Die regelmäßige Gestalt der Rohrzuckerkristalle erwähnt zuerst

~Cäsalpini~ (daß ~Olivier de Serres~ gegen 1600 Rübenzucker gekannt

und dessen Kristallgestalt beschrieben habe, ist ein in französischen

Werken weitverbreiteter, aber völlig haltloser Irrtum, ~Lippmann~).

Der Tribolumineszenz gedenkt schon ~Bacon von Verulam~ als etwas

Wohlbekannten. Das Drehungsvermögen erkannte ~Seebeck~ (1816) und

~Biot~ gründete (1819) darauf die optische Saccharimetrie. Die

Inversion des Rohrzuckers erkannte ~Dubrunfaut~ 1847. Alkalische

Kupferoxydlösung zur Erkennung von Invertzucker und Traubenzucker

empfahl 1841 ~Trommer~, der in ~Mitscherlichs~ Laboratorium arbeitete

und 1848 veröffentlichte ~Fehling~ die Vorschrift zu seiner alkalischen

Kupfertartratlösung und beschrieb die Methode der quantitativen

Zuckerbestimmung.

=Lit.= ~von Lippmann~, Chem. der Zuckerarten. -- ~C. Hoffmeister~,

Über d. mikrochem. Nachweis von Rohrzucker in pflanzlichen Gew.

Jahrb. f. wiss. Bot. 31 (1898). -- ~E. Schulze~, Nachweis d.

Rohrzuckers in Pflanzensamen. Zeitschr. f. phys. Chem. 52 (1907),

404. -- ~Buignet~, Ann. chim. phys. 3 ser. 61, p. 233. -- ~E.

Schulze~ und ~Frankfurt~, Über die Verbreit. d. Rohrz. in den

Pflanzen, Zeitschr. phys. Chem. 20 (1895) und 27 (1899). -- ~Nygård~,

Om rörsockrets förekomst och kvantitet i droger. Farm. Notisbl.

Helsingfors 1909. -- ~Andersen~, Zeitschr. phys. Chem. 29, S. 423. --

~Bourquelot~, Le sucre de canne dans les véget. Bull. soc. d’hist.

nat. des Ardennes 1901 (dort die Listen der Rohrzucker enthaltenden

Pflanz.) und Journ. pharm. 1903. -- ~Harlay~, Le Saccharose dans

les organes végétaux souterrains. Thèse Paris 1905 (dort d. Lit.)

und Journ. pharm. chim. 1905. -- ~Ch. Lefebvre~, Application des

procédés biochimiques à la recherche et au dosage des sucres et

des glucosides dans les plantes etc. Thèse Paris 1907. -- ~Jodin~,

Bull. soc. chim. 31. -- Vgl. auch Bot. Jahresber. 1905, 815 (Kultur

von Rohrzuckerpflanzen). -- ~Brunno Linné~, Hydrolyse von Bi-,

Tri- und Polysacchariden. Diss. Basel 1905. -- ~Fonces-Diacon~,

Polysaccharides. Thèse Montpellier 1899.

[Illustration:

Tafel IV.

Zuckerrohr in Blüte (Java).

(Kolonial-Museum, Haarlem.)]

Rohrzuckerdrogen.

I. Drogen, welche aus Rohrzucker bestehen.

Saccharum.

=Syn.= Zucker, Rohrzucker, Saccharose, Saccharobiose -- sucre

(franz.) -- sugar (engl.) -- zucchero (ital.) -- açucar (span.) --

suiker (holl.) -- socker (schwed.) -- sokuri (finn.) -- cukor (ung.)

-- sachar (russ.).

Die Bezeichnungen für Zucker leiten sich alle von dem indischen

Worte Çarkarâ (sansk. = Sand) oder Sakkarâ (prakr.) ab. σάκχαρον

(~Dioskurides~, war wohl Bambumanna, s. _Tabaschir_), σάκχαρι

(Periplus), saccharum (~Plinius~), al sukkar (arab.), schakara

(tibet.), schakar, scheker (pers.), scheker (türk.). Mit den Arabern

kam das Wort nach dem Westen.

I. Rohrzucker aus Zuckerrohr.

=Stammpflanze und systemat. Stellung. Saccharum officinarum= L.

(~Linné~, Spec. pl. I, 54), Kasab elsukker bei ~Ibn Baithar~. Nach

Einigen eine durch Kultur entstandene Form von _S. spontaneum_, das

jetzt in Südasien, z. B. auf Java, ein sehr gefürchtetes Unkraut ist

(Alang-Alang).

+Gramineae+ -- Andropogoneae. Sacchareae, Sect. Eusaccharum.

=Beschreibung.= Die Heimat des Zuckerrohrs, einer Pflanze des

feuchtwarmen tropischen Klimas, ist Indien. Die wilde Stammform ist

nicht mehr sicher bekannt. Es wurde durch Kultur zunächst nach dem

übrigen Südasien, dann nach Vorderasien und Europa gebracht (s. weiter

unten) und wird jetzt in den meisten warmen Ländern kultiviert (s.

weiter unten), auch in ganz Zentralafrika (Congo, Njansa, Aequatoria).

Kälte und Trockenheit sind die größten Feinde des Zuckerrohrs.

Im Habitus ist das Zuckerrohr dem _Mais_ ähnlich, wird aber viel

höher, bis 6 m und bis über 5 cm dick. Es wird fast ausschließlich

durch Stecklinge vermehrt und kommt in den Kulturen selten zur Blüte

(Taf. IV) und fast nie zur Fruchtbildung. Der Saft des ausgereiften

Zuckerrohrs enthält im Mittel 12-15%, zuweilen 15-17%, vereinzelt

18-20% Rohrzucker neben nur 0,6% unkristallisierbaren Zucker.

=Pathologie.= Prof. ~Ed. Fischer~ berichtet über die pflanzlichen

Schädlinge:

Das Zuckerrohr wird von zahlreichen Krankheiten befallen (siehe

~Lindaus~ Bearbeitung in ~Sorauers~ Handbuch der Pflanzenkrankheiten,

3. Aufl., ~Wakker~ und ~Went~: De Ziekten van het Suikerriet op Java

I, 1898, ~Cobb~, Fungus maladies of the sugar cane. Honolulu 1906).

Eine Übersicht der in Java beobachteten Zuckerrohrkrankheiten gab

~Zehntner~, Oversicht van de Ziekten van het Suikerriet op Java.

Mededeel. Proefstat. Oost Java. Soerabaia 1897. Vgl. dann auch den

Katalog des Koloniaal-Museums. Haarlem 1900, vgl. auch I, S. 376. Wir

greifen aus den Krankheiten nur die wichtigsten heraus:

Zunächst sind in neuerer Zeit mehrere +Bakterienkrankheiten+

nachgewiesen worden, eine derselben ist die +Spitzenfäule+ (Top-rot).

-- Blattfleckenkrankheiten werden von _Leptosphaeria Sacchari_ ~Breda

de Haan~, _Coleroa Sacchari_ (Sacc.) ~Breda de Haan~ und mehreren

_Cercospora_-Arten hervorgerufen. -- Eine gefährliche Erkrankung

des Stengels (Rotfäule, red rot, red smut), bei der auch der

Zuckergehalt sich vermindert (während die Glukose zunimmt), bewirkt

_Colletotrichum falcatum_ ~Went~. Ebenfalls an den Stengeln tritt die

Ananasziekte auf, hervorgerufen durch _Thielaviopsis Aethaceticus_,

die freilich kein obligater Parasit ist, sondern deren Eindringen

Verwundungen voraussetzt. -- Auch ein Brandpilz, _Ustilago Sacchari_

~Rabenh.~, tritt auf den Zuckerrohrstengeln auf. Endlich kommen

Hymenomyceten und Gastromyceten in Betracht, deren Mycel Krankheiten

der Stecklinge oder Wurzelerkrankungen bedingen: _Marasmius Sacchari_

~Wakker~, ein Hymenomycet, der Erreger der sog. +Dongkellankrankheit+

und die beiden Phalloideen _Phallus celebicus_ und _Ph. coralloides_.

Die gefährlichste Krankheit ist die +Seréh+ genannte, über die eine

ganze Literatur existiert. ~Wakker~ bezweifelt ihren parasitischen

Charakter.

=Gewinnung.= Frisches Zuckerrohr enthält 12-18% Rohrzucker und

bis 0,7% reduzierenden Zucker (~Vandesmet~). Der Zucker ist nicht

gleichmäßig verteilt. Während z. B. die Spitze nur 1,914% enthält,

steigt der Gehalt im oberem Stengelteil auf 7,79%, im mittleren auf

14% und beträgt im unteren 14,7%. Umgekehrt sinkt in den gleichen

Organabschnitten der Glukosegehalt von 2,367 auf 0,945, 0,207 und

0,175. Doch sind diese Verhältnisse sehr variabel. Unter verschiedenen

organischen Nichtzuckerstoffen ist auch Aconitsäure im Zuckerrohr

gefunden worden (~A. Behr~).

[Illustration: Fig. 40.

Ernte des Zuckerrohrs.]

Die Gewinnung des Rohrzuckers aus dem Zuckerrohr geschieht in folgender

Weise. Sobald das Rohr eine gewisse Höhe erreicht hat, wird es etwas

über dem Boden geschnitten (Fig. 40). Dann werden die Blätter entfernt

(I, Fig. 72 u. 73) und die knotig gegliederten dicken Stengel auf

Kähnen (I, Fig. 219) oder Karren (I, Fig. 74 u. 215) oder Feldbahnen

in die Mühle (I, Fig. 75) gebracht und dort zerquetscht (I, Fig. 144),

worauf man den Rohsaft klärt, eindickt und kristallisieren läßt. Dies

geschah früher in den Produktionsländern in sehr primitiver Weise und

der Kolonialzucker mußte daher in Europa raffiniert werden.

Jetzt sind unter Benutzung der bei der Rübenzuckerindustrie

(s. d.) gemachten Erfahrungen zahlreiche modern eingerichtete

Rohrzuckerfabriken in den Produktionsländern entstanden, die

nunmehr auch in den Tropen reinen Rohzucker und selbst Konsumzucker

fabrizieren. Die javanischen Zuckerfabriken z. B. sind mit allen nur

erdenklichen modernen maschinellen Einrichtungen versehen (Taf. V).

[Illustration:

Tafel V.

Zuckerfabrik in Java (Zucker aus Zuckerrohr).

(Aus les grandes cultures.)]

In Vorderindien ist (nach Pharmacogr. indic.) das durchschnittliche

Erträgnis von 100 canes 18 guda (d. i. unraffinierter Zucker) oder

17,5 shakar (jaggery, d. i. trockener unraffinierter Zucker), oder 19,5

râb (d. i. Sirup).

=Raffination.= Die Zuckersiederei, d. h. die Kunst aus dem Rohrzucker,

der unter dem Namen +Moscovade+ (Mascovade, Muscuat) und +Kassonade+

nach Europa gebracht wurde, reinen Zucker herzustellen, der Prozeß

der +Raffination+ (Reafinatio), war in den Ländern Europas im XVI.

und XVII. Jahrh. schon weit verbreitet (vgl. z. B. ~Angelus Sala~,

Saccharologia 1650). Die erste Beschreibung lieferte aber erst ~Duhamel

du Monceau~ (L’art de raffiner le sucre 1764 mit 10 Taf., vgl. I,

S. 975). Amsterdam, später Hamburg und Berlin, waren Hauptsitze der

nordischen Zuckerraffinerie im XVIII. Jahrh. (vgl. darüber ~Lippmann~).

Die erste Zuckerraffinerie in Amsterdam entstand um 1600. Die erste

deutsche Zuckerraffinerie wurde 1573 durch ~Roth~ in Augsburg

errichtet, eine zweite folgte 1597 in Dresden, dann folgten Hamburg,

Orleans, Rouen. Der dreißigjährige Krieg vernichtete in Deutschland

auch diese Industrie.

=Handelssorten= (s. auch Rübenzucker). In dem Frankfurter Catalogus

von 1582 (I, S. 817) findet sich Saccharum canariense, candum (nicht

von Candia, das Wort stammt vom persischen qand = Zucker), s.

crystallinum, madeirense (von Madeira, wo seit 1420 Zucker gewonnen

wurde), melitense, penidium (die indische Bezeichnung [fânîdh,

fênîdh] schon bei arabischen und persischen [pânîdh] Schriftstellern

des Mittelalters, dann in allen deutschen Taxen -- vielleicht sog.

Gerstenzucker), tabarzeth (pers. tabarzadh = axtgehauen, auch für

Steinsalz -- in vielen Taxen des XVI. bis XVIII. Jahrh.), Thomasinum

(von St. Thomé im Busen von Guinea, wo Zuckerrohr seit 1485 gebaut

wurde), s. rubrum und miscellaneum. In der +Braunschweiger Liste+ 1521

(I, S. 814) figuriert: Hout sucker, Melzucker, Zucker penid und Zucker

kand (s. auch unter Geschichte).

=Eigenschaften.= Der Rohrzucker (Formel vgl. S. 114) kristallisiert

in großen monoklinen Kristallen (der Zuckerkand besteht aus solchen).

Er zeigt Tribolumineszenz, leitet strömende Elektrizität sogut wie

gar nicht, Wärme sehr schlecht. Er schmilzt bei 160° und erstarrt

glasartig amorph (Gerstenzucker), die Masse wird aber allmählich

wieder kristallinisch und trübe («Absterben»), bei stärkerem Erhitzen

karamelisiert er. Sein spez. Gewicht ist bei 17,5° = 1,580. In

absolutem Alkohol löst sich Rohrzucker schwer (1 : 80), in verdünntem

leichter; leicht löst er sich in Invertzuckerlösungen und in ⅓

seines Gewichtes Wasser. Konzentrierte Schwefelsäure verkohlt ihn

(Unterschied von d-Glukose). Sein spezifisches Rotationsvermögen ist:

α²⁰_{D} = +66,5°, oder allgemein für jede Konzentration: α_{D} =

66,386 + 0,015035. P - 0,0003986. P² (P = Prozentgehalt der Lösung an

Rohrzucker). Er reduziert ~Fehling~sche Lösung erst nach der z. B. beim

Kochen eintretenden Inversion. Die gewöhnlichen Bier- und Weinhefen

vergären Rohrzucker erst nach Inversion durch die Hefeenzyme (Invertase

usw.). Über den +Rum+ vgl. I, S. 1019.

Die Pharm. helvet. IV läßt den Zucker aus Zuckerrohr neben Rübenzucker

zu.

=Produktion.= Zucker aus Rohrzucker produzieren jetzt: die

Vereinigten Staaten (Louisiana), Porto Rico, Hawai, Cuba, Britisch

Westindien (Trinidad, Jamaica, Antigua und St. Kitts, Barbados),

Französ.-Westindien (Martinique, Guadeloupe), Dänisch-Westindien

(St. Croix), Haiti und San Domingo, die kleinen Antillen, Mexiko,

Zentralamerika (Guatemala, San Salvador, Nicaragua, Costa Rica), Brit.

Guyana (Demerara), Holländ. Guyana (Surinam), Peru, Argentinien,

Brasilien, Britisch Indien, Siam, Java, die Philippinen, Australien

(Queensland, Neu-Süd-Wales), Fidschiinseln, Mauritius, Réunion,

Ägypten, Spanien. Mauritius hieß früher die «Zuckerinsel».

In Java spielt die Fabrikation von Rohrzucker eine große Rolle.

Der Ertrag betrug 1907 in +Java+ pro acre: Rohr 38 t 15 cwt, Zucker

4 t 3 cwt. Der Gesamtertrag an Rohr: 1210200 t. 1908 waren 115458

ha unter Zuckerrohrkultur. +Java+ exportierte 1908: Hauptzucker

1075935516 kg, Sackzucker 80950282 kg, Stroopzucker 98278768 kg,

Javan. Z. 5896000 kg.

Die +Philippinen+ exportierten 1909 110604 t. +Brasilien+ exportierte

Zucker 1906: 84948346 kg, 1907: 12857899 kg.

Beträchtlich ist die Produktion in Cuba. +Cuba+ produzierte 1907/08:

961958 t, 1908/09 1513582 t Rohrzucker.

Von rohem Zucker wurden 1908 in +Hamburg+ seewärts eingeführt: 26982

dz, davon aus Ostafrika: 19516, geringere Mengen aus Peru, Brit.

Ostindien, San Salvador, Nicaragua, Guatemala, Ägypten, Trinidad, St.

Croix.

+Frankreich+ importierte 1908 aus seinen Kolonien Réunion,

Martinique, Guadeloupe und Mayotte 119561084 kg +Rohrzucker+ (sucres

en poudre), ziemlich viel (669357 kg) auch aus Engl. Afrika

Die Rohrzuckerproduktion der Erde betrug 1907/08: 5161900 t. Davon

entfallen auf Java, das schon seit dem XVII. Jahrh. besonders im Osten

Zucker produziert, 1156400 t, auf die Vereinigten Staaten (Louisiana,

Texas, Portorico) 985000 t, auf Cuba 950000 t (1908/09: 1350000 t), auf

Hawai 450000 t. Über 100000 t produzieren dann noch: die Antillen und

Zentralamerika, Brasilien, Queensland, Mauritius, Peru, Philippinen,

Argentinien, Demerara, der Rest fällt auf die Fidschiinseln, Ägypten,

Réunion, Neu Südwales und Spanien. (Siehe auch unter Rübenzucker.)

=Verbreitung über die Erde.= Das Zuckerrohr ist in Indien heimisch

und hat sich von dort aus über die Erde verbreitet. Schon 327 n. Chr.

fand sich Zuckerrohr jenseits des Ganges (~Nearchos~), 250 n. Chr. in

China, um Christi Geburt in Java, 400 n. Chr. finden wir es in Tibet

und Kaschmir, um 600 in Ceylon, um 700 in Cambodja und auf Socotra.

Auch nach Vorderasien gelangte es frühzeitig. Schon 643 finden wir

es in Ägypten, 680 in Syrien, um 700 in Cypern, um 818 in Kreta.

Nach Spanien kam die Zuckerrohrkultur 714. [Im arabischen Kalender

des ~Harib~ aus dem Jahre 961 (I, S. 612) wird der Anpflanzung des

Zuckerrohrs gedacht.] Nach Sicilien 827 (nicht erst im XII. Jahrh.

wie I, S. 33 steht), nach der Provence 750. In Marokko finden wir sie

709, in Tripolis um 900, in Madeira 1420, auf den Canaren und auf St.

Thomé um 1480 (~Lippmann~) ~Istachrî~ (I, S. 616) berichtet c. 920 über

Zuckerrohrkulturen in Tripolis, Chusistan, Meserkan, Asker Mokrem, wo

auch Zuckerfabriken bestanden.

Während der Kreuzzüge war Syrien mit der größte Zuckerlieferant

Europas. Im XII. Jahrh. blühte die Zuckerindustrie in Sicilien, aber

schon im XI. Jahrh. finden wir sicilianischen Zucker auf dem Markte

in Venedig. Die Rohrzuckerkultur hat sich noch in Ägypten und Spanien

(Elche) erhalten, sonst ist sie im Westen erloschen. 1448 nahm die

Zuckerrohrkultur die besten und ausgedehntesten Küstenstriche Siciliens

in Anspruch (~Lippmann~). Bereits Ende des XIII. Jahrh. lieferte Cypern

viel Zucker an den europäischen Markt, im XIV., XV. und XVI. Jahrh.

blühte dort, wie auch in Ägypten, eine großartige Zuckerindustrie.

Nach Amerika kam das Zuckerrohr schon durch ~Columbus~ (I, S. 745)

1493, der es auf seiner zweiten Reise nach Domingo brachte, wo es sich

rasch akklimatisierte, ~Oviedo~ (I, S. 755) folgte 1514. Nach Mexiko

kam es um 1520, nach Brasilien 1532, nach Peru 1533, nach Paraguay

1580, nach Argentinien 1620, nach Guadeloupe und Martinique 1630,

nach Barbados 1641, nach Louisiana 1673, nach Pennsylvanien 1785

(~Lippmann~). Das Zuckerrohr kam um 1797 auch nach Kalifornien. 1869

hatte Nieder-Kalifornien weite Zuckerfelder (~Ross Browne~). Daß sich

die Zuckerrohrkultur in Amerika so gut entwickelte, ist namentlich der

Einführung der Sklaverei zu danken.

Mit der Zuckerfabrikation wurde in Mexiko schon bald nach der Eroberung

begonnen. Schon 1553 hören wir von einem Zuckerexport aus Mexiko.

[Illustration: Fig. 41.

Zuckerfabrikation in Sizilien um 1570. [Nach der Bildersammlung «Nova

reperta» des +Joann. Stradanus+.]]

=Geschichte.= Das Zuckerrohr wurde lange bevor man es lernte

Zucker daraus darzustellen benutzt, wohl hauptsächlich gekaut. Die

Darstellung festen Zuckers erfolgte zuerst in Indien, aber nicht

vor dem III. oder gar VII. Jahrh. (~von Lippmann~). Immerhin ist es

also möglich, daß die _Saccharum_-Sorten in Suśrutas (I, S. 505)

Zucker waren. ~Paulus von Aegina~ und ~Avicenna~ nannten daher den

Zucker Sal indus -- die Araber auch Tabarzeth. In der Alphita, bei

~Bartholomaeus~ und in Circa instans (I, S. 661) steht: zuccara,

zaccara, zuccarum, zaccarum de canna mellis fit per decoctionem,

auch zuchar, zucharum, zuccaria, zuccare. Die Perser und Araber

nahmen die Zuckerfabrikation dann auf und brachten das Rohr und die

Zuckerbereitung nach dem Westen. Bei den Hochzeitsfeierlichkeiten

des Khalifen ~Meskadi-Benrittale~ (807 n. Chr.) in Bagdad wurden

ungeheuere Zuckermengen verbraucht. Der Zuckerhut gilt als eine

persische Erfindung, ebenso die Kunst zu raffinieren. Zuerst

wurde der Zucker in Europa als Arzneimittel benutzt. Dann war er

lange Luxusgegenstand. Noch Ende des XVII. Jahrh. war Zucker in

Deutschland sehr teuer. In den Apotheken des Mittelalters findet

sich _Saccharum melitense_ (nicht von Malta, sondern wohl wegen der

gelblichen Farbe -- wie Melasse, ~Lippmann~), _S. madeirense_ und

_canariense_, sowie _S. thomasinum_ (von der Insel St. Thomé, s.

oben S. 120). Der großkristallisierte hieß schon damals _S. candum_

(Kandis). ~Pegolotti~ (I, S. 702) teilt c. 1335 folgende Zuckersorten

mit: 1. +Hutzucker+: Mucchera, Caffetino, Bambillonia, Musciatto,

Donmaschino. 2. +Kandiszucker.+ 3. +Kristallzucker+ (polvere di

zucchero), Farin von Cypern, Rhodus, Syrien, Cranco di Monreale u.

Alexandria. 4. +Sirup+ und +Melasse+ (Mele di Canna-melei). Er fand

sich in Hüten, Broten und in Pulver. Die Hüte wurden in Palmblätter

eingehüllt, zu zwei aneinandergelegt ◁▷ und so in Leinwand gewickelt

(una coppia di zucchero). In den +Droits et Courtage+ etablis à

Paris au XV siècle (herausg. von ~Dorveaux~) wird Sucre en bales

et hors bales, Quassons (s. en morceaux) Pouldre de Cypre et

d’Alexandrie und Sucre candy erwähnt. Im Nördlinger Register von 1480

(I, S. 813) steht: farina zuckari, zuccarum candie, zuccarum tabarset

und zuckarum penidiarum. Das Braunschweiger Register von 1521 (I,

S. 814) führt hout zucker, Melzucker, zucker penid und zucker kand.

Penidiumzucker war wohl Gerstenzucker, der durch Schmelzen mit

Weinstein infolge teilweiser Inversion dauernd in amorphen Zustand

gebracht worden war (~Flückiger~). Tabarzed (s. oben S. 121) war

ein reiner kristallisierter Stückzucker (bei ~Cordus~ ist Sacch.

Tabarzeth = album gesetzt, I, S. 802), wie das Sal indum (siehe

oben), welcher Name auch noch 1604 und 1658 in den Braunschweiger

Inventarien der Ratsapotheke zu finden ist (~Flückiger~). Die

Fabrikation des Rohrzuckers bildet schon ~Piso~ (I, S. 893) 1658

und ~Pomet~ (I, S. 942) 1694 ab, ~Piso~ eine +brasilianische+

Zuckerrohrmühle und eine Zuckersiederei. Dann findet sich auch eine

noch ältere Abbildung in der Bildersammlung der Nova reperta des ~J.

Stradanus~ (c. 1570 abgedr. vor ~Lippmanns~ Gesch. d. Zuckers, vgl.

Fig. 41).

=Lit.= ~Lippmann~, Geschichte des Zuckers und Chemie der

Zuckerarten. -- Abbild.: ~Bentley-Trimen~, Medicinal plants t. 298,

~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. t. 169, ~Nees von Esenbeck~, Pl. med.

t. 33-35, ~Tussac~, Flore d. Antilles t. 23-25 und ~Engler-Prantl~,

Pflanzenf. II, 2, 23. -- ~Schär~, Das Zuckerrohr, seine Heimat,

Kultur und Geschichte. Neujahrsbl. d. Zürich. Naturf.-Ges. 1890.

Auch dort eine Abbild. des Zuckerrohres. Eine solche auch in

den +Afbeeldingen+ des Koloniaal Museums Haarlem. -- ~Paasche~,

Zuckerindustrie und Zuckerhandel d. Welt 1891. -- ~W. Krüger~, Das

Zuckerrohr und seine Kultur. Wien 1899. -- ~Tiemann~, Zuckerrohr,

Kultur, Fabrikation usw. 1899. -- ~van Gorkom~, Oostindische

Cultures. -- ~Semler~, Trop. Agrikultur. 2. Aufl. 1903 (dort die

Kultur beschrieben). -- +Lit.+ der Javanischen Zuckerfabrikation in

Catalogus der Boekverzameling. Koloniaal Museum Haarlem. Ferner:

Proefstation Midden Java, Mededeel. -- Proefstat. West-Java

Kagok-Pekalongan, Mededeel. -- Proefstat. Oost Java, Mededeel.

-- Archief voor de Java-Suikerindustrie, Archief. -- Jaarboek

voor suikerfabrikanten op Java. -- Karten in ~Langhans~, Kleiner

Handelsatlas 1895 und ~Scobel~, Handelsatlas 1902.

II. Rübenzucker.

=Stammpflanze.= =Beta vulgaris= L. var. _Rapa_ Dumort. (_B. vulg._

var. _rapacea_ ~Koch~), var. _maritima_, var. _altissima_ und andere

Varietäten und Sorten. Besonders beliebt sind: Imperial-, Electoral-,

Mangold-, weiße schlesische, Quedlinburger Rüben, sowie die sog.

Klein-Wanzlebener Rübe. ~Schindler~ (Bot. Zentrlbl. 46) leitet alle

Kulturvarietäten von der an den Küsten Europas noch jetzt wild

vorkommenden _Beta vulgaris_ L. var. _maritima_ ~Koch~ ab. _Beta

vulgaris_ L. (wohl der τευτλός des ~Theophrast~) wird jetzt meist in

die beiden Varietäten: _Cicla_ L. (Gartenmangold) und _Rapa_ Dum.

zerlegt und letztere wieder in die zwei Untervarietäten: _B. vulg._

var. _rapacea rubra_ (rote Rübe) und _B. v._ var. _rapacea altissima_

(Zuckerrübe).

=Systemat. Stellung.= +Chenopodiaceae+, Cyclolobeae -- Beteae.

=Syn.= Beißkohl, Chrut, Dickrübe, Mangold, Manichel, Rabetwörtel,

Raude, Römische Kolle, Rungelrüben oder Runkelrübe, Speis, Zwickeln,

Namen, die zum Teil sowohl für _Beta vulgaris_ var. _Cicla_ wie für

_B. v._ var. _Rapa_ benutzt werden.

Im +ahd.+ finden sich die Namen: beizcol, bieza, bioza, stur,

sturbete, manegolt, im +mhd.+: biese, bietekohl, mänglet, piesse,

plateysske, romeskol, steyr, stir. -- Im Ortus sanitat. Römisch Köl

-- bei ~Brunschwig~: Mangolt -- bei ~Gesner~: bayrische Rübe.

=Etym.= +Beta+ (so schon bei ~Plinius~) vielleicht von kelt. bette

= rot (wegen der Farbe der roten Rübe) oder, was wahrscheinlicher,

von meta, «das jede spindelförmige Figur, in diesem Falle die Rübe

bezeichnet» (~Kanngiesser~) -- beete heißt die Rübe auch noch jetzt

in Norddeutschland; im Gothaer Arzneibuch (I, S. 679): bethe und

betewort. Betas stehen im Capitulare ~Karls~ (I, S. 620) und im

St. Galler Klosterplan (I, S. 622). Runkelrübe = dicke Rübe. --

Im Mittelalter: blitus (Tabula Mag. Salerni I, S. 638) und peta.

-- Bette (franz.) -- beet (engl.) -- biet (holl.). -- Runkel von

+altnord.+ hruga = zusammenballen, wegen der dicken Wurzeln.

_Beta vulgaris_ ist eine krautige Pflanze mit großer basaler

Blattrosette und einem meist nicht zur Ausbildung gelangenden oder

unterdrückten ährenartigen Blütenstande. Die unscheinbaren fünfzähligen

Blüten besitzen einen fast dreieckigen Fruchtknoten. Die Staubblätter

sind am Grunde zu einem fleischigen, ringförmigen Polster (Discus)

vereinigt. Der Embryo des Samens ist, ringförmig gekrümmt. (Abbild. bei

~Volkens~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. III, 1a, 57.)

Die Wurzel ist eine mehr oder weniger hypertrophische Rübe, die oft ein

sehr beträchtliches Gewicht erreicht und vorwiegend aus zuckerhaltigem

Speicherparenchym besteht (s. oben).

=Kultur.= Die Zuckerrübe, Runkelrübe oder Mangold ist am Mittelmeer,

am Kaspischen Meer, auf den Canarischen Inseln, in Mesopotamien und

Ostindien heimisch und wird wohl seit den IV-VI vorchristlichen

Jahrh. kultiviert (~v. Lippmann~). Sie findet sich auf alten

ägyptischen Tempelgemälden (~Wönig~). Pen Tsʿao Kang Mu (I, S. 519)

kennt _Beta vulgaris_. ~Plinius~ beschreibt ihren Anbau, ebenso die

römischen Agronomen (I, S. 571). ~Dioskurides~ empfiehlt sie als

Heilmittel, ebenso die arabischen Ärzte (bei ~Rases~: sicula, sicla,

nach Sicilien). Sie steht im Capitulare ~Karls~ (I, S. 619) und bei

~Megenberg~ (I, S. 693) als piezenkraut. Den Rohrzucker fand in ihr

~Marggraf~ (I, S. 964).

Die Rübenkultur kam schon bald nach 1700 von den Niederlanden nach

Deutschland. Die heutige Zuckerrübe gelangte nämlich (nach ~Rössig~)

als Burgunderrübe aus den burgundischen Niederlanden zuerst in die

Pfalz und verbreitete sich von hier über Deutschland, besonders

Franken, Sachsen und Schlesien. Das Problem, zuckerreiche Rüben zu

züchten, löste ~Achard~ durch seine 1786 begonnenen Anbauversuche.

Der erste Aufschwung der Rübenzuckerindustrie datiert von der

Kontinentalsperre. Nach Frankreich brachte die Zuckerrübe u. a.

der ältere ~Vilmorin~. Sie wird jetzt in Deutschland, Österreich,

Frankreich, Rußland, Belgien und Nordamerika gebaut.

Die Zuckerrübe ist auch ein Kaffeesurrogat (s. Cichorium).

=Pathologie.= Über die pflanzlichen Schädlinge berichtet Prof. ~Ed.

Fischer~:

Handbuch der Pharmakognosie(#71452) · 第 17 / 120 段