_Sambucus nigra_ ist ein Bestandteil der Bauerngärten Deutschlands,

Österreichs, Frankreich und der Schweiz, alles Länder, die unter ~Karls

des Grossen~ Szepter vereinigt waren.

=Lit.= Abbild. ~Berg-Schmidt~ Atlas (dort auch die Florenliteratur).

-- ~Pabst-Köhlers~ Medizinalpfl. und ~Hayne~, Arzneigew. IV t. 16. --

Beschreib. in ~Luerssen~, Med. pharm. Bot. S. 1112.

=Beschreibung der Droge.= Der halbunterständige Fruchtknoten der

Holunderblüte (s. d.) ist meist drei- (seltener zwei-)fächerig. Er

enthält drei (zwei) hängende, anatrop-epitrope Ovula. Er entwickelt

sich zu einer Drupa (Steinbeere) mit drei (zwei) Samen. Die Frucht

ist rundlich-oval, bis 6 mm lang, violettschwarz, oben genabelt. Das

Fruchtfleisch ist purpurrot. Die einsamigen Steinkerne sind bräunlich,

runzlig, außen gewölbt. Der gerade Embryo ist in Endosperm eingebettet.

Die Früchte haben einen eigentümlichen Geruch und bitterlich

säuerlich-süßen Geschmack. Sie reifen im August und September. Beim

Trocknen verlieren sie ⅔ des Gewichtes und schrumpfen stark.

=Pathologie.= Parasitische Pilze als Zerstörer der Früchte von

_Sambucus nigra_ sind uns nicht bekannt (~Ed. Fischer~).

=Anatomie.= Das Epicarp besteht aus großen, einen violettbraunen

Inhalt führenden isodiametrischen oder etwas gestreckten Zellen, die

infolge einer groben Faltung der Cuticula gestreift erscheinen (Fig.

19). Die Falten laufen in sehr regelmäßigen Abständen. Spaltöffnungen

finden sich nur vereinzelt. Das Mesocarp besteht aus mehr oder weniger

dickwandigen Zellen, deren Interzellularsubstanz oft verschleimt ist.

Es scheint sich hier um einen besonderen Fall von Pektinmetamorphose

zu handeln. Die Zellen führen einen braunen Inhalt. Das Gewebe ist

von zarten Bündeln durchzogen. Das Endocarp (die Steinschale der

«Steinkerne») ist sehr hart, zeigt buckelige Erhebungen, die Steinkerne

erscheinen daher grobrunzelig. Zu äußerst liegt eine Reihe von kurzen,

verbogenen und ineinander eingeschobenen, radial gestreckten, ungleich

hohen Sklereïden mit verzweigtem, spaltförmigem Lumen (Fig. 20). Die

stark verdickten Sklereïden besitzen unregelmäßigen Umriß und sind

miteinander verzahnt. Dann folgt eine Schicht von ein bis zwei Reihen

in der Längsrichtung des Samens gestreckter Bastfasern, dann eine

ebenfalls ein- bis zweireihige Bastzellreihe, die rechtwinklig zu

vorgenannten gestreckt ist. Die Anordnung der mechanischen Elemente in

sich kreuzenden Schichten und Verzahnung der Zellen ist bei Frucht-

und Samenschalen häufig und erhöht die Festigkeit bedeutend. Auch die

Fasern der inneren Schichten sind unter sich und mit den Sklereïden

verzahnt. Die Samenschale der (aus hängenden, anatrop-epitropen, mit

nur einem Integumente versehenen (~Bochmann~) Ovulis hervorgehenden)

Samen besteht nur aus einer obliterierten Nährschicht (Fig. 20, 1,

5). Embryo und Endosperm enthalten reichlich in Ölplasma eingebettete

Aleuronkörner, bei denen man sowohl Kristalloide wie Globoide findet

(Fig. 20, 4).

[Illustration: Fig. 19.

_Sambucus nigra_.

Oben: Querschnitt durch die Randpartie der Frucht. Das Mesokarp in

Pektin-Schleimmetamorphose. Unten: Flächenansicht der Epidermis der

Frucht.

[Nach +Tschirch-Oesterle+, Atlas.]]

[Illustration: Fig. 20.

_Sambucus nigra_.

1. Querschnitt durch das Endokarp und den Rand des Samens. 2.

Flächenschnitte durch das Endokarp. (Die Zahlen korrespondieren mit 1.)

3. Bastzelle aus Schicht 3 isoliert. 4. Aleuronkörner links in Alkohol,

rechts nach Zusatz von Wasser. [Nach +Tschirch- Oesterle+, Atlas.]]

=Lit.= ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas (dort das Detail). --

~Tschirch~, Pectin und Protopectin. Ber. pharm. Ges. 1907. --

~Rosenberg~, Über die Pectinmetamorphose. Diss. Bern 1908. --

~Bochmann~, Bau u. Entw. offiz. Sam. u. Früchte. Dissert. Bern 1901.

-- ~Arthur Meyer~, Drogenkunde.

=Chemie.= ~Scheele~ fand +Apfelsäure+, aber keine +Zitronensäure+,

~Enz~ (1859): gärungsfähigen +Zucker, ätherisches Öl, Bitterstoff,

roten Farbstoff, Baldriansäure+, Propionsäure (?), +Essigsäure,

Weinsäure, Apfelsäure, Gerbsäure, Wachs, Gummi, Harz+. ~Kunz~ und

~Adam~ fanden (1901) +Zitronensäure+, aber keine +Apfelsäure+.

«Hinsichtlich des +Fliederfarbstoffes+ sei bemerkt, daß verschiedene

Arten _Sambucus_ sich spektralanalytisch verschieden zu verhalten

scheinen. Gewisse Arten geben mit Alaun einen deutlichen Streif

gleich dem Malvenfarbstoff, während andere ein abweichendes Verhalten

zeigen» (~Vogel~). Der Farbstoff ist eisengrünend. Er wird durch

Bleizucker lackmusblau gefällt, durch Alkalien blau, durch Säuren

rot. Er tritt aus den trockenen Beeren, die an Alkohol, neben etwas

(spektralanalytisch leicht nachweisbarem) Chlorophyll, nur einen gelben

Farbstoff abgeben, in Wasser leicht mit violettroter Farbe über.

Der mit Wasser aus der Droge hergestellte rote Auszug gibt nach dem

Ausfällen der Schleimsubstanzen mittels Alkohol im Spektrum ein dunkles

Band bei D etwa von λ = 0,560-0,620 und Trübung des Blau. Unabsorbiert

wird nur Rot durchgelassen. Setzt man zur Lösung etwas Ammoniak, so

treten zwei Bänder auf, ein dunkleres zwischen λ = 0,610 und 0,660

und ein helleres zwischen λ = 0,570 und 0,590 (~Tschirch~). Der

unbekannte +schweißtreibende Bestandteil+ der Blüten findet sich auch

in den Früchten. ~Sack~ und ~Tollens~ fanden in den Beeren +Tyrosin+.

Der +Pentosangehalt+ beträgt 1,20-1,22. Das +Öl der Samen+ hat einen

widerlichen Holundergeruch und Geschmack. Neuere Untersuchungen über

die Kohlehydrate der Beeren fehlen.

Die Beeren von _Sambucus Ebulus_ haben ähnliche Zusammensetzung (~Enz~).

In der Rinde (das Fluidextrakt derselben nennt ~Lémoine~ +Sambucin+)

und den Blättern findet sich neben Gerbstoff, abführend wirkendem Harz

und einem Riechstoff ein krist. Alkaloid (~Malméjac~), in den Blättern

Sambunigrin (~Rosenthaler~). Die Rinde, die Blätter und Wurzeln wurden

im XVI. Jahrh. mehr verwendet als die Beeren und die Blüten (s. d.).

=Lit.= ~Scheele~, Schriften 2, 378. -- ~John~, Tabellen. -- ~Enz.

Wittsteins~, Vierteljahrschr. VIII (Jahresb. d. Pharm. 1859, S. 36).

-- ~Vogel~, Spektralanalyse. -- ~Malméjac~, Journ. pharm. chim.

1901. -- ~Govaerts~ (Blätter, Rinde) Trav. Soc. Ph. d’Anvers 1880.

-- ~Sack~ und ~Tollens~, Ber. d. d. chem. Ges. 1904. -- ~Sack~,

Dissert. Göttingen 1901. -- ~Kunz~ u. ~Adam~, Zeitschr. Österr.

Apoth. Ver. 1901, 244. -- ~van den Driessen~, Ned. Tijdkr. 1900. --

~Alfred Blanc~, l’Hièble (Monographie), Montpellier 1905. -- Über die

Blätter von Sambucus nigra vgl. ~Mitlacher~, Aus dem Arzneischatze

des Volkes. Pharm. Post. 1908 (dort die Literatur). -- Historisch

interessant: ~Martin Blochwich~, Anatomia (d. h. hier «Chemia»)

Sambuci or the Anatomie of the Elder. 1670.

=Anwendung.= Die Fliederbeeren geben gepreßt einen Saft, aus welchem

man das Holunder- oder Fliedermus, die Fliederkreide, Holundersalse,

=Rob, Roob oder Rubb sambuci= bereitet. Dieses Fliedermus findet sich

schon bei den arabischen Ärzten, getrocknete Holunderbeeren dann in

den Taxen des XVI. Jahrh. und später. Die niederl. Pharmakopoee hat

Fruct. samb. recentes (versche vliervruchten). Den ausgepreßten Saft

der Blätter von _S. nigra_ benutzte ~Hippokrates~ als diätetisches

Abführmittel.

=Geschichte.= In steinzeitlichen Niederlassungen (z. B. Moosseedorf

bei Bern) sowie in den bronzezeitlichen Terramaren Parmas sind

Samen von _Sambucus nigra_ gefunden worden (~Heer~). Bereits der

Mensch der Steinzeit scheint die Holunderbeeren zum Färben und zur

Musbereitung benutzt zu haben. Die Benutzung von _Sambucus acinos_

zum Färben (der Haare) erwähnt auch ~Plinius~. Von den alten

Deutschen wird berichtet, sie hätten nicht nur ihr Antlitz, sondern

auch die Götterbilder mit Holdersaft gefärbt (~Lohenstein~). Bei

den alten Preußen war der Holunder heilig und durfte nicht verletzt

werden (~Grimm~). Vgl. auch den Vers bei _Juniperus_ (S. 52).

_Sambucus_ findet sich als Bestandteil der geweihten Kräuterkränze

(I, S. 1009). Auch beim Übertragen der Krankheiten auf Pflanzen

spielt der «Herr Flieder», die «Frau Holler», «Frau Ellhorn» beim

Volke eine Rolle (vgl. I, S. 1008). Akte (ἀκτῆ) findet sich bei

~Hippokrates~, ~Theophrast~ und ~Galen~. Bei ~Scribonius Largus~ (I,

S. 578) steht _sabucum_ und _sambucum_. In der Alphita, den Sinonoma,

Circa instans, den Tabulae magistri Salerni steht: _Sambucus (actis)

hellarne_, _Ebulus_, _Kameactis Sambucus_ -- man warf also vielfach

(auch im Altertum schon) _Sambucus Ebulus_ und _nigra_ zusammen. Der

Name Akte ging dann auf den Attich, d. h. _Sambucus Ebulus_ über.

Attich ist aus Akte umgebildet. Bei der ~Hildegard~ (I, S. 671)

steht nur der Holderbaum; bei ~Harpestreng~ (I, S. 684) Sambuca; im

gothaischen Arzneibuch (I, S. 679): elhorn, alhorn und holunder. Bei

~Cordus~ steht _Sambucus_ (_flos et cimacum_) neben _sampsuchus_, das

als _Maiorana_ gedeutet wird. (Vgl. auch ~Kühn~, Der Holunder in der

alten Arzneikunde. Mediz. Klinik 1907, Nr. 33.)

=Paralleldrogen.= In Nordamerika wird der sog. amerikanische Holunder,

_Sambucus canadensis_ L., in der gleichen Weise benutzt (~Jackson~,

~Moosbrugger~). Die mehr rötlichen Früchte sind süßer; in Brasilien:

_Sambucus australis_ ~Cham.~ et ~Schl.~; in Sibirien: _Sambucus

racemosa_ L. (weitere in ~Dragendorff~, Heilpflanzen).

Die Beeren von _Sambucus Ebulus_ L., des Zwergholunder (χαμαιάκτη

der Griechen, Ebulum der Römer, nabsakat der Araber, hatich bei

~Hildegard~), purgieren (Bestandteil des Kneipp-Tee). Sie sind kleiner,

viersamig, mit deutlicher hervortretendem Kelchrest. _Sambucus

Ebulus_ ist in allen Teilen mehr oder weniger giftig. Die Beeren des

Zwergholunder werden in Rumänien zum Färben des Weines benutzt (Analyse

und Spektrum des Farbstoffes bei ~Radulescu~).

=Lit.= ~Jackson~, Pharm. Journ. 1906. -- ~Moosbrugger~, Amer. Journ.

ph. 1895. -- ~Radulescu~, Bul. Soc. sc. Bucaresc. 1899. (Ber. d.

pharm. Ges. Jahrber. 1899). -- ~Holm.~ Sambucus canadensis. Merck

Rep. XVIII, 259 (1909).

Fructus Pruni.

=Syn.= Pflaumen, Zwetschen, Zwetschgen, Quätschen, Brunellen. Prunibaum

(bei der ~Hildegard~), -- pruneau noir, prune de Damas (franz.),

-- prunes (engl.) -- pruim (holl.) -- luumu (finn.) -- δαμάσκηνον

(n.-griech.) -- bei ~Ibn Baithar~: idschás.

=Etym.= Prunus aus dem Griechischen übernommen, sicher aber wohl

aus Kleinasien stammend, wo es für _Prunus domestica_ benutzt

wurde. Nach ~Schmidt~ ist das +ahd.+ phrûma (so noch im XI. Jahrb.)

pflûmo, +mhd.+ phlûme, durch thrakische oder illyrische Vermittlung

direkt aus dem griechischen προῦμνον und nicht aus dem lateinischen

prûnus, prunum entstanden. Im Griechischen auch: προῖνος (ein wilder

Obstbaum) oder πρῶμος (= frühzeitig, da seine Früchte im Hochsommer

reifen). Nach ~Kluge~ ist dagegen +Pflaume+ schon vor der ahd. Zeit

aus dem latein. prûnum, prûna entlehnt. Das r des latein. Wortes ist

ein l geworden, wie bei morus in Maulbeerbaum; +ndl.+ pruim hat noch

das r, ebenso +frz.+ prune, +ital.+ prugna, +span.+ pruna; nicht mehr

+angls.+ plúme, +engl.+ plum.

Zwetsche hat wohl ursprünglich Quetsche geheißen (Quetschen, Quetsch

noch heute in Thüringen, am Rhein, in Hessen) wegen des daraus

bereiteten Muses (-- auch in Paris hörte ich für Pflaumenmus: quètche

--), oder weil sich der Kern leicht herausquetschen läßt, oder von

+slav.+ sweska (?).

Viel mehr deutsche Volksnamen besitzt _Prunus insititia_, die

heimische Pflaume, die im Mittelalter auch cinus, cinum, prinus,

pruna, spinellum genannt wurde. Solche Namen sind: Bilse oder palse

(von balgan = aufgeschwollen, bauchig?), kriech, kriecher, krigen

(von chrieh, +franz.+ crêque = stechend, +ahd.+ chrezzan = kritzen),

spilling (spinellum = Dörnlein), braume, haber, kickerling, marunken,

pelzkirsche, prume, schlucken, spelje, zibarten, zipperli u. v. a.

(vgl. ~Pritzel-Jessen~).

=Stammpflanze.= =Prunus domestica= L. (~Linné~, Spec. plant. ed. I,

475), mit zahlreichen Varietäten, -- ~Don~ kennt 270 -- bes. wohl _P.

d. var. Juliana_ DC.

+Rosaceae+, Prunoideae, Untergatt. Prunophora.

Einige (~Linné~, ~Link~, ~De Candolle~) halten alle Pflaumen für

Varietäten von _Prunus domestica_, andere (~Dierbach~) leiten die

runden Pflaumen von _Prunus sativa_ ~Fuchs~, die länglichen von

_Prunus damascena_ ~Camer.~ ab, noch andere (~Koch~) halten _Prunus

insititia_ L. für die Stammart der runden, _Prunus domestica_ für die

der länglichen. Zu den runden Pflaumen, mit kurzem dicken Steinkern,

gehört die Mirabelle und die Reineclaude, zu den länglichen Zwetschen

mit langem platten Steinkern die Damaszener und Brignoler. Nur diese

blauen länglichen Pflaumen werden medizinisch verwendet. In Japan wird

_Prunus triflora_ ~Roxb.~ kultiviert. ~Ascherson~ und ~Gräbner~ halten

(mit ~Focke~, ~Boissier~, ~Radde~) _P. domestica_ L. (_P. damascena_

~Dierb.~, _P. domestica subsp. oeconomica_ ~C. K. Schneider~) für eine

eigene Art, die zwar _P. insititia_ verwandt, aber doch gut von ihr

geschieden ist.

Nach ~Engler~ sind die heutigen Pflaumenarten von verschiedenen

Stammarten abzuleiten. _Prunus insititia_ L. (Kriecherpflaume) ist im

Kaukasus und Kleinasien heimisch, geht aber bis Nordafrika und nach

Süd- und Mitteleuropa. _Prunus cerasifera_ ~Ehrh.~ (Kirschpflaume)

stammt nach ihm von der in Turkestan und überhaupt in Vorderasien

heimischen, in Persien angebauten _P. divaricata_ ~Ledeb.~ Die Zwetsche

im engeren Sinne (_P. oeconomica_ ~Borkh.~) gehört zu _P. domestica_

L., die im Kaukasus, auf dem Talysch und Elbrus sehr verbreitet ist. Ob

die Reineclaude (_P. italica_ ~Borkh.~) eine selbständige Art ist oder

nicht, will ~Engler~ nicht entscheiden.

=Kultur und Handel.= Die umfangreichsten Pflaumenkulturen finden sich

in Bosnien und Serbien, wie überhaupt in den österreichisch-türkischen

Grenzländern. Dort -- in dem Dorado des Slibowitz -- findet man ganze

Zwetschenwälder, und von dort werden gedörrte Pflaumen in alle Länder

exportiert. Neuerdings kultiviert Nordamerika viel Pflaumen.

Deutschland importierte 1907: 392469 dz getrocknete +Zwetschen+

vorwiegend aus Serbien (135115) und Nordamerika, dann aus Frankreich

und Österreich.

=Pathologie.= Neben _Sclerotinia cinerea_ (s. unter _Prunus

Cerasus_), die auch hier vorkommt, ist _Exoascus Pruni_ ~Fuck.~

der wichtigste Krankheitserreger des Zwetschenbaumes. Sein Mycel

entwickelt sich in den Früchten, welche dadurch eine ganz abnorme

Entwicklung erfahren: sie sind verkrümmt, abgeplattet oder stark

verlängert, weißlich oder rötlich gefärbt und ungenießbar, es

unterbleibt auch die Differenzierung von Steinkern und fleischigem

Exocarp. Diese deformierten Früchte werden als «+Narren+»,

«+Taschen+» oder «+Hungerzwetschen+» bezeichnet. An ihrer Oberfläche

entstehen die Asci des Pilzes. (~Ed. Fischer.~)

Die tierischen Schädlinge s. unter ~Cerasus~.

=Beschreibung.= Die frisch blaue, eirunde, mit einer seitlichen

Rinne versehene Pflaume besitzt eine wechselnde Größe. Sie schrumpft

beim Trocknen stark zusammen und wird außen fast schwarz, das

Fruchtfleisch braunrot. Sie ist eine Drupa und schließt einen

plattgedrückten Steinkern ein, dieser den Samen. Die den Farbstoff

führenden Epidermiszellen der Fruchtschale zeigen oft noch die

Teilungen der Mutterzellen. Die Epidermis besitzt einen Wachsüberzug,

aber keine Haare. Oft finden sich auf der Oberfläche der Droge

Zuckereffloreszenzen. Das Fruchtfleisch besteht aus Parenchymzellen.

Die Gefäßbündel führen Spiral- und Netzleistengefäße. Das Endocarp

besteht aus Sklereïden. Die Tonnenzellen der Samenschale (Abbild. bei

~Winton~) sind ziemlich klein, etwa von der Größe der Tonnenzellen

bei der Aprikose. Das Endosperm ist schmal. Die Hauptmasse des Samens

bilden die Cotyledonen.

=Chemie.= Frische Pflaumen enthalten im Durchschnitt (Zusammenstellung

bei ~König~) 78,6% +Wasser+, 14,71% (8,43-25,62) +Invertzucker+ (in

der Trockensubstanz der Frucht 68,74%), 0,77% +freie Säure+ (auf

Apfelsäure berechnet). Der +Pentosan+gehalt beträgt 0,54% (~Wittmann~).

Das Fleisch der getrockneten Zwetschen enthält 23,28-59,20%, im

Durchschnitt 43,15% Invertzucker (in der Trockensubstanz im Mittel

60,3%), im Mittel 2,44% freie Säure (auf Apfelsäure berechnet), Im

Fruchtsaft der Pflaume wurde auch +Saccharose+ (0,51-2,81%) gefunden

(s. bei ~König~), in trockenen Zwetschen 9,33-13,2%. Die Samen

enthalten c. 44,5% +Fett+. Die +Asche+ der ganzen Frucht beträgt 3,17,

die der Kerne 2,5, die des Fruchtfleisches 4,2% (auf Trockensubstanz

berechnet). Analysen der Asche bei ~König~ B. I, S. 862.

Die Samen enthalten ein +Blausäure abspaltendes Glykosid+ und ein

hydrolytisches +Ferment+. Aus den gegorenen zerstampften Früchten wird

in Elsaß-Lothringen und anderwärts ein Zwetschgenbranntwein (Slibowitz,

Slivovica) dargestellt, der c. 43,5-52 Vol.% Alkohol und 0,2-3,3

mg Blausäure in 100 ccm enthält. (Über seine Zusammensetzung vgl.

~Windisch~, Arb. d. kais. Gesundheitsamt. 1898). Wie der Zuckergehalt

der Pflaumen einem großen Wechsel unterworfen ist, so zeigt auch der

Alkoholgehalt der Zwetschgenbranntweine große Schwankungen.

Durch Einkochen des mit Wasser zerquetschten, durch ein Sieb

getriebenen Fruchtfleisches zu einem dicken Brei wird das =Pflaumenmus=

(Zwetschenmus, Pulpe de pruneau, Pulpa prunorum, Rob pruni)

dargestellt, das seit Jahrhunderten als mildes Abführmittel benutzt

wird. Es enthält c. 24,5% Invertzucker, c. 8,8% Saccharose und c. 1,7%

Pectin. Ein sirupus de prunis steht im Kalender des ~Harib~ aus dem

Jahre 961 (I, S. 612).

=Schädlinge der Droge.= Auf getrockneten Pflaumen finden sich oft

Milben, z. B. _Glyciphagus prunorum_ (~Israël~).

=Geschichte.= Der königliche Garten des ~Nebukadnezar~ enthielt

nach dem Alfabet des ~Ben Sira~ auch Pflaumen, achwānijjôt (~J.

Löw~). -- _Prunus insiticia_, die Kriecherpflaume (vom +germ.+

krik, ~Schrader~), ist die europäische Pflaume, die schon für die

vorgeschichtliche Flora Mitteleuropas nachgewiesen ist, nämlich in

Pfahlbauten der neolithischen, Bronze- und Eisen-Periode (~Buschan~).

Unter κοκκόμηλον (von κοκκό-μηλον = Kernobst, vielleicht steckt

aber in κόκκος ein orientalisches Wort) -- die Schlehenpflaume hieß

βράβυλον -- verstand ~Dioskurides~ sowohl diese heimische Pflaume,

die heute noch in Griechenland coromelea heißt, wie auch die Syriens,

besonders die von Damaskus, d. h. die nach der Zeit des ~Cato~ von

dorther nach dem Westen gebrachte und von den Römern schon zur Zeit

des ~Plinius~ in vielen Spielarten kultivierte Damascenerpflaume

(_Prunus domestica_), deren Kultur sich zunächst im Orient entwickelt

hatte (~Engler~). Die Römer warfen beide durcheinander. Auch noch

bei der ~Hildegard~ (I, S. 670) scheint der Name Prunibaum beide

zu umfassen, wie übrigens ja auch unser Wort «Pflaume» alle Arten

umfaßt, die runden und die langen. Das Wort prunus bei ~Albertus

Magnus~ (I, S. 675) scheint sowohl für _Prunus domestica_ wie _P.

armeniaca_ benutzt worden zu sein. Die Ausgrabungen bei der Saalburg

zeigten, daß bereits in den ersten christlichen Jahrhunderten dort

Pflaumen, Zwetschen und Kirschen von den Römern gebaut wurden. Das

östliche Deutschland erhielt die Damascener Pflaume vielleicht aus

den österreichisch-türkischen Grenzländern über Ungarn, Siebenbürgen

und Mähren, wo sie jedenfalls schon vor 400 Jahren viel kultiviert

wurde (~Reling~ und ~Bohnhorst~). Wie alt die Kultur in Serbien und

Bosnien ist, ist unbekannt. Vielleicht bestand sie schon vor der

slavischen Einwanderung (?). «Aus Beeren, an denen der Nordosten

reich ist, ein Getränke zu machen, ist ein altslavischer oder

osteuropäischer Nationalzug, der schon von ~Herodot~ in seiner

Beschreibung des hinterskytischen Landes angedeutet wird» (~Hehn~).

Ein Prunarius steht sowohl im Kapitulare ~Karls~ wie im St. Galler

Klosterplan (I, S. 622). Das war aber nicht die Damascener Pflaume.

In der Alphita (I, S. 656) steht pruna alba et nigra, in den Tabulae:

pruna immatura et damascena, bei ~Serapion~: anas.

Die Pflaume spielt nicht in der Volksmedizin, wohl aber in der

Volkserotik eine große Rolle, wie schon viele ihrer Volksnamen

(Bockshoden, Geishoden, Hengsthoden, Tittlespflaumen, Spönling)

zeigen. (Weiteres siehe bei ~Aigremont~, Volkserotik.)

=Lit.= ~Engler~, in ~Hehn~ Kulturpflanzen, VII. Aufl. 1902. --

~Buschan~, Vorgeschichtl. Botanik. -- ~Winton-Moeller~, Microscop.

of vegetable foods 1906 (dort die weitere Lit.) -- ~Bordzilowski~,

Entwickl. d. beerenart. u. fleischig. Früchte. Kiew. Naturf. Ges.

1888. -- ~König~, Nahrungs- u. Genußm. (dort die chem. Literatur). --

Abbild.: ~Hayne~, Arzneigew. IV. t. 43 und ~Nees von Esenbeck~, Pl.

med. t. 319.

Fruct. jujubae.

=Syn.= Baccae Jujubae seu Zizyphi, Rote Brustbeeren,

Zieserleinsbaumbeeren, Judendornbeeren, -- jujube (franz.) -- jujube

(engl.). -- Ein Lotus der Alten (s. Geschichte). -- +Griech.+:

ζίζυφα, ζίνζυφα, ζίτζυφα (davon der Gattungsname der Pflanze). -- Bei

den späteren Griechen: hanab -- +n.-griech.+: καρπός ζιζύφων -- bei

~Avicenna~: Hunen und Zufaizef. -- Schon bei ~Serapion~: iuiubes --

Indian jujube: bér, beri (hind.) -- badara, kola (sansc.), -- sidr,

aunnábehindi (arab.), sider wa nabk (~Ibn Baithar~) -- kunár (pers.)

-- tao n’hon (in Annam). (Die Früchte des Sidr bei ~Ibn Baithar~:

dhâl) -- Common jujube: pitni bér (hind.) -- unnah (arab.) -- bei

~Ibn Baithar~: unnāb -- sinjid-i-jiláni (pers.). -- _Zizyphus_ (und

_Rhamnus_früchte) heißen im Chines. Swan-tsau, Nan-tsau, tsau-pʿi.

=Stammpflanzen und Paralleldrogen.= Die in Deutschland und

Frankreich benutzten spanischen oder französischen Brustbeeren

(Common jujube, Große J., Welsche Hahnbutten, jujubier commun)

stammen von =Zizyphus vulgaris= ~Lam.~ (_Z. sativa_ ~Gärtn.~, _Z.

flexuosa_ ~Wall.~, _Rhamnus Zizyphus_ L.), kultiviert in Spanien

und Südfrankreich. Die weniger süßen kleinen italienischen und

nordafrikanischen von =Zizyphus Lotus= ~Lam.~ (_Z. nummularia_ W. et

A., _Rhamnus nummularia_ ~Burm.~), kultiviert in Ägypten, Italien und

Südspanien. Die ostindischen Jujuben (Indian Jujube, Chinese date)

von: _Zizyphus Jujuba_ ~Lam.~ (_Z. mauritiana_ ~Ham.~, _Z. Sororia_

~Schult.~, _Rhamnus Jujuba_ L.), heimisch im indomalaiischen Gebiet

bis nach China, kultiviert in Vorderindien, Persien, China und nach

~Volkens~ auch in Togo (Notizbl. d. Berl. Bot. Gart. 1909). Weitere

Paralleldrogen sind: _Zizyphus Oenoplia_ ~Mill.~ (Indien), _Z. Spina

Christi_ ~Willd.~ (Ägypten, Palästina). Weitere in ~Dragendorff~s

Heilpflanzen.

Handbuch der Pharmakognosie(#71452) · 第 8 / 120 段