=Geschichte.= Die Feige ist eine der ältesten Kulturpflanzen. In

der westlichen Hälfte des Mittelmeergebietes schon am Ende der

Pliocen vorhanden, ist sie dann ausgestorben und in vorhistorischer

Zeit vom Osten her wohl durch die Phönikier wieder in das Gebiet

eingeführt worden (~Lloyd~), zunächst aus Syrien nach Griechenland

und Italien, von da nach Spanien und Gallien. In einem babylonischen

Hymnus der Bibliothek von Nippur aus dem Jahre 2000 n. Chr. wird

die Feige erwähnt: «süßer als Trauben und Feigen» (Cuneiform Texts

of the Brit. Mus. XV. pl. 1). In dem Alfabet des ~Ben Sira~ (XI.

Jahrh. die Liste selbst älter) steht eine Liste von Pflanzen im

Garten des ~Nebukadnezar~, die auch Feigen (tᵉēnīm) enthält. Sie

haben übrigens auch einen assyrischen Namen: tittu. Auf assyrischen

Denkmälern findet sich der Feigenbaum oft neben Dattel und Weinstock.

(Ich halte wenigstens die in I, Fig. 371 mit _Salix_ (?) bezeichnete

Pflanze für eine Feige), so daß die Angabe ~Herodots~ (V. Jahrh.

n. Chr.), Babylonien erzeuge keine Feigen, nicht richtig sein

kann. ~Herodot~ behauptete ja auch, Ägypten liefere keinen Wein,

und doch kennen wir unzählige Darstellungen des Weinbaus +und der

Weinbereitung+ auf ägyptischen Denkmälern von der ältesten Zeit an.

Ebenso häufig findet sie sich auf ägyptischen Denkmälern (~Wönig~).

Feigen finden sich schon unter der Totenspeise eines Grabes aus

der XII. Dynastie (2400-2600 n. Chr. ~Schweinfurth~). Kein Zweifel

besteht, daß in Ägypten in ältester Zeit (2400-2200 n. Chr.) die

Feigenkultur in Blüte stand (Fig. 12), ebenso in Syrien, hier

vielleicht in noch älterer. In der Bibel ist sie neben dem Weinstock

Symbol des Überflusses. Im jüdischen Altertum war Feige und Wein in

Mischkultur. Die alten Inder kannten die Feige ebenfalls (I, S. 507).

Der Anbau der Feige in Italien scheint in die Zeit der griechischen

Kolonisation zurückzureichen (nach ~Solms~ ist er älter und gehört

die Feige dem ältesten römischen Sagenkreise an). Der erste Anbau in

Griechenland fällt in die späthomerische Zeit (~Hehn~), etwa IX. oder

VIII. Jahrh. Nach Griechenland wurde mit der Feige die Kaprifikation

gebracht. Die Römer übernahmen diese nicht, sondern pflanzten

zunächst den Feigenbaum durch Stecklinge fort. ~Dioskurides~, der

ebenso wie ~Plinius~ und ~Ibn Baithar~ eine Menge von Krankheiten

nennt, die durch Feigen geheilt werden -- auch ~Hippokrates~ bediente

sich der Feige als Heilmittel -- erwähnt auch den wilden Feigenbaum

und die Aschenlauge des Feigenbaumes. Auf dem Forum romanum standen

mehrere heilige Feigenbäume. Zur Zeit des ~Plinius~ wurden schon 29

Feigensorten gezüchtet.

[Illustration: Fig. 12.

Altägyptische Darstellung der Feigenernte. Aus einem Gemälde der

Westwand des Grabes Nr. 2 in Beni-Hassan, XII. Dynastie, 2400 bis 2200

n. Chr. [Nach +Wönig+.]]

In Ägypten war der Feigenbaum dem ~Osiris~, in Griechenland dem

~Dionysos~ heilig sowie dem phallischen ~Hermes~ und dem ~Priapus~,

bei den Römern der ~Juno~. Feigen spielten bei den Dionysien eine

große Rolle. Bei den Römern war die Feige Symbol der vulva, bei

den Hellenen des penis. Die sehr starke Erotik, die sich mit der

Feige verknüpft, ist von südlichen, oft sehr alten Vorstellungen

ausgegangen (~Aigremont~). Die Feige ist im Orient das Symbol der

Fortpflanzung und wegen der zahlreichen Früchtchen auch Symbol

der Fruchtbarkeit. Bei dem Feste der Thargelien waren die beiden

φαρκμακοί, die als Sühnopfer zum Tode geführt wurden, der eine mit

weißen, der andere mit schwarzen Feigen behangen (~Hehn~). Bei

~Scribonius Largus~ (I, S. 577) findet sich _Caprificus_ und _Ficus

arida_ (getrocknete Feigen). Im Edikt des ~Diocletian~ (I, S. 570)

finden sich frische und getrocknete, karische, pressae und duplices

(gespaltene). Die +Scriptores rei rusticae+ (I, S. 573) widmeten der

Feige oft lange Kapitel und sie findet sich auch auf pompejanischen

Wandgemälden und unter den Pflanzenresten Pompejis (I, S. 575). Sie

wurde von den Römern als Heilmittel hoch geschätzt, ebenso von den

Arabern. ~Ibn Baithar~ (I, S. 608) widmet ihr ein großes Kapitel.

~Karl der Grosse~ wünschte ihre Anpflanzung (I, S. 620). Doch fehlt

sie im St. Galler Klostergarten (I, S. 622); wohl aber kennt die

~Hildegard~ den Feikbaum oder Fickbaum. Im VIII. Jahrh. waren F.

in Südfrankreich bekannt (I, S. 714). Im mittelniederdeutschen

Gothaer Arzneibuch (I, S. 681) steht: vige, vyge. Die Alphita (I,

S. 644) führt _Caricae siccae_ auf. Über die Alpen muß sie ziemlich

früh gekommen sein. ~Gesner~ (I, S. 846) beschreibt Feigenbäume

in Straßburg. Nach England wurde sie unter ~Heinrich~ VIII. von

Kardinal ~Pole~ gebracht, doch scheint sie schon im XIII. Jahrh.

dort kultiviert worden zu sein. Der mittelalterliche Drogenhandel

umfaßte auch die Feige (s. Brügge). Schließlich sei bemerkt, daß die

Feige auch im Pents’ao kang mu (I, S. 519) steht, also auch in der

chinesischen Medizin verwendet wurde.

Die Krankheiten des Feigenbaums beschrieb schon der Rhizotom

~Kleidemus~ (~Theophrast~, Caus. plant. 3, 12).

=Lit.= ~Hamilton~, Botanique de la bible. 1871. -- ~Solms~ a. a. O.

-- ~Aigremont~, Volkserotik. -- ~Flückiger-Hanbury~, Pharmakographia

(dort weitere histor. Literatur). -- ~Schweinfurth~, Ber. d. d. bot.

Ges. 1884 und Ägyptens Beziehungen. -- ~Schwendener~, Kulturpflanzen.

Vortrag. -- ~Unger~, Botan. Streifzüge 1857. -- ~Moldenke~, Bäume

Ägyptens. Diss. Straßburg 1887. -- ~Wönig~, Pflanzen d. alten

Ägypten. 1886. -- ~Hehn~, Kulturpflanzen u. Haustiere. 7. Aufl. 1902.

-- ~Buschan~, Vorgeschichtl. Botanik. 1895.

Dactyli.

Dattel -- datte (franz.) -- date (engl.) -- datil (span.) -- dattero

(ital.) -- dadel (holl.) -- datolya (ung.) -- taateli (finn.) -- φοῖνιξ

(n.-gr.).

=Syn.= und =Etym.= Bei den Assyrern musuḳḳan (sumerisch-akkadisch

= himmelhäuptig). bnr (ägypt. die hieroglyphischen Zeichen I, S.

468 u. 470), -- Palma (~Plinius~), P. Carioti (~Scrib. Larg.~),

Dactyli (lat.), -- φοῖνιξ (griech. ~Dioskur~., ~Arrian~, ~Galen~),

φοινικοβάλανοι (~Hippokr.~), -- Nachl, Tamr, Ruthab, Busr (arab.) --

el oder tāmār (hebr.), davon wohl tamar indie! -- Im Chinesischen

heißt die Palme: Wu-tau-tsze (d. h. Fünf-Lasten) oder Fau-tsau (d. h.

fremde Pflanze). -- Die Frucht: tsau. -- +Dattel+, bei ~Heresbach~

(1570): Daktel, +mhd.+ datel, tatel, tatele, aus it. dattilo, dies

aus δάκτυλος. «Die Fiederblättchen der Dattel sind fingerförmig»

(~Kluge~) oder (was wahrscheinlicher) nach der Fingerform der Früchte

oder von aramäisch daqual, diplâ = Palme. «Palma» war ursprünglich

_Chamaerops humilis_, wurde aber später bis ins Mittelalter ganz

allgemein der Name der Dattelpalme, später dann auf alle «Palmen»

übertragen.

=Stammpflanze= und =Systemat. Stellung. Phönix dactylifera= L., mit 50

bis 80, nach anderen sogar 150 Kulturrassen. -- Palmae, Coryphinae --

Phoeniceae.

=Beschreibung.= Die dioecische Dattelpalme bildet große schlanke Bäume

(ihr hebr. Name tâmar bedeutet «schlank und hochgewachsen»), die bis 20

m hoch werden können (I, Fig. 212, 217, Taf. 19) und die der Landschaft

in Afrika das charakteristische Gepräge geben. Die wilde Urform ist

nicht bekannt. Die Stammform, aus der die Kulturdattel entstand, ist

vielleicht _Phoenix spinosa_ (~Fischer~). Danach wäre das tropische

Afrika Urheimat der Dattelpalme. Die Dattel ist seit Urzeiten in Kultur

und die Kultur hat erst die süßen Früchte erzeugt oder sie verbessert.

Die babylonischen Nabatäer gelten für die Erfinder der Dattelveredelung

(I, S. 479). Da die Dattelpalme zweigeschlechtlich ist, so wird die

Befruchtung dadurch gefördert, daß man (es geschah dies schon zur

Zeit der alten Babylonier) die männlichen Infloreszenzen, noch wenn

sie geschlossen sind, in die Baumkronen der weiblichen Pflanzen

hängt, «sobald sie beim Pressen ein dem Reiben von angefeuchtetem

Mehl ähnliches Geräusch hören lassen». Der Pollen fällt dann bald aus

und bewirkt die Befruchtung. Die Blüten stehen oft zu 200 in großen

Infloreszenzen vereinigt zwischen dem terminalen Blattschopf. Die Zahl

der in jedem Blütenstand zur Reife kommenden Früchte schwankt zwischen

80 und 200. Die Früchte reifen nach fünf Monaten, meist im Juli,

August, September und Oktober. Für den Handel sammelt man sie etwas

vor völliger Reife und läßt sie an der Sonne nachreifen. Die vollreife

Dattel wird leicht breiig. Die Dattelpalme liefert Früchte vom 5. Jahre

an, doch zahlreiche erst vom 15., das Maximum erreicht sie im 30. Jahr,

das Ende im 95. Ein Baum kann 50-70 kg Datteln liefern. Die Früchte

sind von gelblicher, gelbrötlicher oder gelbbräunlicher Farbe.

=Vorkommen.= Die Dattelpalme, «einer der wertvollsten Nutzbäume der

Welt», «der König der Oasen», ist über Arabien, Ägypten, Nubien,

die Oasen der Sahara, Algerien, Tunis und Marocco (Atlashochland)

verbreitet. Sie geht westlich bis zu den Canaren und Capverdischen

Inseln, östlich bis Iran, dem persischen Meerbusen bis zum Indus.

Zentrum und Heimat der Kulturdattel ist wohl Arabien. Elche in Spanien

liefert noch gute Datteln. In Nizza und San Remo reift die Dattel an

geschützten Stellen -- sie hält noch -5° C. aus --, nicht diesseits

der Alpen. «Sie senkt ihre Wurzeln in das Wasser und ihre Krone in das

Feuer», d. h. sie braucht Grundwasser und heißes Klima. Ihr assyrischer

Name mussuḳḳan bedeutet «himmelhäuptig». Beled-el-Dscherid, d. h.

Dattelland, hieß früher der Südabhang des Atlas-Systems, jetzt wird

damit das südliche Tunis bezeichnet. Fezzan ist ganz auf Dattelkultur

angewiesen. Das Niltal ist eine ungeheuere Datteloase. Die Zahl der

Dattelpalmen in Algier übersteigt 4 Millionen. In Ägypten, Algier und

Tunis ist die Dattelpalme ein wichtiges Steuerobjekt. In Arabien, das

viele Datteloasen hat, ist Dschidda ein großer Dattelmarkt, ebenso die

Bahreininseln, «Datteln nach Bahrein tragen» lautet ein arabisches

Sprichwort, d. h. soviel wie «Eulen nach Athen tragen». Persien besitzt

ausgedehnte Palmenhaine, besonders in Laristan. Sie bildet überall

Dorfwäldchen. Sie braucht eine mittlere Jahrestemperatur von 24-25° C.

=Pathologie.= Über pflanzliche Schädlinge berichtet Prof. ~Ed.

Fischer~: Das Fruchtfleisch der reifen _Datteln_ wird häufig von

einem Parasiten zerstört, den ~Corda~ als eine Ustilaginee angesehen

hatte, der aber nach ~Patouillard~ und ~Delacroix~ (Bull. soc. mycol.

France T. VII, p. 118) eine Aspergillacee ist und _Sterigmatocystis

Phoenicis_ (~Corda~) ~Patouill~. et ~Delacroix~ genannt werden muß.

Im Niltale trägt die Krankheit den Namen Mchattel. Man beobachtet sie

zuweilen auch an Datteln, die in Kistchen nach Europa spediert werden.

=Handelssorten.= Die Dattel ist Charakterdroge der Südprovinz des

mediterranen Drogenreiches (I, S. 441). Die meisten Datteln kommen

jetzt aus Arabien, Persien und Ägypten. Algerien und Tunis liefern

sehr gute Datteln. Die besten Datteln sind die afrikanischen. Sie sind

fast walzenrund, fingerförmig, etwa 2-3 cm lang, weich und sehr süß.

Man schätzt das Einkommen aus der in Afrika besteuerten Dattelpalme in

Ägypten auf M. 10-20 pro Baum. Haupthandelsplatz für türkische Datteln

ist Basra. Einfuhrhäfen sind besonders Marseille, dann Genua, Hamburg

und London.

Man findet sie im Handel locker in Kistchen in Reihen gelegt oder zu

Ballen (Blöcken) gepreßt.

Die unter türkischer Oberhoheit stehenden Länder produzierten 1907: 51

Mill. kg im Werte von 34 Mill. Piaster.

Die Einfuhr von Datteln nach Hamburg betrug seewärts in dz. 1906:

21813, 1907: 14156, 1908: 24717. Von der Einfuhr 1908 stammten die

meisten (15177 dz.) aus Arabien, viel lieferte auch Persien (3921)

und Großbritannien (2943, aus den britischen Kolonien und Ägypten).

Geringer war die Einfuhr aus Frankreich, Marokko, Syrien und

Kleinasien. Die Vereinigten Staaten führten 1909: 21869218 Pounds

Datteln ein, die Mehrzahl (beinahe 19 Mill.) aus der asiatischen

Türkei.

=Anatomie.= Das Pericarp ist von einer Epidermis bedeckt. Unter

ihr liegt eine Schicht kleinzelligen Parenchyms. Dann folgt scharf

abgesetzt in einer Zone stark tangential gestreckter, dünnwandiger

Parenchymzellen die Sklereïdenschicht, die aus rundlichen oder stark

radial gestreckten Zellen besteht, die oft zapfenartig nach Innen

vorspringen. Dann folgt eine Zone größerer Parenchymzellen und dann

die Region der Inklusen. Größere rundliche Parenchymzellen führen

hier je einen hellen, stark lichtbrechenden, weichen, runden Körper,

der sich Reagentien gegenüber ähnlich verhält, wie die Inklusen von

_Ceratonia_ und _Diospyros_ (~Tichomirow~). Die Dattelinklusen färben

sich mit Eisenchlorid blaugrün bis schwarz, mit Vanillin-Salzsäure

rot. Sie enthalten ein in Wasser unlösliches Phloroglukotannid. Das

Endocarp löst sich leicht als Silberhaut ab. An der Stelle, die der

Samenrinne (s. unten) entspricht, ist es als Leiste vorgestülpt.

Zwischen ihm und dem Fruchtfleisch findet man bisweilen Zuckerkristalle

(~Vogl~, Nahrungsm. Fig. 136). Der +Same+ ist gestreckt, beiderseits

zugespitzt, an der einen Seite mit einer Rinne versehen. Die dünne

Samenschale besteht aus einer mehrzelligen äußeren hellen und aus

einer einreihigen braunen Schicht, die auch in die Rinne eindringt.

Die Zellen sind schwach verdickt und getüpfelt. Das Endosperm ist

hart, hornig, läßt sich aber mit dem Messer schneiden. Es besteht aus

strahlig angeordneten, radial gestreckten, stark verdickten und reich

getüpfelten Zellen, die reichlich Aleuronkörner enthalten. Der kleine

Keimling liegt in der Mitte der konvexen Längsseite.

=Chemie.= Die Dattel enthält im vom Kern befreiten Fruchtfleisch

28-66, im Durchschnitt c. 47% +Invertzucker+ (20,7-39,3% +Dextrose+

und 22,1-22,4% +Lävulose+) und, wie es scheint, keinen Rohrzucker

(~Bonastre~ gab 1832 welchen an). Der +Dattelhonig+ enthält 39,3%

Dextrose, 32,4% Lävulose, 3,3% Pektin. Der +Dattelsirup+ 29,7% Dextrose

und 22,1% Lävulose. Die aus Dattelhonig (s. unten) auskristallisierende

Masse besteht aus 83,4% +Dextrose+ und 11% +Lävulose+ (~Grimbert~). Die

Dattel enthält ferner in Prozenten: 20,8 +Wasser+, 6,6 +Eiweißstoffe+,

11,3 +Pektose+ und +Gummi+, 0,2 +fettes Öl+, 5,5 +Rohfaser+,

1,6 +Asche+. Asche der Samen: 1,1%. Die Samen enthalten viel

+Reservezellulose+, eine Hemizellulose, die beim Keimen gelöst wird und

+Cytase+ (~Newcombe~). Sie liefern bei der Hydrolyse +Galaktose+ und

+Mannose+, enthalten also Galaktane und Mannane.

=Verwendung.= Die Dattel ist vornehmstes Nahrungsmittel der Stämme in

ganz Nordafrika. Jede Karawane hat einen Dattelvorrat. Die Elemente des

genügsamen Fellah sind: Sonne, Nil, Dattel und Prügel. Der geröstete

Kern wird in Algerien und auch sonst als Kaffeefälschungsmittel

benutzt. In Europa werden Dattelkerne zur Fälschung der Gewürze

angewendet. +Dattelkerne+ (Dactylorum ossa seu nuclei) finden sich in

der Braunschweiger Taxe von 1574 (I, S. 816), wurden also jedenfalls

damals als Arzneimittel benutzt. Die schlechteren Dattelsorten werden

zur Alkoholfabrikation benutzt. Datteln aus Maskat werden z. B. in

Vorderindien in großen Massen auf Schnaps verarbeitet. Die Fabriken in

Urann gehören Parsi.

Medizinische Anwendung findet die Dattel in Europa kaum noch, doch ist

sie Bestandteil der quatre fruits pectoraux. Dattelsirup wird in Afrika

als Pectorale benutzt. (Im übrigen vgl. ~Dragendorff~, Heilpflanzen.)

Im Innern von Algerien wird aus einer sehr zuckerreichen Dattelart

(Gharz) +Dattelhonig+ (dibus) und +Dattelsirup+ in der Weise bereitet,

daß man die Früchte auf Palmzweighorden übereinander häuft und der

Sonne aussetzt. Es fließt dann ein sirupdicker Saft aus, aus dem

bisweilen Zucker reichlich auskristallisiert. Dattelhonig (_mel

phoenicinum_) wird bereits im Edikt ~Diocletians~ (I, S. 570) erwähnt.

Um Zucker aus der Dattelpalme zu gewinnen, macht man tiefe Einschnitte

am oberen Stamm. In Jessore bei Calcutta wird noch jetzt viel Zucker

aus dem Palmsaft bereitet. +Dattelwein+ (duschab), den bereits die

Bibel, ~Herodot~ und ~Plinius~ erwähnen, wird noch heute dargestellt

(vgl. I, S. 1017); ebenso +Dattelbranntwein+ (in Ägypten und Indien).

Datteln wurden und werden im Orient bisweilen als Geld benutzt (I, S.

186).

=Geschichte.= Schon in altsumerischer Zeit war die Dattel im

Zweistromlande bekannt (I, S. 476). Sie ist ein Bestandteil

zahlreicher Keilschriftrezepte, ebenso wie der Palmwein (Dattelwein

I, S. 485). Die Dattelpalme findet sich auf den ältesten

Darstellungen von Pflanzen, die auf uns gekommen sind, z. B. auf

assyrischen Denkmälern (I, Fig. 371 u. 372), dort oft mit dem

Weinstock zusammen. Berühmt war der königliche Dattelgarten von

Babylon: Bagou; ~Strabo~ (I, S. 532) berichtet, daß die Dattel für

die Babylonier Brot, Kuchen, Wein, Essig, Honig und Mehl gewesen, daß

sie die Blätter zu Flechtwerk, die Kerne als Viehfutter und geglüht

als Kohle für Schmiede benutzt hätten. Auf ägyptischen Denkmälern

findet sich die Dattelpalme schon im III. Jahrtausend n. Chr. (I,

Fig. 467). Sie scheint zur Zeit der X-XI. Dynastie (2560-2380

n. Chr.) dort in Kultur genommen worden zu sein (~Wönig~). Sie findet

sich auch unter sehr alten Grabbeigaben (Verzeichnis bei ~Buschan~).

Im Papyrus ~Ebers~ wird die Dattel, auch die unreife, Dattelhonig,

-Wein und -Kuchen als Heilmittel erwähnt. Dattelwein und Dattelhonig

waren schon zur Zeit des alten Reiches Heilmittel. Ein uraltes, noch

heute gültiges, ungeschriebenes Kriegsrecht verbietet das Umhauen der

Dattelpalme. Die Dattel (tamār) und ihr Honig (dibs) waren auch bei

den Juden in Anwendung (I. Mose 43). Nach den griechischen Inseln kam

sie um das Jahr 1000 n. Chr. (~Hehn~). Um das Jahr 700 n. Chr. kam

sie nach Attica und Korinth (~Schwendener~). Auf dem italienischen

Festlande ist sie 291 n. Chr. nachzuweisen (~Buschan~). Eingehend

gedenkt ihrer ~Theophrast~ (I, S. 547), der auch die künstliche

Befruchtung beschreibt und über die Ertragsfähigkeit orientiert

ist. Er rühmt die kölesyrischen. Berühmt waren auch die syrischen

sowie die von Jericho, welche Stadt Palmyra (hebr. Tadmor) hieß,

d. h. Dattelstadt. ~Plinius~ unterscheidet verschiedene Sorten (die

königlichen, die Syagren, Margariden, Sandaliden, Karyoten, Nikolaen,

Adelphiden, Paleten, Dactylen). Im Periplus wird φοῖνιξ aus Persien

und Gedrosien erwähnt (I, S. 535), als Ausfuhrhafen Barygaza. Im Pen

tsao kang mu (I, S. 519) finden sich persische D. Für die Chinesen

war der Dattelbaum eine «fremde Pflanze» (s. oben S. 35). In der

Liste des ~Serapion~ (I, S. 606) finden sich dactili (Rorab). Die

~Hildegard~ erwähnt den Datilbaum (I, S. 671). Datteln (Dactyli

ping., dattuli) finden sich auch bei ~Cordus~ (I, S. 798).

=Lit.= ~Baillon~, Monographie des palmiers. Paris 1895. -- ~Drude~,

Palmen in Engler-Prantl. -- ~Martius~, Verbreit. d. Palm. in d.

alt. Welt. Münch. gel. Anzeig. 1839. -- ~Seemann~, Die Palmen.

Deutsch von ~Bolle~ 1863. -- ~Wönig~, Pfl. d. alt. Ägypt. --

~Buschan~, Vorgeschichtl. Botanik. 1895. -- ~Schwendener~,

Kulturpflanzen, Vortrag. -- ~Schweinfurth~, Pflanzengeogr. Skizze

d. ges. Nilgebietes. Peterm. geogr. Mitth. 1868 und (Über d. Kultur

d. D.) Gartenflora 1901. -- ~Curtis~, Nil-Skizzen eines Howadji.

Deutsch v. ~Spielhagen~ 1857. -- ~Fischer~, Die Dattelpalme, vgl.

auch ~Fischers~ Karten in Peterm. Geogr. Mitt. Ergänzungsh. 64.

1881. -- ~Semler~, Trop. Agrikultur. 2. Aufl. I. -- ~Hassack~,

Schönheit u. Nutzen d. Palmen. Vortrag, Wien 1898. -- Morph. Abbild.

in ~Hérail~, Traité de pharmac. 1901, p. 64. -- Die Keimung der

D. in ~Sachs~’ Lehrb. d. Bot. S. 444. -- ~Willkomm~, Südfrüchte.

Samml. gemeinverständ. Vortr. 1877. -- ~Planchon-Collin~, Drogues

simples. -- ~Hanausek~, Zeitschr. d. Österr. Apoth. Ver. 1892. --

~Vogl~, Nahrungs- u. Genußm. (anatom. Abbild.). -- ~Tichomirow~,

Die Johannisbrotartigen Intrazellular-Einschließ. im Fruchtparench.

mancher süßen Früchte usw. Bull. Soc. des Naturalist. de Moscou 1905.

-- ~König~, Nahrungs- u. Genußm. 4. Aufl. 1903. -- ~Grimbert~, Journ.

pharm. chim. 1889, p. 485. -- ~Vinson~, the Endo- and Ektoinvertase

of the date. Journ. Am. Chem. Soc. 1908.

Passulae.

1. =Passulae majores= -- Uvae passae -- Große Rosinen, Zibeben --

Raisins secs, R. passés ou de Malaga (franz.) -- Raisin (engl.)

-- rozijn (holl.) -- rusina (finn.) -- mazsolaszöllö (ung.). Die

Weinbeere heißt arab. ’Eneb, die Traube ägypt. elel, árer, aarer-t

und die Rosinen zmtn.

=Vitis vinifera= L., Vitaceae, Vitoideae, in sehr zahlreichen

Kulturformen. (Sowie die amerikanische Rebe: =Vitis Labrusca= L. u.

and.) Ursprüngliche Heimat vielleicht im Südkaukasus.

[Illustration: Fig. 13.

Der größte Rosinenmarkt der Erde, Savannah in Georgien. [Aus Les

grandes cultures.]]

=Etym=. Vitis ist sehr verschieden gedeutet worden. «Vitis a vino,

idque a vi» (~Varro~), «Vitis dicta quod vim habeat citius radicandi»

(~Isidor~), auch von vincire (= binden) -- Vinum, vin, wine, wijn

etc. in allen Kultursprachen (s. auch unter Geschichte).

Die reifen getrockneten Beeren, die sehr große Mannigfaltigkeit

in Gestalt, Größe und Farbe besitzen, kommen aus Spanien,

Frankreich, Griechenland, Kleinasien in den Handel. Die besten

sind die +Smyrnäer+ (Elemé [s. Caricae], Chesme), sowie die

Valencia-Rosinen (Spanien). Die +Sultaninen+ sind die größten,

die +Malagatraubenrosinen+ (Muscateller) sehr fleischig, meist

noch an den Stielen. Die +Zibeben+ sind hartfleischig, dunkel, oft

zusammengeklebt. Rosinen werden in Kisten oder Fässern versandt.

Besonders Malaga und Valencia sind Verschiffungshäfen für Rosinen.

Beide Häfen verschiffen zusammen 3 Millionen Kisten (à 25 engl.

Pfund). Dreiviertel der Rosinenausfuhr entfällt auf Malaga. Die

Malagarosinen sind groß, fleischig und sorgfältig sortiert. Auch

Kalifornien produziert jetzt steigende Mengen Rosinen. Savannah in

Georgien ist einer der größten Rosinenhäfen der Welt (Fig. 13). Die

Methoden der Trocknung sind verschieden. Entweder wird die Traube

direkt in der Sonne getrocknet oder zuvor in heißes Wasser getaucht,

oder künstliche Wärme benutzt. Die Valencia-Rosinen werden, um

ihre Haut zarter zu machen, vor dem «Dörren» in ein aus Rebenasche

hergestelltes Laugenbad getaucht.

Die aufgeweicht kugeligen +Früchte+ sind von einer aus polygonalen

Zellen bestehenden Epidermis bedeckt. Das Mesocarp besteht aus

großen, zartwandigen Zellen, die bei der Droge tafelförmige

Zuckerkristalle und derbe, meist zugespitzte Weinsteinkristalle

enthalten. Legt man einen Schnitt durch eine Rosine in Öl, so

sieht man die Schnittfläche mit zahlreichen großen Kristallen

von Zucker und Weinstein, die in eine weiche hyaline Zuckermasse

eingebettet sind, bedeckt. Daneben finden sich kleine Rosetten

feiner Nadeln. Legt man einen Schnitt in Wasser, so lösen sich die

Zuckerkristalle und man erkennt, daß der Weinstein besonders in der

Peripherie liegt. Erwärmt man das Wasserpräparat, so lösen sich

auch die Weinsteinkristalle. Die zarten Gefäßbündel sind bisweilen

von Kristallkammerfasern begleitet. Die Fruchthöhle erscheint als

Spalt. Die birnförmigen, meist zu zwei vorhandenen +Samen+ besitzen

eine Epidermis mit dicker Außenwand. Dann folgt ein zartwandiges

Parenchym, von dem einige Zellen Oxalatnadeln führen und auf dieses

eine breite Zone starkverdickter, radialgestreckter Sclereïden.

Zu innerst liegt wieder ein zartes Gewebe (Gitterzellen) und eine

innere Epidermis. (Abbild. bei ~Moeller~). Das +Endosperm+ enthält

Aleuronkörner, die entweder eine Oxalatdruse oder ein Globoid

enthalten.

[Illustration: Fig. 14.

Die in Griechenland übliche Methode, die Korinthen zu trocknen. [Aus

Les grandes cultures.]]

Sie enthalten 60,5-73,5%, im Mittel: 61-64% +Invertzucker+ (~König~)

und zwar c. 27% +Dextrose+ und c. 34% +Lävulose+, meist keinen

Rohrzucker oder nur sehr wenig, ferner +Weinstein+. Im Mittel

1,22% freie Säure auf Weinsäure bezogen und 1,66% Asche. Ferner

+Apfelsäure+ und +Pectin+, die Samen 5-6% +Gerbstoff+. Das 15-18%

der Samen betragende (gelegentlich extrahierte) +fette Öl+ enthält

vorwiegend Glyzeride der Erucasäure (C₂₂H₄₂O₂), dann auch solche

der Stearin- und Palmitinsäure (Fitz). Auf und in den getrockneten

Weinbeeren kristallisiert bisweilen Zucker und Weinstein aus. Trauben

enthalten auch pro kg 0,32 mgr +Salizylsäure+, wohl als Methylester

(~Traphogen~) und etwas +Borsäure+ (~Norton~).

Handbuch der Pharmakognosie(#71452) · 第 5 / 120 段