Deutschlands, Österreichs und der Schweiz kultiviert, die sogar hier
und da an Drogisten liefern, und sind auch meist ein Bestandteil der
+Apothekengärten+ (I, S. 50). Als besondere Kulturorte in Deutschland
seien genannt: Horb (Württemberg), Neudorf (Bruchsal), Schweinfurt
(Schwebheim, Räthlein), Aken (a. d. Elbe), Ballenstedt (a. Harz),
Blaubeuren, Schwarzenfeld (Nabburg), Sonderburg (Alsen). Vgl. I, S. 63.
In Ungarn werden die Blüten von _V. phlomoides_ von wildwachsenden
Pflanzen in größerem Maßstabe gesammelt (~B. Páter~), stammen aber
auch aus Kulturen. Auch Österreich exportiert _Flos Verbasci_.
Oberösterreich kultiviert die Pflanzen in größerer Menge. In
Rußland produziert das Gouvernement Poltawa _Flos Verb. russic_. Im
Gouvernement Moskau werden die Blüten von wildwachsenden Pflanzen
gesammelt.
Man sammelt nur die Blumenkrone samt den ihr inserierten Staubfäden im
Juli und August an sonnigen Tagen bei trockenem Wetter und trocknet
rasch an der Sonne, oder in dünner Schicht ausgebreitet bei künstlicher
Wärme, die 30-35° nicht überschreiten sollte, unter Absaugung des
Wasserdampfes, jedenfalls bei guter Lüftung. Sonst werden sie (durch
Oxydasen) braun. Blüten, deren Enzyme abgetötet wurden, bewahren ihre
Farbe (~Perrot~ und ~Goris~). Da die Blüten leicht Wasser anziehen,
bewahrt man sie über Kalk auf. Auch vor Licht sind sie zu schützen. Die
Haare werden abgesiebt. 7-8 Teile frische Blüten geben 1 Teil trockene.
=Anatomie der Blüte.= Im Röhrenteile ist die Corolle außen und innen
kahl und glänzend, unten fast farblos, oben gelb. Die Epidermiszellen
der Ober- und Unterseite sind etwas palissadenartig gestreckt (Fig.
4). Die Cuticula der Ober- (Innen-) Seite ist wellig gefaltet. Die
Epidermen beider Blattseiten (und nur diese) enthalten neben kleinen
gelblichen Chromatophoren einen +gelben+ Zellsaft. Der Farbstoff
(α-Anthoxanthin) ist in Wasser und Alkohol löslich. Die Epidermiszellen
beider Seiten führen, der Außenseite genähert, einen kleinen hellen,
stark lichtbrechenden Tropfen (Fig. 4 tro), der sich nicht in Chloral,
Essigsäure, Kali oder Alkohol, wohl aber in Salzsäure und Schwefelsäure
löst und sich mit Osmiumsäure nicht färbt. Diese Tropfen bedingen
den eigenartigen Glanz der Blätter, den ~Kerner~ fälschlich als durch
(aus Spaltöffnungen hervortretenden) Nektar hervorgebracht ansah.
Er verwechselte die glänzenden Epidermiszellen mit Honigtröpfchen.
Nektarien finden sich nicht. Die Blattunter-(Außen-)Seite ist durch
zahlreiche Etagen-Sternhaare (Büschelhaare) dickfilzig. Diese
Sternhaare besitzen 2-3 Etagen. Der Spitzenstern ist 3-6-, die
Etagensterne 3-5strahlig.
Das Mesophyll ist im Röhrenteile der Blüte ziemlich mächtig, wird aber
in den Kronenlappen wenigschichtig. Es besteht aus einem zartwandigen,
bisweilen ziemlich reich durchlüfteten, daher in der Droge weiß
erscheinenden Parenchym, dessen Zellen oft noch mit dem Chromatophor
verbundene Stärkekörner enthalten. In das Gewebe eingebettet findet man
da und dort rundliche oder gestreckte +Sekretzellen+ mit verkorkter
Wand, die, in eine homoge oder von zarten Fäden durchzogene Masse
eingebettet, sehr kleine Tröpfchen enthalten, die durch Osmiumsäure
sich schwärzen und wohl ätherisches Öl sind. Die Kronenröhre ist von 30
Bündeln durchzogen, fünf davon treten in die Filamente der Stamina, je
fünf in je einen der Kronenzipfel, sich hier reich verzweigend.
In der Epidermis der Filamente finden sich neben gelbem Zellsaft
wulstige +rote+ Chromatophoren (Fig. 5 chro), die durch Schwefelsäure
gelb werden, während sich der Zellsaft bläulich färbt. Die Haare
der drei oberen Stamina sind ziemlich lang, bleiben aber trotzdem
einzellig. Sie sind an der Spitze keulenförmig und zeigen auf
der Oberfläche zahlreiche derbe, oft in Reihen angeordnete
Cuticularwärzchen (Fig. 5, 2). In der Droge sind sie oft bandartig
zusammengefallen oder gedreht. Bisweilen schon in der Droge, besser
bei Blüten, die frisch in Alkohol eingelegt wurden, findet man in
diesen Haaren eigenartige Sphärokristalle. Dieselben wurden von den
früheren Beobachtern ziemlich übereinstimmend für Zucker gehalten. Nach
~Tunmann~s Ansicht sind sie Hesperidin (s. weiter unten), resp. ein zur
Hesperidingruppe gehöriger Körper.
[Illustration: Fig. 4.
_Verbascum thapsiforme._
1. Querschnitt durch die Kronenröhre an der Basis der Corolle. 2.
Querschnitt durch einen Kronenlappen am oberen Teil der Corolle.
3. Flächenansicht der Epidermis der Oberseite der Corolle. 4.
Flächenansicht der Unterseite der Corolle.
[Nach +Tschirch-Oesterle+.]]
Die +Pollenkörner+ sind rundlich, besitzen eine stäbchenführende Exine,
die diese feinpunktiert erscheinen lässt und drei Austrittsstellen für
den Pollenschlauch. Sie sind meist mit Tropfen eines roten Öles so
stark bedeckt, daß die aufgesprungenen Antheren orangerot erscheinen.
Ähnliche von einigen Autoren auch für Hesperidin gehaltene
+Sphaerokristalle+, wie oben bei den Staubfadenhaaren erwähnt, finden
sich außer bei den übrigen _Verbascum_arten mit weißen Filamenthaaren
(~Lavadoux~), in allen grünen Teilen von _Scrophularia nodosa_
(~Vogl~ 1896), bei allen _Citrus_arten, wenn man die frischen Organe
einige Zeit in Alkohol legt (~Sachs~, ~Pfeffer~, ~Tschirch~), ferner
in der Epidermis der Blätter von _Lythrum salicaria_, von _Pilocarpus
trachylobus_ ~Holmes~, _P. jaborandi_ ~Holmes~, bei _Ptelea
trifoliata_, bei Umbelliferen, z. B. _Conium_ (~Modrakowski~, ~Adolph
Meyer~, ~Tunmann~, ~Tschirch~), _Aethusa_ (~Ad. Meyer~), Labiaten
(_Mentha._ ~Tschirch~, _Hyssopus_, ~Tunmann~, _Teucrium_, _Satureja_
~Mitlacher~), _Fol. Buccu_ (~Flückiger~, ~Shimoyama~), den Blättern
von _Vicia Faba_ und _Calamintha acinosa_, in den Blumenblatthaaren
von _Viola tricolor_ L., in den Blättern von _Elaeagnus angustifolia_
L., in _Aleppogallen_ (~Hartwich~), bei _Capsella Bursa Pastoris_
(~Mika~), bei _Cocculus laurifolius_ (~Kraus~), Solanaceen
(_Nicotiana_, ~Tschirch~), _Tilia_ (~Tunmann~) u. and. ~Tunmann~
hält alle diese Kristallbildungen für Körper der +Hesperidingruppe+.
Zucker sind sie nicht. Sie lösen sich nicht in Wasser, Alkohol,
Glyzerin, Äther, Chloroform, Chloral, verd. Schwefelsäure, verd. u.
konz. Salz- und Salpetersäure, sehr schwer und erst nach mehrtägiger
Einwirkung in heißem Anilin, Ammoniak, heißer Essigsäure. Sie sind
verschieden leicht löslich in Kalk- und Barytwasser, leicht und
mit gelber Farbe löslich in verd. und konz. Kali- und Natronlauge.
Für _Citrus_ ist durch ~Tiemann~ und ~Will~, für _Conium_ durch
~Modrakowsky~ makrochemisch der Beweis geliefert worden, daß es sich
um Hesperidin handelt.
[Illustration: Fig. 5.
_Verbascum thapsiforme._
1. Radialer Längsschnitt durch den Rand eines behaarten Filamentes mit
den Staubfadenhaaren. 2. Spitze eines Staubfadenhaares. 3. Pollenkörner
(oben mit ausgetriebenem Pollenschlauch). 4. Behaarte und unbehaarte
Staubfäden.
[Nach +Tschirch-Oesterle+, Atlas.]]
Lit. ~Arthur Meyer~, Drogenkunde. -- ~Tschirch-Oesterle~, Anat.
Atlas. -- ~Tschirch~, Anatomie. -- ~Lavadoux~, Rech. sur l’anatom.
des Verbascées Thèse. Paris 1902 (dort d. Lit.). Lit. der
(Hesperidin-)Kristalle: ~Sachs~, Lehrbuch. -- ~Pfeffer~, Bot. Zeit.
1874. -- ~Mika~, Bot. Jahresb. 1878, 20. -- ~Tschirch~, Anatomie --
~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas. -- ~Borodin~, Sitzungsb. d. Ges.
d. Naturf. Petersb. 1883. -- ~Modrakowski~, Poln. Arch. f. Biolog. u.
mediz. Wissensch. 1905 (durch ~Tunmann~). -- ~Kraus~, Bot. Jahresb.
1872. -- ~Tiemann~ u. ~Will~, Ber. d. chem. Ges. 1881, 946 (darin
~Tschirch~, Verbreit. d. Hesp. bei den _Citrus_arten). -- ~Ad.
Meyer~, Naturf. Ges. Halle 1882. -- ~Hartwich~, Arch. d. Pharm. 1883.
-- ~Shimoyama~, Ebenda 1888. -- ~Vogl~, Pharm. Journ. 1896, 101. --
~Mitlacher~, Zeitschr. d. österr. Apoth. Ver. 1908. - ~Braemer~,
Assoc. franc. avanc. d. sc. 1893. -- ~Tunmann~, Pharm. Zeit. 1905,
Zeitschr. d. österr. Apoth. Ver. 1906, Schweiz. Wochenschr. 1909. --
Staubfadenhaare bei verschiedenen _Verbascum_arten: ~Westling~, Om
stådarhåren hos svenska Verbascumarter. Svensk. Farmac. tidskr. 1908.
=Chemie.= Die _Flos verbasci_ enthält c. 10,5% +Invertzucker+
(~Rebling~: 11%, ~Schneegans~: 9,2-11,7%), daneben auch etwas
+Saccharose+ (~Schneegans~), dann +Fett+, +Apfelsäure+, +Schleim+
und in Spuren ein +flüchtiges Öl+ (~Morin~); in der c. 4-6% (4,2-5,9
~Hauke~, 4,8 ~Flückiger~) betragenden +Asche+: Kalk- und Kalisalze
der Phosphorsäure und Schwefelsäure, Eisen und Silicium. Ferner
auch Kaliumacetat (?). In frischen Blüten fand ~A. Meyer~ nur wenig
reduzierenden Zucker. ~Janson~ fand in den Blüten von _V. Thapsus_:
2,49% Schleim, 11,76% Kohlehydrate auf Dextrin berechnet, 5,48%
Glukose, 1,29% Saccharose, 16,76% Feuchtigkeit, 4,11% Asche und 32,75%
Rohfaser.
Die Kapillaranalyse des Auszuges zeigt zu unterst eine hellgelbe
Schicht, dann folgt nach oben: graugelblich -- ockergelb -- +hellgelb+
-- gelb -- hellbraun -- hellgrau. Das Spektrum des kapillaranalytisch
abgetrennten +gelben Hauptfarbstoffes+ der hellgelben Zone zeigt (mit
dem Quarzspektrographen photographiert) zwei Bänder bei λ = 0,470-0,455
und λ = 0,445-0,425 µ. Die Endabsorption des Ultraviolett beginnt bei λ
= 0,388 µ (~Tschirch~, ~Buss~ und ~Ottenberg~).
Der Verbascumfarbstoff gehört zur Gruppe der wasserlöslichen
+Anthoxanthine+ (α-Anthoxanthin ~Tschirch~, Anthochlor ~Prantl~,
Xantheïn ~Fremy~ und ~Cloëz~). Zerfasert man ein Blumenblatt der Droge
in Wasser und setzt viel Kali hinzu, so kristallisieren schöne gelbe,
oft zu Rosetten vereinigte, wasserlösliche Nadeln aus (~Tschirch~).
Wäscht man dann das Präparat mit Wasser aus und läßt Schwefelsäure
zufließen, so färbt sich das Gewebe erst violett, dann dauerhaft rot.
Schwefelsäure allein färbt den gelben Zellsaft erst blau, dann violett,
dann rot.
+Hesperidin+ ist bis jetzt nur mikrochemisch nachgewiesen (s. oben).
Es ist ein Glykosid, und zwar der Traubenzucker-Rhamnose-Äther des
Hesperetins, des Phloroglucinesters der Isoferulasäure:
[Illustration: (Hesperetin)]
Die Verfärbung der Blüten wird durch Enzyme (bes. Oxydasen) bedingt.
In den Wurzeln von _Verbascum Thapsus_ fand ~Harlay~ neben
reduzierendem Zucker (0,21-0,85%) Saccharose (0,21-0,73%).
Lit. ~Rebling~, Zuckergeh. mehrer. Arzneikörper. Arch. Pharm.
1855, 11. -- ~Morin~, Journ. chim. med. 1827, 231; Arch. Pharm.
1827, 91; Chem. Unters. d. Blumen v. _V. Thapsus_. -- ~Janson~,
The flowers of Verbascum Thapsus. Am. journ. pharm. 1890, 600. --
~Schneegans~, Zuckergehalt d. Flor. verbasci, Journ. Pharm. f.
Els. Lothr. 1898, 17. -- ~Planchon-Collin~, Drog. simpl. I 554.
-- ~Tschirch~, Vergleich. spektralanalyt. Unters. d. natürl. u.
künstl. gelben Farbst. mit Hilfe d. Quarzspektrographen, Ber. d. d.
Bot. Ges. 1904, 414. -- ~Buss~, Beitr. z. Spektralanal. einig. etc.
Farbstoffe, Forschungsber. 1896. -- ~Ottenberg~, Spektralanalyt. mit
d. Quarzspektrogr. vorgen. Unters. reiner u. kapillaranalyt. abgetr.
Farbst. Diss. Bern 1904. -- ~Harlay~, Journ. pharm. 1905, 49.
=Geruch und Geschmack.= Die +frischen+ Blüten riechen widerlich
betäubend und schmecken bitterlich rettigartig. Die trockenen Blüten
riechen ganz angenehm nach Honig und Veilchen und schmecken süßlich,
etwas schleimig.
=Verwechslungen.= Die Blüten von _V. Thapsus_ sind erheblich kleiner,
mehr glockenförmig nicht flach ausgebreitet. Auch _V. Lychnitis_ ist
kleinblütig. _V. nigrum_ hat violette Staubfadenhaare.
=Geschichte.= Seit undenklichen Zeiten betrachten die Irländer
_Flos verbasci_ und namentlich die frischen Blätter der Pflanze als
unfehlbares Mittel gegen Phtise. Die Blätter werden übrigens auch bei
Asthma geraucht.
Im Mittelalter wurden besonders Blätter und Samen benutzt. Bei
~Schröder~ (Pharm. med. chym. I, S. 890) werden die Blätter und
Wurzeln, dann aber auch die Blüten erwähnt. ~Murray~ (I, S. 952)
verwendete besonders die Blätter der Pflanze. Angebaut scheint sie
damals nicht zu sein. Sie fehlt im St. Galler Klostergarten (I, S.
622) und bei ~Macer~ (I, S. 626).
~Hildegard~ (I, S. 669) erwähnt sie als Wullena (Blandonia). Die
mittelenglischen Medizinbücher (I, S. 683) nennen sie Moleyn.
In der +Alphita+ (I, S. 642) steht: barbastus flosmos. Hier wie
bei ~Bartholomaeus~, in +Circa instans+ und den +Tabulae+ (I, S.
660) auch tapsus barbatus, herba luminaria (daraus wurde dann
Königs+kerze+) flosmos, molena; bei ~Simon Januensis~ (I, S. 664)
flommos vel flosmus, tapsus barbatus; im +Nördlinger Register+
(1480): tassi barbasii; im +Braunschweiger Inventar+ (1522) (I, S.
815): tapsus verbatus. In der Taxe von +Worms+ 1582 steht: Flor.
verbasci, Thapsi verbati, Wullkrautblum, Königkertzblumen. Vor dem
XV. Jahrh. scheinen die +Blüten+ in Deutschland nicht arzneilich
benutzt worden zu sein.
=Paralleldrogen.= Im Süden von Europa werden die Blüten ähnlicher
_Verbascum_arten benutzt; in Portugal: _Verbascum crassifolium_ H. et
L.; in Italien: _V. densiflorum_ B.; in Spanien: _V. macranthum_ H.
et L. (~Flückiger~); in Amerika: _V. Thapsus_. Auch in Vorderindien
wird diese Art, die im Himalaya von Kaschmir bis Bhután vorkommt und
dort phúlla oder gidar tamákú (= Schakaltabak) heißt, benutzt, aber
vorwiegend die Blätter und die Samen (Pharmacogr. ind.). Auch in
Frankreich scheint _V. Thapsus_ bevorzugt zu werden (~Planchon-Collin~).
Über die Verwendung von _Verbascum_arten als Fischgifte vgl. unter
Saponindrogen. Die Blütenkrone kommt hierbei nicht in Betracht.
Bassiablüten.
Ein zu den Sapotaceen gehörender, im indischen Jungle häufiger Baum,
_Bassia latifolia_ (+hind.+ Mahwá, mahulá, janglîmohvâ. +sansc.+
madhuka, d. h. süß; oben S. 8) liefert in Indien (Wälder von Monghyr
in Zentralindien und Satpurakette im Westen) pro Baum mehrere
hundert (150-200) kg fleischige Blütenblätter, die bis 60 Liter
Alkohol geben. Die Blütenblätter schwellen erst nach dem Verstäuben
an (~Poisson~). Sie fallen dann von selbst ab und sind leicht zu
sammeln. Sie tauchen von Zeit zu Zeit im Handel auf und gehen
besonders nach Frankreich, England und Amerika. Sie schmecken sehr
süß, rosinenartig. Sie enthalten nur +Invertzucker+ (~Lippmann~),
bis 50 (~Castle~ and ~Rice~) oder 63% (~Poisson~) und liefern
(besonders in Guzerat und Radschputana) gegoren Alkohol. Obwohl die
Religion den Hindus und Mohammedanern den Alkoholgenuß verbietet,
wurden doch allein in Vorderindien im Jahre 1907/08 9 Mill. Gallonen
Schnaps für die einheimische Bevölkerung fabriziert, vorwiegend
aus _Bassia_blüten (Mowrah [Mahua] flowers). Es geschieht dies
z. B. in Dadar und auf der Halbinsel Urann bei Bombay, wo allein 19
Destillerien liegen.
Lit. ~v. Lippmann~, Ber. d. chem. Ges. 1902 (dort die Lit.). --
~Watts~ Dictionary. -- ~Lockwood~, Notes on the mahwa tree Journ.
Linn. Soc. XVII, 1879. -- ~Castle and Rice~, The Mahwatree New. Rem.
1879 (Bot. Jahresber. 1879, 336). -- ~Soubeiran~, Journ. pharm. 1881.
-- ~Poisson~, Bull. soc. bot. de France 1881. -- Tropenpflanzer. 1909.
γ) Früchte und Fruchtstände.
Caricae.
=Syn.= Feigen -- fîga (althd.) -- vîge, veyg (mhd.) -- figues (franz.)
-- figs (engl.) -- fichi (ital.) -- vijg (holl.) -- fiige (ung.) --
viikuna (finn.) -- die Frucht: σῦκον, der Baum: συκῆ (n.-griech.).
Die hieroglyphischen Zeichen für Feige sind auf S. 468 wiedergegeben.
Die Frucht hieß tab, der Baum meist nouhi nel tab, d. h. Sykomore
mit Feigen, der Feigenbaum wird auch geschrieben db (deb, deba, dab,
dabei), die Feige: neh ent bet, die kleine Feige: kund -- +Griech+.
σῦκον (bei ~Dioskur~.) auch συκῆ z. B. bei ~Theophrast~ (τὰ ἐρινᾶ
σῦκα = wilde Feigen), die unreife Feige: Olynthos (bei ~Galen~)
-- +Lat+. Ficus (z. B. bei ~Plinius~, ~Celsus~) und Caprificus --
tînâ, tênâ (aram.) -- tîn (arab.) -- tᵉʾēnē (hebr.) -- anjér (hind,
bengal. pers.) -- wu-hua-kuo (chines.) = Frucht ohne Blüte, wörtlich:
Nicht-Blüte-Frucht.
=Stammpflanze=. =Ficus Carica L.= (Kulturfeige) bildet unzählige
Kulturvarietäten (bei Neapel: leucocarpa, dottata, colombra,
polymorpha, pachycarpa, deliciosa, hypoleuca ~Gasparini~).
~Semler~ nennt folgende Spielarten: San Pedro (in Sizilien: Fico di
San Pietro) in Italien und Dalmatien; braune türkische, klimahart;
braune oder schwarze Ischia; weiße Ischia; Igo Breba in Spanien;
Angelica; Nerii; Ottalo in Sizilien; weiße Genua; weiße Smyrna;
weiße adriatische in Dalmatien, Italien und Kalifornien; Gentile in
Kalifornien. Nicht alle diese Sorten eignen sich zum Dörren, einige
liefern nur Tafelfeigen.
=Etym.= Carica (so z. B. in der Alphita, Caricae bei ~Plinius~
eine Sorte Feigen) nach der Landschaft Karien gegenüber Rhodos.
Feige ist indirekt aus Ficus umgebildet, dies vielleicht aus συκῆ
(?). Doch sind beide vielleicht semitischen Ursprungs, συκῆ von
schiqmâ, Ficus von pagg abzuleiten. Feige, wie andere südeuropäische
Baum- und Fruchtarten, aus dem roman.-lat. hier spez. aus dem
nordital.-provenz. Figa, daraus auch frz. Figue.
=Systemat. Stellung=. Moraceae, Artocarpoideae-Ficeae Sect. Eusyce. Die
Gattung Ficus (~Linné~, Gen. Plant.) hat etwa 600 Arten. ~Dragendorff~
führt 61 als benutzt auf. Vgl. auch ~Moeller~, Art. _Ficus_ in d.
Realenzykl. d. ges. Pharm. V.
=Beschreibung der Stammpflanze=. Die Kulturfeige ist ein großer
Strauch oder ein viel verästelter Baum (Fig. 6 u. 7), der 8-9 m hoch
werden kann. Sie besitzt, da die Äste eigentümlich, erst nach Außen,
dann nach Innen, gebogen sind, besonders wenn unbelaubt, ein sehr
eigenartiges, rundlich bizarres, unheimliches Aussehn. Die unbelaubte
Feige ist daher auf weite Strecken hin kenntlich. Die ziemlich großen
rauhen, blaugrünen Blätter sind eigenartig gelappt, drei-fünflappig
(«Feigenblatt»), und wechselständig. In ihren Achseln entstehen
eigenartige krugförmige Receptacula, deren Innenwand von den Blüten
ausgekleidet ist und die oben ein Ostiolum (Auge) besitzen. Diese
Blütenstände entwickeln sich zur «Feige», die also keine Frucht,
sondern ein Fruchtstand ist. Da man die Blüten von außen nicht sieht,
hat der Chinese die Feige «Frucht ohne Blüte» genannt (s. oben) und
auch ~Albertus Magnus~ sagt: «fructum autem profert sine flore». Die
+Cauliflorie+ der Feige, die schon ~Plinius~ erwähnt, ist auch hier wie
bei vielen tropischen _Ficus_arten zu finden (Fig. 7). Oft sieht man am
Stamm und den dickeren Ästen zahlreiche Fruchtstände dicht beieinander
aus der Rinde hervortreten. Alle Teile sind von ungegliederten
Milchröhren durchzogen.
Nachdem sich die Ansicht von ~Solms~, daß der +wilde Feigenbaum+
(Caprificus, ἐρίνεος, Caprifico, Profico) und die +Kulturfeige+
(_Ficus_, σῦκον), die beide schon im Altertum gut voneinander
unterschieden wurden, als zwei verschiedene Rassen zu betrachten
seien, von denen die Kulturfeige aus der wilden Feige hervorgegangen
sei, als irrig erwiesen hatte, nimmt man jetzt auf Grund der
Beobachtungen von ~Fritz Müller~ an den Feigen Südamerikas allgemein
an (und auch ~Solms~ stimmt dem jetzt bei), daß, wie schon ~Linné~
wollte, der Caprificus die männliche, die Kulturfeige die weibliche
Feige darstellt. Der Caprificus ist durch völlige Sterilität zweier
Blütengenerationen und sehr dürftigen Samenertrag der dritten infolge
von Bildung sog. Gallenblüten fast rein männlich, die Kulturfeige
durch Fehlen der männlichen Blüten rein weiblich. Die Befruchtung
wird durch die Feigeninsekten vermittelt, von denen namentlich
_Blastophaga grossorum_ ~Gravenhorst~ (_Cynips Psenes_ L.) eine
Chalcidide, und zwar das weibliche Tier als Inquilin fungiert und
den Pollen überträgt. Die Gallenblüten (~Solms~) entstehen dadurch,
daß die weibliche _Blastophaga_ durch den hier kurzen Griffel in den
Fruchtknoten ein Ei legt (~Gasparini~). Die Inquilinen kommen also nur
in den kurzgriffligen Gallenblüten auf den männlichen Pflanzen zur
Entwicklung, finden beim Verlassen der Feige reifen Pollen vor und
tragen denselben in die weiblichen Feigen der weiblichen Pflanzen, in
denen sie natürlich, da die Blüten hier langgrifflig sind, nur die
Befruchtung vollziehen, ohne daselbst Eier ablegen zu können.
[Illustration: Fig. 6.
_Ficus Carica_ belaubt. [Nach +Hamilton+.]]
Die überwinternden «=Mamme=» des Caprificus enthalten nur weibliche
Gallenblüten, und demnach die überwinternde Generation der
_Blastophaga_, die sich später entwickelnden Profichi dagegen in den
unteren Zweidritteln Gallenblüten für die Inquilinengenerationen, im
oberen Drittel in der Nähe der Mündung zahlreiche, monatelang Pollen
erzeugende männliche Staubblüten. Innerhalb der Infloreszenz des
Caprificus herrscht proterogynische Dichogamie (~Gasparini~).
Da nun die Pollenreife der Staubblüten des Caprificus und die
Konzeptionsfähigkeit der Narben der weiblichen Blüten der Kulturfeige
zusammenfällt, ist eine Befruchtung der letzteren durch Vermittelung
der Insekten gesichert.
[Illustration: Fig 7.
Ein kleinasiatischer Feigenbaum kurz vor der Ernte. [+W. Tiedemann+
phot.]]
Aber es kommt bei der Feige weniger auf die Befruchtung der Blüten als
auf die Ausbildung der fleischigen Receptaculums an. Beides scheint
bei der Kulturfeige nicht in direkter Beziehung zueinander zu stehen
(~Cavolini~), wie ja auch bei vielen Obstsorten Samenbildung und
Fruchtentwicklung unabhängig voneinander ist. Wir kennen ja kernloses
Obst. Immerhin findet man in den Handelsfeigen so gut wie immer
ausgebildete Samen; von dem Tiere allerdings nur sehr selten eine
Spur. Es wird zwar angegeben, daß die Weibchen der _Blastophaga_,
nachdem sie sich den Weg durch das Ostiolum mit vieler Mühe, oft unter
Zurücklassung der Flügel, gebahnt, den Krug der Infloreszenz nicht
wieder verlassen, da sie den Rückweg wegen der nach Innen gerichteten
Schuppen des Ostiolumrandes nicht antreten können. Das kann aber nicht
richtig sein. Sie müssen in der Mehrzahl der Fälle wieder ausschwärmen,
denn in den Handelsfeigen findet man sie in der Regel nicht vor. Ich
habe viele Feigen untersucht und nie ein Insekt oder Reste desselben
darin gefunden.
[Illustration: Die Feigenkultur im Mittelmeerdrogenreich. [Aus
Ravasini, Die Feigenbäume Italiens, Bern 1911.]]
[Illustration
Beziehungen der drei Feigentypen zueinander nach +Tschirch+ und
+Ravasini+.
Erklärung der Zeichen: ---- Wege der Insekten. ·······
Pollenübertragung. ✸ eßbare Fruchtstände. ♂ männliche Blüten. ♀
weibliche Blüten. ♀· Gallenblüten. ̷♀ sterile weibliche Blüten. (♀)
vereinzelte weibliche Blüten. (♂) vereinzelte männliche Blüten.
[Aus Ravasini, Die Feigenbäume Italiens, Bern 1911.]]
Für das Gelingen der Befruchtung scheint die +Kaprifikation+
(ἐρινίασμα), d. h. das Einhängen von blühenden Caprificuszweigen
bzw. Kränzen in die Krone der Kulturfeige (oder Zwischenpflanzen von
Caprificus) nicht erforderlich zu sein, obwohl dieselbe noch jetzt
in Algerien, Tripolis, Syrien, Kleinasien, Griechenland und den
griechischen Inseln, Malta, Sicilien, einem Teile von Unteritalien,
besonders Neapel, Calabrien z. T. (Catanzaro), in Spanien (Andalusien,
Valencia, Estremadura, Murcia) und Süd-Portugal geübt wird. Denn die
Länder, die sie nicht oder nicht mehr üben -- Ägypten, Mittel- und
Norditalien, Sardinien, Corsica, Nordspanien, Südfrankreich, Tirol,
die Canaren und Azoren -- erzeugen nicht minder gute und nicht weniger
Feigen, doch scheint sie bei einigen Kulturrassen nötig, wie Versuche
in Kalifornien gelehrt haben.