Die Kaprifikation ist sehr alt und wohl eine Erfindung der Semiten

Syriens und Arabiens. Die beiden üblichen Formen schildert schon

~Plinius~. «Man setzt daher den Caprificus, den wilden Feigenbaum,

dahin, wo der Wind nach den Feigengärten zieht, damit derselbe die

ausfliegenden Insekten auf die Feigenbäume bringe. Noch ein anderes

Mittel hat man ausfindig gemacht; man legt nämlich jene, wenn man

sie anderswoher bringt, zusammengebunden auf den zahmen Baum». Auch

~Theophrast~ (die wesentliche Quelle des ~Plinius~) bespricht die

Kaprifikation bereits. Beiden ist eine Beziehung zu den Insekten

bereits klar; ebenso dem ~Aristoteles~. Doch erkannte erst ~Linné~

1744 die +Bedeutung+ der Insekten für die Fortpflanzung und die

Bildung reifer Samen bei _Ficus_ (hier lange vor ~Sprengel~!).

~Solms~ meint, daß die +Kaprifikation+ «eine in längst vergangenen

Zeiten notwendig gewesene, jetzt kaum mehr nützliche, durch die

lebendige Überlieferung von Generation zu Generation bis zum heutigen

Tage in gleicher Form konservierte gärtnerische Operation» sei.

Ob bei _Ficus Carica_ nicht auch Parthenogenese stattfindet,

bleibt zu untersuchen. Sie erscheint möglich, da z. B. bei _Ficus

Roxburghii_ weder ein Eiapparat noch Antipoden normal entwickelt

werden und der Embryo aus dem Nucellargewebe entsteht (~Cunnigham~).

Die Sache ist nicht schwer zu entscheiden. Man braucht ja nur unreife

Feigen in einen gut schließenden Gazebeutel einzuschließen, darin

reifen zu lassen und zu untersuchen ob auch dann reife Früchte

gebildet werden.

Eine andere Operation ist das +Ölen+, das ogliazione der Italiener, das

Verschmieren des Ostiolums mit Öl -- man bringt mit einem Strohhalm

einen Tropfen _Olivenöl_ auf das Ostiolum --. Es war bereits den alten

Juden und auch dem ~Theophrast~ bekannt. Es wird noch heute in Italien,

Syrien, Spanien und der Provence geübt und bringt die Fruchtstände

früher zur Reife.

=Lit.= ~Miquel~, Prod. Monogr. ficuum. Hookers London Journ. of Bot.

VII. -- ~Gasparini~ (Publikationen meist in der Acad. di Napoli) und

~Cavolini~ Opuscoli (beide zitiert bei ~Solms~). -- ~Tournefort~ (I,

S. 905). -- Graf ~Solms-Laubach~, Die Herkunft, Domestikation und

Verbreitung des gewöhnlichen Feigenbaumes. Abhandl. d. Göttinger Ges.

d. Wissenschaft. 28. 1881 (auch separat 1882). Dort die Literatur.

Ferner: Die Geschlechterdifferenzierung bei den Feigenbäumen. Bot.

Zeit. 1885 (Ref. in Bot. Jahresber.). -- ~Treub~, D. weibl. Organ

u. d. Embryogenese bei _Fic. hirta_. Ann. jard. bot. Buitenz. 1902.

-- ~Fritz Müller~, Caprificus und Feigenbaum. Kosmos XI, 1882 (Ref.

Bot. Jahresber.) -- ~King~, Observ. on the genus Ficus Journ. Linn.

Soc. 24 u. Ann. roy. bot. gard. Calcutta 1887. -- ~Schweinfurth~,

Bull. de l’Herbier Boissier 1896. -- ~Westwood~, Descript. of the

insects infest. the seeds of Ficus Carica Transact. Entomol. Soc.

1882. -- ~G. Mayr~, Feigeninsekten. Zool. Bot. Ges. Wien 1885 (Ref.

in Bot. Jahresb.). -- ~P. Mayer~, Zur Naturgesch. d. Feigeninsekt.

Mitt. Zool. Stat. Neapel III 1882. -- ~Mayer~ u. ~Fritz Müller~,

Zur Naturgesch. d. Feigeninsekt. Kosmos XII. Ref. Bot. Jahresber.

-- ~Tschirch~ und ~Oesterle~, Anatom. Atlas. -- ~Hehn~, Kulturpfl.

u. Haust. -- ~Cunnigham~, Rundschau 1900, XV. 51. -- Abbildungen in

~Berg-Schmidt~, Atlas. Erste Auflage, ~Bentley-Trimen~, Medicinal

plants und in ~Zippel-Bollmann~, Wandtafeln.

=Pathologie.= Über die pflanzlichen Schädlinge der _Feige_ berichtet

Prof. ~Ed. Fischer~: Unter den Pilzen, welche die Fruchtstände der

Feige befallen und zerstören, sind besonders folgende Arten zu

nennen:

_Colletotrichum Carica_ ~Stevens~ et ~Hall~. (Zeitschrift für

Pflanzenkrankheiten XIX 1909, p. 65); bringt die Fruchtstände zum

Faulen und vorzeitigem Abfallen.

_Cercospora Bolleana_ (~Thüm~.) tritt auf Blättern und Fruchtständen

auf, letztere zu vorzeitigem Abfallen bringend.

Auch eine _Botrytis_ ist beobachtet worden, welche die Fruchtstände

durchwuchert, hier ihre Conidien bildet und sich von da auf die

Zweige verbreitet.

Das Fruchtfleisch reifer _Feigen_ des Handels ist zuweilen von einer

schwarzen, etwas schmierigen Sporenmasse durchsetzt, die einem Pilze

angehört, welchen ~Reichardt~ (Verhandl. zoolog. botan. Gesellsch.

Wien XVII 1867) für eine Ustilaginee angesehen und _Ustilago Ficuum_

genannt hatte. ~Hennings~ (Hedwigia XXXIV 1895) zeigte jedoch, daß

es sich um eine Aspergillacee handelt, die _Sterigmatocystis Ficuum_

(~Reich~.) ~P. Henn~. heißen muß.

=Vorkommen und Kultur.= ~Schweinfurth~ hält die noch jetzt in

Südarabien und Nordabyssinien vorkommende _Ficus palmata_ ~Forsk~. (_F.

pseudocarica_ ~Hochst.~) für die Stammform, aus der die Kulturfeige

entstand. Die Urheimat der Feige sucht ~Solms~ in Südarabien. Von

dort wird sie dann nach Idumaea, Coelesyrien und Syrien, sowie

nach Babylonien und Ägypten gebracht und dort domestiziert worden

sein. _Ficus Carica_ existierte aber bereits in der Quartär- und

Diluvial-Periode im westlichen Teile des Mediterrangebietes. Ein

_Ficus_ findet sich sogar in der Kreide Grönlands. «Sie hat sich schon

in vorhistorischen Zeiten von Osten nach Westen verbreitet, als sie

noch nicht Kulturpflanze geworden war» (~Hehn~). In frühgeschichtlicher

Zeit war die Kultur der Feige wohl auf Syrien, Ägypten, Arabien und

Babylonien beschränkt. Die Feigenkultur erstreckte sich dann später vom

nordwestlichen Indien und den ostarabischen Steppen über die Länder

am Caspimeer, das obere und mittlere Mesopotamien, Syrien, Palästina

und Kleinasien. Durch Kultur ist die Feige dann (s. Geschichte) wohl

durch die Semiten Syriens über das ganze Mittelmeergebiet verbreitet

worden, hat dann später die Alpen überschritten und ist bis nach

England vorgedrungen. Am Südrande der Schweizer Seen, in Südtirol

und in der Provence hält sie an geschützten Stellen über Winter

aus, ebenso in Südengland und den Inseln des Kanals. Auch in China,

Nordwest-Indien, Dekkan, Beludschistan, Kalifornien, Canada, Mexiko und

Chile wird sie jetzt kultiviert; in Kalifornien seit 1901 in steigender

Menge. Ausgedehnteste Feigenkulturen finden sich in Kleinasien im

Distrikt Aidin am Menderes Tehay (Mäander), große Feigengärten auch

bei Ayazlúk (Ephesus). Sehr gute gedeihen bei Yenishehír (südöstlich

von Isnik-Gölii), am Sabándja-See und am Golf von Ismid, sowie bei

Anádoli-Kavák am Bosporus; ferner vom unteren Kyzyl Yrmák ab östlich,

vorzüglich bei Trapezunt, endlich bei Malátia (~Semler~). +Brasilien+

kultiviert von den Feigen besonders Fig blanc, albicone, napolitai und

negretto. Vgl. auch Handelssorten.

Die Feige gehört in das Mediterrane Drogenreich (I, S. 441). Sie ist

ein ausgesprochen subtropisches Gewächs. In den Tropen kultivierte

Bäume liefern weniger gute Früchte.

=Lit.= ~Ritter~, Erdkunde von Asien VII. Berlin 1844. -- ~Hehn~

a. a. O. (dort weitere Literatur). -- ~Solms~ a. a. O. -- ~Buschan~,

Vorgeschichtl. Botan. 1895. -- ~Semler~, Trop. Agrikultur.

=Einsammlung.= In der Achsel der Blätter entwickeln sich an vorjährigen

Trieben schon zu Ende des Winters, meist vereinzelt, die im Juni

reifenden +Frühfeigen+ (Grossi, Profichi, Orni). Später kommen dann

in den unteren Blattachseln die +Sommerfeigen+ (Forniti, Mammoni).

Sie entwickeln sich im August und reifen im November. Und schließlich

kommen die über den Winter dauernden, in April-Mai des nächsten Jahres

reifenden +Spätfeigen+ (Cratiri, Mamme) zur Reife. Die Feigen werden

meist an der Luft und Sonne auf Horden getrocknet.

Die Feige bleibt bis zur Vollreife am Baum. Das «Dörren» muß sehr

sorgfältig, entweder an der Sonne oder in eigenen Dörrapparaten bei

40-50° erfolgen. ~Semler~ empfiehlt die Feigen vor dem «Dörren»

kurze Zeit in eine Pottaschelösung (1 : 14) zu tauchen, um ihre Haut

geschmeidiger zu machen. Das Pressen der Feigen geschieht in eigenen,

sehr einfachen Pressen. Gepreßte Feigen haben einen höheren Preis. Sie

sind weniger den tierischen Feinden ausgesetzt.

Lit. ~Rossi~, Sulla prod. d. fichi secchi in Italia. Ann. scol. sup.

d’agricolt. Portici Napoli 1881. -- ~Semler~ a. a. O.

=Handelssorten und Verpackung.= Schon im Altertum kannte man viele

Sorten. Vorzügliche Feigen lieferte Caunus, nordöstlich von Rhodus,

und Caria (Karien) im Südwesten Kleinasiens, woher noch heute Feigen

und wie damals in Holzschachteln zu uns kommen. Dann waren auch die

attischen berühmt. ~Plinius~ erwähnt lydische, afrikanische (Ruspina),

alexandrinische, rhodische, tiburtinische, herkulanische, chalcidische

Feigen, und auch solche, die nach ~Livius~ und ~Pompeius~ benannt

waren, sowie Feigen von der Insel Ebusus und den Marrucinen, im ganzen

29 Sorten. In der Tariffa des ~Pasi~ (1540, I, S. 703) werden Fighi di

Schiavonia, di Levante, di Italia und del Ponente erwähnt.

[Illustration: Fig. 8.

Ankunft eines kleinasiatischen Feigentransportes aus dem Innern des

Landes auf der Station. [+W. Tiedemann+ phot.]]

Die besten aber nicht sehr haltbaren Feigen des heutigen Handels sind

die +Smyrnafeigen+ (türkische Feigen), die aus Kleinasien, besonders

aus der Ebene von Aidin, Innovasi, Nasli, Sultan Hissar stammen und

aus Smyrna exportiert werden. Sie sind groß, plattgedrückt rund, sehr

süß, von Honiggeschmack und haben eine dünne gelbliche Haut. Man

unterscheidet drei Untersorten: +Eleme+ [ellémé (türk.) = von Hand

gepflückt] und +Erbegli+ (Erbeili) -- beide in runden Holztrommeln,

Schachteln (Schachtelfeigen) oder Kistchen mit _Lorbeerblättern_

bedeckt -- und +Roba mercantile+ in Fässern, locker, ungepreßt. Die

Feige ist die vornehmste Quelle des Reichtums von Smyrna, das den

Feigenhandel beherrscht. 1901 betrug der Export 20 Mill. kg.

Die im Innern Kleinasiens geernteten und am Produktionsorte

getrockneten Feigen werden in Säcken verpackt, auf den Rücken der

Kamele zur nächsten Bahnstation der kleinasiatischen Bahnen (Fig.

8) und von dort nach Smyrna gebracht, das Hauptstapelplatz und

Ausfuhrhafen für die kleinasiatischen Feigen ist. Hier werden sie

gewogen, gereinigt und sortiert, gewisse Sorten auch mit gepulvertem

Fruchtzucker bestreut.

Die kleineren +griechischen+ Feigen (Fraccazani, Corfu) sind weniger

süß, derbhäutiger und haltbarer. Sie werden besonders von Kalamata, am

Meerbusen von Messenien, von Andros und Syros exportiert und kommen

entweder als Kranz- oder Moreafeigen, +Caricae in coronis+ -- gepreßt

und auf _Cyperus_halme oder Bastschnüre gezogen -- oder locker in

Fässer gepackt in den Handel.

Die +italienischen+ Feigen werden meist lose in Körbchen versandt

(Korbfeigen). Man unterscheidet: Neapolitaner, Calabrische, aus

+Cosenza+ (in Calabria citeriore), Sicilianische, Puglieser und

Genueser Feigen. Sie sind kleiner und weicher als die griechischen,

aber weniger haltbar.

Die türkischen, griechischen und italienischen Feigen kommen meist über

Triest und Fiume.

Die +Tiroler+ Feigen stammen aus Südtirol (Trient, Rovereto). Nach

dem Packmaterial -- _Lorbeer_- oder _Rosmarinblätter_ -- heißen sie

Lorbeer-, Laub- oder Rosmarin-Feigen. Die +Dalmatiner+, +Istrianer+

oder +Triester+ Feigen in Fässern sind sehr süß, aber nicht haltbar

(Faßfeigen).

Die +südfranzösischen+, +spanischen+ und +portugiesischen+ Feigen sind

den kalabrischen ähnlich und kommen meist über Hamburg. +Marseille+

liefert viel Feigen, etwa von der Größe der Cosenzafeigen.

Die Türkei und Griechenland exportierten 1907: 30 Mill. kg Feigen im

Werte von 90 Mill. Piaster (Griechenland allein: 14 Mill.), Italien im

gleichen Zeitraum 14 Mill. kg, Spanien 1906: 4 Mill. kg.

Gehandelt werden die türkischen Feigen in Smyrna und Stambul, die

italienischen in Catania, Bari und Genua, die griechischen in Patras.

Einfuhrhäfen sind besonders Marseille, London und Triest, ein

Hauptpunkt des Feigenhandels.

Die in +Vorderindien+ gezogenen Feigen werden nicht exportiert. Sie

sind weniger gut als die Mittelmeerfeigen.

Die +ägyptischen+ Feigen (Eselsfeigen, Pharaofeigen, Adamsfeigen) sind

die walnußgroßen Fruchtstände der Sycomore (_Ficus Sycomorus_ L.). Sie

kommen aus Ägypten und Palästina.

Die +indische Feige+ ist keine Feige, sondern die Frucht von _Opuntia

vulgaris_ ~Miller~ (_Opuntia Ficus indica_). Die +Paradiesfeigen+ sind

Bananen.

=Lit.= J. ~Moeller~, in Realenzyklop. d. ges. Ph. III. --

~Flückiger~, Pharmakogn. u. and.

Die Einfuhr an Feigen in Hamburg betrug in Doppelzentner (dz) 1906:

32226, 1907: 21770, 1908: 27966. Die meisten des Jahres 1908 stammten

aus Kleinasien (15886 dz), dann folgt Griechenland und die Jonischen

Inseln (5600) und Spanien (4689). Weniger kamen aus Triest, Algier

und Italien, unbedeutende Mengen aus Frankreich, Arabien, den Verein.

Staaten und der europäischen Türkei sowie den russischen Ostseehäfen.

1909 importierte +Deutschland+: 73594 dz. _Feigen_, vorwiegend aus

Griechenland und der Asiat. Türkei, dann aus Italien, Algerien und

Spanien. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika führten 1909:

15235513 Pounds Feigen ein, vornehmlich (c. 13 Mill.) aus Kleinasien

und (c. 1 Mill.) aus Griechenland. Italien exportierte Fichi 1907:

142511, 1908: 164417, 1909: 183953 Quint.

[Illustration: Fig. 9.

_Ficus Carica_.

Längsschnitt durch einen Fruchtstand und weibliche Blüte.

[Nach +Tschirch-Oesterle+, Anatom. Atlas.]]

=Morphologie und Entwicklung der Droge.= Die +Fruchtstände+ der Feige

entstehen im typischen Falle zu zweit in der Achsel eines Laubblattes

als seitliche Bildungen an der axillaren Laubknospe (Anatom. Atlas

Taf. 28, Fig. 1 u. 17). Sie sind zunächst von der hinfälligen

Stipulartute des Tragblattes umhüllt. Für gewöhnlich wird jedoch nur

ein Fruchtstand entwickelt und der zweite verharrt im Stadium einer

kurzen Knospe. Jeder Fruchtstand wird von einem Involukrum behüllt,

das an der Basis der reifen Feige noch gut erhalten ist und aus drei

schuppenartigen Blättern besteht: dem Vorblatt des Achselknöspchens

und den Vorblättern des Blütenstandes. Der Blütenstand wird als eine

flache Schale angelegt, an deren Rande schuppenartige Blättchen sitzen,

Bildungen aus denen später die Schuppen werden, mit denen das Ostiolum

verschlossen wird, und an deren Boden sich die Blütenanlagen finden.

Mit fortschreitender Entwicklung wird die Schale immer tiefer und

endlich zum Kruge (Receptaculum, Hypanthium, Frucht- oder Blütenboden).

Dieser besitzt an seiner Spitze ein nicht ganz in der Mitte

angeordnetes Ostiolum, das solange die Feige unreif ist von Schuppen

geschlossen ist, deren äußerste schopfartig nach oben gerichtet sind,

um die Insekten zunächst vom Besuche abzuhalten. In diesem Stadium ist

die junge Feige noch ziemlich rundlich und grün. Sie milcht stark,

wenn man sie verletzt, schmeckt widerlich und riecht unangenehm. Das

derbe weiße Gewebe des Receptaculums enthält Stärke. Die die ganze

Innenwand des Kruges auskleidenden Blüten sind bei der Kulturfeige

für gewöhnlich rein weiblich, langgrifflig, kurzgestielt mit einem

einseitig vorgewölbten Fruchtknoten, der einen Griffel mit zwei langen

Narben trägt und meist drei Perigonblättern versehen (Fig. 9). Zwischen

ihnen liegen auf dem Krugboden Haare (Anat. Atlas Taf. 28, 6, 8, 18).

Die reife Feige hat eine mehr weniger schlanke, birnförmige, übrigens

wechselnde Gestalt und Größe und eine grünlich-violette Farbe, die aber

auch in bräunlich, rötlich, violett oder blauschwarz übergehen kann.

Auch farbig gestreifte oder bereifte Sorten sind bekannt. Bisweilen

platzt die Feige und läßt dicken Zuckersaft austreten (~Flückiger~).

Das Ostiolum der reifen Feige ist durch nach unten gerichtete Schuppen

geschlossen, die den Insekten den Weg nach Innen weisen. Das Gewebe des

Receptaculums ist hyalin weich, zuckerreich und stärkefrei geworden.

Der Geschmack ist nunmehr schleimig süß. Beim Verletzen tritt kein

Milchsaft mehr aus. Der Inhalt der Milchröhren ist erstarrt, nicht mehr

flüssig. Noch stärker sind die Veränderungen im Innern des Kruges.

Aus den Blüten haben sich kleine gelbe, fast kugelrunde Früchtchen

entwickelt, die ganz eingebettet sind in ein gelbliches, hyalines

«Fruchtmuß», das durch eine tiefgreifende Pektin-Schleimmetamorphose

der Krugwand, der Blütenstiele, Perigonblätter, Griffel und Narben,

sowie der äußersten Schichten der Früchtchen gebildet wird und

reichlich Zucker enthält. Immerhin findet man in der reifen Feige noch

Reste, besonders der Narben, der oben erwähnten, jetzt dickwandiger

gewordenen Haare, auch wohl einzelner Perigonblätter mit ihren

Randhaaren und natürlich die etwa 2 mm großen Früchte. Die Frucht ist

eine Drupa.

Die Feigen kommen entweder einfach getrocknet oder gepreßt in den

Handel. Die gepreßten werden von oben her zu Scheiben zusammengedrückt,

so daß auf der einen Seite etwas seitlich von der Mitte das Ostiolum,

auf der anderen der Stielansatz sichtbar ist.

=Lit.= ~Payer~, Organographie p. 275, tab. 60. -- ~Eichler~,

Blütendiagramme. -- ~Tschirch~ und ~Oesterle~, Anatom. Atlas, Taf. 28.

=Anatomie der Droge.= Die Wand des Hypanthiums ist bedeckt von einer

aus polyedrischen Zellen bestehenden Epidermis, in der sich da und

dort Spaltöffnungen und ziemlich viele, meist aber nur kurze, derbe,

kegelförmige Haare befinden (Fig. 10). Dann folgt eine Zone von

Parenchym, dessen Zellen Oxalatdrusen enthalten und darauf die die

Milchröhren führende Schicht. Weiter nach Innen liegen die Gefäßbündel.

Die innerste Zone ist meist obliteriert. Die +Milchröhren+ sind

verhältnismäßig dünnwandig, 15-45, meist 20-30 mik. weit und sehr

reich verzweigt. Sie gehören zum Typus der einfachen ungegliederten

und enthalten ziemlich große (4-7 mik.) Guttakörnchen isoliert oder

zu Ballen zusammengeflossen, die nur in Chloroform löslich sind.

Die +Gefäße+ sind meist Spiralgefäße, selten Netzleistengefäße. Sie

besitzen eine Weite von 15-22 mik., sind also in der Regel enger als

die Milchröhren (Unterschied gegenüber der _Cichorium_wurzel s. d.).

[Illustration: Fig. 10.

_Ficus Carica_.

Succedane Flächenschnitte durch die einzelnen Schichten des Hypanthiums

von der Epidermis (1) bis in die inneren Partien.

[Nach +Tschirch-Oesterle+, Anatom. Atlas.]]

Von der +Fruchtwand+ gehen die äußersten parenchymatischen Schichten

mit in der Pektin-Schleimmetamorphose, dem das ganze Innere des Kruges

anheimfällt, zugrunde. Erhalten bleibt meist nur die dritte Schicht

in Form kleiner verdickter isodiametrischer Zellen und die innerste

Schicht, die aus kurzen, stark verdickten Brachysklereïden besteht

(Fig. 11). Die +Samenschale+ besteht aus obliterierten Zellen und

ist zusammengefallen. Der +Embryo+ ist stark gekrümmt, Radicula und

zwei Cotyledonen sind deutlich. Er ist eingebettet in +Endosperm+.

In ihm und im Embryo finden sich reichlich, in Ölplasma eingebettet,

Aleuronkörner, die Kristalloide und Globoide enthalten.

[Illustration: Fig. 11.

_Ficus Carica_.

Querschnitt durch die Randschicht eines herauspräparierten Früchtchens

[Die äusseren Schichten (1-2) sind zu Grunde gegangen.]

[Nach +Tschirch-Oesterle+, Atlas.]]

=Lit.= ~Tschirch~, Angew. Anatomie, Fig. 611. -- ~Tschirch-Oesterle~,

Anatom. Atlas. -- ~J. Moeller~, Mikroskopie d. Nahrungs- u.

Genußmittel. 2. Aufl. 1905 (dort weitere Literatur). -- Bei

~Malpighi~ (Opera 1687) findet sich ein guter Längsschnitt durch das

Receptaculum. Er sah bereits die Milchröhren.

=Pathologie der Droge.= Häufig finden sich in trockenen Feigen Milben,

besonders _Carpoglyphus passularum_, _Glyciphagus prunorum_ u. and.

(~Israël~, s. I, S. 380).

=Chemie.= Getrocknete Feigen enthalten neben etwa 5,5% +Pektin+ 27-62

(70?), meist etwa 51% +Zucker+, wie es scheint nur +Invertzucker+

(Dextrose + Lävulose) und keinen Rohrzucker (Saccharose). Auch nach

der Inversion bleibt der Zuckergehalt etwa gleich (~Dieterichs~). Der

+Traubenzucker+ kristallisiert oft aus und bedeckt als Kruste die

Oberfläche. Ein Liter frisch ausgepreßter Feigensaft enthält 128 g

Zucker (~Balland~). Die unreife Feige enthält sehr wenig Zucker aber

reichlich Stärke, die reife ist stärkefrei. Der Inhalt der Milchröhren,

der beim Anschneiden unreifer Feigen ausfließt und diesen einen

unangenehmen Geschmack verleiht, erhärtet beim Reifen und enthält dann

zahlreiche ziemlich große Kautschukkörner, die aus Gutta bestehen (s.

oben). Die Samen enthalten +fettes Öl+ und +Aleuron+. Der +Aschegehalt+

beträgt 1,3%. Die Asche enthält 0,06% Borsäure (~Hotter~ 1895). Frische

Feigen enthalten oft 86% Wasser, trockene c. 30%. Da die Feige über 6%

Eiweiß enthält, ist sie sehr nahrhaft.

Das peptonisierende +Ferment+ Cravin, das sich im Milchsafte der ganzen

Pflanze findet, ist nicht identisch mit Papayotin (~Mussi~). Schon

~Plinius~ und ~Dioskurides~ wußten, daß der Milchsaft unreifer Feigen,

der im Altertum viel medizinisch angewendet wurde, Milch zum Gerinnen

bringt.

=Lit.= Ältere Analyse von ~Bley~ (in ~Pereira~, Heilmittellehre).

-- ~Flückiger~, Pharmakognosie (~Dieterichs~). -- ~König~, Chem. d.

Nahrungs- u. Genußmittel. 4. Aufl. 1903/04. -- ~Albini~, Ber. d. d.

chem. Ges. 1871. -- ~Balland~, Journ. pharm. 1876. -- ~Carlucci~ u.

~Rossi~, Bot. Jahresb. 1881. -- ~Mussi~, Orosi 1890. -- Eine Analyse

d. Milchsaftes: Magaz. f. Pharm. XX. -- Über den Milchsaft vgl. auch

~Bouchut~, Journ. d. pharm. 1880. -- ~Hansen~, Bot. Jahresber. 1881

u. 1885. -- Zusammensetzung des Feigenkaffees bei ~König~.

=Geruch und Geschmack.= Der Geruch ist schwach und nicht unangenehm.

Der Geschmack stark süß, schleimig. Die frische Feige schmeckt

weichlich, fade süßlich und wirkt abführend.

=Aufbewahrung.= Länger als ein Jahr bewahrt man Feigen nicht auf. Sie

werden nach dieser Zeit trocken und unansehnlich und bedecken sich mit

einer Schicht ausgewitterten Traubenzuckers (Kristalle abgebildet im

Anatom. Atlas).

Es kommt vor, daß Feigen, um ihre Haltbarkeit zu erhöhen, mit Mehl

(bes. Kastanienmehl) bestreut werden (~E. Hanausek~ in ~Erdmann-König~

Waarenkunde).

=Verwendung.= Die Feige wird jetzt fast nur noch in der Volksmedizin

als erweichendes Mittel benutzt. Feigenpflaster (?) kannten schon die

Juden aus der Zeit des Jesaias und die +Schola Salernitana+ lehrt:

Zertruckte Feigen legt auf Kröpffe, Schwielen, Beulen,

Sie helfen und thun die zerbroch’ne Beine heylen.

Doch ist die Feige jetzt nur noch Bestandteil einer Spec. pectoral. cum

fructibus. Bei den Arabern gilt sie als Aphrodisiacum (Signatura?).

Die abführende Wirkung, die sie wie alle Zuckerdrogen besitzt, ist

in drastischer Weise in ~Bocks~ Kräuterbuch dargestellt (vgl. I, S.

323, Fig. 313). Die frischen Feigen sind im Süden ein beliebtes

Nahrungsmittel und Obst. Aus gegorenen Feigen wird neuerdings, z. B. in

Kleinasien, viel Alkohol destilliert. Auch Feigenwein wird im Orient

bereitet.

Geröstet bildet die Feige den +Feigenkaffee+, der ein Kaffeesurrogat

ist und auch bisweilen dem Kaffee zugesetzt wird, um den Geschmack

zu verbessern (Karlsbader Kaffee). Er ist ziemlich teuer und es

finden sich daher Fälschungen im Handel, besonders _Cichorien_

mit eingebetteten _Klee_ oder _Cruciferen_samen, die aber leicht

mikroskopisch erkannt werden können. Auch Kornkaffee, geröstete

_Birnen_ und _Carobben_ kommen als Fälschungen des Feigenkaffees vor.

Der in Spanien und Portugal benutzte +Feigenkäse+ ist ein gepreßtes

Gemenge aus Feigen, _Mandeln_, _Haselnüssen_, _Pistazien_ und Gewürzen.

Handbuch der Pharmakognosie(#71452) · 第 4 / 120 段