und Rohrzucker in Milchsäuregärung versetzen, tun dies
auch beim Milchzucker. Bei der Kumis- und Kefirdarstellung (vgl. I, S.
1018) entsteht sowohl Alkohol, wie Milchsäure. Verdünnte Schwefelsäure
spaltet nach der Formel:
C₁₂H₂₂O₁₁ + H₂O = C₆H₁₂O₆ + C₆H₁₂O₆.
Milchzucker d-Glukose d-Galaktose
=Handel.= +Deutschland+ importierte 1908: 137, 1909: 135 dz
Milchzucker (aus den Niederlanden und der Schweiz) und exportierte
1908: 1432, 1909: 1650 dz (bes. nach Großbritannien und Japan).
+Frankreich+ importierte 1908 129419 kg +Milchzucker+, besonders aus
Italien und den Niederlanden, wenig (8402 kg) auch aus Deutschland.
=Verfälschung.= Als Verfälschung ist neuerdings mehrfach Glukose (bis
28%, ~Patsch~) beobachtet worden (Proc. Am. ph. ass. 1906), dann auch
Rohrzucker (~Ohliger~, ~Caspari~).
=Prüfung.= Die schwach süße Lösung (1=1) ist neutral und schäume,
erhitzt, beim Schütteln nicht. Mit Natronlauge erwärmt, nimmt sie
rotbraune Färbung an und läßt bei nachherigem Zusatze von Kupfersulfat
sogleich Kupferoxydul fallen. 1 ccm kalt bereitete Milchzuckerlösung
(1=20) gebe mit 1 ccm Natronlauge und 10 Tropfen Kobaltnitrat eine
rein blaue Flüssigkeit. Werden 1,2 g Milchzucker mit 12 ccm verdünntem
Weingeist während einer halben Stunde häufig geschüttelt, so sollen 10
ccm des Filtrates beim Verdunsten auf dem Dampfbade nicht mehr als 4 cg
Rückstand hinterlassen. Nach dem Verbrennen soll Milchzucker höchstens
0,2% Asche hinterlassen (Pharm. helv. IV). ~Dieterich~ fand nur c.
0,08%.
Rohrzucker läßt sich im Milchzucker dadurch nachweisen, daß man
eine Lösung mit Reinhefe stehen läßt. Da nur Rohrzucker nicht aber
Milchzucker durch das Invertin der Hefe invertiert wird, tritt Gärung
nur ein, wenn Rohrzucker zugegen ist.
=Geschichte.= Der Milchzucker wurde zuerst von ~Fabricio Bartoletti~
in Bologna und Mantua (1581-1630 I, S. 883) unter dem _Namen Manna
seu Nitrum seri lactis_ in der Enzyclopaedia hermetico-dogmatica 1615
beschrieben -- er erhielt ihn durch Eindampfen von Molken -- und
1700 von dem Venezianern ~Luigi Testi~ sowie 1715 von ~Vallisneri~
(in De praestantia lactis) als Arzneimittel empfohlen (~Flückiger~,
~von Lippmann~). ~Lichtenstein~ und ~Hermbstädt~ (I, S. 971)
untersuchten ihn näher. Dargestellt wurde Milchzucker zuerst von
~Michael Ettmüller~ in Leipzig 1684. Im Kanton Bern wurde schon 1766
Milchzucker in größerer Menge fabriziert. Zu gleicher Zeit wohl auch
im Kanton Luzern. ~Kunkel~ wieß Ende des XVII. Jahrh. nach, daß man
aus Molken Alkohol gewinnen kann und ~J. G. Gmelin~ besprach (1732)
den Kumis. Der Gebrauch gegorener Stutenmilch seitens der Mongolen
Ostasiens reicht sicher bis ins XIII. Jahrh., wahrscheinlich aber in
weit frühere Zeit zurück (~Flückiger~).
=Lit.= ~Flückiger~, Pharmac. Chem. -- ~von Lippmann~, Chemie d.
Zuckerarten. -- ~Nielson~, Proc. Amer. pharm. ass. 1906 (Techn.
Meth. z. Milchzuckerbereit.). -- ~Patein~, Bull. soc. chim. 1906,
1022 (Best. der Lactose in der Milch). -- ~Leffmann~, Jahresb. d.
Pharm. 1906 u. 1907 und ~Dekker~, Pharm. Weekbl. 1905 (Nachweis von
Saccharose im Milchzucker). -- ~Riedels~ Ber. 1906 u. ~Helfenberger~,
Annalen 1906 (Analys. von Milchz.). -- Ältere Lit. ~M. L. Willamoz~,
de sale lactis essentiali 1756. -- ~G. A. Lichtenstein~, Abhandl. v.
Milchzucker 1772. -- ~Cruikshank~, Scherers Allg. Journ. d. Chem.
III, 293.
C. Drogen, welche Trisaccharide enthalten.
Die Trisaccharide oder Hexotriosen sind als durch Kondensation eines
Disaccharides mit einem Monosaccharid entstanden zu denken, enthalten
also drei Zuckerreste. Hierher gehört die +Raffinose+ (Melitriose,
Melitose, Gossypose), die als Äther der Melibiose (eines Disaccharides
aus Galaktose und Glukose) und Fruktose zu betrachten ist. Sie zerfällt
bei der Hydrolyse nach der Gleichung:
C₁₈H₃₂O₁₆ + 2 H₂O = C₆H₁₂O₆ + C₆H₁₂O₆ + C₆H₁₂O₆.
Raffinose Fruktose Glukose Galaktose
Raffinose kann man folgendermaßen schreiben:
CH CH--- CH₂OH
/ | \ | \ \ |
/ HCOH \ HCOH\ O------C--
/ | \ | | | \
O | \ | O | \
\ OHCH \ OHCH / OHCH \
\ | \ | / | O
\ | \ |/ | /
CH \ HC HCOH /
| O | | /
HCOH \ HCOH HC--
| \ | |
CH₂OH CH₂ CH₂OH
(Galaktoserest) (Glukoserest) (Fruktoserest)
+Raffinose+ ist nicht süß, unlöslich in Alkohol, leicht löslich in
Wasser und ziemlich löslich in absolutem Methylalkohol. Letztere
Eigenschaft dient zur Trennung vom Rohrzucker. Sie dreht rechts
[α]²⁰_{D} = 104,5° und reduziert ~Fehling~sche Lösung nicht. Raffinose
findet sich in den Eukalypten-Mannasorten, in der Rübe und in der
Rübenzuckermelasse.
Hierher scheint auch die +Melezitose+, die ebenso süß ist wie Glukose,
zu gehören. Sie hat die Formel C₁₈H₃₂O₁₆. 2 H₂O, Drehung (wasserfrei):
[α]_{D} = 88,51°, reduziert ~Fehling~sche Lösung nicht, zerfällt beim
Kochen mit verdünnten Säuren in Glukose und Turanose (C₁₂H₂₂O₁₁). Sie
findet sich in der Lärchenmanna (daher Melezitose von mélèze = _Larix
decidua_) und in dem Alhagi-Manna (s. d.).
Zu den Trisacchariden gehört auch das von ~Tanret~ aus dem
Eschen-Manna (s. d.) isolierte, ~Fehling~sche Lösung nicht
reduzierende +Manninotrisaccharid+, das bei der Hydrolyse in 2 Mol.
d-Galaktose und 1 Mol. d-Glukose zerfällt.
=Lit.= ~Hans Mittelmeier~, Über die Melitriose. Diss. Bern 1890 (dort
die Literatur). -- ~Scheibler~ und ~Mittelmeier~, Ber. d. d. chem.
Ges. 22 u. 26. -- +Melezitose+ 1859 von ~Berthelot~ in d. Manna von
Briançon gefunden. (Nouv. rech. sur les corps analog. au sucre de
canne Ann. Chim. Phys. [3] 55 [1859] 269). -- ~Villiers~ fand sie in
der Manne de l’Alhagi Maurorum (Rech. sur le mélézitose. Bull. Soc.
chim. 27 [1877] 98), ~Alekhine~ in d. Pers. Manna (Bull. Soc. chim.
[2] 46, 824). ~Maquenne~ im Miellée du tilleul (Bull. Soc. chim.
[3] 9 [1893] 723). -- ~Bourquelot et Hérissey~, Sur l’hydrolyse du
mélizitose par les ferments solubles. J. ph. 1896, 4, 385.
a) Eucalyptus-Manna.
Das _Eucalyptus-Manna_ ist ein Exsudat mehrerer australischer
_Eucalyptus_-Arten. Es soll angeblich hervorgerufen werden durch
_Cicada moerens_, besonders auf _Eucalyptus viminalis_ ~Labill.~,
_Euc. mannifera_ ~Mudie~, _Euc. resinifera_ ~Smith~ und _Euc. Gunnii_
~Hooker~.
In dem von =Eucalyptus viminalis= (resp. _Euc. mannifera_)
stammenden, zuerst 1832 von ~Virey~ erwähnten Produkte entdeckten
~Johnston~ und ~Thomson~ einen kristallinischen Zucker, den
~Berthelot~ +Melitose+ nannte, den ~Rischbieth~ und ~Tollens~,
~Scheibler~ und ~Mittelmeier~ für identisch mit Raffinose, aus
Rüben-Melasse und der von ~Ritthausen~ aus Baumwollsamen isolierten
Gossypose erkannten und dem sie die Formel C₁₈H₃₂O₁₆ · 5 H_{2}O
gaben. Das Drehungsvermögen der Melibiose ist α_{D} = 103,47°.
Ein anderes, von =Eucalyptus Gunnii= +Hook. var. rubida+ stammendes
Exsudat untersuchten ~Passmore~ und ~Ebert~. Letzterer fand darin
68,49% Melitose (~Passmore~ c. 60%), 20,86% unkristallisierbare
Glukose, 2,14% Invertzucker, 3,22% Schleim, 0,11% Wachs. Die Asche
betrug 6,78%, die Feuchtigkeit 9,74%, der Rückstand 4,27%.
Ein anderes Muster eines Eucalyptus-Manna, das von =Eucalyptus
pulverulenta= ~Sims.~ stammte und gelblich-weiße, bröckelige, süß
schmeckende, nach Eucalyptusöl riechende Stücke bildete, enthielt
nach ~Ebert~: 21,35% Melitose, 16,15% Fructose und 60% Rohrzucker.
Der Rückstand betrug 1%.