=Systemat. Stellung und Beschreibung.= +Rhamnaceae+, +Zizypheae+.

_Zizyphus vulgaris_ ist ein ursprünglich in China heimischer, jetzt

im ganzen südlichen Europa und Nordafrika kultivierter und oft

verwilderter Strauch oder Baum von 5-7 m mit dornigen Nebenblättern.

Die glänzend zinnober- bis braunrote ovale, in Juli-August

reifende Frucht von der Größe und der Form einer großen Olive

(2-3 cm), ist eine Drupa. Sie schrumpft beim Trocknen stark und

enthält einen oblongen Steinkern mit einem oft geschrumpften oder

geschwundenen Samen. Innerhalb des derben lederigen Epicarp liegt ein

außerordentlich weiches, markiges, reichdurchlüftetes Fruchtfleisch

(Mesocarp, «Sarcocarp»), dessen Zellen da und dort Kristalldrusen

führen. Das Endocarp ist steinhart. Es besteht zu äußerst aus einer

breiten Schicht Sklereïden und einer schmalen inneren Faserschicht.

Von den zwei Fächern ist meist nur eins ausgebildet. Die Früchte des

z. B. in Tunis weit verbreiteten _Z. Lotus_, die kleinen Jujuben,

sind kleiner, oft nur halb so groß. Die meisten großen Jujuben kommen

jetzt aus der Provence sowie von den Iles d’Hyères, die kleinen

aus Italien. Jujuben sind, besonders wenn ausgetrocknet, sehr dem

Insektenfraß (_Anobium paniceum_) ausgesetzt.

=Chemie.= Jujuben enthalten so reichlich +Zucker+, und zwar sowohl

+Hexosen+ wie +Saccharose+ (~Tschirch~ u. ~Eriksson~), daß sie

im Innern oft einen zähen Sirup führen und ein Schnitt durch das

Fruchtfleisch (unter Öl betrachtet) übersät ist mit Zuckerkristallen.

Ferner sind darin +Schleim+, +Malate+ und +Tartrate+ nachgewiesen.

Schon ~Geoffroy~ teilt eine pyrochemische Analyse mit. Im Holz

von _Z. Lotus_ fand ~Latour~ die krist. Ziziphussäure und

Ziziphogerbsäure.

=Anwendung.= Jujuben «thun bei Husten etc. nicht mehr als inländische

süßschleimige Dinge» (~Gren~ 1799). Sie fanden sich in älteren

Brustsirupen und Loochs oft in Gesellschaft von Datteln, Rosinen

und Sebesten (s. d.) In der Pharm. gall. war früher ein Rob jujubae

(Pulpa de jujubis) aufgeführt und die Jujuben sind ein Bestandteil

der Quatre fruits pectoraux, einiger älterer Brusttees und and.

(fruits béchiques, pâtes pectorales). Die säuerlich süß, frisch fast

apfelartig schmeckenden Früchte von _Ziziphus Jujuba_ werden in

Indien, die von _Z. vulgaris_ in Südeuropa gegessen. Auf _Z. Jujuba_

bildet die Lackschildlaus einen «Stocklack» (s. d.).

=Geschichte.= +Lotus+ war ein antiker Sammelbegriff. Der indische

Lotus ist _Nelumbium speciosum_, der ägyptische Lotus: _Nymphaea

Lotus_, der kyrenäische Lotus: _Zizyphus Lotus_ (~Theophrast~).

~Theophrasts~ großer Lotus von Kyrene (λωτός λιβυκός d. ~Plinius~):

_Celtis australis_, die Lotusbirne: _Diospyros Lotus_; der Lotusklee:

_Trifolium fragiferum_ und _Melilotus messanensis_ (~Wönig~).

~Wönig~ hält also nur den kyrenäischen Lotus für _Zizyphus Lotus_.

«~Theophrast~ kennt vom kyrenäischen Lotus zwei verschiedene

Spezies: die eine in Form eines Baumes, birnenartig, die zweite

unter dem Namen _Paliurus_ strauchartig (Hist. plant. IV, 3).

Die letztgenannte Art hat ~Polybius~ (Athenaeus XIV, 65) genau

beschrieben und aus seiner Beschreibung ist ersichtlich, daß unter

derselben keine andere Pflanzenart als _Zizyphus Lotus_ W. gemeint

sein kann, wie auch ~Desfontaines~ in einer besonderen Abhandlung

erwiesen hat. (Mem. de l’acad. Paris 1788.) Dieser _Zizyphus_

wird allgemein für den in ~Homers~ Dichtungen erwähnten Lotusbaum

der Alten (λωτός des ~Theophrast~) angesehen. Er ist zugleich der

_Melilotus_ des ~Strabon~ (XVII, 3), aus dessen Früchten man nach

~Herodots~ Mitteilungen den lybischen Wein bereitete, der ein

Lieblingsgetränk der ärmeren Bevölkerung Alexandriens bildete».

Der zweite afrikanische Lotus ist _Celtis australis_. Die συρικά,

Serika des ~Galen~ war wohl auch ein _Zizyphus_. Unsicher bleibt,

ob der _Paliurus_ des ~Strabon~ _Zizyphus Spina christi_ (aus dem

wohl die Dornenkrone Christi hergestellt wurde, I, S. 491) ist; der

ägyptische Pflaumenbaum des ~Plinius~ ist vielleicht _Diospyrus

Lotus_. Nach welchem Lotus die Lotophagen benannt wurden, wissen wir

nicht. Im Papyrus ~Ebers~ findet sich (nach ~Lüring~ und ~Joachim~

I, S. 475) von _Zizyphus Lotus_ außer der Frucht (für ein Pflaster)

das Harz, das Holz, die Späne, ein Brod und ein Pulver. (Eine in

einem ägyptischen Grabe gefundene Frucht, ehedem für _Diospyros

Lotus_ gehalten, wurde als _Mimusops Kummel_ ~Hochst~. erkannt). Den

Römern wurde der Brustbeerenbaum (_Z. Lotus_) erst gegen Ende der

Regierung des ~Augustus~ bekannt. Zu dieser Zeit brachte ihn der

Konsul ~Sextus Papirius~ aus dem Orient, der ursprünglichen Heimat,

nach Italien. Der Brustbeerenbaum muß aber schon zu des ~Plinius~

Zeit in Italien gut bekannt gewesen sein, denn ~Plinius~ vergleicht

die Blätter des Baumes _Cypros_ mit denen des _Ziziphus_, also mit

etwas Bekanntem. Jujuben stehen auch bei ~Columella~, bei ~Gargilius

Martialis~ (I, S. 573) u. and. Die Araber bedienten sich der Früchte

viel (vgl. ~Ibn Baithar~ und das botan. Lexikon Kitâb aš-šaģar, um

980) und ebenso das Abendland. In der Alphita findet sich Jujube

(hunen, zufaizef); bei ~Bartholomaeus~ (I, S. 650) _poma Sancti

Johannis_, Jugibe in der Frankfurter Liste (1450), jujubae und jujibe

bei ~Cordus~ (I, S. 799). Jetzt sind sie ziemlich in Vergessenheit

geraten. Jujuben gehören zu den Drogen erster Klasse («Fürsten») des

ältesten chinesischen Pen tsʿ ao, des Shen nung Pen tsʿ ao king (I,

S. 515). Sie sind dort seit Jahrtausenden bis auf den heutigen Tag

hochgeschätzt.

=Lit.= ~Jussieu~, Gen. plant I, 3798. -- ~Lamarck~ (Encyclop. und

Diction.) t. 185, F. 1. -- Flor. Brit. Ind. I, 632. -- ~Watt~,

Diction. econ. prod. VI, 4. -- Pharmacographia indica. -- +Abbild.+

bei ~Weberbauer~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfamilien. -- ~Pomet~

(I, S. 941) gibt eine phantastische Abbildung der Pflanze, eine

etwas bessere in ~Valentinis~ Museum I und in ~Hérail~, Traité de

pharmacol., Fig. 66. -- Abbild. von _Z. vulgaris_: ~Hayne~ 10 t.

43 und +Düsseldorfer Atlas+ 16 t. 22. -- Abbild. von _Z. Jujuba_:

~Rheede~ 4 t. 41 und ~Rumphius~ 2 t. 36. -- ~Geoffroy~, Materia

medica, p. 346. -- ~Semler~, Trop. Agrikultur. -- ~Wönig~, Die

Pflanzen im alten Ägypten. 2. Aufl. 1886. -- ~Latour~, Journ. pharm.

1858, 420.

Sebesten.

Die früher sehr viel, oft (vgl. ~Geoffroy~) in Verbindung mit den

Jujuben benutzten +schwarzen Brustbeeren+ oder +Sebesten+ (bei

~Theophrast~: μύξα, bei ~Paul. Aegineta~: μυξάρια, bei ~Actuarius~:

+Sebesten+) stammten von _Cordia Myxa_ L. Sie finden sich schon im

Papyrus ~Ebers~ (I, S. 463).

Fructus myrtilli.

=Syn.= Baccae Myrtillorum, Heidelbeeren, Blaubeeren -- Baies

d’Airelles-myrtille (franz.) -- Bilberries, Blueberries (engl.) --

Bacca di mirtillo (ital.) -- blauwe boschbessen (holl.) -- mustikka

(finn.) -- καρπός μυρτίλλων (n.-griech.).

Schwarze Besinge, Bäsinge, -- Bickbeere, Gandelbeere, Haselbeer,

Heiti (in Bern), Kranbeere, Paudel- oder Roßbeere, Puckelbeere,

Setbeer, Wolpere (in Siebenbürgen), Köhteken (= Kuhzitzen); -- bei d.

~Hildegard~: waltbeere und heydelbeere, -- bei ~Bock~: Staudelbeeren,

bei ~Cordus~: Heidel; -- im +athd.+: Heitbere, Heitperi, im +mhd.+:

boschbesie, brounber, heudelbeeren, kräckelbäsin, heverbesin.

=Etym.= Die gewöhnlichen Ableitungen von _Vaccinium_ durch Korruption

aus ὑακίνθιον oder von vacca (= Kuh) verwirft ~Kanngiesser~ und

leitet, wie mir scheint, mit Recht das Wort von bacca, baccinium (=

Beerenstrauch) ab, da Umlautungen von b in v häufig sind (vetonica in

betonica, valeriana in Baldrian, barbascum in Verbascum) -- Myrtillus

ist Diminutiv von Myrtus, weil das Sträuchlein einer kleinen

Myrthe ähnlich. -- Heidelbeere = Heidebeere; -- Blaubeere wegen

der Farbe. -- Auf die dunkle, fast schwarze Farbe deuten auch die

Bezeichnungen Bickbeere (+holl.+ pik = pechschwarz), bleuets, maurets

(Dunkelbeeren), brambelles, brimbelles, blaeberry, mustikka u. and.

Auch die russische Bezeichnung tscherinka bedeutet Schwarzbeere. --

Besie, Besing, Bei von bhan, bhâs (= glänzend).

=Stammpflanze. Vaccinium Myrtillus= L. (~Linné~, Spec. plant. 349).

=Systemat. Stellung und Beschreibung der Stammpflanze.= +Ericaceae+,

Vaccinioideae -- Vaccinieae (Sectio Myrtillus).

[Illustration: Fig. 21.

_Vaccinium Myrtillus._

Gipfel der Frucht. K. Kelch, verwachsen mit der (FW) Fruchtknotenwand.

CSt. Ansatzstelle der Korolle. D. Diskus. Gr. Griffelansatz. S. Same.

[+Tschirch.+]]

Die Heidelbeere ist circumpolar in Mittel- und Nordeuropa, in Asien

(mit Ausschluß Innerasiens), in Kanada und dem mittleren Nordamerika

bis Colorado südwärts verbreitet. Die Heidelbeere ist ein höchstens

30-50 cm hoher kahler Strauch mit eiförmig-rundlichen Blättern

und einzeln achselständigen Blüten. Die Blüten besitzen einen

unterständigen Fruchtknoten, der an den Seiten mit dem fleischigen

Kelche vollständig verwächst und nur an der Spitze frei bleibt (Abbild.

in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. IV. 1, S. 24). Hier liegt ein

kleiner Diskus und diesem sind Corolle und Staubfäden inseriert (Fig.

21). Die Frucht ist also, da sich an der Bildung der Fruchtschale

auch der Kelch beteiligt, keine echte Beere, besitzt aber, da die

«Verwachsung» von Kelch- und Fruchtblättern eine vollständige ist,

ganz Beerencharakter (Steinbeere ~Müller~). Die durch Albinismus

zustande kommende weißfrüchtige Form, _Vaccinium Myrtillus_ L. _var.

leucocarpum_ ~Hausm.~, kommt für uns nicht in Betracht.

Die Früchte reifen im Juli und August, werden mit hölzernen Kämmen oder

Rechen «abgebürstet» und in der Sonne getrocknet. 6½ Teile frische

geben 1 Teil trockene.

=Handelssorten.= Heidelbeeren kommen aus verschiedenen Gegenden

Deutschlands, z. B. dem Fichtelgebirge, Bayern, Böhmen, Schlesien, aus

Rußland. In Rußland liefern die Gouvernemente Wladimir und Moskau,

sowie Polen _Myrtilli_.

Die Blätter von _Vaccin. Myrtillus_ und besonders _V. Arctostaphyllos_

bilden den sog. «kaukasischen Tee», ein Surrogat des chinesischen Tees

(s. I, S. 1023).

=Beschreibung.= Die Heidelbeeren sind vier- oder fünffächerig, kugelig,

etwa erbsengroß oder kleiner, blauschwarz, bereift. Sie schmecken

säuerlich-süß, etwas herb und enthalten einen dunkel-violettroten Saft.

An der Spitze liegt eine durch den unregelmäßigen Kelchsaum gerandete

wulstige Scheibe, der Diskus, in dessen Mitte man die Ansatzstelle des

Griffels bemerkt (Fig. 21). Durch Trocknen schrumpfen die Beeren stark.

In Wasser gelegt, geben sie sofort Farbstoff ab und schwellen auf.

Jedes Fach enthält zahlreiche kleine glänzende, gelbe bis gelbbraune,

kurz geschnäbelte Samen mit netzadriger Oberfläche. Ihre Größe beträgt

meist 1 mm.

Die Epidermis der +Fruchtschale+ (d. h. des mit ihr verwachsenen

Kelches, s. oben) besteht aus polygonalen Zellen, die blauen Zellsaft

enthalten. Spaltöffnungen mit vier Nebenzellen, zwei großen und zwei

schmalen, der Spalte parallelen finden sich nur an dem Kelchsaum an

der Spitze der Frucht. In das Parenchym der Fruchtschale sind oft zu

Nestern vereinigte Sklereïden eingebettet und auch die innere Epidermis

der Fruchtschale und der Scheidewände ist teilweise sklerotisiert.

Die Parenchymzellen enthalten den Farbstoff im Zellsaft gelöst und

da und dort Oxalatkristalle. Die kleinen Bündel sind kollateral.

Die «Verwachsung» von Kelch und Fruchtschale ist so vollständig,

daß in der reifen Frucht keine Grenze zwischen beiden zu sehen

ist. Die Epidermis der +Samenschale+ besteht aus innen und an den

unteren Teilen der Seiten verdickten und dort getüpfelten Zellen ohne

Schleimmembranauflagerungen (Unterschied von der Preißelbeere). Die

übrige Samenschale besteht aus der obliterierten Nährschicht, deren

Seitenwände schief gestellt sind. Der +Embryo+ ist in Aleuron führendes

Endosperm eingebettet.

=Pathologie.= Über die pflanzlichen Schädlinge berichtet Prof.

~Ed. Fischer~: In den Früchten von _Vaccinium Myrtillus_ bildet

_Sclerotinia baccarum_ (~Schroet.~) ~Rebent~. ihr Sklerotium aus. Es

stellt dieses ein hohlkugeliges Gebilde dar, welches sich an Stelle

der Gewebe des Pericarpes ausgebildet hat und äußerlich wie eine

schmutzig-weiße Heidelbeere aussieht. Für das Nähere vgl. ~Woronin~,

Über die Sclerotienkrankheit der Vaccinien-Beeren. Mém. Acad. des

sciences de St. Pétersbourg, Ser. VII, T. 36, 1888). Vgl. auch

~Senft~, Pharm. Post 1903.

Über die tierischen Schädlinge berichtet ~Israel~: An _Vaccinium

Myrtillus_ lebt eine sehr große Zahl von mehr oder minder

polyphagen Falterraupen (+Spinner+, und besonders +Eulen+) aus den

Gattungen _Acronycta_, _Hadena_, _Mamestra_, _Agrotis_, _Anarta_

usw. Von Spannern ist es besonders eine Anzahl von _Cidaria_- und

_Acidalia_arten, die sich von den Blättern der _Vaccinium_arten

nähren. Auch die Zahl der _Mikrolepidopteren_, die an Heidelbeeren

leben, ist sehr groß.

=Chemie.= Heidelbeeren enthalten (nach ~Fresenius~, ~Martini~,

~Margold~, ~Kulisch~ und ~Omeis~) 4,78-6,28% +Invertzucker+ -- in

der Trockensubstanz 21,29 bis 30,67% Zucker (nach ~Kayser~ 20,13,

nach ~Blau~ 20,89%) -- und keinen Rohrzucker (~Omeis~ fand solchen

nur in unreifen Früchten), 1-1,92% +freie Säure+ auf +Apfelsäure+

berechnet und als solche wohl auch vorhanden (in trockenen Beeren gibt

~Kayser~ 7,02% auf Weinsäure berechnet an). ~Scheele~ fand +Apfelsäure+

und +Zitronensäure+ in fast gleicher Menge und c. 0,5% +Pektin+.

Der +Pentosan+gehalt beträgt 0,76 bis 1,28%. Die +Asche+ beträgt im

Durchschnitt 0,71%. ~Omeis~ und ~Hornberger~ fanden darin neben Eisen

c. 2% Manganoxyduloxyd. Die Kerne und Schalen betragen c. 11,5 bis 13%.

~Nygård~ gibt 4,5% Wasser und 2,88% Asche (der bei 105° getrockneten

Droge) an.

Der Zuckergehalt der Beeren steigt während des Reifungsprozesses von

0,42 auf 1,90 und schließlich 5,06% (~Omeis~). Bei reifen Beeren stellt

sich das Verhältnis der Säure zum Zucker durchschnittlich wie 1 : 3.

~Schlegel~ fand im frischgepreßten +Heidelbeersaft+ 3,92-5,57%

Invertzucker, 0,15-0,74% Alkohol, 6,92-9,29 Extrakt, 0,20-0,22% Asche,

Gesamtsäure (auf Weinsäure berechnet) 1,11-1,13%, flüchtige Säuren (auf

Essigsäure berechnet) 0,023-0,032%. Auch +Inosit+ ist im Safte der

Heidelbeere gefunden worden (~Nacken~). Benzoësäure, die ~Nestler~ in

_Vaccinium Oxycoccus_ auffand, findet sich in _V. Myrtillus_ nicht.

Der +Farbstoff+ der Heidelbeeren ist im Zellsaft gelöst. Er ist

löslich in Wasser und Alkohol, unlöslich in Äther, Benzol, Chloroform,

Schwefelkohlenstoff. Aus neutraler und saurer Lösung geht er in

Amylalkohol (~Späth~). Er gehört zu den Anthocyanen und zwar zur Gruppe

des Weinrots (~Weigerts~). Er wird durch Eisensalze dunkelbraunrot,

durch Alkalien grün, durch Säuren rot, reduziert ~Fehling~sche Lösung

beim Sieden und soll die Zusammensetzung C₁₀H₁₂O₈ (?) besitzen

(~Nacken~). Er wird durch Kalkmilch grüngrau gefällt. Er ist

spektralanalytisch nicht mit dem Weinfarbstoff identisch, wie ~Andrée~

meinte, sondern davon verschieden (~Vogel~), welche Verschiedenheit

besonders nach Zusatz von Ammoniak und Alaun hervortritt. Der Farbstoff

verändert sich aber beim Trocknen der Beeren (vgl. ~Vogel~). Der

Auszug frischer Heidelbeeren, der Blau und Rot durchläßt, zeigt ein

Band bei bE, das durch Ammoniakzusatz nach D rückt, nach Alaun- und

Ammoniakzusatz findet man ein breites Band d½ D bis b. Nach ~Heise~

soll der Farbstoff aus zwei Körpern bestehen, von denen der eine,

rotbraune, in saurem Wasser löslich ist, der andere, rotviolette,

der die Hauptmenge bildet, nicht. Der letztere spaltet sich bei der

Hydrolyse mit verdünnten Säuren in Glukose und den zuerst genannten

Farbstoff. Der Farbstoff passiert den Magendarmkanal fast ohne

resorbiert zu werden. Er färbt daher die Faeces und geht auch in den

Urin über.

Die wirksame Substanz ist unbekannt. ~Winternitz~ hält den Farbstoff

dafür, andere (~Müller~ und ~Blau~) den Gerbstoff (Chinagerbsäure?),

von dem ~Blau~ angibt, daß er zu 7,28% der Trockensubstanz darin

vorkomme. Nach ~Nacken~ soll der Gerbstoff ein Glykosid sein. Seine

wässrige Lösung wird durch Eisenchlorid grün.

Ob der von ~Rochleder~ und ~Schwarz~ in den Blättern verschiedener

Ericaceen (bes. _Ledum_) aufgefundene, von ~Thal~ in den Blättern

und Zweigspitzen von 29 Arten der Gattungen _Erica_, _Rhododendron_,

_Pyrola_, _Vaccinium_ (auch _V. Myrtillus_), _Azalea_, _Gaultheria_,

_Clethra_, _Eriodyction_, _Ledum_ und _Epigaea_ nachgewiesene

glykosidische Bitterstoff +Ericolin+ (C₃₄H₅₆O₂₁?) wirklich auch in

den +Früchten+ vorkommt, wie ich angegeben finde, erscheint mir noch

zweifelhaft. Die Blätter enthalten auch +Chinasäure+ (~Siebert~ und

~Zwenger~). Vgl. auch ~Senft~, Über d. Zersetz. d. Arbutins in Fol.

Myrtilli Pharm. Post 1903.

=Verfälschungen= kommen kaum vor. Die Beeren von _Vaccinium uliginosum_

L. (Rauschbeere) sind größer, außen heller, weniger sauer. Sie dürften

wohl die gleiche Wirkung haben. Die Beeren von _Vaccinium Vitis idaea._

L. sind +rot+, wenig saftig, herbe, durch Zitronensäure und Apfelsäure

sauer. Bei ihnen nimmt der Gehalt an Zitronensäure während des

Reifungsprozesses zu. Er erreicht 2,5%.

=Anwendung.= Medizinische Anwendung fanden die Heidelbeeren vielfach.

Sie finden sich z. B. in ~Schroeders~ Pharmakopoeia (I, S. 890), in

~Murrays~ Apparatus medicaminum (I, S. 952). Als Antidiarrhoicum und

bei Eczemen (äußerlich) und zu Mundspülungen empfahl sie neuerdings

~Winternitz~ (in den Blättern f. klinische Hydrotherapie 1891 u. 1895).

Vielfach wird das sog. Myrtillin, d. h. das +Extractum myrtillorum+

~Winternitz~ und der Heidelbeerwein benutzt. Die Blätter wurden

neuerdings (1892) gegen Diabetes empfohlen.

Heidelbeeren sind auch ein beliebtes Weinfärbemittel. Deutschland

liefert davon nach Frankreich wohl besonders zu diesem Zwecke. Dann

werden aber auch baies de myrtille zur Alkoholdestillation nach

Frankreich eingeführt.

=Geschichte.= Heidelbeersamen und Fragmente der Früchte sind in

steinzeitlichen Niederlassungen nur selten (Robenhausen) gefunden

worden (~Heer~). Die Pfahlbauer benutzten die Früchte also jedenfalls

nicht viel. Des ~Plinius~ (XVI, 31) Vaccinia scheint _V. Myrtillus_

gewesen zu sein. Er setzt sie in Gegensatz zu einer gallischen Art

(_Vacc. Vitis idaea_?), die zum Färben der Kleider der Sklaven

benutzt wurde. In der +Alphita+ (I, S. 653) steht Mirtus und Mirta;

cujus semen: mirtillus, bei ~Bartholomaeus~ auch bloberi. Auch

~Lonicerus~ hat Mirtillus; bei ~Cordus~ (I, S. 800): Myrtillorum

succus et bacca; in der Frankfurter Liste (1450): mirti; im

Nördlinger Register (I, S. 813): mirtus.

=Lit.= ~Müller~ und ~Blau~, Fruct. myrtilli. Pharm. Post. 1902. S.

461. -- (dort anatom. Abbild. u. auch die medizin. Literatur). --

~Lampe~ a. a. O. -- ~Garcin~, Rech. histogen. d. pericapes charnus.

Ann. scienc. nat. 1890. -- ~König~, Nahr.- u. Genußm. -- ~Fresenius~

und ~Martini~, Ann. Chem. u. Pharm. 101. -- ~Margold~, Jahresber.

f. Agrik. Chem. 1861/62. -- ~Kulisch~, Zeitschr. angew. Chem. 1894.

-- ~Omeis~, Chem. Centralbl. 1889. -- ~Schlegel~, Jahresb. d.

Pharm. 1908. -- ~Nacken~, Zur chem. Charakt. d. Heidelbeersaftes.

Forschungsber. 2 (1895). -- ~Andrée~, Arch. d. Pharm. 1880. --

~Heise~, Pharm. Centrh. 35. -- ~H. W. Vogel~, Chem. Zeit. 1888 und

Spektralanalyse 1889 (dort die Spektren). -- ~Späth~, Zeitschr.

Unters. d. Nahrungs- u. Genußm. 1899. -- ~Gautier~, Bull. soc. chim.

25 (Arch. d. Pharm. 9, S. 486). -- ~Münzberger~, Zeitschr. d. Öster.

Apoth. Ver. 1893, 370. -- ~R. Kayser~, Repert. d. analyt. Chem. III,

182. -- ~Omeis~, Studien über die Entwickl. d. Frucht d. Heidelbeere.

Mitt. pharm. Inst. Erlangen, II. Heft (Pharm. Centrh. 1889). --

~Rochleder~ u. ~Schwarz~, Sitzungsb. d. Wien. Akad. 9 u. 11. --

~Thal~, Pharm. Zeitschr. f. Rußl. 1883. -- ~Nevinny~, Rauschbeeren

und Heidelbeeren. Zeitschr. f. Hyg. u. Infektionskr. 1908, 95. --

Analysen der Heidelbeeraschen bei ~König~, I, S. 862.

ε) Frische zu Sirupen verarbeitete Früchte.

Nicht als Drogen, sondern nur im frischen Zustande werden verwendet:

Kirschen, Maulbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Moltebeeren. Dieselben

können auch zu den Säuredrogen gestellt werden, da sie, wie

bereits ~Scheele~ fand, aliphatische Säuren enthalten (s. d. chem.

Zusammensetzung), stehen aber richtiger hier an dieser Stelle.

Fructus Rubi idaei.

=Syn.= Himbeere, Himpbeer (bei ~Brunschwig~), Hindbeere (bei ~Gesner~),

Hindelbeere, Hinkbeere, Entabeer, Höntabeer, Hünkbeer, Ampe, Maline.

Im +althd.+ findet sich hintperi, hint-bẹri; im +mitthd+. hintbẹr auch

haiper; heorotberge, herutbeg, hindberige (+angels.+ hier Erdbeere

+und+ Himbeere bedeutend) -- hind-berry (engl.) -- hind baer (norw.),

bei ~Cordus~: himpen (die Frucht: himper) -- frambroise (franz.) --

raspberry (engl.) -- framboos (holl.) -- lampone (ital.) -- vattu

(finn.) -- erdei málna (ung.) -- καρπός ἰδαίας βάτου (n.-griech.) --

fuh-pwʿan-tsze (chin.).

=Etym.= ~Dioskurides~ sagt: «βάτος ἰδαία ἐκλήθη μὲν διὰ τὸ πολλὴν

ἐν τῇ Ἴδη γεννᾶσθαι». Ebenso äußert sich ~Plinius~. Himbeere (so

z. B. schon bei ~Bock~), angeblich = Hindbeere, d. h. Hindin- oder

Hirschkuhbeere, soviel als Waldbeere, vielleicht aber von hünk =

Honig oder von Hain (?). -- Ampe von Ampornola. -- Maline von +slav+.

malina. -- Raspberry von rasp = raspeln, schaben, kratzen, wegen der

stachligen Zweige (~Kanngiesser~). Auch der spanische Name zarza idea

erinnert an die Stachlichkeit. -- Framboscia (1537) bei ~Ruellius~

[daraus framboise (franz.) und framboos (holl.)] aus dem deutschen

Brombeere umgebildet. Über Rubus vgl. unter Rubus fruticosus.

=Stammpflanze.= =Rubus idaeus= L. (~Linné~, Spec. plant. edit. I. 492),

Mit zwei Varietäten _var. viridis_ ~Al. Br.~ und _var. anomala_ ~Arrh.~

(auch wohl noch: _var. denudatus_ ~Spenner~, β. _spinulosus_ ~Müll.~

und γ. _trifoliatus_ ~Bell Salter~).

=Systemat. Stellung.= +Rosaceae+ -- Rosoideae -- Potentilleae --

Rubinae, Sectio Idaeobatus.

_Rubus idaeus_ ist eine Circumpolarpflanze. In lichten Wäldern, an

Hecken, steinigen Berghängen durch ganz Europa (mit Ausnahme der

südlichsten Teile) vorkommend, geht die Pflanze in Norwegen bis zum

70. Breitengrade, in Asien bis Nordsibirien hinauf und steigt auch

in Skandinavien noch bis 1200 m an den Bergen empor. Sie findet sich

auch in Grönland und auf Sacchalin. Sie wird auch vielfach in Gärten

kultiviert (neuerdings auch amerikanische Mischlinge mit _Rubus

occidentalis_ L.), aber niemals durch Samen fortgepflanzt. Die in

Amerika kultivierte Himbeere ist nach ~Bailey~ ein Sprößling des dort

einheimischen _Rubus strigosus_ ~Michx.~, der mit der europäischen

Himbeere (_R. Idaeus_ L.) verwandt ist (~Winton~).

=Pathologie.= Über die Feinde der Himbeere und der Brombeerarten, die

sich nicht ohne Zwang trennen lassen, berichtet ~Israel~:

1. +Käfer+: _Byturus fumatus_ ~Fb.~, Himbeermade. Die Larven dieses

Käferchens leben in den reifenden Himbeeren, welche sie ausfressen.

_Haltica rubi_ ~Fabr.~ Soll auf _Rubus idaeus_ leben. _Anthonomus

rubi_ ~Herbst~. Dieser Blütenkäfer lebt vorzüglich auf _Rubus_- u.

_Prunus_arten.

2. +Falter+: _Argynnis daphne_ W. V., _A. paphia_ L. Raupen

an _Rubus_- und _Viola_arten. _Syrichthus malvae_ L. Raupe an

_Fragaria_ und _Rubus_arten. _Thecla rubi_ L. Raupe an _Rubus_arten,

_Sarothamnus_ und _Genista_arten. _Bembecia hylaeiformis_ ~Lasp.~,

Himbeer-Glasflügler. Die Raupe dieser Sesie lebt in den Wurzeln und

unteren Stengelteilen der Himbeerbüsche, dieselben ausfressend. Man

findet die Raupe häufig im Frühling in den vorjährigen Stengeln, die

sich leicht ausreißen lassen. _Callimorpha dominula_ L., _C. hera_

L. Raupen an _Rubus_arten, Nesseln und Salweiden usw. _Arctia caja_

L., Raupe ziemlich polyphag, auch an _Rubus_arten. _Gonophora derasa_

L., _Thyatira batis_ L., Raupen an Rubusarten, nicht überall häufig;

_derasa_ mehr in den Mittelgebirgen. _Acronicta leporina_ L., _A._

_rumicis_ L., Raupen an _Rubus_arten, Waldweiden und vielen niederen

Pflanzen. _Xanthia fulvago_ L., Raupe an _Rubus_- und _Salix_arten

usw. _Gnophos obscuraria_ ~Hübn.~, Raupe an _Rubus_arten.

Auch sonst leben gelegentlich an _Rubus_arten sehr viele polyphage

oder fast polyphage Raupen von Spinnern, Eulen, Spannern und

Mikrolepidopteren, die hier nicht alle mit den Namen angeführt

werden können. Überhaupt sind die Blätter von _Rubus_arten ein sehr

beliebtes Futter, welches von sehr vielen Raupen angenommen und gerne

gefressen wird. Im Frühlinge gesammelte, überwinterte Raupen, von

denen man oft die Futterpflanze nicht kennt, die aber meist nicht

sehr wählerisch im Futter sind, nehmen sehr oft _Rubus_arten als

Futter an, und lassen sich damit zum Imago erziehen.

Handbuch der Pharmakognosie(#71452) · 第 9 / 120 段